Der Jemen lag in den vergangenen Monaten eher im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich zunächst auf Tunesien und den Tahrir-Platz, dann auf Libyen und aktuell vor allem auf Syrien und Ägypten richtet. Immerhin war der Jemen parallel zum Berlinale-Auftakt wieder kurz in den internationalen Schlagzeilen: Das eindrucksvollste Pressefoto des Jahres wurde bei den Protesten gegen den autokratischen Staatschef Saleh aufgenommen.
Seit Jahren hatte der Jemen eindenkbar schlechtes Image: Als armer, von Rivalitäten zwischen Clans zerrissener Nachbar der ölreichen Golfmonarchien und Zufluchtsort von Al-Qaida wurde der Staat auf der Arabischen Halbinsel, wenn er nach neuen Entführungen westlicher Touristen oder neuen Drohnen-Angriffen der CIA mal wieder kurz ins Blickfeld geriet. Sean MacAllister wollte im Auftrag der BBC über Kais berichten, der als Hotelbesitzer und Reiseführer unter den instabilen Verhältnissen besonders leidet. Die Aufnahmen in McAllisters Dokumentation The Reluctant Revolutionary zeigen eine reizvolle Gebirgslandschaft, die dazu prädestiniert wäre, Besucher anzulocken.
Genau in den Beginn der Dreharbeiten platzten die Selbstverbrennung in Tunesien. Binnen Wochen flammten fast übrerall in Nordafrika und Arabien Proteste gegen die feudalen Strukturen und die Chancenlosigkeit der Jugend auf. McAllister nutzte die Chance, änderte sein Konzept und begleitete seinen Protagonisten durch die Umbruchszeit. Wie der Filmtitel schon verrät, will Kais zunächst nichts damit zu tun haben, als er von einem Protestcamp in der Hauptstadt Sanaa hört. Er nimmt die jungen Leute nicht ernst, die nach dem Vorbild des Tariert-Platzes dort ausharren und ihre Schuhe gegen die Großbildleinwand werfen, als Salehs Rede dort übertragen wird.
Kais kaut lieber Khat, die landestypische Droge, und sorgt sich um seine private Existenz: Das Hotel musste er schliessen, mit der Miete für das Reisebüro ist er seit Monaten im Rückstand und seine Frau droht, ihn zu verlassen. Mit verwackelten Handkameraaufnahmen filmen McAllister und Kais heimlich die ersten Demos, noch recht distanziert, für Kais ist das nicht mehr als ein Reiseführer-Job.
Die Stimmung kippt, als die Sicherheitskräfte am Friday of Dignity brutal auf die Proteste einknüppeln und es zu zahlreichen Toten und Verletzten kommt. Jetzt positioniert sich auch der unpolitische Kais klar auf der Seite der Regimegegner, als er hautnah miterlebt, wie Freunde und Nachbarn schwer verletzt werden.
The Reluctant Revolutionary ist ein gelungener Auftakt zur Dokumentarfilmreihe der Berlinale. Zur Premiere brachte der Regisseur auch seinen Hauptdarsteller Kais mit. Er berichtete, dass Saleh mit einigen Finten und Scheinangeboten im Amt bleiben wollte, schließlich aber doch nach 33 Jahren zurücktreten musste. Aktuell ist die Situation dort erstaunlich ruhig, man erwartet mit Spannung die ersten freien Wahlen.
Die Bildrechte liegen bei Sean McAllister und wurden von Internationalen Filmfestspielen Berlin zur Verfügung gestellt.
Zur Eröffnung des Berlinale-Wettbewerbs wurde gestern der französische Beitrag Les Adieux à la Reine gezeigt, der den Spagat zwischen historischem Kostümfilm und politischem Revolutionsdrama wagt.
Auf der Skala der Eröffnungsfilme bekamen wir von Regisseur Benoit Jaquot oberes Mittelmaß geboten: Kostümfilme neigen häufig dazu, dass sie allzu sehr in ihren Dekors schwelgen und hübsche Frauen in erlesenen Gewändern durch die Landschaft flanieren. An gutaussehenden Schauspielerinnen (Léa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen) herrscht in diesem Film wahrhaft kein Mangel.
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Die Stärke des Films ist es, die Atmosphäre im Schloss Versailles am Vorabend der Französischen Revolution gekonnt nachzuzeichnen. Die Ereignisse werden aus der Sicht von Marie Antoinettes Vorleserin, Sidonie Laborde, erzählt: Im Hofstaat wird über merkwürdige Ereignisse getuschelt, auf den unteren Ebenen der Hierarchie weiß niemand etwas Genaues, hinter vorgehaltener Hand wird über einen Sturm auf die Pariser Bastille gemunkelt.
In langen Einstellungen wird debattiert, wie die Königsfamilie reagieren soll: Fliehen und dann mit treuen Verbündeten von der Festungsstadt Metz aus zurückschlagen? Oder kann man doch noch gelassen abwarten, bis sich die Unruhen in der Hauptstadt wieder legen?
Sehr im Spekulativen verliert sich der Film, als er die Gerüchte über eine lesbische Affäre von Marie Antoinette zu einer Gräfin in aller Ausführlichkeit auswalzt. Die Romanvorlage kolportiert schließlich ein Dreiecksverhältnis, das zu Lasten der unschuldig-naiven Vorleserin endet. Diese Nebenhandlung gewinnt am Ende die Oberhand über die interessante Studie über den Machtverfall, die den Anfang des Films prägte, und schmälert somit den positiven Eindruck.
Ein überraschend reifes Erstlingswerk eröffnete die Reihe Panorama: Umut Dag taucht in Kuma in das Beziehungsgeflecht einer türkischen Migrantenfamilie in Wien ein. Die Mutter ist an Krebs erkrankt und verfällt auf die Idee, aus einem anatolischen Bergdorf ein junges Mädchen zu holen. Offiziell wird die arrangierte Ehe mit dem Sohn der Familie geschlossen, der aber nur an Männern interessiert ist. Tatsächlich ist die junge Frau aus der Türkei als neue Ersatzfrau für das Familienoberhaupt vorgesehen.
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Mit viel Feingefühl entwickeln Drehbuch und Regie ein bedrückendes Drama aus einer Parallelgesellschaft mit ihren eigenen rigiden Moralvorstellungen, überraschenden Wendungen, aber nicht ohne Aggressionen, Blut und Gewalt. Kuma ist ein sehenswerter Eröffnungsfilm, der die Spannungsverhältnisse unaufdringlich auslotet und vom Publikum mit viel Lob aufgenommen wurde.
Die Bildrechte liegen bei Carole Bethuel (Les adieux à la Reine) und WEGA Film (Kuma) und wurden von den Internationalen Filmfestspielen Berlin zur Verfügung gestellt.
Typisch für die Berlinale ist ein Schmuddelwetter mit Matsch, Schneeregen und Triefnasen. Wahrscheinlich wird es auch gegen Ende des 10tägigen Festivals bei der 62. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele vom 9.-19. Februar wieder so werden. Aktuell hat die sibirische Kaltluft Berlin noch mit zweistelligen Minusgraden als Tageshöchsttemperaturen fest in ihrem eisigen Griff. Die Oscar-Verleihung, die bereits ihre Schatten vorauswirft, ist ohenhin eine starke Konkurrenz. Man darf aber nun umso mehr gespannt sein, wieviele Hollywood-Diven es wagen, im Abendkleid der Kälte zu trotzen und über den Roten Teppich zu flanieren.
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Aus der Not, in puncto Glamour-Faktor nicht ganz mit Cannes, Venedig oder Los Angeles mithalten zu können, macht Festival-Direktor Dieter Kosslick eine Tugend und schärft das politische Profil des Festivals: Zwei Schwerpunkte sind klar erkennbar. Im Forum des Jungen Films sind drei Beiträge aus Japan zu Gast, die aus verschiedenen Perspektiven die Katastrophe von Fukushima aufarbeiten. vor allem im Panorama sind Dokumentarfilme aus der Arabischen Welt stark vertreten, die in den Arabischen Frühling vom Kairoer Tahrir-Platz bis nach Jemen eintauchen.
Der Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären muss ohne ganz große Namen aufkommen. Gespannt dürfen wir auf Brillante Mendoza sein, der mit Captive in das Milieu der Abu-Sayyaf-Milizen im Dschungel der Philippinen eintaucht und in den vergangenen Jahren der Liebling anderer Filmfestivals war. Aus der Riege der deutschen Regisseure sind mal wieder die drei "üblichen Verdächtigen" Hans-Christian Schmid (Was bleibt, mit Corinna Harfouch und Lars Eidinger), Matthias Glasner (Gnade, mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr am Polarkreis) und Christian Petzold (Nina Hoss als Barbara) vertreten.
Ein Blick lohnt sich auch auf die Sektion Generation 14 plus die längst mehr ist als das Jugendfestival des Filmmonsters Berlinale: Die Filme überraschen immer wieder durch ihren frischen, frechen Ton und ihre ernsten Themen.
Eine Hollywood-Diva ist jedenfalls doch fest eingeplant: Meryl Streep wird mit einem Ehrenbären für ihr facettenreiches Lebenswerk ausgezeichnet. Vor der Preisverleihung wird ihr neuer Film The Iron Lady, ein Porträt von Margret Thatcher, zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sein: In Großbritannien streiten sich die Filmkritiker und Leitartikler von links bis rechts bereits seit einigen Wochen, ob die streitbare Ex-Politikerin zu einseitig dargestellt ist.
Darüber und über anderes Wissenswertes wird /e-politik.de/ wieder vom 9. bis 19. Februasr aus den Berliner Festival-Kinos berichten.
Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.
Zum 6. Mal fand im Berliner Kino Babylon ein besonderes Festival statt, das in der Fülle der Veranstaltungen herausragt. Pünktlich zum Adventsbeginn laden die Organisatoren zur Entdeckungsreise Around the world in 14 films ein: Die Highlights aus Cannes, Venedig, San Sebastian, Locarno oder Toronto, die sonst untergehen würden, wahrscheinlich nie in deutschen Kinos zu sehen wären und höchstens auf DVD einen Verleih finden würden, werden von prominenten Paten und mit interessanten Gesprächsrunden eine Woche lang präsentiert.
Der spannendste und bildgewaltigste Beitrag stammte aus Japan: Sono Sion fasste sich in Cold Fish zum Abschluss seiner Hass-Trilogie für seine Verhältnisse erstaunlich kurz: Nach Love Exposure, der mit einem wilden Mix aus Bolero-Klängen, religiösen Symbolen und Rache-Plots mehr als vier Stunden im Forum der Berlinale für volle Kinosäle sorgte, zaubert der Regisseur diesmal 144 Minuten lang ein diabolisches kleines Meisterwerk voller rabenschwarzem Humor auf die Leinwand. Ein eiskalter Geschäftsmann mit jovialer Fassade macht seinen Geschäftspartnern Angebote, die sie nicht ablehnen können, und lässt sie mit sehr ausgefeilten Techniken verschwinden, wenn sie es wagen, seinen Plänen zu widersprachen. In einer temporeichen Geschichte voller Ideen schwelgt der Film in seiner eigenen sarkastischen Parallelwelt.
Surreal und voller Halluzinationen, aber dennoch hochpolitisch ging es zur Eröffnung bei Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod zu. Der spanische Regisseur Alex de la Iglesia steht hierzulande bisher im Schatten von Pedro Almodóvar, zeigte aber in einigen seiner Filme bereits erstaunliche Kunstfertigkeit. In seinem Parforce-Ritt durch die spanische Geschichte widmet sich der Film vor allem den Massakern des Bürgerkriegs und den bleiernen Franco-Jahren. Mit grausamen Splatter-Gemetzeln und symbolisch aufgeladenen Szenen über einen bösen Clown, der den Diktator darstellen soll, und einen traurigen Clown, der für den Widerstand steht, inszeniert de la Iglesia einen Film, der sich an seinen Bildern berauscht und das Publikum spaltet. Die Jury unter Vorsitz von Quentin Tarantino zeichnete Mad Circus für die Beste Regie und das Beste Drehbuch aus. Die Brutalität der albtraumhaften Szenen ist auf die Dauer aber sehr zermürbend, wie auch der prominente Filmpate Volker Schlöndorff warnte. Vieles wirkt auch zu sehr wie L´art pour l´art.
Sehr viel ruhiger ging es beim iranischen Film Good Bye von Mohammad Rasoulof zu, der im Oktober zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde: In beklemmenden Einstellungen folgt er dem Kampf einer jungen Anwältin, die zunächst ihre Arbeitserlaubnis verliert und anschließend mit den Behörden um ein Ausreisevisum ringt. Der Film wurde im Sommer heimlich zum Festival nach Cannes geschmuggelt und wurde dort mit dem Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard ausgezeichnet.
Weniger explizit, aber doch wahrnehmbar werden die gesellschaftlichen Konflikte in den Beiträgen aus Marokko und Russland verhandelt: Leila Kilani porträtiert in On the edge die Wut junger Arbeiterinnen in einer Shrimps-Fabrik, die vom besseren Leben in Freihandelszonen an der Küste oder in Europa träumen. Ihre gehetzten Blicke, ihre wilden Raps und ihre aufgestaute Energie lassen erahnen, welche Konflikte zum Arabischen Frühling führten. Die enorme soziale Kluft in Russland thematisiert Elena von Andrei Zvyangitsev, der von Ulrich Matthes voller Begeisterung vorgestellt wurde, aber manchmal etwas plakativ war: Elena heiratete einen Neureichen, der den größten Teil seines Vermögens seiner verwöhnten Tochter vererben möchte. Sie pendelt zwischen zwei Welten: Ihrem neuen Leben in der Luxus-Villa und der Sozialwohnung, in der ihr Sohn mit seiner Familie haust.
Musikalisch konnten die Small Town Murder Songs des Kanadiers Ed Gass-Donnelly am meisten überzeugen: Den Soundtrack zu diesem düsteren Film Noir über Morde in einer Mennonitengemeinde lieferte Bruce Peninsula mit Gospel-, Rock- und Percussion-Klängen.
Für Freunde des Bollywood-Kinos ist Raavanan empfehlenswert. Diese tamilische Dreiecksgeschichte ist gespickt mit Anspielungen auf archaische Mythen, stilisierten Action-Einlagen und schwülstigen Gefühlsausbrüchen, unter denen die Hauptdarstellerin, das L´Oreál-Model Aishwarya Rai Bachchan ausdrucksstark leidet.
Der Kurzfilm kommt viel zu kurz: Auf 3sat und arte gibt es einige Nischen, Festivals leisten sich manchmal Nebenreihen. Deshalb ist es verdienstvoll, dass ein Mal im Jahr beim Berliner interfilm-Festival die kleine, aber feine Form pointierter Leinwand-Kunstwerke im Mittelpunkt steht.
Von Dienstag bis Sonntag wurden mehr als 500 Kabinettstückchen zwischen 1 und 30 Minuten Länge präsentiert: Eine unerschöpfliche Fundgrube für Entdeckungen mit interessanten Schwerpunkten auf Asien und der Schweiz. Überraschend war vor allem der frische, freche Ton vieler Filme aus der Reihe Heidi Revisited, vor allem im Programm I ha di gärn, die sehr souverän verschiedene Erzählformen ausprobierten.
Mit der prominentesten Besetzung konnte Hardi Sturms Pärchenabend glänzen: Anna-Maria Mühe, Hannah Herzsprung und Alexander Khuon kämpften sich durch die Untiefen, die hinter den Fassaden ihrer Vorzeige-Beziehungen lauerten.
Sehr gelungen war die Mischung aus lustigen, teils sarkastischen Animationen und nachdenklicher Dokumentationen wie z.B. Khin Khi Shus The Bamboo Grove über einen krebskranken Mann im Delta Myanmars, der sich trotz der Schmerzen vom Arzt nicht dazu bewegen ließ, mit ins Krankenhaus der nächsten Stadt zu kommen, sondern lieber in seiner gewohnten Umgebung sterben will.
Der Rang des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar als einer der ideenreichsten und spannendsten Filmemacher, der maßgeblich zur gesellschaftlichen Liberalisierung Spaniens nach dem Ende der Franco-Diktatur beigetragen hat und mit seinen raffinierten Plots Arthazs-Kino-Publikum und Kritik seit mehr als zwei Jahrzehnten begeistert, ist unbestritten. Er changiert in seinen Filmen zwischen verschiedenen Genres, experiminiert mit melodramatischen Motiven, inszeniert spannende Thriller und stellt Geschlechterstereotype in Frage, schafft aber auch immer wieder Momente beißender Komik.
Sein neuester Film Die Haut, in der ich wohne ist sein düsterster Film seit langem. Nach Filmen wie Volver mit Penelope Cruz, die auch darauf zielten, ein breites Publikum ansprachen, setzt er nur in Stil, Plot und Regiehandschrift auf viele Stilmittel, die auf viele Kinobesucher eher abschreckend werden.
Der Film kreist um Vergewaltigung, Rachephantasien, Treue, Verrat, Grenzen des medizinisch Machbaren, Auflösung von Geschlechterrollen und Geschlechtsumwandlung mit einem alten Bekannten in der Hauptrolle: Antonio Banderas. Er wurde durch die ersten gemeinsamen Filme mit Pedro Almodóvar Mitte der 80er Jahre berühmt, reifte später zum Hollywooodstar in der Paraderolle des Latin Lovers spielt in Die Haut, in der ich wohne einen Schönheitschirurgen, der sich nach dem Verlust von Frau und Tochter von der Außenwelt abkapselt.
Das kunstvolle Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Figuren, das sich in Rückblenden und überraschenden Wenden auffächert, ist ein typisches Beispiel für Almodóvars Regie-Handschrift und ab dieser Woche in den deutschen Kinos zu erleben.
Die Webseite zu Die Haut, in der ich wohne
Kinostart: 20.10.2011
Dokumentarfilme sorgen nur selten für Schlagzeilen. Der Fall Chodorkowski von Cyril Tusch ist eine dieser Ausnahmen. Vor der Berlinale 2011 waren unter mysteriösen Umständen Kopien verschwunden, was zu Spekulationen in den Medien führte. Bei der Premiere im Kino International soll es zu fast tumultartigen Szenen gekommen sein, weil das Publikumsinteresse das Fassungsvermögen des Kinosaals weit überstieg.
Cyril Tuschi gelang mit Der Fall Chodorkowski eine der sehenswertesten Dokumenationen dieses Kinojahres, die in ruhigem Ton und vielen Interviews die vielfältigen Facetten dieses Justiz- und Politdramas aus Putins gelenkter Demokratie auffächert. 180 Stunden Interviews wurden auf 110 Minuten verdichtet, ein besonderer Coup des Regisseurs war, dass ihm tatsächlich einige kurze Gesprächsminuten mit Chodorkowskij am Rande einer Gerichtsverhandlung gewährt wurden. Chodorkowskij wirkt darin erstaunlich gelassen. Offensichtlich war er sich auch vor seiner Verhaftung im Jahr 2003 bewusst, dass er im Visier der Justiz steht, da sich die Vorwürfe und die Untersuchungen gegen den Yukos-Konzern und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew intensivierten. Vor allem galt dies nach einem denkwürdigen Konflikt mit Putin bei einem Treffen mit den anderen Wirtschafts-Oligarchen im Kreml und angesichts finanzieller Unterstützung von Oppositionspolitikern. Obwohl ihm seine Situation bewusst war, kehrte er von einer USA-Reise zurück und wurde noch im Privatjet verhaftet. Ihm wurden in mehreren Verfahren Steuerhinterziehung, Untreue und Diebstahl von Ölvorräten vorgeworfen. Das gesamte Verfahren wirrd seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen massiv kritisiert.
Der Film zeichnet aber auch die interessante Vorgeschichte nach: Der Komsomol-Kader und Chemiestudent Chodorkowskij steigt während Gorbatschows Perestroika und Jelzins Privatisierungspolitik zu einem der reichsten Männer seines Landes, verändert seinen gesamten Kleidungsstil und wird zu einem einflussreichen Konzernlenker.
Für das deutsche Publikum, das diesen Film nach seinem bundesweiten Start ab 17. November im Kino erleben kann, sind vor allem die Auftritte von Joschka Fischer und Gerhard Schröder höchst interessant. Gerhard Schröder verweigert jedes Interview zu seinem Duzfreund und Geschäftspartner Putin und dessen Widersacher Chodorkowskij. Der Film zitiert nur Archivaufnahmen einer ZEIT-Matinee, als Schröder von Josef Joffe und Michael Naumann auf den Prozess und die anschließende Inhaftierung des Ölmanagers Chodorkowskij in Sibirien angesprochen wurde. In seiner flapsigen Machohaftigkeit antwortete er nur, dass schließlich jeder Staat seine Steuersünder bestrafen müsse. Auf Joffes Einwand, aber doch nicht gleich in Sibirien, konterte der Alt-Kanzler, dass wir hierzulande eben kein Sibirien haben.
Sein langjähriger Vize-Kanzler und Außenminister Joschka Fischer stellte sich einem Gespräch in sommerlicher Parklandschaft, die wohl sein Garten im Grunewald ist. In seiner unnachahmlichen Art macht er dem Regisseur Tuschi klar, dass er wie die meisten anderen Menschen nicht in der Lage sei, die Weltlage so klug zu analysieren wie der große Staatsmann Joschka Fischer. Menschenrechte seien schön und gut. Aber man dürfe nicht übersehen, dass die Weltpolitik von Interessen dominiert werde. Das habe sein Gegenüber nicht begriffen, raunzte er beim Aufstehen aus seinem Stuhl.
Filmstart: 17.11.2011
Parallel zur Abstimmung um den euro-Rettungsschirm und vor dem Hintergrund immer düsterer Meldungen über Griechenlands Schuldenlast kam ein Independent-Film in die deutschen Kinos, der schon im Winter auf der Berlinale viel Aufmerksamkeit bekam: Margin Call - Der große Crash zeichnet mit prominenter Besetzung (Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore), aber geringem Budget den Moment nach, als in der Risikoabteilung einer Bank klar wird, dass die toxischen Papiere, die Warren Buffet als Massenvernichtungswaffen bezeichnete, unkontrollierbare Wirkung entfalten.
In nächtlichen, hektischen Krisensitzungen beraten zunächst die Abteilungsleiter, bis der Boss (Jeremy Irons) beschließt, dass es seiner Meinung nach keine andere Möglichkeit gibt, als die wertlosen Papiere binnen Stunden am nächsten Morgen auf den Markt zu werfen. Die Glaubwürdigkeit des Hauses und der einzelnen Börsenhändler, die ihren Käufern den Schrott mit Überzeugungskunst andrehen müssen, ist damit auf Jahre hinaus ruiniert. Aber andernfalls würde der große Crash das Bankhaus wohl sofort ruinieren.
Margin Call ist ein sehr dialoglastiger Film, der deutlich auf die Abgründe der internationalen Finanzmärkte hinweist. Die Regulierung, die nach der Lehman-Pleite 2008 angekündigt wurde, blieb in Ansätzen stecken, die überfällige Einführung der Finanzmarkttransaktionssteuer ist immer noch nur im Planungsstadium.
Der Filmtitel geht auf einen Fachbegriff aus der Börsensprache zurück, mit dem vor dem Überschreiten roter Linien gewarnt wird.
Kinostart: 30. September 2011
Eine der besten und unterhaltsamsten Kinokomödien dieses Jahres beschäftigt sich pünktlich zum Papst-Besuch mit dem Kulturschock, wenn verschiedene Lebensstile und religiöse Weltanschauungen auf einander treffen.
Marcus H. Rosenmüller hat sich bereits als Regisseur intelligenter Komödien wie Wer früher stirbt, ist länger tot einen Namen gemacht. Gemeinsam mit der Drehbuchautorin Ursula Gruber gelang ihm mit Sommer in Orange ein unterhaltsamer Film, der sehr genau hinschaut und tief in die Milieus, die er beschreibt, eintaucht. Es gelingt ihnen sicher auch deshalb, der Gefahr zu entgehen, sich über ihre Figuren nur als Klischee-Abziehbilder lustig zu machen, weil die Autorin Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit einfließen lässt.
Sommer in Orange zeigt die Schwierigkeiten der Kreuzberger Großstadtpflanze Lili, sich im oberbayerischen Talbichl einzuleben, wo die Welt zwischen Sonntagsbraten, Kirchgang und Kreuz bei der CSU noch ganz übersichtlich geordnet erscheint. Das gilt aber nur, bis die Sannyasin-Kommune aus Kreuzberg inklusive Lilis überforderter Mutter auf dem Bhagwan-Selbsterfahrungstrip auf einem Bauernhof ankommt und die Nachbarschaft mit ihren Ritualen und dem Plan, ein Religions- und Kulturzentrum aufzubauen, aus der Fassung bringt.
Die Drehbuchautorin, die Anfang der 80er Jahre selbst in einer ähnlichen Kommune im oberbayerischen Hohenschäftlarn aufwuchs, zeichnet das Leiden, die Anpassungs- und Abgrenzungsbemühungen des Mädchens und viele kuriose, komische Beobachtungen dieses Clash of Cultures einfühlsam nach.
Sommer in Orange startete am 18. August bundesweit in den Kinos.
Selten sieht man bei kulturellen Veranstaltungen ein so junges und buntes Publikum wie am vergangenen Wochenende im Kino Moviemento beim Filmfestival Asian Hot Shots Festival.
Der Kontinent erwies sich wieder mal als Fundgrube für hochinteressante und ungewöhnliche Entdeckungen. Beeindruckend war z.B. die Experimentierlust und der Mut des Abschlussfilms Madame X. In einer Bonbon-grellen Ästhetik und voller Zitate der Superhelden-Mythen und asiatischer Kampftechniken streitet der Film gegen Fundamentalismus und für Transgender-Rechte. So gelang dem indonesischen Regisseur Lucky Kuswandi eine Verbindung aus unterhaltsamer Popkultur und politischem Anspruch.
Nicht ganz so stark waren die experimentellen Kurzfilme, die am Sonntag Nachmittag vor dem großen Gewitter gezeigt wurden. Vieles wirkte dort eher erwartbar und unfertig.
Alles in allem hat sich das Festival in seiner vierten Auflage fest im Berliner Kulturkalender etabliert. Nur der Termin Anfang September direkt nach der Sommerpause ist eher ungünstig, weil das Festival dann mit besonders vielen anderen Ereignissen konkurriert, wie ExBerliner zurecht schrieb.
In der Reihe Neuer deutscher Film wurde gestern im ausverkauften Kino Babylon in Berlin-Mitte die Dokumentation Godmother of Punk vorgestellt. Die Koproduktion des rbb mit arte und dem Schweizer Fernsehen wühlte sich intensiv durch die Archive und förderte zahlreiche Perlen aus Nina Hagens turbulentem Leben zu Tage.
Allein schon die Parodien auf Schlager-Stars wie Mireile Mathieu, die Nina Hagen als Teenager im DDR-Fernsehen der siebziger Jahre bot, sind das Eintrittsgeld wert. Das Publikum kann in einem bunten Bilderbogen schwelgen, der Hagens künstlerische Entwicklung nachzeichnet. Die Klassiker wie Du hast den Farbfilm vergessen, o Michael, mit dem sie zum Star wurde, ihr skandalträchtiger Auftritt in der ORF-Talkshow Club 2, ihre Besuche beim Guru in Indien und ihre aktuelle Hinwendung zum Christentum dürfen in der Dokumentation natürlich nicht fehlen.
Ein Höhepunkt des Films ist die kurze Interviewpassage mit Wolf Biermann, der bis zu seiner Ausbürgerung Nina Hagens Stiefvater war. Er schildert eindrucksvoll, wie Nina Hagen sich als junges Mädchen in gewohnt exaltierter Art über seine Kritik an Staatschef Walter Ulbricht empört hat.
Im Anschluss an den Film beantwortete Nina Hagen in gewohnt schrillem Outfit noch einige Fragen der Regisseurin und stimmte acapella einige Lieder an. Mit ihrer Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, lieferte sie sich noch einen Schlagabtausch voller verbaler Spitzen. Ganz so, wie man es von ihr erwartet.
Die Dokumentation ist am kommenden Dienstag, 16.8., ab 21.30 Uhr auf arte zu sehen.
In dieser Woche startet der iranische Film bundesweit in den Kinos, so dass sich jeder selbst ein Bild machen kann, ob diese Vorschusslorbeeren berechtigt sind.
Bei Asgar Farhadis Gesellschaftsdrama handelt es sich meiner Meinung nach um den stärksten Sieger der Berlinale-Festivals der vergangenen Jahre. Das liegt zum Teil an seinem präzisen Blick auf die Konflikte zwischen den sehr unterschiedlichen Milieus in Teheran. Es liegt aber auch daran, dass frühere Preisträger meist schon nach wenigen Wochen in der Versenkung verschwanden und kaum jemand das Jury-Urteil nachvollziehen konnte.
Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist, mit welchem Mut er zwei Stunden lang den Finger in die Wunden der iranischen Gesellschaft legt: die weibliche Hauptfigur Simin möchte am liebsten das Land gemeinsam mit ihrer Tochter verlassen. Nach den Regeln des Gottesstaates ist die Scheidung aber nicht so einfach möglich. Dennoch trennt sie sich von ihrem Mann Nader, der daraufhin eine streng religiöse Frau als Haushaltshilfe und Pflegerin seines dementen Vaters anstellt. Sie ist eine prototypische Anhängerin von Ahmadinedschad, der seine Basis vor allem in den ärmeren Stadtvierteln hat.
Der Film zeigt schonungslos, wie schwer es ist, sich in dem Netz aus Vorschriften und ungeschriebenen Verhaltensregeln in der Mullahkratie zurechtzufinden und halbwegs durchzulavieren. In wechselnden Konstellationen treffen sich die Protagonisten vor Gericht, verheddern sich in Halbwahrheiten und werden immer verzweifelter.
Es ist sehr erstaunlich, dass der Film der sonst so strengen Zensur nicht zum Opfer. Im Gegenteil: an den Kinokassen und vor allem im DVD-Verkauf ist der Film im Iran ziemlich erfolgreich. Der Regisseur hat im Gegensatz zu Kollegen wie Jafer Panahi auch kein Reiseverbot. In Berlin konnte er aber diese Woche dennoch nicht anwesend sein: der französische Kulturminister hatte ihn eingeladen.
Die Webseite zum Film
Der ehemals mit weitem Abstand beliebteste Politiker und wortgewandte Staatsmann erklärt uns mal wieder die Welt: Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Pepe Danquart schreitet Joschka Fischer im aktuellen Kinofilm "Joschka und Herr Fischer" die Stationen seines langen Laufs zu sich selbst und durch die Institutionen ab.
Fischer taucht mit ausführlichen Erklärungen in seine Vergangenheit mit all ihren Brüchen und Häutungen ein. Die Stichworte liefern ihm großformatige Videoleinwände, die uns noch mal Episoden seines Lebenswegs vor Augen rufen. Die meisten Bilder hat jeder politisch Interessierte schon oft gesehen, vieles gehört ins kollektive Gedächtnis der jüngeren Zeitgeschichte: Die Vereidigung in Turnschuhen als hessischer Umweltminister 1985, die Straßenschlacht mit dem am Boden liegenden Polizisten im wilden Frankfurter Sponti-Milieu der 70er Jahre, das schmerzverzerrte Gesicht nach dem Farbbeutelwurf auf dem Bielefelder Sonder-Parteitag der Grünen zum Kosovo-Krieg 1999 oder sein "I am not convinced!", mit dem er Donald Rumsfeld in der Irakkriegs-Debatte auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2003 zurechtwies.
Der Filmemacher hob mit seinem Team aber auch einige Schätze aus dem Archiv Grünes Gedächtnis und bietet einige interessante Sequenzen aus der tiefkatholischen Heimat Fischers, der als Sohn von Vertriebenen in der schwäbischen Provinz aufwuchs. Seine Kampflust und sein Durchhaltevermögen hat es sicher geprägt, dass er schon früh in einer Außenseiterrolle war und sich sein katholisches Heimatdorf in einer Diaspora-Situation gegen die umliegenden protestantischen Gemeinden abschottete.
"Joschka und Herr Fischer" ist ein durchaus sehenswerter politischer Dokumentarfilm, wenn man von folgenden Schwächen absieht: Mit mehr als zwei Stunden ist die anekdotenreiche Zeitreise etwas zu lang geraten. Ohne recht erkennbaren Zusammenhang sind kurze Statements z.B. von der Schauspielerin Katharina Thalbach eingefügt. Gerade an diesen Stellen hätte man rigoroser schneiden müssen. Außerdem spaltet Joschka Fischer die Gemüter: Seine Selbstzufriedenheit über das Erreichte lässt er das Publikum deutlich spüren.
Die Webseite zum Film "Joschka und Herr Fischer"
Überraschend reif ist das Debüt von Florian Kläger und Lisa Sperling, die gerade erst mit ihrem Filmstudium begonnen haben. Seit Januar 2010 filmten sie die sich langsam hochschaukelnden Proteste um Stuttgart 21. In prägnanten Interviews stellen sie die unterschiedlichen Milieus, die sich am Protest beteiligen, und ihre jeweiligen Argumente anschaulich vor: Vom alteingesessenen schwäbischen Bürgerturm bis zum junge Studenten mit Rasta-Zöpfen, vom pensionierten Sozialkundelehrer bis zum ehemaligen Banker.
In Stuttgart 21 - Denk mal! sind die Aufnahmen von der Eskalation mit Wasserwerfern und Tränengas am 30. September im Schlossgarten besonders eindrucksvoll, da sie die Dynamik dieses entscheidenden Tages gut einfangen: Die fröhliche Stimmung der Schülerdemo schlägt bald in brutale Szenen um.
Erstaunlich ist auch, wie schnell die beiden jungen Filmemacher ihr Material geschnitten und bis zuletzt um aktuelle Aufnahmen ergänzt haben. Ein bemerkenswerter Beitrag in der Perspektive Deutsches Kino! Ausgerechnet bei diesem Film blieben einige Plätze leer, woran auch Durchsagen, dass es an der Kasse noch Tickets gebe, nichts mehr änderte.
Eine komplette Enttäuschung war dagegen Mishen von Alexander Zeldovich. Im Russland des Jahres 2030 reisen Victor, der Minister für nationale Bodenschätze, und einige andere Neureiche in eine abgelegene Bergregion. Dort lässt ein geheimnivoller Jungbrunnen Körper und Seele erneuern.
Was vielversprechend klang, entpuppte sich als krude Mischung aus Liebesgeschichten und weiteren undefinierbaren Erzählsträngen. Reale zweieinhalb Stunden fühlten sich an wie fünf und ließen das Publikum scharenweise flüchten. Am lebendigsten war es im Kinosaal, als meine Nachbarin zur Hälfte des Films so laut schnarchte, dass sich die komplette Reihe vor uns irritiert umdrehte.
An Filmen und Büchern über die Entwicklung der RAF herrschte in den vergangenen Jahren gewiss kein Mangel. Kann der Wettbewerbs-Beitrag Wer wenn nicht wir überhaupt noch neue Facetten beleuchten?
Man durfte aus zwei Gründen dennoch auf diesen Film gespannt sein: Der Regisseur Andres Veiel machte 2001 mit der sehr reflektierten und gut recherchierten Dokumentation Black Box BRD über den Mord an Deutsche Bank-Chef Herrhausen auf sich aufmerksam. Immerhin ist er ein Filmemacher, der sich Zeit nimmt, genau hinzuschauen und Zusammenhänge zu beleuchten. Außerdem erzählt Veiel in Wer wenn nicht wir nicht von der Hochphase des Deutschen Herbstes, sondern zeigt die Entwicklung von Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis).
Als Pastorentochter aus einem schwäbischen Elternhaus lernt sie an der Uni Bernward Vesper (August Diehl), den Sohn des umstrittenen Blut- und Boden-Dichters Will Vesper, kennen. Der Spielfilm hangelt sich an den vielen Berichten über die Höhen und Tiefen dieses Paares entlang. So oder so ähnlich mag es gewesen sein, als Ensslin und Vesper in einem selbstgegründeten Verlag erfolglos versuchten, die Bücher Will Vespers wieder aufzulegen.
Der Programmkatalog spricht treffend von einer "extremen Liebesgeschichte": Die beiden treiben sich schier an die Schmerzgrenze, betrügen sich mit anderen Partnern, versöhnen sich wieder, ziehen nach West-Berlin und engagieren sich für die SPD, während Ensslin an ihrer literaturwissenschaftlichen Dissertation arbeitet.
Kurze Filmschnipsel über die Notstandsgesetze, den Schah-Besuch und das Attentat auf Rudi Dutschke werden dazwischengeschnitten: Die Studentenproteste werden lauter und der kraftstrotzende, großmäulige Andreas Baader (Alexander Fehling) tritt in Gudrun Ensslins Leben. Sie verlässt Mann und Kind, Ensslin und Baader radikalisieren sich immer mehr und beginnen mit Aktionen wie dem Kaufhausbrandanschlag in Frankfurt/Main. Vesper verliert sich in Verzweiflung und Drogentrips und begeht 1971 Suizid.
Die Chronologie dieser scheiternden Biographien erzählt der Regisseur recht brav in etwas mehr als zwei Stunden. Andres Veiel war aber nicht gut beraten, sich diesem Thema in seinem Spielfimdebüt zu widmen. Als Dokumentarfilmer hat er sich einen Namen gemacht, Die Spielwütigen war der Publikumsliebling der Berlinale 2003 und neben Black Box BRD zeigte er auch in Kick, dass er sich komplexen Themen einfühlsam nähern kann.
Die prominenten Figuren der Zeitgeschichte bleiben diesmal seltsam blass und vor allem im letzten Drittel verlassen doch einige Besucher die Vorführung.
Ein weiterer sehr politischer Beitrag lief als Berlinale Special: Die spanische Regisseurin Isabel Coixet, die schon mit mehreren Filmen im Wettbewerb vertreten war, setzte ein Interview mit dem Ermittlungsrichter Baltasar Garzón in Szene. Er wurde durch den internationale Haftbefehl, der 1998 zum Hausarrest des chilenischen Ex-Diktators Augusto Pinochet in London führte, weltbekannt und prägte die Entwicklung zu einer internationalen Strafgerichtsbarkeit entscheidend mit.
Escuchando al Juez Garzón ist ein minimalistischer Film: Die Kamera richtet sich auf das Interview, das Manuel Rivas im Dezember 2010 mit Garzón führte. Aus acht Stunden Material wurde dann eine Filmfassung von 90 Minuten erstellt. Da die Dokumentation auch noch komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist, erinnert die ganze Ästhetik sehr an Fernsehinterviews der 60er Jahre, wie sie z.B. Günter Gaus führte.
Inhaltlich ist der Beitrag interessant, aber zu voraussetzungsreich: In schnellem Tempo werden Garzóns Ermittlungen gegen die ETA, der Fall Pinochet und ähnliche Auseinandersetzungen mit der argentinischen Militärjunta besprochen. Der Schluss des Gesprächs konzentriert sich ganz auf drei Verfahren, die im vergangenen Jahr wegen des Vorwurfs der Rechtsbeugung gegen Garzón eingeleitet wurden.
An der Stelle wurde es endgültig zu komplex: Die beiden Interviewpartner warfen nur so mit Fachbegriffen aus dem spanischen Prozessrecht um sich. Der Film setzt zu viel voraus.
Garzón und sein Interviewpartner sind sich einig, dass es sich bei den Vorwürfen, die zu seiner vorübergehenden Suspendierung führten, um eine Kampagne innenpolitischer Gegner handelt. Er machte sich zuletzt vor allem dadurch Feinde, dass er auch in den Abgründen des Franco-Regimes noch genauer ermitteln wollte.
Die Hintergründe des Rechtsstreits sind von der FAZ schlüssig aufbereitet. Das Film-Interview verzettelt sich dagegen in den undurchsichtigen Details eines der drei aktuellen Verfahren, wo es um finanzielle Vorteile geht, die Garzón bei einem Forschungsaufenthalt an der New York University angeblich erschlichen haben soll.
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