Sebastian Nakajew wälzt sich als Othello in den letzten Pfützen des Brackwassers: Der intrigante Strippenzieher Jago (in den meisten Kritiken als bester Schauspieler des Abends gewürdigt: Stefan Stern) hat auch in dieser Inszenierung des Shakespeare-Klassikers die Saat der rasenden Eifersucht in dem leicht naiv wirkenden Kraftprotz gesät.
Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Marius von Mayenburg, der für die aktualisierte Übersetzung verantwortlich war, rückten Jago erkennbar in den Mittelpunkt des Stücks: Mal als Conferencier im schicken Anzug und mit Mikrofon, mal als unscheinbarer Mann in den Kulissen, bestimmt er den Lauf der Tragödie. Ansonsten spult Ostermeier den Stoff routiniert ab: So weit, so bekannt. Mit knapp drei Stunden zieht sich das Drama doch etwas in die Länge.
Eigene Akzente setzt der Regisseur noch bei der Eröffnungsszene: Laute Trommeln schlagen den Takt, als Venedig vom Angriff auf die Türken erfährt, Othello und Desdemona posieren zwischen halb und ganz nackt im Zentrum der Bühne und die Schauspieler waten durch mehr als knöcheltiefes Wasser, das gerne mal in Richtung der teuren Plätze in der ersten Reihe spritzt.
Der gesamte Abend wird von Trommelklängen oder Ska untermalt. In der Industriehallenästhetik der Schaubühne am Lehniner Platz kommt diese akustische Begleitmusik aber weniger gut zum Tragen, als es wohl im Sommer bei der Premiere im antiken Amphitheater von Epidauros der Fall gewesen sein muss.
Die Retrospektive der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin ehrt den 2007 verstorbenen schwedischen Regisseur Ingmar Bergman. Das filmische Schaffen der Kinolegende Bergman umfasst über 60 Werke, darunter Filme wie Das Schweigen (Tystnaden, 1962/63), Szenen einer Ehe (Scener ur ett äktenskap, 1972/73) und Fanny und Alexander (Fanny och Alexander, 1981/82 - vier Oscar-Auszeichnungen), mit denen er weltberühmt wurde. Er erhielt nahezu alle bedeutenden internationalen Filmpreise, darunter auch einen Goldenen Bären für Wilde Erdbeeren (Smultronstället, 1957) bei der Berlinale 1958. Ingmar Bergman war ein selbstreflexiver Künstler von gigantischer Schaffenskraft. Als Regisseur lotete er die Fragen des Lebens existentiell aus und war ein Chronist der bürgerlichen Gesellschaft. Ingmar Bergman – Autor, Regisseur (Film, Theater, TV) und Produzent – ist, wie es die jungen Kritiker und späteren Nouvelle-Vague-Regisseure formulierten: Ein Klassiker der Moderne.
„Die künstlerische Produktivität Ingmar Bergmans ist staunenswert, entstanden ist dabei über die Jahrzehnte ein Werk, das immer neu und in seinem klaren Blick auf die Facetten menschlichen Verhaltens immer überzeugend war. Seine Filme sind Höhepunkte des europäischen Autorenfilms, ihre stilistische und moralische Konsequenz bleiben auch heute vorbildlich“, kommentiert der Leiter der Retrospektive, Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen.
Das Werk Bergmans kann als „Gesamtkunstwerk” betrachtet werden: Zitate, Spiegelungen, Umkehrungen sind selbstreferentielle Stilmittel eines Regisseurs, der bei seiner Besetzung immer wieder auf ein bewährtes Ensemble zurückgriff: Bibi Andersson, Harriet Andersson, Gunnar Björnstrand, Eva Dahlbeck, Erland Josephson, Gunnel Lindblom, Birger Malmsten, Ingrid Thulin, Liv Ullmann und Max von Sydow. So treffen sich dreißig Jahre nach Szenen einer Ehe (Scener ur ett äktenskap, 1972/73) Liv Ullmann und Erland Josephson – Marianne und Johan – erneut: in Sarabande (2002/03), Bergmans letztem Film, der stellvertretend für Bergmans umfängliches Fernsehschaffen bei der Retrospektive zu sehen sein wird. Das Prinzip der Kontinuität spielte für Bergman auch bei der Bildgestaltung eine große Rolle: So entstanden über zwanzig Filme mit dem Kameramann Sven Nykvist, darunter 1965/66 Bergmans kompromisslose Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Identität: Persona.
„Ingmar Bergmans Vielseitigkeit ist ebenso beeindruckend wie sein Mut, mit gesellschaftlichen Tabus zu brechen“, sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. „Wie kaum ein anderer zeigt er das zerrissene Lebensgefühl des modernen Menschen auf. Ingmar Bergmans Filme gehören zur Geschichte der Berlinale, und ich freue mich, mit der Retrospektive diesen großen Filmemacher zu ehren.“
Neben bekannten Werken wie Die Zeit mit Monika (Sommaren med Monika, 1952/53), Abend der Gaukler (Gycklarnas afton, 1953), Das siebente Siegel (Det sjunde inseglet, 1956/57), Das Schweigen (Tystnaden, 1962/63) und Fanny und Alexander (Fanny och Alexander, 1981/82) gilt es auch, seine eher unbekannten Filme aus den 1940er und 1950er Jahren zu entdecken. So seine Drehbucharbeit für Alf Sjöbergs Die Hörige (Hets, 1944), ein Film, der dem skandinavischen Kino zu neuer internationaler Aufmerksamkeit verhalf. Eine bewegende Reverenz an die schwedische Kinematografie ist Bergmans Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Schauspieler Victor Sjöström, 1949/50 in An die Freude (Till glädje) und 1957 in Wilde Erdbeeren (Smultronstället), in dem er seinen letzten großen Auftritt hat. Bereits 1945/46 stand der Altmeister dem jungen Nachwuchsregisseur Bergman für dessen Filmdebüt Krise (Kris) beratend zur Seite.
Die Retrospektive umfasst sämtliche Kinofilme Bergmans sowie Beispiele seiner Arbeit als Drehbuchautor. Hinzu kommen Dokumentationen des schwedischen Filmemachers und Bergman-Kenners Stig Björkman, der Bergman sowohl vor als auch hinter der Kamera porträtiert hat. Sämtliche Filme werden in Kooperation mit dem Schwedischen Filminstitut und dem Schwedischen Institut in neuwertigen Kopien gezeigt. Ergänzend zum Filmprogramm findet eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen und Diskussionen statt.
Parallel zur Retrospektive zeigt die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen die Ausstellung „Ingmar Bergman – Von Lüge und Wahrheit“, die Mitte Januar 2011 im Filmhaus am Potsdamer Platz eröffnet wird. Dank der engen Kooperation mit der Ingmar Bergman Foundation und weiteren schwedischen Partnern können erstmals zahlreiche persönliche Dokumente und Arbeitszeugnisse aus Bergmans Nachlass präsentiert werden. Zu Retrospektive und Ausstellung erscheinen zwei Publikationen im Berliner Verlag Bertz + Fischer. Retrospektive und Ausstellung werden von der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen verantwortet.
Sofern nicht anders angegeben, stehen die Texte dieser Seite unter
Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 2.0 DE Lizenz.
Über das Kulturblog
Das /e-politik.de/ Kulturblog widmet sich ausschliesslich Rezensionen von Theaterstücken und Filmen.
Mehr lesen
