Zum 6. Mal fand im Berliner Kino Babylon ein besonderes Festival statt, das in der Fülle der Veranstaltungen herausragt. Pünktlich zum Adventsbeginn laden die Organisatoren zur Entdeckungsreise Around the world in 14 films ein: Die Highlights aus Cannes, Venedig, San Sebastian, Locarno oder Toronto, die sonst untergehen würden, wahrscheinlich nie in deutschen Kinos zu sehen wären und höchstens auf DVD einen Verleih finden würden, werden von prominenten Paten und mit interessanten Gesprächsrunden eine Woche lang präsentiert.
Der spannendste und bildgewaltigste Beitrag stammte aus Japan: Sono Sion fasste sich in Cold Fish zum Abschluss seiner Hass-Trilogie für seine Verhältnisse erstaunlich kurz: Nach Love Exposure, der mit einem wilden Mix aus Bolero-Klängen, religiösen Symbolen und Rache-Plots mehr als vier Stunden im Forum der Berlinale für volle Kinosäle sorgte, zaubert der Regisseur diesmal 144 Minuten lang ein diabolisches kleines Meisterwerk voller rabenschwarzem Humor auf die Leinwand. Ein eiskalter Geschäftsmann mit jovialer Fassade macht seinen Geschäftspartnern Angebote, die sie nicht ablehnen können, und lässt sie mit sehr ausgefeilten Techniken verschwinden, wenn sie es wagen, seinen Plänen zu widersprachen. In einer temporeichen Geschichte voller Ideen schwelgt der Film in seiner eigenen sarkastischen Parallelwelt.
Surreal und voller Halluzinationen, aber dennoch hochpolitisch ging es zur Eröffnung bei Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod zu. Der spanische Regisseur Alex de la Iglesia steht hierzulande bisher im Schatten von Pedro Almodóvar, zeigte aber in einigen seiner Filme bereits erstaunliche Kunstfertigkeit. In seinem Parforce-Ritt durch die spanische Geschichte widmet sich der Film vor allem den Massakern des Bürgerkriegs und den bleiernen Franco-Jahren. Mit grausamen Splatter-Gemetzeln und symbolisch aufgeladenen Szenen über einen bösen Clown, der den Diktator darstellen soll, und einen traurigen Clown, der für den Widerstand steht, inszeniert de la Iglesia einen Film, der sich an seinen Bildern berauscht und das Publikum spaltet. Die Jury unter Vorsitz von Quentin Tarantino zeichnete Mad Circus für die Beste Regie und das Beste Drehbuch aus. Die Brutalität der albtraumhaften Szenen ist auf die Dauer aber sehr zermürbend, wie auch der prominente Filmpate Volker Schlöndorff warnte. Vieles wirkt auch zu sehr wie L´art pour l´art.
Sehr viel ruhiger ging es beim iranischen Film Good Bye von Mohammad Rasoulof zu, der im Oktober zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde: In beklemmenden Einstellungen folgt er dem Kampf einer jungen Anwältin, die zunächst ihre Arbeitserlaubnis verliert und anschließend mit den Behörden um ein Ausreisevisum ringt. Der Film wurde im Sommer heimlich zum Festival nach Cannes geschmuggelt und wurde dort mit dem Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard ausgezeichnet.
Weniger explizit, aber doch wahrnehmbar werden die gesellschaftlichen Konflikte in den Beiträgen aus Marokko und Russland verhandelt: Leila Kilani porträtiert in On the edge die Wut junger Arbeiterinnen in einer Shrimps-Fabrik, die vom besseren Leben in Freihandelszonen an der Küste oder in Europa träumen. Ihre gehetzten Blicke, ihre wilden Raps und ihre aufgestaute Energie lassen erahnen, welche Konflikte zum Arabischen Frühling führten. Die enorme soziale Kluft in Russland thematisiert Elena von Andrei Zvyangitsev, der von Ulrich Matthes voller Begeisterung vorgestellt wurde, aber manchmal etwas plakativ war: Elena heiratete einen Neureichen, der den größten Teil seines Vermögens seiner verwöhnten Tochter vererben möchte. Sie pendelt zwischen zwei Welten: Ihrem neuen Leben in der Luxus-Villa und der Sozialwohnung, in der ihr Sohn mit seiner Familie haust.
Musikalisch konnten die Small Town Murder Songs des Kanadiers Ed Gass-Donnelly am meisten überzeugen: Den Soundtrack zu diesem düsteren Film Noir über Morde in einer Mennonitengemeinde lieferte Bruce Peninsula mit Gospel-, Rock- und Percussion-Klängen.
Für Freunde des Bollywood-Kinos ist Raavanan empfehlenswert. Diese tamilische Dreiecksgeschichte ist gespickt mit Anspielungen auf archaische Mythen, stilisierten Action-Einlagen und schwülstigen Gefühlsausbrüchen, unter denen die Hauptdarstellerin, das L´Oreál-Model Aishwarya Rai Bachchan ausdrucksstark leidet.
Zum Abschluss des Festivals Around the world in 14 films wurde die extralange rumänische Dokumentation Autobiografia Lui Nicolae Ceaucescu gezeigt. Leider waren viele der Szenen in den drei Stunden etwas redundant: Ceaucescu empfängt Honecker, Ceaucescu besucht Carter, Ceaucescu gibt Gorbatschow beim Warschauer Pakt-Gipfel den Bruderkuss, Ceauscescu besucht sozialistische Musterbetriebe, usw.
Andrej Ujicas Film zeichnet chronologisch die Stationen von Ceaucescus Antszeit als rumänischer Staatschef von 1965-89 nach. Es handelt sich durchweg um offizielle Filmdokumente der Fassaden der Selbst-Inszenierung des kommunistischen Herrschers mit den üblichen Massenaufmärschen und Parteitagsakklamationen.
In manchen Passagen gelingt es dem Film jedoch wirklich gut, die Mechanismen dieser autoritären Herrschaft kenntlich zu machen: Die interessanteste Aufnahme ist ein kurzer Zwischenfall beim XII. Parteitag der rumänischen kommunistischen Partei, als ein Redner Ceaucescus Wiederwahl in Frage stellt. Sofort schreitet ein linientreuer Kader ein, macht den Vorredner lächerlich und wird immer wieder von minutenlangen inszenierten Ovationen fpr den Großen Vorsitzenden unterbrochen.
Weitere Informationen zum Film
Einer der Höhepunkte des 5. Festivals Around the world in 14 films war The Green Wave von Ali Samadi Ahadi. In diesem sowohl wegen seiner künstlerischen Kreativität als auch wegen seines politischen Informationsgehalts überzeugenden Film wird die Situation im Iran vom überraschenden Aufkeimen der Hoffnung auf Wandel im Wahlkampf des Frühsommers 2009 bis zum brutalen Niederschlagen der anschließenden Proteste, als Präsident Ahmadinedschad unter fragwürdigen Umständen zum Wahlsieger erklärt wurde.
In nur 10 Montan fügten Ahadi und sein Team eine gelungene Collage aus Animations-Sequenzen, die an Persepolis erinnern, Video-Schnipseln und von Schauspielern eingesprochenen Blog- und Twitternachrichten. Ergänzt durch Interviews mit so kompetenten und prominenten Zeitzeugen wie Friedens-Nobelpreisträgerin und Menschenrechts-Anwältin Shirin Ebadi entsteht ein sehr bedrückendes, realistisches Bild der Vorgänge im Iran.
Aktuell wird der Film von Pegah Ferydoni, einer der Erzählerinnen, und dem Regisseur, die in Berlin beide mit dem grünen Schal als Symbol der Opposition auftraten, auf mehreren Festivals wie z.B. auch in Sundance vorgestellt, bevor er im Spätwinter in den deutschen Kinos starten wird.
The Ferrari Dino Girl von Jan Nemec ist einer dieser sperrigen, experimentellen Filme, der die Leute in Scharen aus dem Kinosaal treibt - die dann das Beste am Ende verpassten.
Der Stil des Regisseurs, der in den 1960ern während des Prager Frühlings zu den Köpfen der tschechischen neuen Welle, bleibt auch in seinem Alterswerk nicht ganz leicht konsumierbar. In Spielszenen, die wie aus der Zeit gefallen scheinen und zunächst auf kein Ziel hinzuführen scheinen, zeichnet der Regisseur die abenteuerliche Geschichte, wie er die Filmaufnahmen von der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 über die Grenzen schmuggelte.
In einer merkwürdigen menage á trois mit einem italienischen Diplomaten und dessen Verlobter Jana, in die Nemec unglücklich verliebt ist, wagen sie sich im Morgengrauen an die österreichische Grenze und überwinden mit allerlei Tricks und Janas Verführungskünsten die Grenzkontrolle.
Allgemeine Heiterkeit löste im Saal im mittlerweile knapp auf knapp die Hälfte dezimierten Publikum aus, als der Regisseur immer wieder betonte, dass ausgerechnet die Schlagersänger Udo Jürgens und Karel Gott damals indirekt für weltweites politisches Aufsehen gesorgt: In einer Koproduktion mit dem ORF hatte Nemec zuvor diese beiden Künstler porträtiert und somit einen engen Draht zu Helmut Zilk aufgebaut, der damals Fernsehdirektor und Mentor der neu geschaffenen Osteuropaabteilung des ORF und später populärer Wiener Oberbürgermeister war.
So gelang ein großer journalistischer Scoop: Nemec hatte eine Vertrauensperson, mit deren Hilfe er die Weltöffentlichkeit sofort über die dramatischen Ereignisse in Prag informieren und die Zensur umgehen konnte. In Zeiten vor Twitter und Co. bei weitem keine Selbstverständlichkeit.
Die Intensität dieser Filmsequenzen, die ohne überflüssige Kommentare die Wut und Ohnmacht der Prager Bürger zeigen und in langen Kameraschwenks die Atmosphäre einfangen, machen den Film lohenswert.
Das Festival Around the world in 14 films hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als exzellente Fundgrube für hoch interessante Filme im Schatten des Mainstreamkinos. Wie die Trüffelschweine sucht das Organisationsteam nach Perlen auf den internationalen Filmfestivals: Oft sind hier kleine Meisterwerke zu entdecken, die einen frischen Blick auf Themen werfen, neue Erzählformen ausprobieren oder in fremde Kulturen entführen, aber auf dem deutschen Markt leider keinen Verleih fanden.
Als einer der ersten Filme der 5. Festival-Auflage, die mit Unterstützung von arte und dem Auswärtigen Amt wieder im Berliner Kino Babylon Mitte stattfindet, wurde Valhalla Rising des Dänen Nicolas Winding Refn gezeigt. In der Hauptrolle des Einäugigen weckte Mads Mikkelsen Vorfreude, der aus so unterschiedlichen Filmen wie Adams Äpfel und Casino Royale bekannt ist.
Laut Programmheft erwartete die Zuschauer "eine filmische Meditation über den Ursprung und died Grenzen menschlicher Existenz", "eine geheimnisvolle Reise ins spirituelle Herz der europäischen Zivilisation". Geht es auch eine Nummer kleiner?
Auf der Leinwand entpuppt sich das Ganze über weite Strecken als wortkarges, aber umsp brutaleres Gemetzel: Därme werden rausgerissen, Blut spritzt. Zwischendurch wabert minutenlang dicke Nebelsuppe um das Wikingerschiff.
Auch die zitty schrieb über "faszinierende Bilder" und ein "düster, beeindruckendes Werk", dessen langsamer Rhythmus immer stärker ins "Metaphysische gleitet". In meinen Augen handelt es sich um einen überbewerteten, furchtbaren Film, vor dessen Blutrünstigkeit und pseudotiefgründiger Attitüde wir zum Glück in den Kinos außerhalb dieses Festivals bisher verschont blieben.
Das Festival "Around the world in 14 films"
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