Auf dem Weg nach Neukölln sind Eindrücke garantiert, die deutlich machen, dass der in manchen Medien beschworene Gentrifizierungsprozess höchstens in den Kinderschuhen steckt und der soziale Brennpunkt noch einen weiten Weg vor sich hat. Nichtsdestotrotz lohnt sich die Fahrt zur Neuköllner Oper, wo seit einigen Tagen eine intelligente und unterhaltsame Neufassung von Jaques Offenbachs Operette Ba-ta-clan aus dem 19. Jahrhundert auf dem Programm steht.
Kriss Rudolph (Text) und Andrew Hannah (Musikalische Leitung) verlegen die Handlung ihres Aufstandes der Glückskekse in die nicht allzu ferne Zukunft: Europa ist über die Euro-Krise zerbrochen, in Deutschland verwaltet Bundeskanzlerin Andrea Nahes die Misere nach dem Scheitern des Euro, eine Dokumentation zum "Rettungsschirm" ist Lacherfolg und Publikumsmagnet in China. Dorthin wandern reihenweise junge Menschen aus, da China nach dem Fiasko der Ein-Kind-Politik händeringend auf billige Arbeitskräfte für die Fließbandarbeit angewiesen ist.
In kurzweiligen 60 Minuten schildert das Stück den Aufstand von Ma und Li, die aus Mainz bzw. Zwickau in eine chinesische Glückskeksfabrik emigriert sind und dort unter der strengen Aufsicht der Chefin Ai stehen, die - wie sich später herausstellt - aus Oberammergau kommt und deshalb nur asiatisch klingende Satzfetzen von sich gibt, bis ihre Tarnung schließlich auffliegt. Viel Wortwitz, sarkastische Kommentare zum aktuellen Schlingerkurs von Merkel und Co., die sich ratlos von Gipfel zu Gipfel hangeln, im Politbarometer aber dennoch beste Zustimmungswerte erhalten, sorgen für einen gelungenen Theaterabend mit hochaktuellen politischen Bezügen. Auf eine solch unterhaltsame Art gelingt es, aus einer verstaubten Operettenvorlage aus dem Paris von 1855 eine Inszenierung zu zaubern, die nicht nur unterhaltsam, sondern für heutige Debatten relevant ist.
Die Premiere fand am 5. Juli statt, die Inszenierung ist noch an vielen weiteren Terminen im Juli und August zu sehen.
Die Inszenierung Aufstand der Glückskekse
Die kleine Meg scheint eine blühende Phantasie zu haben. Sie ist fest davon überzeugt, dass Frau Zucker, die reizende ältere Dame aus der Nachbarschaft, Kinder entführt und ihnen gemeinsam mit Frau Doktor Giftig ihre Energie absaugt.
Aus diesem Stoff entwickeln Peter Lund und Wolfgang Böhmer als bewährtes Duo gemeinsam mit ihren Studenten von der Universität der Künste (UdK) ein turbulentes Märchen-Grusical, das vor ausverkauftem Haus im saunaartig aufgeheizten Obergeschoss der Neuköllner Oper begeisterten Applaus bekam. Im Gegensatz zu früheren Inszenierungen wie Leben ohne Chris oder Mein Avatar und ich geht es diesmal nicht um eine humorvoll-unterhaltsame Auseinandersetzung mit realen gesellschaftlicher Entwicklungen wie Mobbing unter Jugendlichen oder dem Web 2.0. Diesmal ist die Handlung in einer Märchenwelt mit Hexen, Sciencefiction-Apparaten und überforderten Eltern angesiedelt.
Ansonsten sind die Markenzeichen der Peter Lund-Inszenierungen wieder klar erkennbar: die ausgefeilte Choreographie, die akrobatische und gesangliche Leistungsfähigkeit der jungen Darsteller, die faire Aufteilung der Dialoge und Gesangspartien ohne eine dominante Hauptrolle, die alle anderen an die Wand spielen würde, aber leider auch wieder das Zigaretten-Qualmen ohne irgendeine erkennbare dramaturgische Funktion auf der Bühne, die den Sauerstoffgehalt im ausverkauften Haus noch weiter reduziert.
Die Inszenierung Frau Zucker will die Weltherrschaft
Das Stück hatte am 18. Oktober 2011 Premiere an der Neuköllner Oper.
Wenn der katalanische Regisseur Calixto Bieito an einer neuen Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin arbeitet, ist die Aufregung in den Medien fast schon vorprogrammiert. Mit eindrucksvollen Bildwelten arbeitet er sich an seinen beiden großen Themen Gewalt und Sex ab und schafft es dabei meist, interessante neue Lesarten auf den Opernstoff anzubieten.
Als er sich im Winter den "Freischütz" vornahm, durfte man gespannt sein: Was macht er aus dieser romantischen Volksoper des 19. Jahrhunderts, die ganz tief in den Mythos deutscher Wälder eintaucht und grausame Rituale in der Wolfsschlucht zelebriert? Überraschenderweise blieb Bieito für seine Verhältnisse aber ziemlich zahm. Schon im Interview mit der Dramaturgin Bettina Auer für das Programmheft kratzt er eher an der Oberfläche. Sein Menschenbild ist sehr pessimistisch: Das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben sei von brutalen Machtkämpfen geprägt, welches Alphamännchen in der Hierarchie höher stehe. Menschen und vor allem Männer müssten das Tier in sich mit seiner "unglaublichen Zerstörungsenergie" ständig zügeln: "Wir kämpfen das ganze Leben gegen das Tier in uns an, versuchen es unter Kontrolle zu bringen. Manche schaffen es, manche nicht."
In den zweieinhalb Stunden auf der Bühne wirkt vieles wie mit angezogener Handbremse inszeniert. Seine Kernthesen über Gewalt und Macht lässt der Regisseur kurz durchschimmern, ansonsten ist eine recht konventionelle Inszenierung eines Dauerbrenners auf deutschen Bühnen zu sehen. Was Bieito daran gereizt hat, gerade dieses Stück zu erarbeiten, wird zu wenig klar, eine eigene Handschrift diesmal weniger deutlich als sonst.
Die Inszenierung hatte am 29. Januar 2012 Premiere und war auch im Rahmen des "Komische Oper Festivals" im Juli zu sehen.
Die Arabische Welt ist vorerst wieder aus den Hauptschlagzeilen der Medien verschwunden: zwischen den neuesten Kapriolen der Euro-Schuldenkrise und der Fußball-EM gingen die Meldungen über den blutigen Bürgerkrieg in Syrien und die Machtkämpfe zwischen Muslimbrüdern, den Resten des alten Regimes und der jungen Tahrir-Protestgeneration in den vergangenen Wochen fast unter.
Umso verdienstvoller ist es, dass das Kino Arsenal vier Tage lang mehr als 60 Kurzfilme aus dieser spannungsgeladenen Region beim Festival Arab Shorts zeigte. Die Programme wurden ursprünglich von Kuratorinnen und Kuratoren aus arabischen Ländern für ein Festival des Goethe-Instituts in Kairo zusammengestellt, das von 2009-2011 stattfand. Damit diese interessanten Zeitdokumente nicht verlorengehen, hat das Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V. die Filme in sein Verleiharchiv übernommen und erstmals in Deutschland präsentiert.
Etwas unglücklich war, dass die eindrucksvollsten Filme ganz am Ende eines langen Gewitterabends zum Abschluss des Festivals vor nur noch einer Handvoll Besuchern liefen: Unter dem Titel On Family wurden einige Kurzspielfilme geboten, die eindrucksvoll vom Aufwachsen der Kinder in einer von Gewalt dominierten Gesellschaftsordnung thematisierten und dies auch noch auf ideenreiche und unterhaltsame Art schafften. Beeindruckend waren die belgisch/irakische Koproduktion Land of the Heroes von Sahim Omar Kalifa, der Saddam Husseins Propaganda aus der Sicht des 10jährigen Dileer schildert, der zwischen all den Front- und Huldigungsberichten vergeblich auf seine geliebten Spiderman-Cartoons wartet. Mit mehreren Preisen dekoriert ist auch Ruben Amars Checkpoint, der den israelisch-palästenischen Konflikt aus der Sicht eines kleinen Jungen beschreibt.
Vor wesentlich besser besuchtem Haus lief während der Festival-Tage viel Anstrengend-Experimentelles und manch Langweiliges. Einige interessante Entdeckungen waren auch hier zu machen: Le Cuirasse Abdelkarim von Walid Mattar brachte die Perspektivlosigkeit der jungen Generation in Tunesien schon im Jahr 2003 auf den Punkt, also lange bevor dort im Winter 2010/11 die Selbstverbrennung eines jungen Akademikers den Arabischen Frühling auslöste. Dies gelingt ihm in einer sehenswerten Adaption des sowjetischen Revolutions-Klassikers Panzerkreuzer Potemkin.
Die Arab Shorts im Arsenal Berlin
In den kommenden sieben Wochen gastiert eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus britischen, australischen, kanadischen und deutschen Sängern wieder einmal im tipi gleich vor Angela Merkels Büro im Kanzleramt. Bei der Premiere war sie zwar nicht persönlich anwesend, das politische Berlin war nur durch den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper, der an diesem lauen Sommerabend auf seinen charakteristischen roten Schal verzichtete, die Kreuzberger Grüne Gesundheitsexpertin im Abgeordnetenhaus, Heidi Kosche, und Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, seit der "Kürschner-Affäre" aber besser bekannt als "Babettes Chefin", vertreten.
Unsere Kanzlerin hätte allerdings optimal in die Zielgruppe der weiblichen Fans aus ihrer Altersgruppe gepasst, die bei der Premiere die meist jungen und gutaussehenden 12 Tenors in ihren schicken Anzügen umlagerten. Stimmlich waren die Herren bei ihrem musikalischen Streifzug vom klassischen Opernrepertoire über Nummern der Comedian Harmonists bis zu den bekanntesten Hits von Queen oder Michael Jackson sehr präsent. Auch ohne Mikrofon-Verstärkung hätte ihr stimmliches Volumen das tipi gut beschallt.
Ihr knapp zweieinhalbstündiger Auftritt wurde von der zahlreich erschienen Fangemeinde mit viel Applaus gefeiert und war musikalisch gelungen. Die Witzchen der Zwischenmoderationen blieben jedoch eher schal und nicht auf dem hohen Niveau der Kleinkunst-Darbietungen, die sonst jeden Abend im tipi am Kanzleramt und dem Wilmersdorfer Schwesterzelt Bar jeder Vernunft zu erleben sind.
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