In dieser Woche startet der iranische Film bundesweit in den Kinos, so dass sich jeder selbst ein Bild machen kann, ob diese Vorschusslorbeeren berechtigt sind.
Bei Asgar Farhadis Gesellschaftsdrama handelt es sich meiner Meinung nach um den stärksten Sieger der Berlinale-Festivals der vergangenen Jahre. Das liegt zum Teil an seinem präzisen Blick auf die Konflikte zwischen den sehr unterschiedlichen Milieus in Teheran. Es liegt aber auch daran, dass frühere Preisträger meist schon nach wenigen Wochen in der Versenkung verschwanden und kaum jemand das Jury-Urteil nachvollziehen konnte.
Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist, mit welchem Mut er zwei Stunden lang den Finger in die Wunden der iranischen Gesellschaft legt: die weibliche Hauptfigur Simin möchte am liebsten das Land gemeinsam mit ihrer Tochter verlassen. Nach den Regeln des Gottesstaates ist die Scheidung aber nicht so einfach möglich. Dennoch trennt sie sich von ihrem Mann Nader, der daraufhin eine streng religiöse Frau als Haushaltshilfe und Pflegerin seines dementen Vaters anstellt. Sie ist eine prototypische Anhängerin von Ahmadinedschad, der seine Basis vor allem in den ärmeren Stadtvierteln hat.
Der Film zeigt schonungslos, wie schwer es ist, sich in dem Netz aus Vorschriften und ungeschriebenen Verhaltensregeln in der Mullahkratie zurechtzufinden und halbwegs durchzulavieren. In wechselnden Konstellationen treffen sich die Protagonisten vor Gericht, verheddern sich in Halbwahrheiten und werden immer verzweifelter.
Es ist sehr erstaunlich, dass der Film der sonst so strengen Zensur nicht zum Opfer. Im Gegenteil: an den Kinokassen und vor allem im DVD-Verkauf ist der Film im Iran ziemlich erfolgreich. Der Regisseur hat im Gegensatz zu Kollegen wie Jafer Panahi auch kein Reiseverbot. In Berlin konnte er aber diese Woche dennoch nicht anwesend sein: der französische Kulturminister hatte ihn eingeladen.
Die Webseite zum Film
Verrücktes Blut am Ballhaus Naunynstraße gehört zum Besten, Frechsten und Interessantesten, was derzeit auf Berliner Bühnen zu sehen ist. Das wurde zwar schon oft in den Feuilletons von FAZ über SPIEGEL bis taz behauptet, stimmt aber trotzdem!
Mal wieder - auch ein knappes Jahr nach der Premiere - war die Aufführung im kleinen Theater in Kreuzberg 36 bis auf den letzten Platz ausverkauft, als die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle zwischen 20 und 30 Jahre jung sind, häufig einen Migrationshintergrund haben, wie es mit einem Wortungetüm korrekt heißt, und meistens auch im Kiez leben, sich in die Klischeeposen werfen, die einem durch den Kopf schießen, wenn man an Schulklassen in Kreuzberg oder Neukölln denkt.
Die Lehrerin (Sesede Terziyan) stöckelt auf hochhackigen Schuhen und voller Idealismus, den testosterongesteuerten Jugendlichen ihren Säulenheiligen Friedrich Schiller näherzubringen, auf verlorenem Posten über Parkett. Bis ihr in einem Handgemenge zufällig die geladene Pistole aus dem Rucksack eines Schülers vor die Füße fällt.
Sie ergreift die Chance, in ihrer Klasse endlich mal für Ordnung zu sorgen oder sie zu kärchern, wie Sarkozy sagen würde, und zwingt die Jugendlichen mit Schreckschüssen aus der vorgehaltenen Pistole, das Drama "Die Räuber" aus Reclam-Heften nachzuspielen. Es entwickelt sich ein aberwitziger Mix aus Melodram, Krimi, Post-Migrations-Sozialanalyse und Parodie auf Schultheatervorstellungen, die Wolfgang Höbel im SPIEGEL treffend als "Amok-Komödie" charakterisierte.
Identitäten werden diskutiert und ironisch gebrochen, die Volten der Handlung und die pointenreichen Dialoge halten das Publikum in Atem. Es war nicht zu bemerken, dass knapp die Hälfte des jungen Ensembles zum ersten Mal statt der bisherigen Besetzung einsprang.
Ein sehenswertes Stück, für das sich der Weg in den Kotti-Kiez trotz Dauerregen und U-Bahn-Pannen lohnte. Der Regisseur Nurkan Erpulat feierte mit diesem Werk seinen Durchbruch: Vom Off-Theater schaffte er es zum Berliner Theatertreffen der zehn wichtigsten deutschsprachigen Inszenierungen im deutschen Sprachraum. Mittlerweile arbeitet er auch schon an seiner zweiten Produktion für das repräsentative Deutsche Theater Berlin.
Das Stück wurde in nur knapp sechs Wochen als freie Improvisation nach der Grundidee des Films La Journée de la Jupe von Jean-Paul Lilienfeld einstudiert, der auf der Berlinale 2009 mit Isabel Adjani vorgestellt wurde.
Informtationen zu "Das Verrückte Blut"
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