Sehr vielversprechend klang die Ankündigung des Gastspiels Aus der Mitte der Gesellschaft des Staatstheaters Oldenburg bei den Autorentheatertagen: Die Absturzängste der Mittelschicht füllen seit der Einführung von Hartz IV und dem Schock der Finanzkrise ganze Bücherregale. Guido Westerwelle baute einen sehr erfolgreichen Wahlkampf auf seinem Versprechen eines einfacheren und gerechteren Steuersystems mit Entlastungen für die Mittelschicht auf, bis die Blase in der Regierungsrealität platzte.
An Stoff für einen interessanten Abend mangelte es also nicht und auch einige Fachleute aus dem politischen Berlin wie z.B. der Chef der Abteilung Innenpolitik der Grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung wurden angelockt. Leider gelang dem Regisseur Marc Becker und seinen vier Schauspielern nur ein recht fader Abend, der einige Scherze bot, aber das spannende Thema wie den heißen Brei umkreiste.
Dabei wäre die Grundidee, die drei Männer und ihre Kollegin in einem A-Capella-Chor und einigen Soli sprechen zu lassen, durchaus reizvoll gewesen. Aber so blieb der Abend trotz guter Ansätze auf halber Strecke stecken.
In den kommenden Tagen wird bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater noch eine Dresdner Adaption des hochgelobten Romans Der Turm zu sehen sein, an der Armin Petras und sein künftiger Dramaturg am Berliner Maxim-Gorki-Theater federführend mitwirkten. Zum Abschluss lockt die Lange Nacht der Autoren mit vier Uraufführungen von Nachwuchsautorinnen und -autoren.
Festivals sind die idealen Orte für überraschende Entdeckungen. Wer hätte gedacht, dass das Stadttheater Bern einen solch schwungvollen und ungewöhnlichen Theaterabend wie Murder Ballads im Repertoire hat? In den Feuilletons der großen Zeitungen erfährt man hin und wieder von den Inszenierungen in Zürich und Basel. Aber Bern haben wir normalerweise nicht auf dem Schirm, wie Joschka Fischer so schön sagen würde. Mit Bern assoziieren wohl auch die meisten Schweizer nur sprichwörtliche Langsamkeit, den Verwaltungsapparat und die Sennenhunde.
Deshalb ist es bemerkenswert, dass den Scouts und dem Team der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin diese unterhaltsame Aufführung Murder Ballads mit dem Untertitel Ein blutiger Abend nicht entgangen ist. Das Konzept ist ungewöhnlich, aber bestechend einfach: Die Drehbuchautorin Rebecca Kricheldorf bettete die elf Songs aus Nick Caves berühmtem Album Murder Ballads (1996) in eine Rahmenhandlung mitten im tiefsten Mittleren Westen der USA ein. Eine abgelegene Bar mit einem unberechenbar-lasziven und bedrohlichen Barmann (Andri Schenardi), der für seine schlangenhafte Beweglichkeit und seine Gesangskünste den stärksten Applaus bekommt.
Neben der Stammkundin (Marianne Hamre) bevölkern nach und nach weitere zwielichtige und gestrandete Kreaturen diesen Un-Ort, fordern sich zu Trinkspielen heraus und erzählen sich über Morde und tragische Unglücksfälle. Das bietet die stimmige Atmosphäre für Nick Caves Songs, die von den Ensemble-Mitgliedern mit Begeleitung der Band Los Hemiolos angestimmt werden. Natürlich durfte auch Nick Caves Duett Where the Wild Roses grow mit Kylie Minogue nicht fehlen, das alle Schauspieler zusammen auf Schaukeln trällern.
Die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin
Im Spielplan der Neuköllner Oper haben die Musicals, die Peter Lund und Thomas Zaufke ihren Studentinnen und Studenten der UdK Berlin auf den Leib schreiben und komponieren, einen festen Platz. Mit viel Spielfreude, vollem Körpereinsatz und guten Gesangsleistungen erzählt der Schauspiel-Nachwuchs vor stets sehr gut besuchten Rängen eine humorvolle Geschichte. In der neuen Produktion Mein Avatar und ich geht es um das Web 2.0 mit all seinen Innovationen und Schattenseiten.
Augenzwinkernd werden die Typen vorgeführt, die man in der schönen neuen Welt der digitalen Kommunikation antrifft: den Computernerd, der sich in stundenlangen Sitzungen auf höchste Levels in seinen Ballerspielen hocharbeitet und bei Facebook fast 750 Freunde, aber kaum noch Kontakt zur Welt vor seiner Haustür hat; den chatsüchtigen Banker, der unter Pseudonym nach hübschen Frauen jagt, aber doch nur seinem Narzissmus frönt; die Mädchen, die sich begeistert den Heile Welt - Phantasien von Pinkyville widmen.
Eine besonders schöne Beobachtung von Lund und Laufke sind die titelgebenden Avatare aus "Second Life": 2007 wurde diese Community in den Kreativ-Klitschen Berlins und den Medien als nächster großer Hype gefeiert, der dann aber recht sang- und klanglos wieder abebbte. Was passiert eigentlich mit den Avataren, die damals angelegt wurden, aber seitdem kaum je wieder aktiviert wurden?
Im Ensemble ragen der junge Schotte Dirk Johnston als Gordon und Benjamin Sommerfeld als Joschi heraus: Mit diabolisch geschminkten Augenringen führt Gordon als Mischung aus Mephisto und Vampir Regie und bringt den unbedarften Joschi in manche schwierigen Situationen.
Unverständlich ist aber, warum einer der Schauspieler im bei sommerlichen Temperaturen ohnehin stickigen Theatersaal ohne jede dramaturgische Einbindung und Relevanz minutenlang rauchen muss. Da Klaus Wowereit in seinem ohnehin halbherzigen und kaum ernst genommenen Nichtraucherschutzgesetz gegen den Widerstand vieler Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker das Rauchen auf Theaterbühnen in einem Atemzug mit Gefängnissen und Psychatrien zulässt, ist das zwar erlaubt, aber für das Publikum dennoch nicht gerade angenehm
Passend zum Kleist-Jahr sollte am Pfingstwochenende eigentlich die Premiere des "Käthchen von Heilbronn" auf dem Spielplan des Deutschen Theaters stehen. Dem Team des Intendanten Ulrich Khuon ist es nach der Verletzung des Hauptdarstellers jedoch in kurzer Zeit gelungen, einen mehr als nur respektablen Ersatz zu gewinnen:
Georg Schramm, einer der besten deutschen Kabarettisten und der wohl Wortgewaltigste unter ihnen gastierte an zwei Tagen mit seinem aktuellen Bühnenprogramm Meister Yodas Ende im ausverkauften Großen Haus. Zuletzt hatte er sich etwas rarer gemacht. Bei seinen TV-Auftritten im Scheibenwischer der ARD und später als Co-Gastgeber von Urban Priol in Neues aus der Anstalt merkte man ihm an, dass ihm das Korsett des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu eng wurde.
Befreit von den Zwängen und Rücksichtnahmen auf den Gremienproporz, den zuletzt auch Harald Schmidt und Rolf Hochhuth treffend karikierten, trumpft Georg Schramm furios auf und legt den Finger tief in die Wunden der politischen Themen, die uns derzeit bewegen.
In einer beeindruckenden Energieleistung schlüpft Schramm in knapp über drei Stunden hinweg in seine drei Paraderollen: Erstens der langjährige Genosse August, der an seiner guten alten SPD leidet und bis auf einige Seitenhiebe gegen Generalsekretärin Andrea Nahles in Larmoyanz ertrinkt. Zweitens der Wutbürger avant la lettre, der Rentner Lothar Dombrowski, der schon vor Jahren mit seinem Gehstock wild gestikulierend über das Versagen der Eliten herzog. Drittens Oberst Sanftleben, der wieder ein mal die Afghanistan-Strategie der NATO auseinander nimmt.
Diesem Kabarettisten gelingt es mit dem Einsatz minimaler technischer Mittel, stattdessen aber mit beeindruckender rhetorischer Schärfe, vielen funkelnden polemischen eingestreuten Invektiven und seiner sehr genauen Zeichnung der Charaktere das Publikum über die lange Strecke in seinen Bann zu ziehen. Wie ein Zuschauer in der Pause bemerkte: Solch intensive Abende erlebt man im Theater leider selten.
Ganz am Ende bedankte sich Georg Schramm beim Intendanten Ulrich Khuon, der ihn bei seinen ersten Bühnengehversuchen entdeckt und gefördert hat, und legte dem Publikum den französischen Bestseller "Empört euch!" von Stéphane Hessel ans Herz.
Die Homepage von Georg Schramm
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