Das Deutsche Theater Berlin machte angesichts der sibirischen Kälte, die von Osten hereinbricht, das einzig Vernünftige und genießt eine Woche lang Ferien. Davor war noch eine Werkschau der Dramatikerin Dea Loher zu erleben: Ihr Stück Diebe wurde 2010 als Auftragsarbeit des Deutschen Theaters uraufgeführt und anschließend auch als eine der zehn besten Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen.
Regisseur Andreas Kriegenburg, der zuvor schon zahlreiche Loher-Texte auf die Bühne gebracht hatte, fand für das Bühnenbild eine interessante Idee: Ein großes Mühlrad, das an die mittelalterlichen Darstellungen der Räder des Schicksals anknüpft, dreht sich unerbittlich im Zentrum der Bühne. Mit jeder Umdrehung spuckt es die Protagonisten aus, die sichtlich um Halt ringen. Die kleinen Miniaturen zeigen Menschen, die verängstigt und desillusioniert sind. In geduckter Haltung schleichen sie durch ihr Leben, träumen von einer glücklicheren Zeit, stecken aber doch im Morast ihrer beengten Verhältnisse fest.
Tragikomisch sind diese Figuren, wie die Supermarkt-Angestellte Monika Tomason (Barbara Heynen), die vom Aufstieg zur Filialleiterin in Holland träumt und deswegen schon fleißig die Sprache lernt, am Ende aber doch wegrationalisiert wird, oder Linda Tomason (Judith Hoffmann), die sich in ihrer Einsamkeit eine Kleinfamilie an ihren Frühstuckstisch dazuerfindet. Die meisten Lacher entlockt das Ehepaar Schmitt (Bernd Moss und Katrin Klein) dem Publikum, die völlig verängstigt sind, da sie sich von einem undefinierbaren Tier beobachtet fühlen. Ihre kleinbürgerliche Idylle wird am Ende aber gar nicht von einem Tier bedroht, sondern von einem unheimlichen Besucher, der sich als Beobachter in ihrem Wohnzimmer breitmacht, bis ihnen der Geduldsfaden reißt und sie ihn erschlagen.
Die Grundstimmung dieser Miniaturen und taumelnden Gestalten schwankt zwischen Melancholie und Aberwitz, angesichts der Länge von fast 4 Stunden hätten einige Striche in der Textfassung den Theaterabend noch dichter gemacht.
1948, unter dem noch frischen Eindruck der Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis und angesichts der Moskau-hörigen Regierungen, die in Mittel-und Osteuropa eingesetzt wurden, schrieb Sartre ein Stück, das damals von der sogenannten bürgerlichen Presse in Frankreich gefeiert wurde.
In Die schmutzigen Hände beschreibt der Vordenker der existenzialistischen Philosophie das Schicksal von Hugo, der aus wohlhabendem Haus stammt und sich der kommunistischen Partei als Zeitungsredakteur anschließt. Ihn drängt es weg vom Schreibtisch, hin zur Tat. Von den Kadern seiner Partei erhält er schließlich den Auftrag, den Parteichef Hoederer zu liquidieren. Ihm wird von seinen Parteifreunden unterstellt, heimlich einen Pakt mit den Nazis schmieden zu wollen.
Ole Lagerpusch gibt den jungen Hugo mit nervösen Ticks und lebenslustiger Frau (Katharina Marie Schubert), die das von bedrückenden grauen Betonquadern hermetisch abgeschirmte Anwesen Hoederers mit ihrer Mischung aus Naivität und Laszivität aufmischt. Hugo ringt mit sich, die charismatische Ausstrahlung von Hoederer (Uli Matthes) zieht in in ihren Bann und er ist unfähig, seinen Auftrag auszuführen. Bis er ihn letztlich doch ausführt, allerdings aus Eifersucht, nach einer Liebesszene zwischen seiner Frau und Hoederer.
Die Konservativen in Frankreich waren damals vor allem deshalb so begeistert von dem Stück, da Sartre als linker Intellektueller ihren politischen Gegner, die kommunistische Partei, als Schlangengrube des Verrats und die Hauptfigur des Hugo als unfähigen Zauderer zeichnete.
Jenseits dieser vordergründigen Interpretation geht es in dem Stück grundsätzlicher um das Verhältnis zwischen Politik und Moral: Hoederer, mit allen Winkelzügen der Politik vertraut, ist in den Streitgesprächen des dialoglastigen Politdramas davon überzeugt, dass es nicht möglich ist, sich im politischen Geschäft die Finger nicht schmutzig zu machen und nie zu lügen.
Besonders interessant ist diesmal das Programmheft gestaltet: Die verantwortliche Dramaturgin Annika Steinhoff ordnet das Drama mit dem Nachdruck kürzerer philiosophischer Texte und eines ausführlichen Original-Interviews Sartres aus den 60ern in das Denken des Philosophen ein und kontrastriert seine Thesen mit neueren Feuilleton-Texten wie dem ZEIT-Gespräch mit Stephane Hessel und Richard David Precht.
"Die schmutzigen Hände" hat keine überraschenden Inszenierungsideen - von dem erwähnten klaustrophobischen Bühnenbild abgesehen. Regisseurin Jette Steckel konzentriert sich ganz auf die Kraft von Sartres Dialogen, die nachhallen und zu weiteren Debatten über das Verhältnis von Moral und Politik einladen. Diese sind aktuell sicher so notwendig wie eh und je, wie jüngste Ereignisse bewiesen.
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Seit 2009 ist Arthur Schnitzers selten gespieltes Drama Der einsame Weg auf der Bühne des Deutschen Theaters zu sehen. Die Besetzungsliste liest sich wie ein All-Star-Team der deutschsprachigen Schauspielkunst: Nina Hoss, Ulrich Matthes, Almut Zilcher, Ernst Stötzner, Barbara Schnitzler lauten die klangvollen Namen, die der preisgekrönte Filmregisseur Christian Petzold (Innere Sicherheit, Yella, Wolfsburg, Gespenster, Jerichos) bei seinem Theaterdebüt um sich scharte.
Wie bei Schnitzler, des Zeitgenossen von Sigmund Freud, üblich steigt auch dieser Text tief hinab in die Seelenqualen seiner Figuren. Lebenslügen und die Zwänge gesellschaftlicher Konventionen werden angesichts eines vor 23 Jahren unehelich gezeugten Kindes im Wiener Künstler-Milieu aufgespürt und verhandelt. In sehr elaboriertem Ton und sehr aufrecht schreitend leiden die Akteure auf der Bühne an sich selbst und an einander.
Auch wenn der Beifall sehr freundlich war, sprang doch kein rechter Funke über. Alles wirkt wie ein ruhig dahinfließendes Konversationsstück aus fernen Zeiten, die schon mehr als ein Jahrhundert zurückliegen. Der Regierungssprecher Steffen Seibert wird es genossen haben: Nach einer anstrengenden Arbeitswoche, in dem er immer neue Enthüllungen über den Bundespräsidenten aus so unterschiedlichen Medien wie BILD, SPIEGEL, SZ und FAS lesen musste und anschließend sichtlich Mühe hatte, als Sprachrohr der Kanzlerin die richtige Mischung aus vorsichtiger Distanz und Doch-nicht-fallen-lassen zu finden, war dieser Theaterabend sicher ein wesentlich entspannterer Gegenpol ohne weitere Aufregung.
In der Box, der kleinen Experimentierbühne hinter der Bar des Deutschen Theaters, ist in diesen Wochen ein erfrischender Beitrag zur Globalisierungsdebatte zu erleben: Philipp Löhle, ein Nachwuchsdramatiker, der für seine pointierten Stücke bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde, zeichnet den "Lebensweg" einer Baumwollfluse nach.
Der gesamte Bühnenraum ist mit den watteartigen Knäueln übersät, nach und nach schälen sich die Schauspieler an die Oberfläche: Olivia Gräser, neben Christoph Franken, das einzige Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters an diesem Abend, spielt mit einer Mischung aus Witz und Naivität die Titelrolle als Das Ding: Mit großen Augen und akrobatischen Einlagen schildert sie den Weg der Baumwollfluse von der Ernte in Südamerika über die Container-Verschiffung nach China, die dortige Verarbeitung in einem Fußballer-Trikot, die durchgeschwitzten Freudentänze auf deutschen Fußball-Plätzen in Amateurligen bis zur Odyssee durch mehrere Müll-Sortieranlagen.
Geschickt verknüpft dieser kurzweilige Text die Reise der Baumwollfluse mit einigen Nebensträngen: Wie beeinflusst die globale Vernetzung der Produktions-, Kommunikations- und Handelswege das Leben des afrikanischen Soja-Bauern Siwa, der frustrierten Romanistin Katrin oder des chinesischen Kleinunternehmers Li?
Die richtige Würze verleihen diesem Abend die Spielfreude und der volle Körpereinsatz der Studenten der renommierten Schauspielschule Ernst Busch: Moritz Peschke trifft den richtigen Ton in verschiedenen Dialekten von Wienerisch bis Schwäbisch und schlüpft in verschiedene kleine Rollen. Aram Tafreshian und Iris Becher bekriegen sich als Ehepaar, zwischen denen wohl nie wirkliche Liebe herrschte. Kilian Ponert wechselt in den verschiedenen Szenen zwischen dem Chinesen Li und dem Afrikaner Siwa hin und her. Pascal Houdus startet als idealistischer Sunnyboy seine Mission als Entwicklungshelfer und findet sich am Ende nackt und gefesselt auf dem Boden der Tatsachen wieder.
Lesenswert ist auch das kurze Interview mit dem Autor Philipp Löhle im Programmheft, wo er beschreibt, wie ihm auf einer Reise nach Südamerika hautnah bewusst wurde, wie sehr die Globalisierung das Leben jedes Einzelnen mittlerweile prägt.
Im 200. Todesjahr Heinrich von Kleists kommt man an seinen Dramen in Berlin und auf vielen anderen Bühnen kaum vorbei. Andreas Kriegenburg brachte pünktlich zum 3. Advent sein Liebes-, Schauer- und Ritterdrama Käthchen von Heilbronn auf die Bühne des Deutschen Theaters. So stand es zumindest im Programmheft. Tatsächlich handelte es sich, wie Hartmut Krug im Deutschlandfunk resümierte, um eine Ausweichbewegung, in der sich der Hausregisseur im wahrsten Sinne des Wortes verzettelte.
Bezeichnend war schon, dass die Dramaturgin Sonja Anders in der wohl längsten Stückeinfrührungen der vergangenen Spielzeiten, Mühe hatte, einen halbwegs kompromierten Überblick über die antiquierte Dramenhandlung und die verkopften Grundzüge der Regie zu geben.
Das Publikum findet sich in einem riesigen Zettelkasten wieder, sechs Schauspieler wechseln sich in einem anstrengenden Dauer-Rollen- und Kleidertausch darin ab, eine Strichfassung des Dramas sowie Briefe von Kleist zu sprechen. Wie immer in Kriegenburgs Inszenierungen sind die Puppen und Ritterrüstungen oder viele andere kleine Details in mühe- und liebevoller Arbeit gestaltet, aber das hält einen Abend kaum zusammen, der nicht so recht weiß, wo er hin will.
In langen Reifröcken, wie sie zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs Mode waren, zanken sich Mutter Christine (Friederike Kemmer) und Tochter Lavinia (Maren Eggert) wegen der Liebeswirren der Familie Mannon, die am Ende alle gemeinsam in den Abgrund reißen. Die Orestie von Aischylos wurde mit Constanze Becker in der Hauptrolle im Jahr 2007 auf der Bühne des Deutschen Theaters von der Kritik gewürdigt und vom Publikum sehr geschätzt. In diesem Herbst brachte Stefan Kimmig das Stück Trauer muss Elektra tragen auf die Bühne des Großen Hauses: Die klassische Tragödie der Atriden-Saga wurde von Eugene O´Neill 1931 in das Neuengland der Sezessionskriege verfrachtet und mit den Erkenntnissen von Sigmund Freuds Psychoanalyse angereichert.
Die Tochter erträgt nicht, dass ihre Mutter die Abwesenheit des Vaters im Krieg, für den sie längst nichts mehr empfindet, für eine leidenschaftliche Affäre mit Adam Brandt (Bernd Moss) nutzt. Sie treibt ihren Bruder Orin (Alexander Khuon) zu einem blutigen Rachefeldzug gegen die eigene Mutter. Maren Eggert zeigt als Hauptfigur den ganzen Facettenreichtum ihres Könnens und hält die Fäden des Knäuels, das sich immer auswegloser verstrickt, in der Hand.
Erstaunlich ist, mit welcher Wut zahlreiche Feuilletons nach der Premiere gegen einen aus ihrer Sicht überflüssigen und verstaubten Abend anschrieben. Eugene O´Neills Drama sollte am besten von allen Spielplänen verschwinden, weil es misslungen sei, lautet der Tenor der Kritikenrundschau auf nachtkritik.
Es stimmt, dass der ganze Abend eher konventionell und ohne große Überraschungen inszeniert ist. Aber die schauspielerischen Leistungen sind einen Besuch wert.
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Am Hamburger Schauspielhaus waren die Anarcho-Komödianten von Studio Braun (Heinz Strunck, Rocko Schamoni und Jacques Palminger) schon mehrfach mit schrägen Produktionen zu sehen. Wie die Dramaturgin Anika Steinhoff bei der Stück-Einführung im Saal erzählte, schielten Ulrich Khuon und sein Team vom Thalia-Theater neidisch auf die Kollegen vom Schauspielhaus, da es zwischen den beiden großen Häusern der Hansestadt eine Abmachung gibt, sich die Regisseure nicht gegenseitig abzuwerben.
Als Khuon als neuer Intendant ans Deutsche Theater nach Berlin wechselte, stand früh fest, dass er Studio Braun einen Abend inszenieren sollten. Aus der Grundidee, im Kleist-Jahr ein Action-Musical auf die Bühne zu bringen, entstand schließlich in einem wohl recht aufreibenden kreativen Prozess das Stück Fahr zur Hölle, Ingo Sachs, das am vergangenen Wochenende Premiere hatte.
Zusammen mit Ensemble-Mitgliedern des Theaters und einem großen Orchester gestaltet Studio Braun einen wilden Parforce-Ritt durch die Erzählebenen, verknüpft Kleists vielleicht berühmteste Novelle Michael Kohlhaas mit Charles Bronsons Action-Filmen der Ein Mann sieht Rot - Reihe aus den 70er Jahren. Ole Lagerpusch gibt den egozentrischen Regisseur Ingo Sachs, dem die kongeniale Verbindung von Blockbuster und Autorenkino vorschwebt und der alle Beteiligten mit seinen Allüren in den Wahnsinn treibt.
Der unbedingte Wille zu trashigen Kostümen und schrägen Pointen lässt sicher die Herzen der Fangemeinde höher schlagen. Für das Bildungsbürgertum der Abonennten dürfte dieser Abend aber eher ein Fremdkörper bleiben, der sie irritiert zurück lässt.
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Kurz vor der Sommerpause hatte das Kammerspiel Tape seine Premiere am Deutschen Theater. Bis zur Wiederaufnahme in diesem Herbst ist die mediale Aufregung um die Fälle Strauss-Kahn und Kachelmann zwar etwas abgebbt, aber der Kern dieses Stücks bleibt aktuell wie eh und je.
Ähnlich wie in den beiden hochumstrittenen Verfahren ist auch in Tape, umstritten, was in einer bestimmten Nacht geschehen ist. Die Frage, ob die Staatsanwältin Amy (von Nina Hoss glänzend gespielt und gesungen) nach der High-School-Party von vergewaltigt wurde, bleibt bis zuletzt ungeklärt im Raum stehen. Auf engstem Raum und auf weniger als 80 Minuten kompromiert entfaltet sich ein Ringen um die Wahrheit zwischen dem gekränkten Vince (Felix Goeser), der sein Leben nicht in den Griff bekommt und als Kleindealer dilettiert, dem smarten Regisseur Jobn (Bernd Moss) und Amy.
Das Stück wurde 1999 von Stephen Belber geschrieben und 2001 mit den klingenden Namen Uma Thurman und Ethan Hawke verfilmt. Seitdem war es auf den deutschen Bühnen kaum zu sehen, so dass die beschriebenen Prozesse und die mediale Aufregung der entscheidende Auslöser gewesen sein könnten, dass Regisseur Stefan Pucher dieses Stück wieder ausgrub und auf die Bühne brachte.
Unangenehm war der Qualm, den die beiden Männer, während sie sich belauerten, durch die Zuschauerreihen ziehen ließen. Wie schon beim Kafkas Schloss-Adaption wurde die Luft in den Kammerspielen dadurch ziemlich stickig, ganz nach dem schlechten Vorbild des Maxim Gorki - Theaters. Der Senat sollte deshalb überlegen, diese Ausnahmeregelung im Berliner Nichtraucherschutzgesetz für Theaterbühnen endlich zu schliessen. In den meisten anderen Bundesländern ist das längst der Fall.
Nurkan Erpulat hatte einen kometenhaften Aufstieg in der deutschen Theaterlandschaft. Sein Stück Verrücktes Blut begeisterte am Ballhaus Naunynstraße Publikum und Feuilletons. Als frischgebackener Nachwuchsregisseur wagte er sich an in diesem Herbst an die Theaterfasung eines wuchtigen Texts, nämlich Franz Kafkas Roman-Fragment Das Schloss.
Nach einem solch frechen und witzigen Debüt, das vor Ideenreichtum sprühte, sind die Erwartungen hoch. Aber Nurkan Erpulat fand keinen Zugang zu diesem hermetischen, sprachgewaltigen Werk. In seiner Koproduktion der Ruhrtriennale und des Deutschen Theaters Berlin wirken die Schauspieler sehr alleingelassen, warum einer von ihnen über lange Strecken nur in Unterhose auf der Bühne herumsteht, erschliesst sich auch nicht recht.
Die Szenen, in denen der Landvermesser K. sich abstrampelt, Klarheit über die Machtspiele und Fallstricke in dem Dorf am Fuss des ominösen Schlossbergs zu gewinnen, gleichen sich sehr stark. Es zeigt sich, dass die Sprachgewalt und die bedrückende Atmosphäre vor allem als Lesetext ihre Wirkung entfalten. An diesem Abend gelingt es Erpulat, seinem Dramaturgen und seinen Schauspielern nicht so recht, daraus eine lebendige Theaterfassung auf die Bühne zu bringen. Dementsprechend leerten sich auch die hinteren Reihen der ausverkauften Kammerspiele gegen Ende der Inszenierung.
Neben der unbestrittenen sprachlichen Qualität von Kafkas Vorlage überzeugt an diesem Abend vor allem der Kinderchor der Berliner Staatsoper, die mit eingestreuten Songs der Doors die Szenen voneinander abgrenzen. Als Fazit bleibt, dass wir auf die nächste Regiearbeit von Nurkan Erpulat gespannt sein dürfen. Sein Potenzial hat er eindrucksvoll bewiesen, auch wenn es diesmal nicht so recht zur Geltung kam. Bis dahin lohnt sich die Lektüre von Franz Kafkas Romanfragmenten und Erzählungen.
Ayn Rand ist eine hochinteressante Figur der US-amerikanischen Philosophie. Der Guru der Finanzmärkte, der ehemalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan, berief sich ebenso auf ihre Thesen wie Julian Assange, das Idol der Open Data-Bewegung und Wikileaks-Kopf. Auch in einem feuilletonistischen Beitrag der Süddeutschen Zeitung über den Überraschungs-Coup, mit dem die Piraten das Abgeordnetenhaus von Berlin, enterten, durfte ihr Name nicht fehlen.
Sie wurde bekannt als Vertreterin eines libertären Individualismus, der die Freiheit des Einzelnen ins Zentrum des Handelns rückt. Vor allem in den USA prägt sich auch heute, fast dreißig Jahre nach ihrem Tod, die politische Landschaft, da die Tea Party ihr in vielen Punkten nahe steht.
Die Auseinandersetzung mit dieser in Deutschland nicht so bekannten Denkerin drängt sich also förmlich auf und verspricht spannende Reibungspunkte. Leider ging das Konzept des Regieduos Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, der dem Berliner Publikum durch seine Volksbühnen-Monologe bekannt ist, nicht auf. Das ältere Ehepaar neben mir zog am Ende das Fazit: "Wie langweilig!"
Interessante Ansätze gab es allerdings durchaus. Wie bei Kuttner als Stilmittel üblich liefen zu Beginn Videoschnipsel in Endlosschleife über die große Leinwand vor der Bühne: Ayn Rand sprach in alten Schwarz-Weiß-Interview-Aufnahmen über ihre Weltsicht. Furios war sicher auch der Schlussappell des Hauptdarstellers Daniel Hoevels, der ein weiterer Lichtblick des Abends war und hoffentlich noch öfter in wichtigen Rollen am Deutschen Theater Berlin zu sehen sein wird. In diesen wenigen Minuten lernte man das Gedankengebäude von Ayn Rand etwas besser kennen.
Dazwischen lag aber fast drei Stunden lang eine theatralische Fassung ihres Romans The Fountainhead, die in grauer Vorzeit des Hollywood-Kinos auch schon melodramatisch mit Gary Cooper verfilmt wurde. Mit zahlreichen Verfremdungseffekten in Brechtscher Tradition und skurrilen Auftritten von Jürgen Kuttner als schwarzer Witwe schleppte sich die Erzählung über den Architekten Howard Roark, der sich nicht anpassen, sondern seine künstlerischen Ideen 1:1 umsetzen möchte, wie Gerhard Schröder sagen würde, eher zäh hin.
Mit sehr schwerer Kost konfrontierte das Deutsche Theater sein Publikum
zum Auftakt der neuen Spielzeit: Drei Stunden lang deklamieren fünf
Schauspielerinnen die bedruckenden Text-Wüsten aus Elfriede Jelineks
jüngstem Werk Winterreise. Die einzigen fröhlichen Kontrapunkte sind
ihre Sommerkleider und die Blumenwiese, über die sie spazieren.
Wie bei Jelinek mittlerweile üblich, gibt es keine klaren Rollen oder einen roten Handlungsfaden. Die schauspielerinnen tragen abwechselnd einen Teil der wütenden Monologe vor. Die Kolleginnen verletzten sich im Hintergrund selbst mit Messern oder Scheren und quälen sich am Klavier durch Franz Schuberts titelgebenden Liederzyklus. Diese Motive aus Jelineks Biographie kennt man bereits aus ihrem Roman Die Klavierspielerin und der Haneke-Verfilmung mit Isabelle Huppert.
Auch sonst kommt einem vieles bekannt vor: Jelinek leidet erstens an sich selbst, zweitens an ihrer dominanten Mutter, drittens am demenzen Vater, viertens an Österreich und fünftens an der ganzen Welt. Die sprachgewaltigsten Passagen widmen sich wieder mal der Abrechnung mit Österreich. Vom Fall Kampusch zeigt sie Linien der Verachtun bis zum Massentourismus und der Zerstörung der alpinen Landschaften.
der Zielgeraden nicht richtig in Gang.
Gut, dass nun immerhin der in Berlin und Brandenburg weltberühmte Kabarettist Rainald Grebe etwas Schwung in die Angelegenheit bringt: am Maxim Gorki Theater führt er in etwas mehr als zwei Stunden durch die Untiefen des Berliner Kommunalwahlkampfs. Völker schaut auf diese Stadt nennt er sein neues Programm in Anspielung auf Ernst Reuter. Der aktuelle Amtsinhaber und potenzielle NachfolgerInnen kommen an diesem Abend nicht ganz so gut weg: Grebe und seine Kollegen sprechen und spielen die Originaltexte der Kandidatenauftritte nach und legen mit karikierendem Spott den Finger in die Wunde mancher Stilblüten.
Der Abend leidet unter einer Schwierigkeit: Wie kann eine Parodie noch zünden, wenn der Wahlkampf selbst schon mit schrägen und fast unglaublichen Einlagen ein eigenständiges Gesamtkunstwerk darstellt? Gegen die Live-Auftritte der Kandidaten des bunten Gewimmels
kleiner Parteien im rbb vor einigen Tagen mit der unfreiwilligen Komik, als nicht mehr klar war, wer hier der Satiriker Martin Sonneborn ist und wer seine Thesen ernst meint, kommt auch ein Mann vom Kaliber Grebes nicht so einfach an. Vor allem, wenn er im Vergleich zu seinen Soloprogrammen so ausser Form wirkt wie an diesem Abend, an dem auch noch eine Kollegin krankheitsbedingt ausfällt.
Dennoch gelingen manche schöne Momentaufnahmen. Vor allem die nachgestellten Interviews mit einem Rentner, der sich in Berliner Schnauze immer weiter in eine Wutrede auf den Regierenden Bürgermeister reinsteigert, und die Schlussparodie des hoffnungslosen FDP-Wahlkämpfers am Kotti, an dem die Passanten vorbeilaufen, sind sehenswert. Aber warum räuchern Rainald Grebe und seine Kollegen den Theatersaal mit ihrem Zigarettenqualm ein? Das ist eine der offenen Fragen nach diesem ungewöhnlichen Theaterabend.
Am Berliner Maxim Gorki Theater gingen in der Textfassung des Intendanten Armin Petras und des Regisseurs Jan Bosse leider viele wichtige Stränge von Leo Tolstois epischem Gesellschaftspanorama und seinen Reflexionen über das vorrevolutionäre russische Zarenreich verloren.
Geblieben ist ein Abend über die Sehnsucht nach und das Scheitern von Liebe. Auf der Setzkasten-Bühne mühen sich die Figuren ab, ihr Glück zu finden. Vor allem über der letzten Stunde nach der Pause liegt eine bleierne Schwere, als die Titelfigur Anna Karenina erkennt, dass nach der Trennung von ihrem Mann auch der Liebhaber Wronski nicht das erhoffte stabile Glück bringt.
Vor der Pause lebt das Stück vor allem von seinen beiden Stars: Fritzi Haberlandt als Anna Karenina und Milan Peschel als Wronski bieten eine Nummernrevue voller Kabinettstückchen ihres schauspielerischen Könnens. Das ist unterhaltsam, ansonsten bleibt einiges auf der Strecke.
Das Maxim Gorki Theater: www.Gorki.de
Verrücktes Blut am Ballhaus Naunynstraße gehört zum Besten, Frechsten und Interessantesten, was derzeit auf Berliner Bühnen zu sehen ist. Das wurde zwar schon oft in den Feuilletons von FAZ über SPIEGEL bis taz behauptet, stimmt aber trotzdem!
Mal wieder - auch ein knappes Jahr nach der Premiere - war die Aufführung im kleinen Theater in Kreuzberg 36 bis auf den letzten Platz ausverkauft, als die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle zwischen 20 und 30 Jahre jung sind, häufig einen Migrationshintergrund haben, wie es mit einem Wortungetüm korrekt heißt, und meistens auch im Kiez leben, sich in die Klischeeposen werfen, die einem durch den Kopf schießen, wenn man an Schulklassen in Kreuzberg oder Neukölln denkt.
Die Lehrerin (Sesede Terziyan) stöckelt auf hochhackigen Schuhen und voller Idealismus, den testosterongesteuerten Jugendlichen ihren Säulenheiligen Friedrich Schiller näherzubringen, auf verlorenem Posten über Parkett. Bis ihr in einem Handgemenge zufällig die geladene Pistole aus dem Rucksack eines Schülers vor die Füße fällt.
Sie ergreift die Chance, in ihrer Klasse endlich mal für Ordnung zu sorgen oder sie zu kärchern, wie Sarkozy sagen würde, und zwingt die Jugendlichen mit Schreckschüssen aus der vorgehaltenen Pistole, das Drama "Die Räuber" aus Reclam-Heften nachzuspielen. Es entwickelt sich ein aberwitziger Mix aus Melodram, Krimi, Post-Migrations-Sozialanalyse und Parodie auf Schultheatervorstellungen, die Wolfgang Höbel im SPIEGEL treffend als "Amok-Komödie" charakterisierte.
Identitäten werden diskutiert und ironisch gebrochen, die Volten der Handlung und die pointenreichen Dialoge halten das Publikum in Atem. Es war nicht zu bemerken, dass knapp die Hälfte des jungen Ensembles zum ersten Mal statt der bisherigen Besetzung einsprang.
Ein sehenswertes Stück, für das sich der Weg in den Kotti-Kiez trotz Dauerregen und U-Bahn-Pannen lohnte. Der Regisseur Nurkan Erpulat feierte mit diesem Werk seinen Durchbruch: Vom Off-Theater schaffte er es zum Berliner Theatertreffen der zehn wichtigsten deutschsprachigen Inszenierungen im deutschen Sprachraum. Mittlerweile arbeitet er auch schon an seiner zweiten Produktion für das repräsentative Deutsche Theater Berlin.
Das Stück wurde in nur knapp sechs Wochen als freie Improvisation nach der Grundidee des Films La Journée de la Jupe von Jean-Paul Lilienfeld einstudiert, der auf der Berlinale 2009 mit Isabel Adjani vorgestellt wurde.
Informtationen zu "Das Verrückte Blut"
Sehr vielversprechend klang die Ankündigung des Gastspiels Aus der Mitte der Gesellschaft des Staatstheaters Oldenburg bei den Autorentheatertagen: Die Absturzängste der Mittelschicht füllen seit der Einführung von Hartz IV und dem Schock der Finanzkrise ganze Bücherregale. Guido Westerwelle baute einen sehr erfolgreichen Wahlkampf auf seinem Versprechen eines einfacheren und gerechteren Steuersystems mit Entlastungen für die Mittelschicht auf, bis die Blase in der Regierungsrealität platzte.
An Stoff für einen interessanten Abend mangelte es also nicht und auch einige Fachleute aus dem politischen Berlin wie z.B. der Chef der Abteilung Innenpolitik der Grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung wurden angelockt. Leider gelang dem Regisseur Marc Becker und seinen vier Schauspielern nur ein recht fader Abend, der einige Scherze bot, aber das spannende Thema wie den heißen Brei umkreiste.
Dabei wäre die Grundidee, die drei Männer und ihre Kollegin in einem A-Capella-Chor und einigen Soli sprechen zu lassen, durchaus reizvoll gewesen. Aber so blieb der Abend trotz guter Ansätze auf halber Strecke stecken.
In den kommenden Tagen wird bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater noch eine Dresdner Adaption des hochgelobten Romans Der Turm zu sehen sein, an der Armin Petras und sein künftiger Dramaturg am Berliner Maxim-Gorki-Theater federführend mitwirkten. Zum Abschluss lockt die Lange Nacht der Autoren mit vier Uraufführungen von Nachwuchsautorinnen und -autoren.
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