Sehr vielversprechend klang die Ankündigung des Gastspiels Aus der Mitte der Gesellschaft des Staatstheaters Oldenburg bei den Autorentheatertagen: Die Absturzängste der Mittelschicht füllen seit der Einführung von Hartz IV und dem Schock der Finanzkrise ganze Bücherregale. Guido Westerwelle baute einen sehr erfolgreichen Wahlkampf auf seinem Versprechen eines einfacheren und gerechteren Steuersystems mit Entlastungen für die Mittelschicht auf, bis die Blase in der Regierungsrealität platzte.
An Stoff für einen interessanten Abend mangelte es also nicht und auch einige Fachleute aus dem politischen Berlin wie z.B. der Chef der Abteilung Innenpolitik der Grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung wurden angelockt. Leider gelang dem Regisseur Marc Becker und seinen vier Schauspielern nur ein recht fader Abend, der einige Scherze bot, aber das spannende Thema wie den heißen Brei umkreiste.
Dabei wäre die Grundidee, die drei Männer und ihre Kollegin in einem A-Capella-Chor und einigen Soli sprechen zu lassen, durchaus reizvoll gewesen. Aber so blieb der Abend trotz guter Ansätze auf halber Strecke stecken.
In den kommenden Tagen wird bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater noch eine Dresdner Adaption des hochgelobten Romans Der Turm zu sehen sein, an der Armin Petras und sein künftiger Dramaturg am Berliner Maxim-Gorki-Theater federführend mitwirkten. Zum Abschluss lockt die Lange Nacht der Autoren mit vier Uraufführungen von Nachwuchsautorinnen und -autoren.
Festivals sind die idealen Orte für überraschende Entdeckungen. Wer hätte gedacht, dass das Stadttheater Bern einen solch schwungvollen und ungewöhnlichen Theaterabend wie Murder Ballads im Repertoire hat? In den Feuilletons der großen Zeitungen erfährt man hin und wieder von den Inszenierungen in Zürich und Basel. Aber Bern haben wir normalerweise nicht auf dem Schirm, wie Joschka Fischer so schön sagen würde. Mit Bern assoziieren wohl auch die meisten Schweizer nur sprichwörtliche Langsamkeit, den Verwaltungsapparat und die Sennenhunde.
Deshalb ist es bemerkenswert, dass den Scouts und dem Team der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin diese unterhaltsame Aufführung Murder Ballads mit dem Untertitel Ein blutiger Abend nicht entgangen ist. Das Konzept ist ungewöhnlich, aber bestechend einfach: Die Drehbuchautorin Rebecca Kricheldorf bettete die elf Songs aus Nick Caves berühmtem Album Murder Ballads (1996) in eine Rahmenhandlung mitten im tiefsten Mittleren Westen der USA ein. Eine abgelegene Bar mit einem unberechenbar-lasziven und bedrohlichen Barmann (Andri Schenardi), der für seine schlangenhafte Beweglichkeit und seine Gesangskünste den stärksten Applaus bekommt.
Neben der Stammkundin (Marianne Hamre) bevölkern nach und nach weitere zwielichtige und gestrandete Kreaturen diesen Un-Ort, fordern sich zu Trinkspielen heraus und erzählen sich über Morde und tragische Unglücksfälle. Das bietet die stimmige Atmosphäre für Nick Caves Songs, die von den Ensemble-Mitgliedern mit Begeleitung der Band Los Hemiolos angestimmt werden. Natürlich durfte auch Nick Caves Duett Where the Wild Roses grow mit Kylie Minogue nicht fehlen, das alle Schauspieler zusammen auf Schaukeln trällern.
Die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin
Im Spielplan der Neuköllner Oper haben die Musicals, die Peter Lund und Thomas Zaufke ihren Studentinnen und Studenten der UdK Berlin auf den Leib schreiben und komponieren, einen festen Platz. Mit viel Spielfreude, vollem Körpereinsatz und guten Gesangsleistungen erzählt der Schauspiel-Nachwuchs vor stets sehr gut besuchten Rängen eine humorvolle Geschichte. In der neuen Produktion Mein Avatar und ich geht es um das Web 2.0 mit all seinen Innovationen und Schattenseiten.
Augenzwinkernd werden die Typen vorgeführt, die man in der schönen neuen Welt der digitalen Kommunikation antrifft: den Computernerd, der sich in stundenlangen Sitzungen auf höchste Levels in seinen Ballerspielen hocharbeitet und bei Facebook fast 750 Freunde, aber kaum noch Kontakt zur Welt vor seiner Haustür hat; den chatsüchtigen Banker, der unter Pseudonym nach hübschen Frauen jagt, aber doch nur seinem Narzissmus frönt; die Mädchen, die sich begeistert den Heile Welt - Phantasien von Pinkyville widmen.
Eine besonders schöne Beobachtung von Lund und Laufke sind die titelgebenden Avatare aus "Second Life": 2007 wurde diese Community in den Kreativ-Klitschen Berlins und den Medien als nächster großer Hype gefeiert, der dann aber recht sang- und klanglos wieder abebbte. Was passiert eigentlich mit den Avataren, die damals angelegt wurden, aber seitdem kaum je wieder aktiviert wurden?
Im Ensemble ragen der junge Schotte Dirk Johnston als Gordon und Benjamin Sommerfeld als Joschi heraus: Mit diabolisch geschminkten Augenringen führt Gordon als Mischung aus Mephisto und Vampir Regie und bringt den unbedarften Joschi in manche schwierigen Situationen.
Unverständlich ist aber, warum einer der Schauspieler im bei sommerlichen Temperaturen ohnehin stickigen Theatersaal ohne jede dramaturgische Einbindung und Relevanz minutenlang rauchen muss. Da Klaus Wowereit in seinem ohnehin halbherzigen und kaum ernst genommenen Nichtraucherschutzgesetz gegen den Widerstand vieler Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker das Rauchen auf Theaterbühnen in einem Atemzug mit Gefängnissen und Psychatrien zulässt, ist das zwar erlaubt, aber für das Publikum dennoch nicht gerade angenehm
Am Deutschen Theater Berlin läuft seit Mitte Februar eine Produktion, die die Premierenkritiken spaltete: Nicolas Stemann engagierte die bekannte Schauspielerin Maria Schrader als Gaststar und rührte mit einigen Ensemble-Mitgliedern eine merkwürdige Nummern-Revue aus dadaistischen Einlagen, Arbeitsverweigerung und Texten zusammen.
Das Ganze firmiert unter dem Genre "Liederabend" und steht im Programmheft unter "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter!". Schon nach wenigen Vorstellungen ist der Zuschauerraum an diesem Freitag nur knapp zur Hälfte gefüllt. Tatsächlich war das Stück über weite Strecken der knapp zwei Stunden schlicht langweilig.
Die Schauspieler und ihr Regisseur wollen aus dem Zwang zur Sinnproduktion aussteigen und liefern am Ende nur einen Abend schaler Gags, der an verstaubte Volksbühnen-Inszenierungen frührerer Tage erinnert und für ein breites Publikum, das sich nicht für selbstreferentielle Theoriedebatten von Theaterwissenschaftlern und die ausgestellte Langeweile des Staatstheater-Ensembles interessiert, uninteressant ist.
Das Problem dieses Abends liegt auf der Hand: Die proletarischen Weber schreien schon in den ersten Sätzen, als sie am Fuß der Treppe über ihr Leben am Existenzminimum klagen. Wie kann man das Schreien noch steigern? Die Unzufriedenheit sollte bis zum blutigen Aufstand der Weber anwachsen - so sieht es die Handlung von Gerhart Hauptmanns "Die Weber" vor. Bei Michael Thalheimers Inszenierung am Deutschen Theater gibt es statt einer nachvollziehbaren Entwicklung der Figuren vor allem eines: ein Schreien, Zetern und Brüllen bis zum bitteren Ende, das die Stimmbänder der Schauspieler ganz schön ramponiert hat.
Statt einer Entwicklung der Figuren und einer nuancierten Zeichnung der Charaktere erleben wir vor allem klischeehafte Abziehbilder von ausgebeuteten Arbeitern in breitem Schlesisch, die vom herablassend-jovialen Firmenchef Dreißiger (Ingo Hülsmann), der sehr aktuell auf die Zwänge des Marktes verweist, und seiner Marie Antoinette-haften Gattin (Isabel Schosnig) abgewiesen werden.
Die Uraufführung des Stücks "Die Weber" sorgte 1892 im selben Haus noch für großen Aufruhr: Der Polizeipräsident verbot das Stück nach der Premiere. Kaiser Wilhelm II. war so erzürnt, dass er seine Loge am Deutschen Theater kündigte. Noch Jahre später weigerte er sich, Gerhart Hauptmann den Schiller-Preis zu überreichen.
Heute lässt die Inszenierung die meisten Zuschauer unbeteiligt. Angela Merkel geht eher selten ins Theater und schon gar nicht in eine kaiserliche Loge. Sie pendelt stattdessen zwischen den Hartz IV-Verhandlungen über 5 € höhere Regelsätze und ein "warmes Mittagessen" für die Kinder, das Ursula von der Leyen so sehr am Herzen liegt, und dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Offensichtliche soziale Probleme gibt es genug. Wie könnte man sie auf der Theaterbühne thematisieren? Dazu braucht es mehr als diesen recht lieblos zerschrienen Abend.
Sybille Berg hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen
als bitterböse Beobachterin von Beziehungsneurosen und schönen, neuen
Arbeitswelten gemacht. Ihre Kolumnen und Theaterstücke legen mit treffsicheren
Pointen den Kern der Malaise frei.
So auch in ihrem neuen Stück „Nur nachts“, das die traurige
Verzweiflung der beiden Mitt-Vierziger Peter und Petra zeigt. Mit ähnlich
geringem Marktwert, voller Bindungsängste und von der Midlife-Crisis geplagt
treffen sich die beiden grauen Mäuse (gespielt von Judith Hofmann und Peter
Moltzen) eines Abends. Mit Gesichtern, denen die Unzufriedenheit mit ihrem
Leben eingeschrieben ist, und altbackenen Kleidern quälen sich beide Figuren tagelang mit ihren Ängsten.
"Du hast die Wahl romantisch zu sein und zu leiden oder
Romantik zu vergessen und glücklich zu sein" schrieb Sibylle Berg im
Programmheft. In diesem Dilemma ringen die beiden Figuren mit sich und den
Gespenstern ihrer Albträume. Der Regisseur Rafael Sanchez lässt eine wilde
Bande von Geistern auftreten: Mal im Gleichschritt marschierend, mal hopsend
taucht die Truppe auf der Bühne auf, angeführt von Christoph Franken und Natali
Seelig.
Zum Missfallen einiger Zuschauer kippt der bittere Ernst der
Sybille Berg immer wieder in trashigen Humor: Eine Hand wir abgesägt, Christoph
Franken lässt sich als Baby auf der Bühne wickeln. Die Konsequenz: Nicht nur
auf der Bühne kriselt es in den Beziehungen, auch ein Paar im Publikum streitet
vernehmlich. Er meckert vor sich hin: „O Gott, ist das alles flach“, sie
versucht, ihn zu besänftigen. Bis er sich dann zur Hälfte des Stücks durch die
Reihen der Kammerspiele des Deutschen Theaters zur Garderobe kämpft.
Es hätte dem Stück besser getan, sich ganz auf den funkelnden
Zynismus der Berg-Dialoge zu konzentrieren und ihn nicht mit einer Soße aus
schalen Gags und Regieeinfällen zu überdecken. In gedämpfter Stimmung drängt
sich das Publikum nach knapp zwei Stunden durch den engen Ausgang. Zwei Frauen
mittleren Alters sind sich einig: Gut, dass der XY nicht dabei gewesen sei. Für
den wäre das zu bitter gewesen.
Mit großem Publikumserfolg läuft seit Anfang Herbst Die Legende vom 60/40-Gemisch in der Bar des Deutschen Theaters: Eine Annäherung von fünf "Wessis" und zwei Schweizern an einen der bekanntesten Filme der DDR-Geschichte, Die Legende von Paul und Paula.
Mit Mut zu hässlichen Frisuren (Ole Lagerpusch mit einem seltsam undefinierbaren Wischmopp und Elias Arens als King vom Prenzlauer Berg mit Atze Schröder-artiger Pudelfrisur) und altbackenen Kleidern (Katrin Wichmann und Barbara Heynen) spielen einige junge Mitglieder des DT-Ensembles eine Laienspielschar, die sich bemüht, den Film für die Bühne zu adaptieren.
Moritz Grove gibt den hysterischen Regisseur, der von seinen Ideen absolut überzeugt ist und sich vor allem mit Katrin Wichmann Schreiduelle liefert, wie das Stück gespielt werden soll. Dazwischen schaltet sich immer wieder Bernd Stempel ein, der einzeige Ostdeutsche im Team, der seine Mitstreiter aufklärt, dass es so nun überhaupt nicht geht.
So entsteht ein durchaus unterhaltsamer Abend, an dem die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Lust an trashigen Facetten ausleben dürfen und dazwischen immer wieder Lieder aus der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik zum Besten geben, v.a. von den Puhdys, die mit diesem Film ihren Durchbruch feierten.
Die Silvester-Vorstellung ist bereits ausverkauft, für einige Dezember-Vorstellungen gibt es noch Karten.
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Hinter diesem merkwürdigen Titel verbirgt sich das neueste Stück von Roland Schimmelpfennig, laut Dramaturgin des Deutschen Theaters der momentan auf deutschsprachigen Bühnen meistgespielte zeitgenössische Autor.
Im Stil von Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? oder Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels verhaken sich zwei Paare aus dem Bildungsbürgertum: Statt angeregter Konversation endet das Wiedersehen nach sechs Jahren in gegenseitigen Schuldzuweisungen und Verzweiflung.
Anders als in den beiden oben genannten Salon-Tragikömodien mischte Schimmelpfennig seinem Plot noch etwas Weltpolitik bei: Bei ihm geht es nicht um tote Hamster oder Unikarrieren, sondern ein Bürgerkrieg in Afrika bringt die wohlgeordnete Abendunterhaltung durcheinander: Carol und Martin stießen bei ihrer idealistischen Arbeit dort an ihre Grenzen. Sie haben sich wohl mit HIV infiziert, fürchten sich aber davor, in einem Test Gewissheit zu bekommen. Ihre Beziehung ist brüchig, aber sie haben auch nicht den Mut zur Trennung. Ihr Adoptivkind ließen sie vor Ort zurück und stehen nun vor der schweren Aufgabe, wieder Halt zu finden.
Recht banal kreist die Konversation um die Schuldgefühle der beiden Paare: Was ist die richtige Haltung? Hierbleiben, ab und zu spenden und Bonos Medien-Charity-Maschinerie irgendwie gut zu finden? Oder sich vor Ort in einem Krankenhaus engagieren und in den Konflikten den Überblick zwischen "Gut" und "Böse" verlieren? Wie Brangelina ein armes Mädchen adoptieren und dann doch zurücklassen?
Maren Eggert, Ulrich Matthes, Sophie von Kessel und Norman Hacker wirken von diesem Stoff unterfordert. Sie sehen nicht besonders glücklich aus, recht lustlos lassen sie nach der knappen Stunde auch noch den Schlussapplaus über sich ergehen.
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Stefan Kaminski hat sich in den vergangenen Jahren eine
treue Fangemeinde erarbeitet. Wenn das ehemalige Ensemblemitglied des Deutschen
Theaters mit einem neuen Live-Hörspiel zu Gast ist, ist ein ausverkauftes Haus
in den Kammerspielen garantiert.
Nach seiner Adaption des Blockbusters King Kong und einer
skurrilen Hörspielfassung von Richard Wagners Ring-Tetralogie brachte
Kaminski mit seinen beiden Musikern Sebastian Hilken und Stefan Brandenburg in
diesem Herbst mit Es kam von oben einen Science-fiction-Stoff auf die Bühne.
In verschiedenen Stimmlagen lässt er eine Kleinstadtszenerie
in Sandberg Zitty, irgendwo in den USA, vor dem geistigen Auge des Publikums
erstehen: Der Knall eines großen Einschlags verunsichert die Bewohner, als dann
mehrere Einwohner, u.a. der angesehene Professor für Astronomie und sein
Praktikant, spurlos verschwinden, gerät alles aus den Fugen.
Der Hobby-Journalist und Amateur-Astronom Rick Hudson ist
bald überzeugt: Es handelt sich nicht um einen Meteoriteneinschlag, sondern
waschechte Aliens hat es bei einer Notlandung auf die Erde verschlagen. Vom
Establishment wird er für diese gewagte These zunächst ausgelacht. Der
schmierige Sheriff hat es dagegen vor allem auf Hudsons Freundin abgesehen,
deren zartes Stimmchen und unschuldige Naivität an frühere Kaminski-Abende
erinnern.
Voller Spielfreude treibt Kaminski on Air die aberwitzigen
Volten des Plots voran: Gestaltwandler dürfen ebenso wenig fehlen wie ein
Großaufgebot von Einsatzkräften des Pentagons. Mit ironischen Anspielungen auf
E.T.s „Nach Hause“-Telefonaten entsteht ein vergnügliches Genre-Stück, bei dem
das Stammpublikum auf seine Kosten kommt. Stefan Kaminski zeigt in gewohnter
Manier sein breit gefächertes Repertoire. Der einzige Wermutstropfen: Nach
sieben Jahren gibt es kaum neue und unerwartete Akzente, viele Muster sind
schon aus den früheren Kaminski on Air-Inszenierungen bekannt.
Sebastian Nakajew wälzt sich als Othello in den letzten Pfützen des Brackwassers: Der intrigante Strippenzieher Jago (in den meisten Kritiken als bester Schauspieler des Abends gewürdigt: Stefan Stern) hat auch in dieser Inszenierung des Shakespeare-Klassikers die Saat der rasenden Eifersucht in dem leicht naiv wirkenden Kraftprotz gesät.
Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Marius von Mayenburg, der für die aktualisierte Übersetzung verantwortlich war, rückten Jago erkennbar in den Mittelpunkt des Stücks: Mal als Conferencier im schicken Anzug und mit Mikrofon, mal als unscheinbarer Mann in den Kulissen, bestimmt er den Lauf der Tragödie. Ansonsten spult Ostermeier den Stoff routiniert ab: So weit, so bekannt. Mit knapp drei Stunden zieht sich das Drama doch etwas in die Länge.
Eigene Akzente setzt der Regisseur noch bei der Eröffnungsszene: Laute Trommeln schlagen den Takt, als Venedig vom Angriff auf die Türken erfährt, Othello und Desdemona posieren zwischen halb und ganz nackt im Zentrum der Bühne und die Schauspieler waten durch mehr als knöcheltiefes Wasser, das gerne mal in Richtung der teuren Plätze in der ersten Reihe spritzt.
Der gesamte Abend wird von Trommelklängen oder Ska untermalt. In der Industriehallenästhetik der Schaubühne am Lehniner Platz kommt diese akustische Begleitmusik aber weniger gut zum Tragen, als es wohl im Sommer bei der Premiere im antiken Amphitheater von Epidauros der Fall gewesen sein muss.
Andreas Kriegenburgs unkonventionell besetzter "Sommernachtstraum"
16:18
Sonntag, 26. September 2010
Schon wieder Shakespeare? Noch dazu schon wieder eine "Sommernachtstraum"-Inszenierung? Das Deutsche Theater Berlin brachte doch erst vor drei Jahren eine Regie-Arbeit von Jürgen Gosch mit Corinna Harfouch in einer der Hauptrollen heraus. Da muss man schon gute Argumente finden, warum Andreas Kriegenburg, einer der aktuellen Hausregisseure des DT Berlin, nun ebenfalls diesen Stoff auf die Bühne bringen soll.
Kriegenburg versucht es mit einer sehr ungewöhnlichen Besetzung: Normalerweise konzentriert sich im "Sommernachtstraum" vieles auf die Verwirrungen des Quartetts aus Lysander, Demetrius, Hermia und Helena. Sie spielen diesmal aber nur die dritte Geige. Statt des jugendlichen Überschwangs junger Schönheiten ist das melancholischere Ringen gesetzterer Paare in der Lebensmitte zu erleben.
Der Abend gehört vor allem den Handwerkern und einem diabolischen Duo in gut geschnittenen Anzügen: Als Fensterputzer in Overalls überraschen einige der großen Diven des Ensembles. Barbara Schnitzler, Margit Bendokat und Almut Zilcher macht es sichtlich Spaß, mit aufgeklebten Bärten und in breitbeiniger Bodenständigkeit mit den Erwartungen zu spielen. Dazwischen lässt Kriegenburg seine Truppe immer wieder über pychologische, philosophische und kulturwissenschaftliche Thesen von Freud und Co. streiten. Diese Ergänzung des klassisschen Stoffs wirkt etwas gewollt. Einer der Höhepunkte des Abends ist aber ihre bewusst dilettantische Aufführung von Pyramus und Thisbe, das sie als "Stück im Stück" auf der finalen Hochzeitsfeier zum Besten geben.
Sehr gut sind auch Ole Lagerpusch und Daniel Hoevels in Szene gesetzt. Vor allem Letzterer war bisher noch kaum in größeren Rollen zu sehen, überzeugt aber als "Puck" an der Seite des Fürsten "Oberon". Die beiden Beaus genießen die Verwirrungen, die sie mit ihrem Liebeszauber angerichtet haben, mit spöttischem Grinsen vom Bühnenrand aus, bis sie den nächsten Einfall zu Madrigal-Klängen umsetzen.
Fazit: Trotz mancher Längen gelingen Kriegenburgs Regie-Team einige schöne und amüsante Szenen. Eine klassische Liebeskomödie mit überdurchschnittlich vielen küssenden Paaren in der Pause.
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Die Sorgen und die Macht - kabarettistische Geschichtsrevue am Deutschen Theater
17:36
Samstag, 11. September 2010
Das Deutsche Theater Berlin eröffnete die Spielzeit 2010/2011 mit einem Abend in Überlänge: Dreieinhalb Stunden inklusive kurzer Pause schlagen die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner einen bunten Bogen durch die DDR-Geschichte von der Zeit des Mauerbaus bis 1989.
Der konkrete Ausgangspunkt ist einer der größten Theaterskandale der DDR-Geschichte: Wolfgang Langhoff musste 1963 als Intendant des Deutschen Theaters zurücktreten, da sich die Partei und die Kulturbürokratie an seiner Inszenierung von "Die Sorgen und die Macht" störten, einem eigentlich recht harmlosen Stück von Peter Hacks über die Planerfüllung in einer Brikett- und einer Glasfabrik. Im anschließenden Publikumsgespräch wurde deutlich, dass bis heute nicht ganz geklärt ist, was die Zensurbeamten so erzürnte, dass diese leicht ironische, aber grundsätzlich linientreue Aufführung abgesetzt wurde. Jürgen Kuttner spekulierte über einen Machtkampf zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb des Apparats.
"Die Sorgen und die Macht" wäre als Text für ein heutiges Publikum kaum interessant, da er sich ganz auf die damalige Situation um den wirtschaftlichen Aufbau in der DDR konzentriert. Mit ziemlich vielen Längen schleppt sich diese Handlung dahin, da die beiden Autoren fast völlig auf Streichungen verzichteten. Lohnenswert wird der Abend erst durch die vielen Einschübe, Links und Episoden, die sich um den Text ranken. Eine Reich-Ranicki-Parodie trägt Rezensionen zur damaligen Skandalaufführung vor, direkt nach der Pause verliest ein Schauspieler Wolfgang Langhoffs Kotau vor dem Regime und auch erste Feuilleton-Kritiken zur Premiere wurden spontan in diesen überbordenden Theaterabend eingefügt.
Viele Anspielungen können sicher nur Menschen genießen, die sich bewusst an die DDR-Kulturpolitik erinnern können. Relativ unvermittelt stimmt Jürgen Kuttner ein Lied von Wolf Biermann an. Erst im Nachgespräch erschließt sich, dass er damit auf die unversöhnlichen Positionen zwischen Biermann und Hacks während der Ausbürgerung des Sängers 1976 anspielte, wie Jürgen Kuttner in einer seiner typischen Tiraden erklärte.
Neben einem Ulbricht-Zitat bleiben vor allem die wütenden Gedichte in Erinnerung, die Hacks nach dem Mauerfall schrieb: Er rieb sich zwar am System, hielt aber weiter an der Idee des Kommunismus fest und prangerte sowohl die SED-Nachfolgepartei als auch die Bürgerrechtler in Guillotinen-Phantasien an.
Fazit: Ein ungewöhnlicher, streckenweiser aber zäher Abend, der vor allem bei den älteren Besuchern mit Ost-Sozialisation gut ankam. Auf den vielen Abzweigungen vom Hauptpfad, dem eigentlichen Stück "Die Sorgen und die Macht", kann man interessante Entdeckungen machen, sollte aber viel Geduld und am besten auch Vorwissen mitbringen.
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Die Gedanken sind frei - Theater jenseits der Stadt- und Staatstheater: Die freie Szene
19:29
Sonntag, 13. Juni 2010
PortFolio Inc. heißt die Gruppe junger Theatermacher, der neben dem Regisseur Marc Lippuner die Dramaturgin Tine Elbel, die Bühnen- und Kostümbildnerin Halina Kratochwil und der Schauspieler Michael F. Stoerzer angehören. Zusammen mit drei Gästen probt sie derzeit in den Räumen des Theater unterm Dach für ihr neues Stück. Roland wer? Diese Frage bekommt das Produktionsteam in letzter Zeit immer häufiger zu hören. Seit einigen Wochen arbeiten sie an ihrem aktuellen Projekt „Schernikau.Sehnsuchtsland“, das am 17. Juni im Berliner Theater unterm Dach Premiere feiert. An dem Abend soll es um Ronald M. Schernikau gehen, einen streitbaren Literaten zwischen den Polen Ost und West, DDR und BRD, einem Dasein als schillernder Existenz und Bohemien. Besonders ist, wie unterschiedlich die Erläuterungen der Beteiligten ausfallen, wenn sie Freunden, Bekannten und Interessierten von ihrem neuen Projekt berichten, ihnen von Schernikau erzählen. Während die einen wie bei einem Lebenslauf mit seiner Geburt beginnen und die zentralen Lebensstationen umreißen – geboren in Magdeburg, als Kind mit der Mutter in den Westen, erste Schreibversuche, später aus politischer Überzeugung wieder zurück in die DDR, um sich dort schließlich als letzter Bundesbürger im Oktober 1989 einbürgern zu lassen – thematisieren die anderen charakteristische Merkmale seiner Persönlichkeit: Er war Kommunist, der aus Überzeugung und Verbesserungswillen zurück in die DDR ging, er war Literat mit Anspruch auf künstlerische Originalität und Authentizität, er war Homosexueller, bestimmt vom Willen nach freier Lebensäußerung jenseits konventioneller Normen. Vielleicht zeigt sich gerade in diesen verschiedenen Herangehensweisen das Spannungsfeld der Person Ronald M. Schernikau, immer wieder entwickelt sich sein Bild neu, je nachdem, von welchem Standpunkt aus er betrachtet wird. Dem will die Inszenierung des Regisseurs Marc Lippuner, die zugleich eine Stoffentwicklung ist, Rechnung tragen: Statt eines Schauspielers, der Ronald. M. Schernikau verkörpert, stehen drei Schauspieler auf der Bühne, die sich von verschiedenen Seiten Schernikau nähern: „Eine dreiseitige Annäherung“, wie es im Untertitel des Abends heißt. Michael F. Stoerzer, Thomas Georgiadis und Stefan Aretz sind drei ‚Enthusiasten’, die sich mit dem gemeinsamen Ziel, Schernikau dem Vergessen zu entreißen, zusammenfinden, nur hat eben jeder von ihnen eine andere Vorstellung von dem, was an Schernikau das Wichtigste war. Was passiert, wenn drei unterschiedliche Standpunkte aufeinander treffen?
Es scheint, als treffe PortFolio Inc. mit der Wahl seines Stoffes einen Nerv der Zeit. Zwanzig Jahre nach dem Tod Schernikaus erscheint sein Name wieder öfter, sei es in der Buchszene – etwa durch die im letzten Jahr erschienene Biographie „Der letzte Kommunist“ von Matthias Frings – in der Literaturwissenschaft oder in der Presse. Auf dem Theater ist er bislang aber nur wenig zu sehen gewesen, schon gar nicht seine Person als Thema selbst. Vielleicht gibt „Schernikau.Sehnsuchtsland“ einen Impuls für die Neu- und Wiederbeschäftigung mit dieser vielfältigen Persönlichkeit, ihrem Schaffen und Wirken. Mit seinen Ansichten war er seiner Zeit weit voraus, sie sind auch heute noch von hoher Aktualität. PortFolio Inc. gewährt einen Einblick in die vielfältigen Seiten Ronald M. Schernikaus. Man darf gespannt sein.
Premiere am 17.6.2010, 20 Uhr, Theater unterm Dach
Weitere Vorstellungen: 18.6.; 1.-4.7.; 9., 10.10.; 4., 5.11., jeweils um 20 Uhr
Am Maxim Gorki Theater wagte sich Felicitas Brucker an das existenzialphilosophische Thesenstück "Geschlossene Gesellschaft", das Jean-Paul Sartre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs herausbrachte.
Stück für Stück schälen sich die drei Hauptfiguren Inès, Estelle und Garin aus ihren Folien, in denen sie zu Beginn des Abends am Boden kauerten. Offensichtlich sind alle drei tot und haben aus unterschiedlichen Gründen Schuld auf sich geladen. Nach der christlichen Glaubenslehre würde man sie nun in der Hölle oder zumindest im Fegefeuer vermuten.
Zu ihrer Überraschung erwarten sie aber an diesem Ort, wo sie sich gegenseitig ihre Vergehen beichten und Lebensbilanz ziehen, keine heißen Feuer und keine Qualen durch Folterknechte. Alles scheint harmlos, aber doch machen sich die drei Figuren ihre postmortale Existenz gegenseitig zur Hölle. Mit Nadelstichen und Verletzungen pieken sie aufeinander ein, entlocken sich gegenseitig ihre abgründigen Geheimnisse und gieren vergeblich nach Sex oder Anerkennung, bis der jeweils andere zurückweicht.
An der Neuköllner Oper wurde in diesen Tagen die neueste Koproduktion des erfolgreichen Duos Wolfgang Böhmer und Peter Lund wieder aufgenommen. In Leben ohne Chris blickt der arrogante Schnösel, der mit 18 Jahren gegen den nächsten Baum fuhr, in Begleitung eines blonden Engels vom Jenseits herab. Stinksauer reagiert der Egozentriker, als in seiner Familie und in seiner Clique kaum jemand wirklich um ihn trauert. Das Leben geht offensichtlich weiter.
Mit leichter Hand, melodischen bis rockigen Songs und bissig-witzigen Texten taucht die Musicalkomödie in die Realität moderner Jugendlicher ein. Wie bereits in früheren Jahren verkörpern wieder hoffnungsvolle Mittzwanziger-Studenten aus der Klasse von Peter Lund an der Universität der Künste (UdK) die Figuren. Neben ihrer stimmlichen Präsenz beeindrucken auch ihre geradezu akrobatischen Einlagen und ihre Körperbeherrschung. Besonders viel Applaus aus diesem durchweg guten Ensemble ernteten Christopher Brose als Chris und Tobias Bieri als Engel, dem man seine Schweizer Herkunft nicht anhörte.
Ein kurzweiliger Abend, der ein junges Publikum, gerade im berüchtigten Problembezirk, an das Theater heranführt und eine willkommene Abwechslung im kulturellen Leben der Stadt bietet. Wer gute Unterhaltung sucht, ist hier richtig. Politischen Tiefgang und große gesellschaftspolitische Theorien gibt es dann wieder im nächsten Teil unserer Serie über "Berliner Bühnen", wenn Sartres "Geschlossene Gesellschaft" in einer Inszenierung des Maxim Gorki Theaters besprochen wird.
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