Selten sieht man bei kulturellen Veranstaltungen ein so junges und buntes Publikum wie am vergangenen Wochenende im Kino Moviemento beim Filmfestival Asian Hot Shots Festival.
Der Kontinent erwies sich wieder mal als Fundgrube für hochinteressante und ungewöhnliche Entdeckungen. Beeindruckend war z.B. die Experimentierlust und der Mut des Abschlussfilms Madame X. In einer Bonbon-grellen Ästhetik und voller Zitate der Superhelden-Mythen und asiatischer Kampftechniken streitet der Film gegen Fundamentalismus und für Transgender-Rechte. So gelang dem indonesischen Regisseur Lucky Kuswandi eine Verbindung aus unterhaltsamer Popkultur und politischem Anspruch.
Nicht ganz so stark waren die experimentellen Kurzfilme, die am Sonntag Nachmittag vor dem großen Gewitter gezeigt wurden. Vieles wirkte dort eher erwartbar und unfertig.
Alles in allem hat sich das Festival in seiner vierten Auflage fest im Berliner Kulturkalender etabliert. Nur der Termin Anfang September direkt nach der Sommerpause ist eher ungünstig, weil das Festival dann mit besonders vielen anderen Ereignissen konkurriert, wie ExBerliner zurecht schrieb.
In der Reihe Neuer deutscher Film wurde gestern im ausverkauften Kino Babylon in Berlin-Mitte die Dokumentation Godmother of Punk vorgestellt. Die Koproduktion des rbb mit arte und dem Schweizer Fernsehen wühlte sich intensiv durch die Archive und förderte zahlreiche Perlen aus Nina Hagens turbulentem Leben zu Tage.
Allein schon die Parodien auf Schlager-Stars wie Mireile Mathieu, die Nina Hagen als Teenager im DDR-Fernsehen der siebziger Jahre bot, sind das Eintrittsgeld wert. Das Publikum kann in einem bunten Bilderbogen schwelgen, der Hagens künstlerische Entwicklung nachzeichnet. Die Klassiker wie Du hast den Farbfilm vergessen, o Michael, mit dem sie zum Star wurde, ihr skandalträchtiger Auftritt in der ORF-Talkshow Club 2, ihre Besuche beim Guru in Indien und ihre aktuelle Hinwendung zum Christentum dürfen in der Dokumentation natürlich nicht fehlen.
Ein Höhepunkt des Films ist die kurze Interviewpassage mit Wolf Biermann, der bis zu seiner Ausbürgerung Nina Hagens Stiefvater war. Er schildert eindrucksvoll, wie Nina Hagen sich als junges Mädchen in gewohnt exaltierter Art über seine Kritik an Staatschef Walter Ulbricht empört hat.
Im Anschluss an den Film beantwortete Nina Hagen in gewohnt schrillem Outfit noch einige Fragen der Regisseurin und stimmte acapella einige Lieder an. Mit ihrer Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, lieferte sie sich noch einen Schlagabtausch voller verbaler Spitzen. Ganz so, wie man es von ihr erwartet.
Die Dokumentation ist am kommenden Dienstag, 16.8., ab 21.30 Uhr auf arte zu sehen.
In dieser Woche startet der iranische Film bundesweit in den Kinos, so dass sich jeder selbst ein Bild machen kann, ob diese Vorschusslorbeeren berechtigt sind.
Bei Asgar Farhadis Gesellschaftsdrama handelt es sich meiner Meinung nach um den stärksten Sieger der Berlinale-Festivals der vergangenen Jahre. Das liegt zum Teil an seinem präzisen Blick auf die Konflikte zwischen den sehr unterschiedlichen Milieus in Teheran. Es liegt aber auch daran, dass frühere Preisträger meist schon nach wenigen Wochen in der Versenkung verschwanden und kaum jemand das Jury-Urteil nachvollziehen konnte.
Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist, mit welchem Mut er zwei Stunden lang den Finger in die Wunden der iranischen Gesellschaft legt: die weibliche Hauptfigur Simin möchte am liebsten das Land gemeinsam mit ihrer Tochter verlassen. Nach den Regeln des Gottesstaates ist die Scheidung aber nicht so einfach möglich. Dennoch trennt sie sich von ihrem Mann Nader, der daraufhin eine streng religiöse Frau als Haushaltshilfe und Pflegerin seines dementen Vaters anstellt. Sie ist eine prototypische Anhängerin von Ahmadinedschad, der seine Basis vor allem in den ärmeren Stadtvierteln hat.
Der Film zeigt schonungslos, wie schwer es ist, sich in dem Netz aus Vorschriften und ungeschriebenen Verhaltensregeln in der Mullahkratie zurechtzufinden und halbwegs durchzulavieren. In wechselnden Konstellationen treffen sich die Protagonisten vor Gericht, verheddern sich in Halbwahrheiten und werden immer verzweifelter.
Es ist sehr erstaunlich, dass der Film der sonst so strengen Zensur nicht zum Opfer. Im Gegenteil: an den Kinokassen und vor allem im DVD-Verkauf ist der Film im Iran ziemlich erfolgreich. Der Regisseur hat im Gegensatz zu Kollegen wie Jafer Panahi auch kein Reiseverbot. In Berlin konnte er aber diese Woche dennoch nicht anwesend sein: der französische Kulturminister hatte ihn eingeladen.
Die Webseite zum Film
Der ehemals mit weitem Abstand beliebteste Politiker und wortgewandte Staatsmann erklärt uns mal wieder die Welt: Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Pepe Danquart schreitet Joschka Fischer im aktuellen Kinofilm "Joschka und Herr Fischer" die Stationen seines langen Laufs zu sich selbst und durch die Institutionen ab.
Fischer taucht mit ausführlichen Erklärungen in seine Vergangenheit mit all ihren Brüchen und Häutungen ein. Die Stichworte liefern ihm großformatige Videoleinwände, die uns noch mal Episoden seines Lebenswegs vor Augen rufen. Die meisten Bilder hat jeder politisch Interessierte schon oft gesehen, vieles gehört ins kollektive Gedächtnis der jüngeren Zeitgeschichte: Die Vereidigung in Turnschuhen als hessischer Umweltminister 1985, die Straßenschlacht mit dem am Boden liegenden Polizisten im wilden Frankfurter Sponti-Milieu der 70er Jahre, das schmerzverzerrte Gesicht nach dem Farbbeutelwurf auf dem Bielefelder Sonder-Parteitag der Grünen zum Kosovo-Krieg 1999 oder sein "I am not convinced!", mit dem er Donald Rumsfeld in der Irakkriegs-Debatte auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2003 zurechtwies.
Der Filmemacher hob mit seinem Team aber auch einige Schätze aus dem Archiv Grünes Gedächtnis und bietet einige interessante Sequenzen aus der tiefkatholischen Heimat Fischers, der als Sohn von Vertriebenen in der schwäbischen Provinz aufwuchs. Seine Kampflust und sein Durchhaltevermögen hat es sicher geprägt, dass er schon früh in einer Außenseiterrolle war und sich sein katholisches Heimatdorf in einer Diaspora-Situation gegen die umliegenden protestantischen Gemeinden abschottete.
"Joschka und Herr Fischer" ist ein durchaus sehenswerter politischer Dokumentarfilm, wenn man von folgenden Schwächen absieht: Mit mehr als zwei Stunden ist die anekdotenreiche Zeitreise etwas zu lang geraten. Ohne recht erkennbaren Zusammenhang sind kurze Statements z.B. von der Schauspielerin Katharina Thalbach eingefügt. Gerade an diesen Stellen hätte man rigoroser schneiden müssen. Außerdem spaltet Joschka Fischer die Gemüter: Seine Selbstzufriedenheit über das Erreichte lässt er das Publikum deutlich spüren.
Die Webseite zum Film "Joschka und Herr Fischer"
Überraschend reif ist das Debüt von Florian Kläger und Lisa Sperling, die gerade erst mit ihrem Filmstudium begonnen haben. Seit Januar 2010 filmten sie die sich langsam hochschaukelnden Proteste um Stuttgart 21. In prägnanten Interviews stellen sie die unterschiedlichen Milieus, die sich am Protest beteiligen, und ihre jeweiligen Argumente anschaulich vor: Vom alteingesessenen schwäbischen Bürgerturm bis zum junge Studenten mit Rasta-Zöpfen, vom pensionierten Sozialkundelehrer bis zum ehemaligen Banker.
In Stuttgart 21 - Denk mal! sind die Aufnahmen von der Eskalation mit Wasserwerfern und Tränengas am 30. September im Schlossgarten besonders eindrucksvoll, da sie die Dynamik dieses entscheidenden Tages gut einfangen: Die fröhliche Stimmung der Schülerdemo schlägt bald in brutale Szenen um.
Erstaunlich ist auch, wie schnell die beiden jungen Filmemacher ihr Material geschnitten und bis zuletzt um aktuelle Aufnahmen ergänzt haben. Ein bemerkenswerter Beitrag in der Perspektive Deutsches Kino! Ausgerechnet bei diesem Film blieben einige Plätze leer, woran auch Durchsagen, dass es an der Kasse noch Tickets gebe, nichts mehr änderte.
Eine komplette Enttäuschung war dagegen Mishen von Alexander Zeldovich. Im Russland des Jahres 2030 reisen Victor, der Minister für nationale Bodenschätze, und einige andere Neureiche in eine abgelegene Bergregion. Dort lässt ein geheimnivoller Jungbrunnen Körper und Seele erneuern.
Was vielversprechend klang, entpuppte sich als krude Mischung aus Liebesgeschichten und weiteren undefinierbaren Erzählsträngen. Reale zweieinhalb Stunden fühlten sich an wie fünf und ließen das Publikum scharenweise flüchten. Am lebendigsten war es im Kinosaal, als meine Nachbarin zur Hälfte des Films so laut schnarchte, dass sich die komplette Reihe vor uns irritiert umdrehte.
An Filmen und Büchern über die Entwicklung der RAF herrschte in den vergangenen Jahren gewiss kein Mangel. Kann der Wettbewerbs-Beitrag Wer wenn nicht wir überhaupt noch neue Facetten beleuchten?
Man durfte aus zwei Gründen dennoch auf diesen Film gespannt sein: Der Regisseur Andres Veiel machte 2001 mit der sehr reflektierten und gut recherchierten Dokumentation Black Box BRD über den Mord an Deutsche Bank-Chef Herrhausen auf sich aufmerksam. Immerhin ist er ein Filmemacher, der sich Zeit nimmt, genau hinzuschauen und Zusammenhänge zu beleuchten. Außerdem erzählt Veiel in Wer wenn nicht wir nicht von der Hochphase des Deutschen Herbstes, sondern zeigt die Entwicklung von Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis).
Als Pastorentochter aus einem schwäbischen Elternhaus lernt sie an der Uni Bernward Vesper (August Diehl), den Sohn des umstrittenen Blut- und Boden-Dichters Will Vesper, kennen. Der Spielfilm hangelt sich an den vielen Berichten über die Höhen und Tiefen dieses Paares entlang. So oder so ähnlich mag es gewesen sein, als Ensslin und Vesper in einem selbstgegründeten Verlag erfolglos versuchten, die Bücher Will Vespers wieder aufzulegen.
Der Programmkatalog spricht treffend von einer "extremen Liebesgeschichte": Die beiden treiben sich schier an die Schmerzgrenze, betrügen sich mit anderen Partnern, versöhnen sich wieder, ziehen nach West-Berlin und engagieren sich für die SPD, während Ensslin an ihrer literaturwissenschaftlichen Dissertation arbeitet.
Kurze Filmschnipsel über die Notstandsgesetze, den Schah-Besuch und das Attentat auf Rudi Dutschke werden dazwischengeschnitten: Die Studentenproteste werden lauter und der kraftstrotzende, großmäulige Andreas Baader (Alexander Fehling) tritt in Gudrun Ensslins Leben. Sie verlässt Mann und Kind, Ensslin und Baader radikalisieren sich immer mehr und beginnen mit Aktionen wie dem Kaufhausbrandanschlag in Frankfurt/Main. Vesper verliert sich in Verzweiflung und Drogentrips und begeht 1971 Suizid.
Die Chronologie dieser scheiternden Biographien erzählt der Regisseur recht brav in etwas mehr als zwei Stunden. Andres Veiel war aber nicht gut beraten, sich diesem Thema in seinem Spielfimdebüt zu widmen. Als Dokumentarfilmer hat er sich einen Namen gemacht, Die Spielwütigen war der Publikumsliebling der Berlinale 2003 und neben Black Box BRD zeigte er auch in Kick, dass er sich komplexen Themen einfühlsam nähern kann.
Die prominenten Figuren der Zeitgeschichte bleiben diesmal seltsam blass und vor allem im letzten Drittel verlassen doch einige Besucher die Vorführung.
Ein weiterer sehr politischer Beitrag lief als Berlinale Special: Die spanische Regisseurin Isabel Coixet, die schon mit mehreren Filmen im Wettbewerb vertreten war, setzte ein Interview mit dem Ermittlungsrichter Baltasar Garzón in Szene. Er wurde durch den internationale Haftbefehl, der 1998 zum Hausarrest des chilenischen Ex-Diktators Augusto Pinochet in London führte, weltbekannt und prägte die Entwicklung zu einer internationalen Strafgerichtsbarkeit entscheidend mit.
Escuchando al Juez Garzón ist ein minimalistischer Film: Die Kamera richtet sich auf das Interview, das Manuel Rivas im Dezember 2010 mit Garzón führte. Aus acht Stunden Material wurde dann eine Filmfassung von 90 Minuten erstellt. Da die Dokumentation auch noch komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist, erinnert die ganze Ästhetik sehr an Fernsehinterviews der 60er Jahre, wie sie z.B. Günter Gaus führte.
Inhaltlich ist der Beitrag interessant, aber zu voraussetzungsreich: In schnellem Tempo werden Garzóns Ermittlungen gegen die ETA, der Fall Pinochet und ähnliche Auseinandersetzungen mit der argentinischen Militärjunta besprochen. Der Schluss des Gesprächs konzentriert sich ganz auf drei Verfahren, die im vergangenen Jahr wegen des Vorwurfs der Rechtsbeugung gegen Garzón eingeleitet wurden.
An der Stelle wurde es endgültig zu komplex: Die beiden Interviewpartner warfen nur so mit Fachbegriffen aus dem spanischen Prozessrecht um sich. Der Film setzt zu viel voraus.
Garzón und sein Interviewpartner sind sich einig, dass es sich bei den Vorwürfen, die zu seiner vorübergehenden Suspendierung führten, um eine Kampagne innenpolitischer Gegner handelt. Er machte sich zuletzt vor allem dadurch Feinde, dass er auch in den Abgründen des Franco-Regimes noch genauer ermitteln wollte.
Die Hintergründe des Rechtsstreits sind von der FAZ schlüssig aufbereitet. Das Film-Interview verzettelt sich dagegen in den undurchsichtigen Details eines der drei aktuellen Verfahren, wo es um finanzielle Vorteile geht, die Garzón bei einem Forschungsaufenthalt an der New York University angeblich erschlichen haben soll.
Diese Berlinale ist im Gegensatz zu früheren Jahren vergleichsweise arm an internationalen Stars: Leider wurde auch der Panorama-Beitrag También la lluvia ohne den Hauptdarsteller Gael García Bernal präsentiert. Icíar Bollaín erzählt die fiktive Geschichte des idealistischen Regisseurs Sebastián, der einen Film über das Leid der indigenen Bevölkerung während der Kolonialisierung Lateinamerikas drehen will.
Sein Produzent (Luis Tosar) möchte das Projekt so billig wie möglich machen und schlägt Bolivien vor, weil Produktionshelfer und Statisten dort für Hungerlöhne zu haben sind. Mitten in die Dreharbeiten des "Films im Film" platzen die Proteste gegen drastische Preiserhöhungen des US-Konzerns Bechtel für Trinkwasser, die als Wasserkrieg von Cochabamba für internationale Schlagzeilen sorgten. Erstmals führte die indigene Bevölkerung ein breites Bündnis an und gewann an Selbstbewusstsein.
Der erfolgreiche Protest war einer der Marksteine für die politischen Umwälzungen auf dem Kontinent, als der Unmut über die soziale Spaltung wuchs und in den vergangenen Jahren zahlreiche globalisierungskritische Regierungen wie in Brasilien oder Bolivien an die Macht kamen.
Das Problem von También la lluvia ist, dass der Film sehr darauf zugeschnitten ist, seine politische Botschaft zu transportieren: Die Ausbeutung der Bodenschätze durch internationale Konzerne ist eine zweite Kolonialisierung. Bildsprache und Dramaturgie sind somit vor allem Mittel zum Zweck.
Wieland Speck, der Chef der Panorama-Reihe, musste sich vor dem Filmstart entschuldigen, weil in den Gängen noch mehrere Zuschauer mit Ticket, aber ohne Chance auf einen Sitzplatz standen.
Eine Reise in die eigene Vergangenheit führt Valerie (Corinna Harfouch) im Forums-Beitrag Auf der Suche durch Marseille und die schön gefilmten Landschaften der Provence. Gemeinsam mit dessen Ex-Freund Jens (Nico Rogner) verfolgt die die Spuren ihres Sohnes Simon, zu dem sie seit Jahren nur noch sporadischen Kontakt hatte.
Neben den Landschaftsaufnahmen lebt der Film vor allem von der Präsenz der ausgezeichneten Theater- und Filmschauspielerin Corinna Harfouch. Statt auf große Spannungsmomente setzt die Handlung darauf, zu zeigen, wie sich das eisige Verhältnis zwischen Valerie und Jens auf ihrer gemeinsamen Reise bessert und wie sie versuchen, die Beegnungen mit einigen undurchsichtigen Bekanntschaften Simons zu einem stimmigen Bild zusammenzusetzen.
Zu den Höhepunkten im Forum gehören traditionell die Thriller aus Hongkong. Raffinierte Dramaturgien wie in Infernal Affairs und kunstvoll choreografierte Verfolgungsjagden wie in Eye in the sky haben die Messlatte hochgelegt. Dante Lams The Stool Pigeon ist dem nicht gewachsen.
Auch in diesem Film geht es wieder um die Lieblings-Konstellation des Hongkong-Kinos: Ein Polizei-Informant berichtet unter Lebensgefahr aus dem Milieu der organisierten Kriminalität. Leider fehlt diesmal der innovative Dreh, wie man diese brisante Problematik neu aufbereiten könnte. The Stool Pigeon erschöpft sich streckenweise in brutalen Bildern und das scheint symptomatisch für eine von vielen Fachleuten diagnostizierte Krise des aktuellen Kinos in Hongkong zu sein.
Das krasse Gegenteil zu den schnellen Schnitten aus den Straßen Südostasiens bietet Ingmar Bergmans Klassiker Szenen einer Ehe. Die Retrospektive ehrt den schwedischen Altmeister des europäischen Autorenkinos und zeigt deshalb herausragende Werke wie diese messerscharfe Analyse einer kriselnden Beziehung. Die ausufernden Reflexionen von Liv Ullmann und Erland Josephson trafen 1973 punktgenau den Zeitgeist, sind aber auch fast dreißig Jahre später noch sehens- und nachdenkenswert.
Einen sehr ruhigen Stil pflegt auch Annekatrin Hendel in ihrer Dokumentation Vaterlandsverräter. In der Reihe Perspektive Deutsches Kino versucht sie dem inzwischen 75jährigen Schriftsteller Paul Gratzik näherzukommen. Zu DDR-Zeiten kämpfte er sich aus armen Verhältnissen hoch und verkehrte in den Ost-Berliner Künstlerkreisen um Steffi Spira oder Heiner Müller. Als überzeugter Kommunist berichtete er auch regelmäßig als Inoffizieller Mitarbeiter an seinen Stasi-Führungsoffizier. Bis es 1981 zum Bruch mit dem Regime kam: Er offenbart sich allen Freunden und Kollegen und zieht sich auf einen einsamen Hof in der Uckermark zurück, wo er bis heute lebt.
Die Zuschauer erleben einen schroffen alten Mann, der über Ackermann und die Finanzkrise herzieht und meist sehr unwirsch reagiert, wann immer die Regisseurin, die in Ost-Berlin geboren ist und ihn schon seit 1988 kennt, Näheres über seine Motive erfahren will. Das Thema ist spannend, aber Gratzik bleibt ein Rätsel, da die Annäherung nicht recht gelingt.
Nach dem chaotischen Auftakt hätte es am zweiten Tag eigentlich nur besser werden können. Stattdessen ging es im CineStar noch mehr drunter und drüber. Ein Film ist als Pressevorführung und zugleich als Publikumspremiere angekündigt. Das war in früheren Jahren auch schon oft der Fall, hat aber in der Regel funktioniert. Diesmal ist das Ergebnis: Noch längere Schlangen am Einlass, diesmal finden die Organisatoren kein Ausweichkino. Alle Sitzplätze sind voll, angeblich stehen außerdem ca. 100 Leute auf den Stufen des Kinosaals, draußen telefoniert die Presseagentin des Verleihs angesichts der immer noch langen Schlange vor dem Einlass hektisch und die Veranstalter wiegeln ab, als die Tür zugeht. Tenor: Wir konnten ja nicht ahnen, dass so viele Leute kommen. Irgendwas ist offensichtlich gründlich schiefgelaufen.
Erfreulicher war die Wiederholung des Eröffnungsfilms True Grit im Friedrichstadtpalast. In den vergangenen Jahren hatte Dieter Kosslick bei der Auswahl für den repräsentativen Starttermin oft kein glückliches Händchen. Häufig waren diese Filme eher mau und wurden von den Beiträgen der folgenden Tage überstrahlt.
Aber mit den Brüdern Joel und Ethan Coen kann man nicht viel verkehrt machen. Mit ihrem typischen kauzigen Humor schicken sie ein ungewöhnliches Trio auf einen Feldzug durch den Wilden Westen: Jeff Bridges ist der zerzauste Marshall Rooster Cogburn, der bekannt dafür ist, die Gesetze nicht immer einzuhalten und den konfiszierten Whiskey ohnehin am liebsten selbst trinkt. Zu ihm stößt Matt Damon, der genauso aussieht, wie ein Karnevals-Kostümverleih einen Texas-Ranger ausstatten würde. Bisher meist auf Schönlinge abonniert, jagt er diesmal mit Schnurrbart und Cowboy-Klamotten nach der Kopfprämie für einen berüchtigten Mörder.
Es ist eine besondere Leistung, dass neben diesen beiden erfahrenen Hollywood-Größen die bisher unbekannte Hailee Steinfeld nicht nur nicht an die Wand gespielt wird, sondern sogar die stärksten Akzente setzt. Mit gerade mal 14 Jahren spielt sie die Mattie Ross, die nach dem Mord an ihrem Vater, das Heft in die Hand nimmt und den Marshall Cogburn anheuert, den Täter mit ihr gemeinsam zu verfolgen.
Der kurzweilige Genrefilm erntete am Ende viel Applaus. Ins Rennen um die Oscars geht True Grit mit 10 Nominierungen als einer der großen Favoriten. Im Wettbewerb um die Goldenen Bären durfte er nur außer Konkurrenz antreten.
Bereits einen Silbernen Bären gewann verdientermaßen der Film Offside im Jahr 2006, der im Berlinale-Palast noch mal gezeigt wurde. Der Regisseur Jafer Panahi ist einer der profiliertesten iranischen Filmemacher und sollte in der Berlinale-Jury sitzen. Als er vor einigen Monaten vom Mullah-Regime inhaftiert wurde, engagierte sich das Festival mit mehreren öffentlichen Aufrufen vergeblich für ihn. Sein Platz in der Jury blieb demonstrativ unbesetzt und seine wichtigsten Filme werden nun auf der Berlinale präsentiert. Der Bericht zu Offside ist in unserem Archiv hier zu finden.
Die Sektion Panorama präsentiert ihren Eröffnungsfilm traditionell einige Meter vom Berlinale-Palast entfernt in einem weniger glamourösen Rahmen: Während sich bei der Gala-Eröffnung die geschlossene Gesellschaft aus Promis und Möchtegern-Sternchen zelebriert, steht in dieser Reihe tatsächlich der Film im Mittelpunkt. Das Panorama ist als kleine Schwester des Wettbewerbs um die Bären entstanden und hat sich als Spielstätte für anspruchsvolle, häufig politisch engagierte Filme zwischen Mainstream und Off-Kino einen Namen gemacht.
Leider zeigte sich die Berlinale heute von ihrer schlechteren Seite: Man könnte annehmen, dass sich bei der 61. Auflage des Festivals die grundlegenden Planungsabläufe eingespielt haben. Das Cinemaxx 7 war aber schon deutlich vor dem Start voll, so dass man kurzerhand in ein zweites Kino im Untergeschoss ausweichen musste. Auch dort bildete sich für zwanzig Minuten die nächste riesige Traube aus Berliner Filmfans, die ein Ticket gekauft hatten, und den Akkrediterten aus Presse und Filmwirtschaft.
Nach der Wartezeit im Gedränge ohne Informationen der sichtlich überforderten Organisatoren kommt dann erst noch richtige Berlinale-Stimmung auf, wenn der Nachbar pünktlich zum Filmbeginn seine Tupper-Dose auspackt und sich während der nächsten Stunde genüßlich kauend mit seinen belegten Broten beschäftigt.
Immerhin war der Film Tomboy der jungen Französin Céline Sciamma (Jahrgang 1980) dann gar nicht so schlecht. Sie hat sich in ihrer Heimat einen Namen als Regisseurin sensibler Geschichten über das Erwachsenwerden gemacht. In ihrem dritten Werk steht die 10jährige Laure im Mittelpunkt, die zu Beginn der Pubertät erkennt, dass sie sich im falschen Körper fühlt. Nach dem Umzug ihrer Familie stellt sie sich in der neuen Umgebung als Mikael vor.
Einfühlsam, aber doch in der Dramaturgie erwartbar schildert der Film, wie Mikael/Laure sich in der Clique zunächst unsicher bewegt und sich an Rollenmuster herantastet. Ihre Mutter fällt schließlich aus allen Wolken, als sie nach einer aus dem Ruder gelaufenen Schlägerei von dem Geheimnis ihres Kindes erfährt.
Bei der Zeichnung der Figuren überzeugt vor allem die pfiffige kleine Schwester Jeanne, während die Mutter doch zu holzschnittartig angelegt ist, wie meine Nachbarn auf der rechten Seite treffend bemerkten. Der linke Nachbar war dagegen noch damit beschäftigt, sich mit der Serviette von den letzten Brotresten zu befreien.
Alles in allem ist Tomboy ein Film, den man durchaus ansehen kann. Er bleibt aber doch deutlich hinter Céline Sciammas Debüt Water Lilies/Unter Wasser, über Kopf zurück, mit dem sie auf dem Festival in Cannes und auch zum Abschluss der Französischen Filmwoche 2008 für Furore sorgte.
Für die Berlinale-Reihe Generation, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche richtet, wurden bisher folgende Filme eingeladen:
Generation Kplus
A Pas de Loup (On The Sly) von Olivier Ringer, Belgien/Frankreich 2011 - Weltpremiere
Jutro będzie lepiej (Tomorrow will be better) von Dorota Kędzierzawska, Polen/Japan 2010 - Internationale Premiere
Keeper`n til Liverpool (The Liverpool Goalie) von Arild Andresen, Norwegen 2010 - Internationale Premiere
Mabul (The Flood) von Guy Nattiv, Israel/Kanada/Deutschland/Frankreich 2010 - Internationale Premiere
Sampaguita, National Flower von Francis Xavier E. Pasion, Philippinen 2010
Une vie de chat (A Cat In Paris) von Alain Gagnol und Jean-Loup Felicioli, Frankreich/Belgien/Niederlande/Schweiz 2010
Generation 14plus
Den der hvisker (Rebounce) von Heidi Maria Faisst, Dänemark 2011 - Weltpremiere
Griff The Invisible von Leon Ford, Australien 2010
Shanzha shu zhi lian (Under The Hawthorn Tree) von Zhang Yimou, Volksrepublik China 2010
Skyskraber (Skyscraper) von Rune Schjøtt, Dänemark 2010 - Weltpremiere
The Dynamiter von Matthew Gordon, USA 2011 - Weltpremiere
West Is West von Andy De Emmony, Großbritannien 2010
Die ersten acht Filme für den Wettbewerb der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin stehen fest. Neben dem bereits angekündigten Eröffnungsfilm True Grit von Joel und Ethan Coen kommen sieben Produktionen bzw. Co-Produktionen aus der Türkei, den Niederlanden, Israel, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den USA hinzu:
Bizim Büyük Çaresizliğimiz (Our Grand Despair)
Türkei / Deutschland / Niederlande
Von Seyfi Teoman
Mit İlker Aksum, Fatih Al, Güneş Sayın, Baki Davrak, Taner Birsel, Mehmet Ali Nuroğlu
Weltpremiere
Coriolanus Großbritannien - Debütfilm
Von Ralph Fiennes
Mit Ralph Fiennes, Gerard Butler, Vanessa Redgrave, Brian Cox, James Nesbitt
Weltpremiere / außer Konkurrenz
Lipstikka Israel/Großbritannien
Von Jonathan Sagall
Mit Clara Khoury, Nataly Attiya, Moran Rosenblatt, Ziv Weiner
Weltpremiere
Pina Deutschland/Frankreich - Tanzfilm in 3D
Von Wim Wenders
Mit dem Ensemble des Tanztheater Wuppertal
Weltpremiere /außer Konkurrenz
Wer wenn nicht wir (If not us, who?) Deutschland
Von Andres Veiel
Mit August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling
Weltpremiere
Yelling To The Sky USA - Debütfilm
Von Victoria Mahoney
Mit Zoë Kravitz, Gabourey Sidibe, Tim Blake Nelson
Weltpremiere
The Future Deutschland / USA
Von Miranda July
Mit Hamish Linklater, Miranda July, David Warshofsky
Internationale Premiere
Die 10. Französische Filmwoche endete mit einem sehr bedrückenden, aber wichtigen politischen Film: Xavier Beauvois zeichnet in seinem von der Kritik hochgelobten und in Cannes 2010 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Drama Von Menschen und Göttern eine wahre Geschichte nach.
In den algerischen Bergen wurden 1996 die Mönche eines Trappistenklosters, die von islamischen Fundamenatalisten als Geiseln genommen und getötet. Nur zwei Männer konnten sich bei dem Überfall verstecken und somit retten. Der Film zeigt in langen, ruhigen Einstellungen, wie sich die Situation im Maghreb langsam verschlechtert und wie die Mönche in ausführlichen Diskussionen mit sich ringen: Sollen sie den Warnungen der algerischen Regierung folgen und das Land verlassen? Dürfen sie die Menschen in den umliegenden Dörfern zurücklassen, die auf ihre ärztliche Versorgung angewiesen sind?
Das Herzstück des Films sind seine immer düsterer werdende Stimmung und die Genauigkeit, mit der die Gespräche zwischen den Klosterbrüdern mit all den Pro und Contra-Argumenten dramaturgisch gestaltet sind.
Der Film startet bereits am 16. Dezember bundesweit in den Kinos.
Die Webseite zu Von Menschen und Göttern
Bei der 10. Auflage der Französischen Filmwoche war ein erstaunliches Werk zu sehen: Xavier Dolan wurde für sein Filmdebüt J´ai tué ma mère/I killed my mother beim Festival in Cannes 2009 mit gleich drei Filmen ausgezeichnet. Neben der Arbeit am Drehbuch übernahm er mal eben auch noch die Hauptrolle, führte die Regie und war Co-Produzent.
Mit nur 20 Jahren wurde der Franko-Kanadier aus Montreal als neues Wunderkind des französischsprachigen Kinos gefeiert. Solche Vorschusslorbeeren machen natürlich skeptisch. Aber zugegebenermaßen: Der Film überrascht durch ein präzises Timing, eine genaue Charakterisierung der Figuren, witzige Dialoge und ein gutes Gespür für passende musikalische Untermalung.
In der Tragikomödie dominiert vor allem der Konflikt zwischen dem pubertierenden Hubert Minel alias Xavier Dolon mit der seiner Mutter (gespielt von Anne Dorval), die sich hinter ihren Fernsehshows verkriecht und ihrem Sohn oft nicht zuhört, ja nicht einmal mitkriegt, dass er seit zwei Monaten glücklich mit einem Schulfreund liiert ist.
Im Frühjahr 2011 wird J´ai tué ma mère in den deutschen Kinos auch außerhalb der Festrivals anlaufen. Kurz danach kann man sich dann auch überzeugen, ob der junge Regisseur bei seinem zweiten Film, Les amours imaginaires, dem Ruf, der ihm vorauseilt, gerecht wird.
Die 61. Berlinale wird am 10. Februar 2011 mit dem neuen Film True Grit der Brüder Joel und Ethan Coen eröffnet.
Das berühmte Regie-Duo – sowie Darsteller Jeff Bridges - präsentierten 1998 bereits die fulminante Filmkomödie The Big Lebowski im Berlinale-Wettbewerb. Nun kehren sie mit einem Westerndrama nach Berlin. In den Hauptrollen sind die Oscarpreisträger Jeff Bridges (Crazy Heart) und Matt Damon (Das Bourne Ultimatum), Hollywoodstar Josh Brolin (Wall Street) sowie die Newcomerin Hailee Steinfeld zu sehen.
Die Neuinterpretation des Westernklassikers Der Marshall (mit John Wayne) von 1969 erzählt die Geschichte der 14-jährigen Mattie (Hailee Steinfeld), die den Mörder ihres Vaters finden will. Da ihr die Behörden dabei nicht helfen wollen, heuert sie den raubeinigen Marshall „Rooster“ Cogburn (Jeff Bridges) an, der zusammen mit ihr und dem Texas Ranger LaBoeuf (Matt Damon) die Spur des flüchtigen Mörders (Josh Brolin) aufnimmt.
True Grit wird als internationale Premiere außer Konkurrenz im Wettbewerb der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin präsentiert. Der Verleih Paramount wird True Grit am 24. Februar 2011 in die deutschen Kinos bringen.
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