Traditionell platzt das Kreuzberger Mehringhoftheater aus allen Nähten, wenn Angela Merkel alias Christoph Jungmann sich die Ehre gibt, charmant durch das Jahresendzeitprogramm zu führen.
Unnachahmlich ist ihr "Ich habe nichts gemacht", als Guido Westerwelle (sehr gekonnt von Hannes Heesch parodiert) beleidigt von der Bühne abgeht, nachdem sie seine ellenlangen Ausführungen mit einigen unschuldigen Zwischenfragen sabotiert hat. Ganz störungsfrei verläuft ihre Moderation aber auch danach nicht: Roland Koch hält sie nach der Pause auf der Damentoilette gefangen, weil die geschiedene ostdeutsche Protestantin nicht länger an der Spitze der CDU stehen darf.
Wie in den vergangenen Jahren überzeugt das Jahresendzeitteam durch eine gelungene Mischung aus Parodien auf die wichtigsten politischen Köpfe und humorvolle Alltagsbeobachtungen in den Texten von Horst Evers und Bjov Berg. Höhepunkte sind die immer wieder eingestreuten Adaptionen bekannter Melodien mit neuen Texte zum Dauerbrenner S-Bahn-Chaos oder zum Vulkanausbruch, der tagelang die Flugrouten lahmlegte.
Die bissigste Abrechnung des aktuellen Programms trifft Thilo Sarrazin, dessen Selbstinszenierung in einem langen Klavier-Solo vom immer brummiger werdenden Manfred Maurenbrecher auseinandergenommen wird.
Für die Berlinale-Reihe Generation, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche richtet, wurden bisher folgende Filme eingeladen:
Generation Kplus
A Pas de Loup (On The Sly) von Olivier Ringer, Belgien/Frankreich 2011 - Weltpremiere
Jutro będzie lepiej (Tomorrow will be better) von Dorota Kędzierzawska, Polen/Japan 2010 - Internationale Premiere
Keeper`n til Liverpool (The Liverpool Goalie) von Arild Andresen, Norwegen 2010 - Internationale Premiere
Mabul (The Flood) von Guy Nattiv, Israel/Kanada/Deutschland/Frankreich 2010 - Internationale Premiere
Sampaguita, National Flower von Francis Xavier E. Pasion, Philippinen 2010
Une vie de chat (A Cat In Paris) von Alain Gagnol und Jean-Loup Felicioli, Frankreich/Belgien/Niederlande/Schweiz 2010
Generation 14plus
Den der hvisker (Rebounce) von Heidi Maria Faisst, Dänemark 2011 - Weltpremiere
Griff The Invisible von Leon Ford, Australien 2010
Shanzha shu zhi lian (Under The Hawthorn Tree) von Zhang Yimou, Volksrepublik China 2010
Skyskraber (Skyscraper) von Rune Schjøtt, Dänemark 2010 - Weltpremiere
The Dynamiter von Matthew Gordon, USA 2011 - Weltpremiere
West Is West von Andy De Emmony, Großbritannien 2010
In der Matinee-Reihe „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“ war diesmal das Kreuzberger Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele im Deutschen Theater zu Gast. Noch bevor er auf der Bühne erschien, setzte er seine eigenwilligen Akzente: Zur Erheiterung des Publikums wurde ihm ein Glas Milch bereitgestellt.
Das Gespräch konzentrierte sich vor allem auf seine Jugend, seine Politisierung während der Studentenproteste und vor allem seine Tätigkeit als RAF-Verteidiger in den 1970er Jahren.
Seine antimilitaristische Grundhaltung und sein Widerstand gegen Karrieren von Alt-Nazis in der Bundesrepublik speist sich z.T. aus ganz unmittelbaren biographischen Erfahrungen. Während des 2. Weltkriegs in Halle/Saale geboren, überlebte er nur durch einen glücklichen Zufall die Explosion eines Bomben-Blindgängers, bei der sein bester Freund beim Spielen im Garten starb. Seine Mutter legte als einzige Frau ihres Jahrgangs das erste Jura-Staatsexamen ab, wurde zu Beginn der NS-Zeit dann aber nicht zum Referendariat zugelassen. Der Chef des Prüfungsamtes, der später im Bonner Bundesfinanzministerium Karriere machte, erklärte ihr, dass sie sich nach dem Willen des „Führers“ ganz auf ihre Mutterrolle konzentrieren solle.
Dennoch verliefen seine Jugendjahre zunächst nicht so rebellisch, wie man vermuten könnte: Der breiten Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass Ströbele tatsächlich einer der wenigen Grünen ist, die Wehrdienst geleistet haben. Zu seiner Studentenzeit in Heidelberg meinte er, dass seine Kommilitonen und er oft schlicht nichts über die fragwürdige Vergangenheit einiger Professoren wussten.
Erst im Lauf der Zeit fragten sie kritischer nach und während der Studentenproteste der späten Sechziger Jahre ließ Ströbele wohl kaum eine Demo oder einen Teach-In aus. Wie für viele in seiner Generation war der 2. Juni 1967 ein wesentlicher Einschnitt in seiner Biographie: Benno Ohnesorg wurde bei Protesten gegen den Schah-Besuch erschossen. Einige Teile der Bewegung radikalisierten sich, manche gingen sogar in den Untergrund und gründeten die RAF.
Für Ströbele war dieser Weg nie eine Option, wie er ausführte. Bereits als junger Referendar arbeitete er jedoch mit Horst Mahler zusammen, der sich damals bereits als Anwalt der APO einen Namen gemacht hatte, nach einer schwer nachvollziehbaren Wandlung heute aber am rechten Rand der Gesellschaft angekommen.
Gemeinsam mit Klaus Eschen gründeten die beiden das Sozialistische Anwaltskollektiv, das von 1969 bis 1979 die Verteidigung von Baader, Meinhof, Ensslin und Co. übernahm.
Im aufgeheizten politischen Klima jener Jahre versuchten sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Otto Schily, mit den Mitteln des Prozessrechts eine faire Verteidigung ihrer Mandanten zu ermöglichen. Über die anstrengenden basisdemokratischen Abstimmungsprozesse im Anwaltskollektiv und die vielen Streitigkeiten mit der Justiz im Rahmen der Stammheim-Prozesse erzählte Ströbele viel Hörenswertes.
Leider blieb für die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart in diesem Gespräch kaum noch Zeit. Kurz wurde noch Ströbeles Rücktritt als Grüner Parteivorsitzender wegen umstrittener Äußerungen zum Golfkrieg und Israel im Jahr 1991 gestreift.
Sehr spannend wäre es gewesen, was der Linke Fraktionsvorsitzende Gysi und der einzige, sogar drei Mal in Folge und mit Stimmenzuwächsen, direkt gewählte Grüne Bundestagsabgeordnete Ströbele zum aktuellen Zustand ihrer Parteien und den gegenwärtigen Debatten zu sagen haben.
Die ersten acht Filme für den Wettbewerb der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin stehen fest. Neben dem bereits angekündigten Eröffnungsfilm True Grit von Joel und Ethan Coen kommen sieben Produktionen bzw. Co-Produktionen aus der Türkei, den Niederlanden, Israel, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den USA hinzu:
Bizim Büyük Çaresizliğimiz (Our Grand Despair)
Türkei / Deutschland / Niederlande
Von Seyfi Teoman
Mit İlker Aksum, Fatih Al, Güneş Sayın, Baki Davrak, Taner Birsel, Mehmet Ali Nuroğlu
Weltpremiere
Coriolanus Großbritannien - Debütfilm
Von Ralph Fiennes
Mit Ralph Fiennes, Gerard Butler, Vanessa Redgrave, Brian Cox, James Nesbitt
Weltpremiere / außer Konkurrenz
Lipstikka Israel/Großbritannien
Von Jonathan Sagall
Mit Clara Khoury, Nataly Attiya, Moran Rosenblatt, Ziv Weiner
Weltpremiere
Pina Deutschland/Frankreich - Tanzfilm in 3D
Von Wim Wenders
Mit dem Ensemble des Tanztheater Wuppertal
Weltpremiere /außer Konkurrenz
Wer wenn nicht wir (If not us, who?) Deutschland
Von Andres Veiel
Mit August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling
Weltpremiere
Yelling To The Sky USA - Debütfilm
Von Victoria Mahoney
Mit Zoë Kravitz, Gabourey Sidibe, Tim Blake Nelson
Weltpremiere
The Future Deutschland / USA
Von Miranda July
Mit Hamish Linklater, Miranda July, David Warshofsky
Internationale Premiere
Die 10. Französische Filmwoche endete mit einem sehr bedrückenden, aber wichtigen politischen Film: Xavier Beauvois zeichnet in seinem von der Kritik hochgelobten und in Cannes 2010 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Drama Von Menschen und Göttern eine wahre Geschichte nach.
In den algerischen Bergen wurden 1996 die Mönche eines Trappistenklosters, die von islamischen Fundamenatalisten als Geiseln genommen und getötet. Nur zwei Männer konnten sich bei dem Überfall verstecken und somit retten. Der Film zeigt in langen, ruhigen Einstellungen, wie sich die Situation im Maghreb langsam verschlechtert und wie die Mönche in ausführlichen Diskussionen mit sich ringen: Sollen sie den Warnungen der algerischen Regierung folgen und das Land verlassen? Dürfen sie die Menschen in den umliegenden Dörfern zurücklassen, die auf ihre ärztliche Versorgung angewiesen sind?
Das Herzstück des Films sind seine immer düsterer werdende Stimmung und die Genauigkeit, mit der die Gespräche zwischen den Klosterbrüdern mit all den Pro und Contra-Argumenten dramaturgisch gestaltet sind.
Der Film startet bereits am 16. Dezember bundesweit in den Kinos.
Die Webseite zu Von Menschen und Göttern
Bei der 10. Auflage der Französischen Filmwoche war ein erstaunliches Werk zu sehen: Xavier Dolan wurde für sein Filmdebüt J´ai tué ma mère/I killed my mother beim Festival in Cannes 2009 mit gleich drei Filmen ausgezeichnet. Neben der Arbeit am Drehbuch übernahm er mal eben auch noch die Hauptrolle, führte die Regie und war Co-Produzent.
Mit nur 20 Jahren wurde der Franko-Kanadier aus Montreal als neues Wunderkind des französischsprachigen Kinos gefeiert. Solche Vorschusslorbeeren machen natürlich skeptisch. Aber zugegebenermaßen: Der Film überrascht durch ein präzises Timing, eine genaue Charakterisierung der Figuren, witzige Dialoge und ein gutes Gespür für passende musikalische Untermalung.
In der Tragikomödie dominiert vor allem der Konflikt zwischen dem pubertierenden Hubert Minel alias Xavier Dolon mit der seiner Mutter (gespielt von Anne Dorval), die sich hinter ihren Fernsehshows verkriecht und ihrem Sohn oft nicht zuhört, ja nicht einmal mitkriegt, dass er seit zwei Monaten glücklich mit einem Schulfreund liiert ist.
Im Frühjahr 2011 wird J´ai tué ma mère in den deutschen Kinos auch außerhalb der Festrivals anlaufen. Kurz danach kann man sich dann auch überzeugen, ob der junge Regisseur bei seinem zweiten Film, Les amours imaginaires, dem Ruf, der ihm vorauseilt, gerecht wird.
Die 61. Berlinale wird am 10. Februar 2011 mit dem neuen Film True Grit der Brüder Joel und Ethan Coen eröffnet.
Das berühmte Regie-Duo – sowie Darsteller Jeff Bridges - präsentierten 1998 bereits die fulminante Filmkomödie The Big Lebowski im Berlinale-Wettbewerb. Nun kehren sie mit einem Westerndrama nach Berlin. In den Hauptrollen sind die Oscarpreisträger Jeff Bridges (Crazy Heart) und Matt Damon (Das Bourne Ultimatum), Hollywoodstar Josh Brolin (Wall Street) sowie die Newcomerin Hailee Steinfeld zu sehen.
Die Neuinterpretation des Westernklassikers Der Marshall (mit John Wayne) von 1969 erzählt die Geschichte der 14-jährigen Mattie (Hailee Steinfeld), die den Mörder ihres Vaters finden will. Da ihr die Behörden dabei nicht helfen wollen, heuert sie den raubeinigen Marshall „Rooster“ Cogburn (Jeff Bridges) an, der zusammen mit ihr und dem Texas Ranger LaBoeuf (Matt Damon) die Spur des flüchtigen Mörders (Josh Brolin) aufnimmt.
True Grit wird als internationale Premiere außer Konkurrenz im Wettbewerb der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin präsentiert. Der Verleih Paramount wird True Grit am 24. Februar 2011 in die deutschen Kinos bringen.
Zum Abschluss des Festivals Around the world in 14 films wurde die extralange rumänische Dokumentation Autobiografia Lui Nicolae Ceaucescu gezeigt. Leider waren viele der Szenen in den drei Stunden etwas redundant: Ceaucescu empfängt Honecker, Ceaucescu besucht Carter, Ceaucescu gibt Gorbatschow beim Warschauer Pakt-Gipfel den Bruderkuss, Ceauscescu besucht sozialistische Musterbetriebe, usw.
Andrej Ujicas Film zeichnet chronologisch die Stationen von Ceaucescus Antszeit als rumänischer Staatschef von 1965-89 nach. Es handelt sich durchweg um offizielle Filmdokumente der Fassaden der Selbst-Inszenierung des kommunistischen Herrschers mit den üblichen Massenaufmärschen und Parteitagsakklamationen.
In manchen Passagen gelingt es dem Film jedoch wirklich gut, die Mechanismen dieser autoritären Herrschaft kenntlich zu machen: Die interessanteste Aufnahme ist ein kurzer Zwischenfall beim XII. Parteitag der rumänischen kommunistischen Partei, als ein Redner Ceaucescus Wiederwahl in Frage stellt. Sofort schreitet ein linientreuer Kader ein, macht den Vorredner lächerlich und wird immer wieder von minutenlangen inszenierten Ovationen fpr den Großen Vorsitzenden unterbrochen.
Weitere Informationen zum Film
Einer der Höhepunkte des 5. Festivals Around the world in 14 films war The Green Wave von Ali Samadi Ahadi. In diesem sowohl wegen seiner künstlerischen Kreativität als auch wegen seines politischen Informationsgehalts überzeugenden Film wird die Situation im Iran vom überraschenden Aufkeimen der Hoffnung auf Wandel im Wahlkampf des Frühsommers 2009 bis zum brutalen Niederschlagen der anschließenden Proteste, als Präsident Ahmadinedschad unter fragwürdigen Umständen zum Wahlsieger erklärt wurde.
In nur 10 Montan fügten Ahadi und sein Team eine gelungene Collage aus Animations-Sequenzen, die an Persepolis erinnern, Video-Schnipseln und von Schauspielern eingesprochenen Blog- und Twitternachrichten. Ergänzt durch Interviews mit so kompetenten und prominenten Zeitzeugen wie Friedens-Nobelpreisträgerin und Menschenrechts-Anwältin Shirin Ebadi entsteht ein sehr bedrückendes, realistisches Bild der Vorgänge im Iran.
Aktuell wird der Film von Pegah Ferydoni, einer der Erzählerinnen, und dem Regisseur, die in Berlin beide mit dem grünen Schal als Symbol der Opposition auftraten, auf mehreren Festivals wie z.B. auch in Sundance vorgestellt, bevor er im Spätwinter in den deutschen Kinos starten wird.
The Ferrari Dino Girl von Jan Nemec ist einer dieser sperrigen, experimentellen Filme, der die Leute in Scharen aus dem Kinosaal treibt - die dann das Beste am Ende verpassten.
Der Stil des Regisseurs, der in den 1960ern während des Prager Frühlings zu den Köpfen der tschechischen neuen Welle, bleibt auch in seinem Alterswerk nicht ganz leicht konsumierbar. In Spielszenen, die wie aus der Zeit gefallen scheinen und zunächst auf kein Ziel hinzuführen scheinen, zeichnet der Regisseur die abenteuerliche Geschichte, wie er die Filmaufnahmen von der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 über die Grenzen schmuggelte.
In einer merkwürdigen menage á trois mit einem italienischen Diplomaten und dessen Verlobter Jana, in die Nemec unglücklich verliebt ist, wagen sie sich im Morgengrauen an die österreichische Grenze und überwinden mit allerlei Tricks und Janas Verführungskünsten die Grenzkontrolle.
Allgemeine Heiterkeit löste im Saal im mittlerweile knapp auf knapp die Hälfte dezimierten Publikum aus, als der Regisseur immer wieder betonte, dass ausgerechnet die Schlagersänger Udo Jürgens und Karel Gott damals indirekt für weltweites politisches Aufsehen gesorgt: In einer Koproduktion mit dem ORF hatte Nemec zuvor diese beiden Künstler porträtiert und somit einen engen Draht zu Helmut Zilk aufgebaut, der damals Fernsehdirektor und Mentor der neu geschaffenen Osteuropaabteilung des ORF und später populärer Wiener Oberbürgermeister war.
So gelang ein großer journalistischer Scoop: Nemec hatte eine Vertrauensperson, mit deren Hilfe er die Weltöffentlichkeit sofort über die dramatischen Ereignisse in Prag informieren und die Zensur umgehen konnte. In Zeiten vor Twitter und Co. bei weitem keine Selbstverständlichkeit.
Die Intensität dieser Filmsequenzen, die ohne überflüssige Kommentare die Wut und Ohnmacht der Prager Bürger zeigen und in langen Kameraschwenks die Atmosphäre einfangen, machen den Film lohenswert.
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