Es ist schon eine gute Tradition, dass sich Angela Merkel (ihr alter Ego: Christoph Jungmann) in der Weihnachtszeit trotz Euro-Rettungsroutine und Koalitionsstreit die Zeit nimmt, als charmante Gastgeberin das Jahresendzeitprogramm im Mehringhoftheater zu moderieren. Zumindest bis zur Pause hatte sie diesmal ihren Herausforderer Peer Steinbrück in einer vorweggenommen Großen Koalition an ihrer Seite, bis er dringend zum nächsten honorierten Vortrag bei einer Bank oder Stadtwerken weg musste.
Im besten Improvisationstheater-Stil liefern sich Kanzlerin und Kandidat ein kurzes Townhall-Rededuell auf Zuruf aus dem Publikum über das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Ansonsten funktioniert die Doppelmoderation noch nicht reibungslos: Steinbrück tritt gewohnt nassforsch auf und lässt wieder einmal nicht jedes Fettnäpfchen unberührt.
Höhepunkte der zweiten Hälfte sind die Gastauftritte von Joachim Gauck und Klaus Wowereit (beide ebenso wie Peer Steinbrück von Hannes Heesch verkörpert). Gauck wird als selbstgefälliger Sonnenkönig auf Schloss Bellevue gezeichnet, der voller Ergriffenheit über sich selbst sein Mantra von der Freiheit säuselt und dessen Selbstbild in diametralem Gegensatz zur realen Wirkung seiner öffentlichen Auftritte steht. Es ist das Markenzeichen des Jahresendzeitprogramms, dass sie diese treffende Charakterisierung in einer gelungenen Adaption von bekannten Songs mit neuem Text verpacken.
Wowereit tritt mit seinem Referenten und dem Ingenieur zu einer Pressekonferenz zum nicht endenwollenden Flughafen-Desaster auf, das Publikum reichte Fragen wie "Wann soll ich meinem Kind klarmachen, dass es den Großflughafen genausowenig gibt wie den Osterhasen?" zur Pause ein: Gewohnt aalglatt und ahnungslos stiehlt sich Wowereit mit breitem Grinsen aus der Verantwortung.
In kleinen Miniaturen á la Lesebühnen tragen Horst Evers und Bov Bjerg skurrile Geschichten und Alltagsbeobachtungen vor, die z.B. von der Überlegung ausgehen, ob Gerhard Schröder ebenso wie der ukrainische Präsident Janukowitsch mit Hilfe ihres gemeinsamen Kumpels Putin an die Macht zurückkehren wird und ob Schröder Frau Merkel dann ähnlich schnell verhaften lassen wird wie Juschtschenko seine Rivalin Julia Timoschenko. Wie würden die europäischen Nachbarn darauf reagieren?
Zum krönenden Finale hampelt das Team mit Sonnenbrillen im V-Mann-Style über die Bühne und nimmt das Versagen der Sicherheitsbehörden bei der NSU-Mordserie aufs Korn. Diese Parodie auf das Gangnam Style-Video des Südkoreaners Psy ist ebenso gelungen wie die Zugabe: Noch einmal erlebt das Publikum den Höhepunkt des Vorjahres-Programms, als der Absturz des Freiherrn zu Guttenberg von Manfred Maurenbrecher mit den beiden Kollegen Bjerg und Evers zu Kraftwerk-Klängen mit dem Liedtext "Er ist ein Minister und er sieht gut aus" kommentiert wird.
Der Erfolg des Jahresendzeitprogramms spricht für sich: Alle Vorstellungen im Mehringhoftheater bis Anfang Januar sind bereits wieder lange verkauft. Restkarten könnte man nur noch mit Glück kurzfristig über Facebook oder bei den wenigen Gastspielen Mitte Januar in der Komödie am Kurfürstendamm bekommen.
Malediva haben mal wieder in ihr Wohnzimmer, das tipi am Kanzleramt, eingeladen, um ein neues Programm einzuladen. Wirklich neu ist Schnee auf Tahiti nicht: Die Dialoge und liebevoll arrangierten Lieder sind natürlich frisch aus Florian Ludewigs Feder, der Tetta Müller und Lo Malinke seit Jahren begleitet.
Ansonsten kommt dem Publikum aber vieles bekannt vor: Die Idee, vor dem Konsumstress, dem Besuch der lieben Verwandten und der allgegenwärtigen Weihnachtsstimmung zu fliehen, kennen wir schon aus ihrem Lebkuchen-Programm. Dieses Original ist - wie sooft - auch lustiger und vielseitiger als die aktuelle Kopie.
In allen Variationen kennt man auch die bissigen Bemerkungen und Sticheleien, mit dem sich das Paar seit Jahren auf den Bühnen traktiert. Hier wurde auch wenig Überraschendes und Neues zu dem bekannten Strickmuster hinzugefügt.
Ärgerlich war, dass ein Gag fast komplett aus einem früheren Programm kopiert war: die beiden Kleinkünstler qualmen mal wieder demonstrativ auf der Bühne herum und lästern dabei über die Raucher im Saal, die aus Brandschutz- und Nichtraucherschutzgründen ihrer Sucht nicht nachgehen dürfen.
Bei Schnee auf Tahiti handelt es sich um einen schwächeren Abend im sehenswerten Gesamtwerk Maledivas. Die passionierten Fans bekommen die erwartete, leider etwas routinierte Dosis an giftigen Pärchen-Zickereien und Chansons. Das nächste Programm hat aber hoffentlich wieder mehr Esprit zu bieten.
Wenn andere Bühnenprofis sich schon längst beim Pausentee erholen und etwas Frischluft schnappen, wirbelt Gayle Tufts noch immer über die kleine Bühne der Bar jeder Vernunft. Seit knapp 15 Minuten hat sie schon die Pause angekündigt, setzt aber immer noch einen flotten Spruch und einen Song mit vollem Körpereinsatz drauf.
"Die Frau hat Hummeln im Hintern", bringt es ein Besucher auf dem Weg zum Ausgang des Kleinkunst-Zelts auf den Punkt. Seit nun schon mehr als 20 Jahren bringt die Wahl-Schönebergerin mit amerikanischem Ostküsten-Migrationshingtergrund Schwung auf die deutschen Bühnen. Ihr wilder Sprachmix Denglish, ihre Freude am Singen und Tanzen und ihre geballte Energie sind ihr Markenzeichen.
In ihrem neuen Programm Some like it heiß, das Gayle Tufts seit knapp fünf Wochen Abend für Abend vor meist ausverkauftem Haus darbietet, widmet sich Tufts, die stolz ihre frisch um einige Pfunde abtrainierte Figur präsentiert, den Problemzonen der Wechseljahre. Leichtfüßig umschifft sie die Klippen, nimmt selbstironisch ihre Schwächen auf die Schippe und besingt in einer Hommage die Oberarme von Michelle Obama, die nicht so unwirklich roboterhaft wirkt wie Madonna. Am meisten Lacher erntet sie für ihr Lied über die fleißigen Eierstock-Arbeitsbienen, die sie im Brecht/Eisler-Verfremdungsstil für ihre Fließbandarbeit bis zur Menopause rühmt.
Neu an ihrem Programm ist auch die Zusammenarbeit mit dem jungen Pianisten und Arrangeur Marian Lux, mit dem sie seit 2010 zusammenarbeitet: Der Arme muss einige Spitzen über sich ergehen lassen, nicht zuletzt wegen seiner Herkunft aus Bad Fürstenwalde, auf die Gayle Tufts immer wieder ausführlich hinweist.
Noch bis Sonntag gastieren die beiden Künstler in der Bar jeder Vernunft. Wer es nicht schafft, noch Restkarten zu ergattern, hat im September eine neue Chance.
Das Programm Some like it heiß
Das Jahresendzeitprogramm im Mehringhoftheater hat sich zu einer festen Institution im Berliner Kulturkalender entwickelt. Vor restlos ausverkauftem Haus werden Angela Merkel alias Christoph Jungmann und ihre Kollegen Horst Evers, Hannes Heesch, Bov Bjerg und Manfred Maurenbrecher, der sich wie immer erst kurz vor Beginn auf den letzten Drücker durch die engen Stuhlreihen hinter die Bühne durchkämpft, noch bis Anfang Januar auf das turbulente Jahr 2011 zurückblicken.
Das Markenzeichen der seit Jahren eingespielten Truppe ist es, bekannte Melodien treffsicher umzutexten: Der gegelte Baron zu Guttenberg bekommt zu Kraftwerks Model sein Fett für seine Plagiate und seinen Comebackversuch weg. Mittlerweile singt das Publikum bei diesem Sahnehäubchen direkt nach der Pause auch schon lauthals mit.
Angela Merkel verklärt ihre zahlreichen Kehrtwenden in der Atompolitik zu Rio Reisers Junimond und trifft sich zu Ehren von Loriot mit Nicolas Sarkozy, der sie mit der Nudel auf seiner Nase so sprachlos macht wie Evelyn Hamann, als er seiner "Annnnggeeellaaaa" seine tiefen Gefühle für ihre Führungskünste, ihre Triple A-Bonität und ihren prall gefüllten Geldbeutel gesteht.
Pünktlich zum Jahresendzeitprogramm zauberte die Berliner S-Bahn mal wieder einen mehrstündigen Totalausfall auf die Gleise. Bei der zweiten Vorstellung am vergangenen Mittwoch fehlte die Ode an die Verantwortlichen leider. Aber spätestens jetzt muss dieser Klassiker des Programms der vergangenen Jahre wieder auf die Bühne.
Guido Westerwelle, der sich in den vergangenen Jahren noch als Möchtegern-Co-Conferencier aufgespielt hat, wurde wie auch im richtigen Leben zurückgestuft. Für ihn reicht es nur noch dazu, den lieben Nicolas zum Flughafen zu chauffieren und die Stellwand für Horst Evers Jahresvorausschau auf das Jahr 2012 aufzubauen.
All zu viel Mut brauchte Horst Evers wirklich nicht für seinen Ausblick aufs nächste Jahr: Sehr wahrscheinlich werden die Medien auch dann wieder alle paar Wochen in Weltuntergangsstimmung dem alles entscheidenden Euro-Krisengipfel entgegenfiebern, zwei Tage lang das Traumpaar Merkozy als große Helden feiern und dann feststellen, dass letztlich doch wieder nur Absichtserklärungen hinter den Wortgirlanden zum Vorschein kommen. Bis dann wenige Wochen später auf Druck von Märkten und Medien der nächste Gipfel ansteht.
Das Jahresendzeitprogramm ist ein Highlight des Berliner Kabarettjahres, das man nicht verpassen sollte. Wer für die aktuellen Vorstellungen bis 7. Januar keine Karte mehr bekommen hat, wird es nicht bereuen, sich im nächsten Herbst frühzeitig Tickets für diesen sehr lohnenden Abend zu sichern.
Der Beginn war noch etwas schleppend. Nach der Pause drehte das Ukulele Orchestra of Great Britain voll auf und zeigte die gesamte Bandbreite ihres Könnens. Das Publikum war auch bei ihrem neuen Auftritt im tipi am Kanzleramt von dem Einfallsreichtum, mit dem sich die Truppe mit ihren winzigen Gitarren und der einen Bass-Gitarre, wie der Kopf der Gruppe immer wieder scherzhaft betonte, souverän durch die musikalischen Genres hangelten, sangen und klampften.
Auf Italo-Western-Ohrwürmer folgte Model von Kraftwerk, klassische Musik wechselte sich mit Metallica-Klängen, zu denen ein Orchestermitglied seine wilde Mähne schüttelte. Nach mehreren Zugaben war leider irgendwann doch das unvermeidliche Ende gekommen. Aber das Ukulele Orchestra hat mit seinem ganz individuellen Stil wieder unter Beweis gestellt, dass es eine sichere Bank für einen unterhaltsamen Abend ist. Im nächsten Jahr werden sie hoffentlich wieder in Berlin vor vollem Haus zu erleben sein.
Hörenswert waren auch die absurden Zwischenmoderationen in typisch britischem Humor und teilweise in überraschend gutem Deutsch, als die Band lustige Anekdoten über ihre angebliche Gründungsgeschichte bei einem Mexiko-Urlaub erzählte.
Nadja Sieger und Urs Wehrli, besser bekannt als Ursus & Nadeschkin, hatten mit ihrem neuen Programm Zugabe ihre Berlin-Premiere im tipi am Kanzleramt. Seit knapp zehn Jahren sind sie auch jenseits der Schweizer Grenzen bekannt und regelmäßig bei Fernseh- und Bühnenauftritten zu erleben. Für Furore sorgte besonders Ursus mit seinem Spleen, Kunst aufzuräumen: Das wilde Durcheinander in bekannten Werke der Kunstgeschichte zerlegt er zunächst in seine Einzelteile, um dann die Motive nach Farbe oder Größe akkurat neu anzuordnen.
In ihrem aktuellen Programm fehlt ihr bekanntestes Markenzeichen. Stattdessen bieten sie zweieinhalb Stunden Nummern voller Anarchie, erklären Zuspätgekommenen nach der Pause auch schon mal gerne, was sie bisher alles verpasst haben und versuchen sich meisterhaft im Durcheinandersprechen, das dann zwischendurch doch wieder synchron wird. Ursus & Nadeschkin bezeichnen ihre Kleinkunst-Abende selbst als Clowneske Comedy.
Nach mehreren Zugaben und einem bunten Reigen aus kunstvoll choreographiertem Chaos brachte Nadeschkin die Wahrheit für das Publikum auf den Punkt: So, ab jetzt sind Sie wieder selbst dafür verantwortlich, Ihr Leben in den Griff zu bekommen.
Weitere Informationen und Termine
Matthias Richling ist einer der Stars der deutschen Kabarettszene. Aus zahlreichen Fernsehauftritten im Scheibenwischer, im Satire-Gipfel und Studio Richling kennt das Publikum seine Begabung, das Auftreten der Politgrößen in parodistischer Überzeichnung kenntlich zu machen.
Seit dieser Woche ist in den Berliner Wühlmäusen eine aktualisierte Fassung seines Programms Der Richling-Code zu erleben, das vergangenes Jahr Premiere hatte. Die Prominenz der Berliner Politbühne gibt sich in kurzen Szenen die Klinke in die Hand: Wolfgang Schäuble erklärt mit allen dialektischen Finessen, warum das Sparpaket der Bundesregierung völlig gerecht sei. Die Polemik, dass Heizkostenzuschüsse für Hartz IV-Empfänger gestrichen werden, weist er zurück. Immerhin bekommen die Reichen ihn ja auch nicht ausgezahlt. Was sei gerechter, als wenn niemand die Sozialleistung bekommt, fragt Schäuble?
Die Front-Männer der Linkspartei, Gregor Gysi und Klaus Ernst, antworten ihrem Interviewpartner in ganz unterschiedlichem Sprechthempo. Gysi echauffiert sich in einer Wortkaskade voller "etc." über jegliche Unterstellung, dass er irgendetwas mit der Stasi zu tun gehabt habe. Er werde dagegen gerichtlich vorgehen. Vorsichtshalber droht er auch ab, er werde jeden verklagen, der künftig behaupte, dass er etwas mit den Linken zu tun habe. Klaus Ernst verheddert sich mehfach bei der Aufzählung der vier Kernthemen seiner Partei: Hartz IV, Rente mit 67, Afghanistan, und was war dann noch?
Gerhard Schröder pafft genüßlich an seiner Zigarre, möchte aber nicht länger als Bundeskanzler angesprochen werden. Er legt Wert darauf, dass er jetzt als Aufsichtsratsvorsitzender der Gazprom-Tochter ein viel wichtigeres Amt habe: "Wenn jemand Meister geworden ist, sprechen sie ihn ja auch nicht mehr als Lehrling an."
Als Zugabe interviewt ein chinesischer Journalist den Weinkenner und FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle über den Zustand der FDP und die allgemeine politische Lage.
Matthias Richling spult sein unterhaltsames Programm routiniert ab und erntet viel Szenenapplaus für einige sehr treffende Figurenzeichnungen, z.B. der Kanzlerin in roter Jacke und des näselnden Gesundheitsexperten Karl Lauterbach.
Kaum jemand im Publikum war über dreißig, als Marc-Uwe Kling im Kreuzberger Mehringhoftheater die neuesten Erlebnisse mit seinem Mitbewohner, einem altklugen, kommunistischen Känguru, vorstellte. Das Känguru Manifest knüpft da an, wo die Känguru Chroniken aufhörten: Der zweite Teil seiner Trilogie ist genauso witzig, gespickt mit Anspielungen und Zitaten, voller skurriler Einfälle, jetzt auch in 3D zu erleben, wie der Kleinkünstler immer wieder betont.
Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frage, was Du für Dein Land tun kannst. (Kim Jong Il)
Das Känguru und Marc-Uwe Kling haben ein neues Hobby entdeckt: Sie nehmen bekannte Zitate und legen sie neuen Prominenten in den Mund, zu denen sie tatsächlich besser passen. Diese Sprüche liest Kling aus einem Wust von Karteikarten zur Auflockerung zwischen den Episoden aus seinem Alltag mit dem Beuteltier ab.
You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time. (Karl-Theodor zu Guttenberg)
Marc-Uwe Kling und sein Känguru korrigieren gemeinsam mit roter Farbe die Denk- und Grammatikfehler in den Graffiti der Neonazis und verwickeln sie in aberwitzige Dialoge. In Hertas Eckkneipe überbieten sie sich mit der Inhaberin darin, abgedroschene Sprüche zu klopfen, bis das Etablissement der Gentrifizierung weichen muss.
Mailand oder Madrid? Hauptsache Italien! (Aus Goethes Italienischer Reise)
Wie ein roter Faden zieht sich diesmal der Lebensstil der digitalen Bohéme durch das Programm, die als Selbstausbeuter im Café vor ihren Laptops an Projekten arbeiten. Mit seiner Gitarre widmet Marc-Uwe Kling dieser Spezies auch einige bitterböse Lieder.
Aber auch die politische Bildung kommt an diesem Abend nicht zu kurz: Endlich lernen die Berliner, warum Klaus Wowereit die Rot-Grünen Koalitionsverhandlungen so theatralisch platzen ließ und jetzt lieber mit der CDU flirtet. Das Känguru ist sich sicher, dass es ihm um seinen Nachruhm geht: "Die Leute sollen später sagen können, bei Wowi war nicht alles schlecht. Immerhin hat er die Autobahn gebaut."
Reiner Kröhnerts Gastspiele zählen zu den Höhepunkten im Kreuzberger Mehringhoftheater. Gestern feierte er mit seinem neuen Programm Kröhnerts Kröhnung Berlin-Premiere. Vor sehr gut besuchten Zuschauerreihen gab es diesmal einen wesentlichen Unterschied zu früheren Abenden: Anders als bei Angie goes to Hollywood, Honnis Rache oder Das Jesus-Comeback gab es diesmal keine Rahmenhandlung, sondern eine lose Folge ausgefeilter parodistischer Miniaturen.
Besonders gut imtitiert Reiner Kröhnert zwei ehemalige SPD-Vorsitzende: Hans-Jochen Vogel sieht man fast vor sich, als Kröhnert ihn in einem nostalgischen Plausch mit Genscher auf die gute, alte Zeit kantiger Köpfe zurückblicken lässt und er seinem leicht verwirrten Kollegen, der an den Niebels, Lindners, Röslers und Westerwelles leidet, mit seinen gut sortierten Klarsichthüllen die schmerzlich vermisste Orientierung geben kann.
Alt-Kanzler Schröder tritt mit seinem typischen höhnischen Lachen und den üblichen Sottissen gegen die SPD-Linke auf. In der ihm eigenen Bescheidenheit ist er sich sicher: Ich, der Gas-Gerd, könnte jederzeit wieder Kanzlerkandidat werden. Wenn ich es nur wollte. Die Steinis sind doch nur für die zweite Reihe geeignet.
Talk-Master Michel Friedman palavert mit Rüdiger Safranski vom Philosophischen Quartett und weiteren tragenden Pfeilern des deutschen Bildungsbildürgertums (Mario Basler, Daniela Katzenberger, Boris Becker und Dieter Bohlen) in mehreren Runden über den Sinn des Lebens und ihre Lieblingslektüre. Friedrich Merz träumt von der Bierdeckelrepublik und spricht offen darüber, gemeinsam mit Roland Koch an der Gründung einer neuen Partei rechts der Union zu basteln. Wolfgang Clement ist für den linken Flügel fest eingeplant. Thilo Sarrazin konnte leider noch nicht gewonnen werden, aber Andrea Nahles sei ja nicht mal in der Lage, ihn aus der Partei zu werfen, bemerkt Merz bitter.
Ein besonderer Höhepunkt ist der Besuch von Peter Hintze bei Kanzleramtsminister Pofalla, um den es schon still geworden war, bis er Wolfgang Bosbach unverblümt darlegte, was er von dessen Gesichtszügen, Charakter und überhaupt dem ganzen Grundgesetz halte: Hintze beneidet Pofalla um dessen direkte Nähe zur Kanzlerin. Sie schwärmen von ihren Schweißperlen und ihrem Duft, ergehen sich dabei in den lyrischsten Formulierungen und zeigen so, dass Pofalla auch einen elaborierteren Code beherrscht als spätabends vor Landesvertretungen.
Die Webseite von Reiner Kröhnert
Wenn die beiden Berliner Kleinkünstler Tetta Müller und Lo Malinke, besser bekannt als Malediva, die Premiere eines neuen Programmes feiern, kommt traditionell nur das tipi in Frage. Nur einen Steinwurf vom Kanzleramt, wo am gestrigen Mittwoch noch einige Bürolampen brannten und Angela Merkels Referenten über der Lösung der Euro-Krise brüteten, luden Malediva zur PyjamaParty ein.
Wer die früheren Programme kennt, wird schon nach wenigen Minuten das Strickmuster und die Zutaten der bisherigen Erfolge wiederekennen: Malediva zicken sich an, breiten ihre Beziehungsprobleme und den Unmut über die Schwiegermutter aus, lästern über befreundete Paare wie Peter und Sabine, Florian Ludewig begleitet am Klavier.
So entsteht eine kurzweilige Mischung aus kleinen Boshaftigkeiten, melodiösen Liedern über Beziehungsalltag, Streit und Versöhnung, garniert mit Schlagfertigkeit. Bei der Premiere hakte es aber leider noch an einigen Dialog-Passagen. Als Lo Malinke seine Hänger hatte, streute sein Bühnen- und Lebenspartner Tetta Müller genüßlich Salz in die Wunde.
Unter großem Beifall endete ein Kabarettabend, der den meist treuen Fans im Premierenpublikum gute Unterhaltung ohne große Überraschungen bot.
Weitere Informationen und Termine
Um es vorwegzunehmen: ein Absturz bleibt Martina Schwarzmann an diesem Abend, als sie mit ihrer Gitarre aus Überacker nach Berlin kommt, erspart. Dafür hat sie eine viel zu gute Beobachtungsgabe, die sie in ihre oft sehr spöttischen, gar sarkastischen Texte einfliessen lässt. Sie beherrscht ihr Handwerk und kann das Publikum gut unterhalten.
Die Besucher der traditionsreichen Bühne "Die Wuehlmaeuse" verzeihen ihr auch den Einstiegsgag über die Autos, die in den vergangenen Nächten vor allem im sonst so beschaulich-bürgerlichen Berliner Westend in Flammen aufgingen.
Martina Schwarzmann bot eine sehr solide Vorstellung. Bissige Pointen, eingängige Melodien, auch wenn sich die Akkordfolgen zu oft wiederholten, und ihr zupackender Charme brachten das Publikum zum Schmunzeln und oft auch zum Lachen.
Der letzte Funke sprang aber nicht über, im neuen Programm "Wer Glück hat kommt" fehlten die Nummern, die sich so tief im Gedächtnis eingraben wie die Highlights ihres ersten Programms, als das Publikum über ihren frischen, frechen Ton staunte. Ausserdem verhedderte sich Martina Schwarzmann diesmal in deutlich zu langen Zwischen-Monologen. Statt Überleitungen entstanden kuriose Geschichten, die manchmal im Nirgendwo versandeten.
Auf das dritte Programm dürfen wir nun gespannt sein. Sie hat das Potenzial, sich dauerhaft als erfolgreiche Kabarettistin auch ausserhalb des Weisswurst-Äquators zu etablieren.
Die Kabarettistin Martina Schwarzmann
Die Wühlmäuse
Passend zum Kleist-Jahr sollte am Pfingstwochenende eigentlich die Premiere des "Käthchen von Heilbronn" auf dem Spielplan des Deutschen Theaters stehen. Dem Team des Intendanten Ulrich Khuon ist es nach der Verletzung des Hauptdarstellers jedoch in kurzer Zeit gelungen, einen mehr als nur respektablen Ersatz zu gewinnen:
Georg Schramm, einer der besten deutschen Kabarettisten und der wohl Wortgewaltigste unter ihnen gastierte an zwei Tagen mit seinem aktuellen Bühnenprogramm Meister Yodas Ende im ausverkauften Großen Haus. Zuletzt hatte er sich etwas rarer gemacht. Bei seinen TV-Auftritten im Scheibenwischer der ARD und später als Co-Gastgeber von Urban Priol in Neues aus der Anstalt merkte man ihm an, dass ihm das Korsett des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu eng wurde.
Befreit von den Zwängen und Rücksichtnahmen auf den Gremienproporz, den zuletzt auch Harald Schmidt und Rolf Hochhuth treffend karikierten, trumpft Georg Schramm furios auf und legt den Finger tief in die Wunden der politischen Themen, die uns derzeit bewegen.
In einer beeindruckenden Energieleistung schlüpft Schramm in knapp über drei Stunden hinweg in seine drei Paraderollen: Erstens der langjährige Genosse August, der an seiner guten alten SPD leidet und bis auf einige Seitenhiebe gegen Generalsekretärin Andrea Nahles in Larmoyanz ertrinkt. Zweitens der Wutbürger avant la lettre, der Rentner Lothar Dombrowski, der schon vor Jahren mit seinem Gehstock wild gestikulierend über das Versagen der Eliten herzog. Drittens Oberst Sanftleben, der wieder ein mal die Afghanistan-Strategie der NATO auseinander nimmt.
Diesem Kabarettisten gelingt es mit dem Einsatz minimaler technischer Mittel, stattdessen aber mit beeindruckender rhetorischer Schärfe, vielen funkelnden polemischen eingestreuten Invektiven und seiner sehr genauen Zeichnung der Charaktere das Publikum über die lange Strecke in seinen Bann zu ziehen. Wie ein Zuschauer in der Pause bemerkte: Solch intensive Abende erlebt man im Theater leider selten.
Ganz am Ende bedankte sich Georg Schramm beim Intendanten Ulrich Khuon, der ihn bei seinen ersten Bühnengehversuchen entdeckt und gefördert hat, und legte dem Publikum den französischen Bestseller "Empört euch!" von Stéphane Hessel ans Herz.
Die Homepage von Georg Schramm
In der bunten Vielfalt der Kabarett- und Kleinkunst-Szene haben sich die beiden jungen Schweizer Jonas Anderbuch und Christof Wolfisberg mit einer originellen Idee eine Nische erobert.
Seit 1999 treten sie unter dem Namen Ohne Rolf auf. Ihre Markenzeichen sind ihre schicken schwarzen Anzüge und ihre Kommunikation fast ganz ohne gesprochene Worte. Sie kommunizieren untereinander und mit dem Publikum, indem sie A1 - Plakate zeigen, auf denen in Arial-Schrift ein schnippischer Kommentar oder ein kluger Gedanke festgehalten ist.Die beiden Kleinkünstler blättern sich mit erstaunlichem Tempo durch ihre Diskussionen, das Publikum liest gebannt mit und wird auch immer wieder einbezogen.
In ihrem zweiten abendfüllenden Programm Schreibhals taucht eine weitere Figur auf: Eine kleine Puppe greift mit winzigen Plakaten quengelig in den Schlagabtausch ein. Für den Nachwuchs suchen die beiden Künstler zwei Paten aus dem Publikum und einen Namen. Minutenlang bekriegen sie sich auf ihren Plakaten und werfen sich Namen wie Tristan und Urs um die Ohren, bis sie sich dann schließlich doch für Rolf entscheiden.
Der Abend in der traditionsreichen Bar jeder Vernunft, wo Ohne Rolf noch bis einschließlich heute täglich um 20 Uhr gastieren, ist unterhaltsam. Über die lange Strecke eines zweistündigen Abends fehlt an einigen Stellen aber noch die Würze und abwechslungsreichere Ideen. Ihr Konzept, sich nur über Plakate zu verständigen, zündet vor allem in den kurzen Auftritten in verschiedenen Kabarettsendungen oder auf Festivals, mit denen sie in den vergangenen Jahren bekannt wurden.
Das aktuelle Programm Schreibhals
Traditionell platzt das Kreuzberger Mehringhoftheater aus allen Nähten, wenn Angela Merkel alias Christoph Jungmann sich die Ehre gibt, charmant durch das Jahresendzeitprogramm zu führen.
Unnachahmlich ist ihr "Ich habe nichts gemacht", als Guido Westerwelle (sehr gekonnt von Hannes Heesch parodiert) beleidigt von der Bühne abgeht, nachdem sie seine ellenlangen Ausführungen mit einigen unschuldigen Zwischenfragen sabotiert hat. Ganz störungsfrei verläuft ihre Moderation aber auch danach nicht: Roland Koch hält sie nach der Pause auf der Damentoilette gefangen, weil die geschiedene ostdeutsche Protestantin nicht länger an der Spitze der CDU stehen darf.
Wie in den vergangenen Jahren überzeugt das Jahresendzeitteam durch eine gelungene Mischung aus Parodien auf die wichtigsten politischen Köpfe und humorvolle Alltagsbeobachtungen in den Texten von Horst Evers und Bjov Berg. Höhepunkte sind die immer wieder eingestreuten Adaptionen bekannter Melodien mit neuen Texte zum Dauerbrenner S-Bahn-Chaos oder zum Vulkanausbruch, der tagelang die Flugrouten lahmlegte.
Die bissigste Abrechnung des aktuellen Programms trifft Thilo Sarrazin, dessen Selbstinszenierung in einem langen Klavier-Solo vom immer brummiger werdenden Manfred Maurenbrecher auseinandergenommen wird.
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