Die Allianz Kulturstiftung und das Deutsche Theater luden zu einer Sonntags-Matinee zum brandaktuellen Thema der Euro-Krise ein. Die Wahl der Fragestellung schien allerdings etwas aus der Zeit gefallen: Der Titel der Einladung, Sanftes Monster Europa, erinnert an die Phase, als Europa in den Medien überhaupt nicht vorkam, außer wenn mal wieder auf den angeblichen Brüsseler Bürokratie-Moloch und die Regulierung des Krümmungsgrades der Salatgurken eingedroschen wurde.
Der Moderator, Hermann Rudolph vom Tagesspiegel, und die meisten Podiumsteilnehmer waren sich schnell einig, dass eine stärkere Vergemeinschaftung der Fiskal- und Wirtschaftspolitik in Europa ganz oben auf der Tagesordnung der Kaskade von Krisengipfeln der vergangenen Monate steht. Trotz der unglücklich angesetzten Einleitung und Fragestellung entwickelte sich ein munterer Dialog auf dem Podium, wo die meisten Teilnehmer vehement und mit unterschiedlichem Pathos für die europäische Idee warben:
Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen verteidigte die Aufweichung der Euro-Stabilitätskriterien, die in seine Amtszeit fiel, und beklagte das furchtbare Erscheinungsbild des gegenwärtigen Europa. Mit Cornelia Bolesch, die bis vor kurzem für die Süddeutsche Zeitung aus Brüssel berichtete, war er sich einig, dass das Europäische Parlament eine spannende Arbeitsweise hat, da dort anders als in den nationalen Parlamenten der eindeutige Antagonismus zwischen Regierungs- und Oppositionsfraktionen fehlt. Leider wird aber in den Medien viel zu selten und schon gar nicht kontinuierlich über die Entwicklung europäischer Debatten berichtet, wenn nicht gerade wieder der nächste Krisen-Alarm ausgelöst wird.
Lothar Bisky, ehemaliger Partei-Chef der LINKEN und mittlerweile Europaabgeordneter, spielte in seiner besonnenen, ausgleichenden Art keine größere Rolle, da sich der Konflikt vor allem zwischen seinen beiden Nachbarn zuspitzte: Der österreichische Schriftsteller schreibt gerade an einem Roman über das Brüsseler Milieu und hob wortgewaltig zu - aus heutiger Sicht - utopisch anmutenden Plädoyers für eine grundlegende Reform Europas an, in dem schrittweise die Nationalstaaten völlig aufgehen sollen. Bolesch und Verheugen war sein pro-europäischer Elan durchaus sympathisch, sie meldeten aber doch gewaltigen Diskussionsbedarf an, wie das Mammutprojekt einer weiteren Integration sinnvoll gestaltet werden könne.
Menasses Hauptgegner war der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler, der seine gesamte Parteispitze, den Ehrenvorsitzenden Genscher und wohl auch das Kanzleramt mit dem von ihm initiierten Mitgliederentschied zu den Euro-Rettungsschirm-Plänen in Atem hält. Er drosch verbal auf ihn ein, dass der FDP-Mann nur Phrasen zu bieten habe und mit seiner starken Betonung der Rolle der Nationalstaaten zu sehr im 19. Jahrhundert stecken geblieben sei.
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters gibt es in den vergangenen Jahren regelmäßig Hochämter zu Ehren des Dramatikers Heiner Müller, um den es ansonsten auf anderen Bühnen und in den Feuilletons eher still geworden ist. Dimiter Gotscheff, seinem Wegbegleiter, engen Freund und Nachlassverwalter, ist dies - je nach Sichtweise - zu verdanken oder geschuldet.
Vor wenigen Tagen hatte ein neuer Müller-Abend auf sehr karger, November-grauer Bühne, die dem zynischen Altmeister sicher gefallen hätte, Premiere: Gottschefs Inner-Circle (die Ensemble-Mitglieder Margit Bendokat, Almut Zilcher und Wolfram Koch) deklamierten die Monologe aus Müllers Antiken-Triptychon Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonaten von 1982 und den Text Mommsens Block, der knapp zehn Jahre später unter dem Eindruck des Untergangs der DDR entstand.
Mit ganz anderen stilistischen Mitteln und unter anderen Vorzeichen ist dieser Abend eine ähnliche Fanveranstaltung wie vor kurzem Studio Brauns Action-Musical Fahr zur Hölle, Ingo Sachs. Die Monologe stehen in all ihrer Schwere im Raum, voraussetzungsreich ist vor allem Almut Zilchers schmerzverzerrter Part als anklagende Medea, der ohne Grundkenntnisse des Mythos kaum zu verstehen ist.
Margit Bendokat setzt in ihrer schnoddrigen Art den Schlusspunkt mit Müllers assoziativem Langgedicht Mommsens Block. Kaum leichter zugänglich als die Monolage über Jason, Medea und die Argonauten widmet sich dieses Spätwerk der Schaffenskrise des Historikers Theodor Mommsen: "ein resignierender Parforceritt durch Schlachten, Ausbeutung, Unterdrückung und Enttäuschung", wie es in einem Aufsatz heißt.
Der Beginn war noch etwas schleppend. Nach der Pause drehte das Ukulele Orchestra of Great Britain voll auf und zeigte die gesamte Bandbreite ihres Könnens. Das Publikum war auch bei ihrem neuen Auftritt im tipi am Kanzleramt von dem Einfallsreichtum, mit dem sich die Truppe mit ihren winzigen Gitarren und der einen Bass-Gitarre, wie der Kopf der Gruppe immer wieder scherzhaft betonte, souverän durch die musikalischen Genres hangelten, sangen und klampften.
Auf Italo-Western-Ohrwürmer folgte Model von Kraftwerk, klassische Musik wechselte sich mit Metallica-Klängen, zu denen ein Orchestermitglied seine wilde Mähne schüttelte. Nach mehreren Zugaben war leider irgendwann doch das unvermeidliche Ende gekommen. Aber das Ukulele Orchestra hat mit seinem ganz individuellen Stil wieder unter Beweis gestellt, dass es eine sichere Bank für einen unterhaltsamen Abend ist. Im nächsten Jahr werden sie hoffentlich wieder in Berlin vor vollem Haus zu erleben sein.
Hörenswert waren auch die absurden Zwischenmoderationen in typisch britischem Humor und teilweise in überraschend gutem Deutsch, als die Band lustige Anekdoten über ihre angebliche Gründungsgeschichte bei einem Mexiko-Urlaub erzählte.
Die monatliche Matinee von Gregor Gysi am Deutschen Theater war diesmal sehr ostdeutsch gesprägt: der Fraktionschef der LINKEN hatte den protestantischen Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer zu Gast. Wie gewohnt nahm der streitbare Kirchenmann aus Wittenberg kein Blatt vor den Mund und stichelte insbesondere gegen die Bundeskanzlerin. Während Schorlemmer und seine Geschwister als Pastorenkinder große Probleme hatten, in der DDR überhaupt zum Abitur zugelassen zu werden, und er deshalb auf eine Volkshochschule in der Nachbarstadt angewiesen war, durfte die ehemalige FDJ-Aktivistin und heutige CDU-Vorsitzende trotz ihrer Herkunft als Pastorentochter bekanntlich sogar studieren.
Einige Breitseiten feuerte Schorlemmer auch gegen die reaktionären Breitseiten von Papst Benedikt XVI. ab, der zur Ökumene nur Lippenbekenntnisse liefere und weltfremde Positionen beziehe. Am interessantesten waren seine Erinnerungen an die beiden Episoden, die ihn überregional bekannt machten: Im Herbst 1983 brachte er das DDR-Regime und den Stasi-Dienstherrn Erich Mielke zur Weißglut, weil es ihm auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung und Nachrüstungsdebatte gelang, die spektakuläre Aktion Schwerter zu Pflugscharen im Wittenberger Kirchhof vom Westfernsehen filmen zu lassen.
Sehr umstritten sind seine Diskussionsbeiträge zu seiner Forderung nach Verbrennung der Stasi-Akten, da BILD ein Statement sehr verkürzt aus dem Zusammenhang riss und die anschliessenden empörten Protestbriefe ganze Aktenordner füllen.
Der Kurzfilm kommt viel zu kurz: Auf 3sat und arte gibt es einige Nischen, Festivals leisten sich manchmal Nebenreihen. Deshalb ist es verdienstvoll, dass ein Mal im Jahr beim Berliner interfilm-Festival die kleine, aber feine Form pointierter Leinwand-Kunstwerke im Mittelpunkt steht.
Von Dienstag bis Sonntag wurden mehr als 500 Kabinettstückchen zwischen 1 und 30 Minuten Länge präsentiert: Eine unerschöpfliche Fundgrube für Entdeckungen mit interessanten Schwerpunkten auf Asien und der Schweiz. Überraschend war vor allem der frische, freche Ton vieler Filme aus der Reihe Heidi Revisited, vor allem im Programm I ha di gärn, die sehr souverän verschiedene Erzählformen ausprobierten.
Mit der prominentesten Besetzung konnte Hardi Sturms Pärchenabend glänzen: Anna-Maria Mühe, Hannah Herzsprung und Alexander Khuon kämpften sich durch die Untiefen, die hinter den Fassaden ihrer Vorzeige-Beziehungen lauerten.
Sehr gelungen war die Mischung aus lustigen, teils sarkastischen Animationen und nachdenklicher Dokumentationen wie z.B. Khin Khi Shus The Bamboo Grove über einen krebskranken Mann im Delta Myanmars, der sich trotz der Schmerzen vom Arzt nicht dazu bewegen ließ, mit ins Krankenhaus der nächsten Stadt zu kommen, sondern lieber in seiner gewohnten Umgebung sterben will.
Am Hamburger Schauspielhaus waren die Anarcho-Komödianten von Studio Braun (Heinz Strunck, Rocko Schamoni und Jacques Palminger) schon mehrfach mit schrägen Produktionen zu sehen. Wie die Dramaturgin Anika Steinhoff bei der Stück-Einführung im Saal erzählte, schielten Ulrich Khuon und sein Team vom Thalia-Theater neidisch auf die Kollegen vom Schauspielhaus, da es zwischen den beiden großen Häusern der Hansestadt eine Abmachung gibt, sich die Regisseure nicht gegenseitig abzuwerben.
Als Khuon als neuer Intendant ans Deutsche Theater nach Berlin wechselte, stand früh fest, dass er Studio Braun einen Abend inszenieren sollten. Aus der Grundidee, im Kleist-Jahr ein Action-Musical auf die Bühne zu bringen, entstand schließlich in einem wohl recht aufreibenden kreativen Prozess das Stück Fahr zur Hölle, Ingo Sachs, das am vergangenen Wochenende Premiere hatte.
Zusammen mit Ensemble-Mitgliedern des Theaters und einem großen Orchester gestaltet Studio Braun einen wilden Parforce-Ritt durch die Erzählebenen, verknüpft Kleists vielleicht berühmteste Novelle Michael Kohlhaas mit Charles Bronsons Action-Filmen der Ein Mann sieht Rot - Reihe aus den 70er Jahren. Ole Lagerpusch gibt den egozentrischen Regisseur Ingo Sachs, dem die kongeniale Verbindung von Blockbuster und Autorenkino vorschwebt und der alle Beteiligten mit seinen Allüren in den Wahnsinn treibt.
Der unbedingte Wille zu trashigen Kostümen und schrägen Pointen lässt sicher die Herzen der Fangemeinde höher schlagen. Für das Bildungsbürgertum der Abonennten dürfte dieser Abend aber eher ein Fremdkörper bleiben, der sie irritiert zurück lässt.
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Nadja Sieger und Urs Wehrli, besser bekannt als Ursus & Nadeschkin, hatten mit ihrem neuen Programm Zugabe ihre Berlin-Premiere im tipi am Kanzleramt. Seit knapp zehn Jahren sind sie auch jenseits der Schweizer Grenzen bekannt und regelmäßig bei Fernseh- und Bühnenauftritten zu erleben. Für Furore sorgte besonders Ursus mit seinem Spleen, Kunst aufzuräumen: Das wilde Durcheinander in bekannten Werke der Kunstgeschichte zerlegt er zunächst in seine Einzelteile, um dann die Motive nach Farbe oder Größe akkurat neu anzuordnen.
In ihrem aktuellen Programm fehlt ihr bekanntestes Markenzeichen. Stattdessen bieten sie zweieinhalb Stunden Nummern voller Anarchie, erklären Zuspätgekommenen nach der Pause auch schon mal gerne, was sie bisher alles verpasst haben und versuchen sich meisterhaft im Durcheinandersprechen, das dann zwischendurch doch wieder synchron wird. Ursus & Nadeschkin bezeichnen ihre Kleinkunst-Abende selbst als Clowneske Comedy.
Nach mehreren Zugaben und einem bunten Reigen aus kunstvoll choreographiertem Chaos brachte Nadeschkin die Wahrheit für das Publikum auf den Punkt: So, ab jetzt sind Sie wieder selbst dafür verantwortlich, Ihr Leben in den Griff zu bekommen.
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