Andreas Kriegenburgs unkonventionell besetzter "Sommernachtstraum"
16:18
Sonntag, 26. September 2010
Schon wieder Shakespeare? Noch dazu schon wieder eine "Sommernachtstraum"-Inszenierung? Das Deutsche Theater Berlin brachte doch erst vor drei Jahren eine Regie-Arbeit von Jürgen Gosch mit Corinna Harfouch in einer der Hauptrollen heraus. Da muss man schon gute Argumente finden, warum Andreas Kriegenburg, einer der aktuellen Hausregisseure des DT Berlin, nun ebenfalls diesen Stoff auf die Bühne bringen soll.
Kriegenburg versucht es mit einer sehr ungewöhnlichen Besetzung: Normalerweise konzentriert sich im "Sommernachtstraum" vieles auf die Verwirrungen des Quartetts aus Lysander, Demetrius, Hermia und Helena. Sie spielen diesmal aber nur die dritte Geige. Statt des jugendlichen Überschwangs junger Schönheiten ist das melancholischere Ringen gesetzterer Paare in der Lebensmitte zu erleben.
Der Abend gehört vor allem den Handwerkern und einem diabolischen Duo in gut geschnittenen Anzügen: Als Fensterputzer in Overalls überraschen einige der großen Diven des Ensembles. Barbara Schnitzler, Margit Bendokat und Almut Zilcher macht es sichtlich Spaß, mit aufgeklebten Bärten und in breitbeiniger Bodenständigkeit mit den Erwartungen zu spielen. Dazwischen lässt Kriegenburg seine Truppe immer wieder über pychologische, philosophische und kulturwissenschaftliche Thesen von Freud und Co. streiten. Diese Ergänzung des klassisschen Stoffs wirkt etwas gewollt. Einer der Höhepunkte des Abends ist aber ihre bewusst dilettantische Aufführung von Pyramus und Thisbe, das sie als "Stück im Stück" auf der finalen Hochzeitsfeier zum Besten geben.
Sehr gut sind auch Ole Lagerpusch und Daniel Hoevels in Szene gesetzt. Vor allem Letzterer war bisher noch kaum in größeren Rollen zu sehen, überzeugt aber als "Puck" an der Seite des Fürsten "Oberon". Die beiden Beaus genießen die Verwirrungen, die sie mit ihrem Liebeszauber angerichtet haben, mit spöttischem Grinsen vom Bühnenrand aus, bis sie den nächsten Einfall zu Madrigal-Klängen umsetzen.
Fazit: Trotz mancher Längen gelingen Kriegenburgs Regie-Team einige schöne und amüsante Szenen. Eine klassische Liebeskomödie mit überdurchschnittlich vielen küssenden Paaren in der Pause.
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Zwei sehr unterschiedliche ilb-Autoren: Mahmud Doulatabadi und Assaf Gavron
18:41
Mittwoch, 22. September 2010
Am Dienstag waren beim ilb zwei sehr unterschiedliche Autoren im Theatersaal des Hauses der Kulturen der Welt zu erleben, die aber beide mehr Besucher verdient hätten:
Zunächst las Mahmud Doulatabadi aus seinem neuen Buch Der Colonel: Ein düsteres Buch über die Zeit direkt nach der islamischen Revolution im Iran. Man merkt dem Text seine Entstehungsgeschichte an: Der Stoff quälte den Autor als Alptraum bereits vor knapp 25 Jahren. Doulatabadi machte sich erste Notizen und ließ die Erzählung weiter in seinem Kopf und in ersten Manusktiptentwürfen reifen. Erst im vergangenen Jahr hielt er die Zeit für gekommen, den Roman zu Papier zu bringen und als Erstveröffentlichung beim Züricher Unionsverlag zu publizieren. In der iranischen Theokratie hätte ein solch düsterer und brutaler Text, der auch Verhöre und Folter nicht ausspart, natürlich keine Chance, publiziert zu werden.
Die Titelfigur, ein ehemaliger hoher Militär in der Armee des Schahs leidet unter dem plötzlichen Machtverlust nach dem Regimewechsel und wird eines Tages verhaftet, als er seine Frau aus Eifersucht ermordet hat. Nach und nach verliert er auch seine fünf, die sich entweder gegen ihn stellten und als "Märyter" der Revolution starben oder vom Geheimdienst verschleppt und getötet wurden.
Wer nach so viel politischer Tristesse gute, humorvolle Unterhaltung sucht, ist bei Assaf Gavrons rasantem Roadmovie Alles paletti gut aufgehoben. Der Roman des israelischen Autors erscheint leider erst jetzt auf Deutsch, obwohl er in seiner Heimat 2003 ein großer Erfolg war. Bereits die temporeiche Reflexion über verschiedene Gründe, umzuziehen, weckt die Lust, diesen Text kennenzulernen. Auf den kommenden Seiten entspinnt sich eine wilde Verfolgungsjagd der ukrainischen Mafia, da Mitarbeiter einer Umzugsfirma einfach den LKW geklaut haben, in dem eine wertvolle, geheimnisvolle Fracht versteckt war. Von New York aus beginnt eine wilde Reise quer durch die USA. In Alles paletti verzichtet Gavron bewusst auf die Problematisierung des Nahost-Konflikts, die seine sonstigen Bücher prägen, und bietet stattdessen amüsante Unterhaltungsliteratur.
In Deutschland wurde Gavron durch ein Buch begann, dessen Titel Ein schönes Attentat in Israel heftige Wellen der Empörung auslöst: Ein Yuppie aus Tel Aviv überlebt mehrere Selbstmordattentate, in geschickten Montagen beleuchtet der Autor die Biographien des Yuppies und seiner Attentäter und schafft es, wie ihm viele Kritiker bestätigten, ein beklemmendes, aber differenziertes Bild des Nahostkonflikts zu zeichnen.
Aktuell arbeitet Gavron im Rahmen eines DAAD-Stipendiums in Berlin an einem nächsten Roman, der ebenfalls wieder hochpolitisch sein wird und im Milieu der israelischen Siedlungsbewegung spielt.
An diesem Sonntag waren zwei beeindruckende, streitbare Köpfe beim Internationalen Literaturfestival Berlin zu erleben.
Der chinesische Dissident Liao Yiwu durfte erstmals ausreisen. Warum die Pekinger Politbürokratie diesmal nachgegeben hat, konnte auch der Autor selbst nicht schlüssig erklären: Erst 2008 bekam er nach knapp zehnjähriger Wartezeit einen Pass, wurde seitdem aber immer wieder an der Grenze zurückgeschickt oder bereits vorab an der Reise gehindert: Deshalb konnte er weder die Einladung zur Frankfurter Buchmesse mit Schwerpunkt China im vergangenen Herbst noch zur Lit.Cologne im Frühjahr wahrnehmen.
Mit der Staatsmacht geriet er erstmals 1989 durch sein Gedicht Massaker über die brutale Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Konflikt. Nach diesem einschneidenden Erlebnis und der mehrjährigen Haft entschied er, sich von fiktionalen Texten zu verabschieden und sich auf eine hyperrealistische Schilderung der chinesischen Verhältnisse zu konzentrieren.
Für Aufsehen sorgte vor allem sein Interviewband Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. China von unten, der bei seinem Erscheinen im Herbst 2009 von der Kritik einhellig gelobt wurde: Liao Yiwu traf sich mit Wanderarbeitern und prekarisierten Existenzen, die nicht in das ideologische Bild maoistischer Gleichheit und auch nicht in die westlichen Träume prosperierender Boom-Towns passen, so dass der Text nur im Ausland erscheinen konnte.
Liao Yiwus sprachliche Eleganz und seine Wut zeigte sich vor allem in zwei kurzen Gedichten und einem Offenen Brief an Angela Merkel, dessen Übersetzung der Moderator Hans Christoph Buch vortrug. Hat dieser Brief vielleicht zum Kurswechsel in Peking beigetragen, Liao Yiwu diesmal reisen zu lassen?
Erfreulicherweise war der Moderator dieser Veranstaltung im fast bis auf den letzten Platz besetzten Theatersaal des Hauses der Kulturen der Welt nicht so indisponiert wie Arno Widmann anschließend an der Schaubühne am Lehniner Platz: Der Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau stellte Ernst Stötzner, langjähriges Ensemble-Mitglied am Deutschen Theater, Hauptdarsteller vieler wichtiger Inszenierungen im deutschen Sprachraum und nun an der Schaubühne, peinlicherweise unter falschem Namen vor und hielt ihn für den Übersetzer von Vladimir Sorokins Erzählungsband Der Zuckerkreml. Als ihn Stötzner höflich darauf aufmerksam machen wollte, dass er lediglich Passagen aus dem Text vortragen wird, verstrickte sich Widmann noch tiefer in seinen Faux-Pas, bis ihm Stötzner einen kleinen Zettel während einer Pause rüberreichte.
Nach dieser sehr unprofessionellen Eröffnung entwickelte sich doch noch eine interessante Diskussion über Sorokins Text und seine negative Utopie von Russland im Jahr 2027. In seinem neuen Werk spinnt der Autor die Konstruktion seines grotesken Romans Der Tag des Opritschniks weiter: Russland hat sich zur Monarchie entwickelt und mit einer "Großen Mauer" völlig vom Westen abgeschottet. Mit Brutalität wird jeder Widerstand niedergeschlagen. Während sich dieser Roman von 2007 ganz auf die Mechanismen der Herrschaft konzentrierte, nehmen die Episoden des neuen Bandes die Perspektive der "kleinen Leute" ein, die versuchen, halbwegs unbeschadet in der Schreckensherrschaft ihrem Alltag nachzugehen.
Michael Stavaric bot bei seiner Lesung auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin einige Häppchen aus seinen Büchern Böse Spiele (2009) und Europa. Eine Litanei, dessen 2. Auflage gerade erschien.
In diesen kurzen Eindrücken wird deutlich, dass wir es bei dem Autor, der 1972 in Brno geboren ist, noch als Kind seinen Eltern nach Österreich emigrierte, lange an der tschechischen Botschaft in Wien arbeitete und nun als freier Schriftsteller dort lebt, mit einem facettenreichen Autor zu tun haben.
In Böse Spiele geht es um eine schwierige Viereck-Beziehung, die mit mythischen Motiven und Klischees aus dem Zusammenleben der Geschlechter spielt. In dem Ausschnitt zeigt sich eine sehr rhythmisch-spielerische Komposition seiner Sprache.
Stilistisch und inhaltlich gibt es einen deutlichen Kontrast zum neu aufgelegten satirischen Buch Europa. Eine Litanei. Darin verknüpft er in einem assoziativen Kaleidoskop viele Kuriositäten aus den verschiedenen Regionen und Kulturen Europas. Ein Lesebuch, in das man wie bei einem Lexikon an beliebiger Stelle einsteigen kann.
Es wäre wesentlich interessanter gewesen, noch längere Passagen aus seinem Werk zu hören, anstatt die ohnehin knappe Veranstaltungszeit von nur 1 Stunde mit recht belanglosen Standardfragen á la "Wie arbeiten Sie? Mit dem Computer oder schreiben Sie mit der Hand?" zu füllen.
Ein sehr düsteres Bild zeichneten die Diskutanten im Theatersaal des Hauses der Kulturen der Welt vom System Putin-Medwedew. Der Philosophie-Professor Michail Ryklin, die Publizistin Sonja Margolina, die seit 1986 in Berlin lebt,und die junge russische Journalistin Natalja Kljutarscharjowa konnten keine hoffnungsvollen Ansätze ausmachen, wie die autokratische Struktur des heutigen Russland überwunden werden könnte.
Nach dem Fall des Kommunismus und der jähen Enttäuschung der Hoffnung auf eine schnelle demokratische Transformation während der späten Gorbatschow- und frühen Jelzin-Jahre entzündet sich zwar immer wieder Protest wie eine Stichflamme an einigen Orten des gewaltigen Territoriums.
Die Panelisten waren sich aber einig, dass keine tragfähige Idee für einen Wandel in Sicht sei. Ob bei der nächsten Präsidentschaftswahl Medwedew wiedergewählt werde oder doch Putin wieder vom Amt des Ministerpräsidenten in den Kremlpalast wechsele, sei recht irrelevant.
In solch deprimierenden Moll-Tönen verlief die Diskussion, begleitet von Kopfschütteln, Unmut und giftigen Kommentaren über den Stil des Moderators Manfred Sapper von der Fachzeitschrift osteuropa. Er zelebrierte seine ausführlichen Hinführungen zur nächsten Frage in seiner Rhetorik, die in einigen Facetten an Guido Westerwelle und Reinhold Beckmann erinnerte, bis nach fortgesetztem Grummeln einige Besucher mit den Worten "Davon kriege ich Kopfschmerzen" gingen.
In der Reihe "Reflections" diskutierten drei ältere Herren über das Verhältnis von Schriftstellern und Intellektuellen zur Macht: Ausgehend von ihren persönlichen Erlebnissen im Jahr 1968 räsonierten der polnische Publizist Adam Krzeminski (Polityka), der ungarische Schriftsteller und Freitag-Mitherausgeber György Dalos und der deutsche Romancier Peter Schneider über ihr politisches Engagement und ihre Irrwege.
Über weite Strecken verengte sich die Podiumsdiskussion auf die Verführbarkeit durch Ideologien: György Dalos verstand sich in seiner Jugend als Maoist, Peter Schneider hatte als einer der Wortführer der West-Berliner Protest-Szene engen Kontakt zu einigen Mitstreitern, die sich radikalisierten und der RAF anschlossen. Auch die Moderatorin, Tissy Bruns, wusste dazu einiges Zweifelhafte aus ihrer Biographie beizutragen, da sie in den 1980er Jahren bis zum Mauerfall der DKP anhing.
In den Momenten, als sich die Diskussion etwas von Anekdoten löste und nicht gerade wieder eine der zahlreichen Spitzen gegen den abwesenden Günter Grass gesetzt wurde, konnte man durchaus Nachdenkenswertes über die Situation von Intellektuellen in Osteuropa hören: auf die Zeit der Zensur, als die Leser begierig zwischen den Zeilen lasen und auf jede Nuance achteten, folgt in den Transformationsstaaten eine Ära, in der es immer schwieriger ist, überhaupt Gehör zu finden.
Das Reflexionsniveau von Adam Krzeminski und György Dalos konnte Peter Schneider nicht halten, der eher vom Thema wegführte und dann auch Banalitäten, die mit dem Thema überhaupt nichts zu tun haben, von sich gab, wie z.B. dass er Helmut Schmidt verehre, weil er so unbeirrbar in der Öffentlichkeit raucht.
Am Ende stimmten die drei älteren Herrschaften in ein eher düsteres Bild über den Zustand unserer Demokratie ein: Vor allem Krzeminski bedauerte, dass sich die Medien in immer kürzeren Zyklen auf ein neues Thema stürzten und dann schon die nächste Sensation als Hype der Woche auf allen Kanälen durchgenudelt werde. Die Diskussion über strukturelle Probleme bleibe so auf der Strecke und ohnehin kämen abweichende Meinungen zu selten zu Wort. Tissy Bruns nickte dazu heftig. Dabei könnte sie dies doch ändern und in ihren Tagesspiegel-Artikeln oder bei ihren Auftritten in fast jedem zweiten Presseclub nicht nur den Mainstream-Konsens zum Aufreger der Woche resümieren.
Eine ganz andere Zielgruppe hatte die Internationale SLAM! Revue im etwas zugigen C-Club am Platz der Luftbrücke. 10 internationale Spoken Word Poeten wetteiferten in einem babylonischen Sprachgewirr um die Gunst des Publikums.
Das Applausometer verzeichnete nach knapp drei Stunden die stärksten Ausschläge bei der Australierin Emilie Zoey Baker, die nach 28stündigem Flug und Unfall im Veranstaltungsbüro auf die Bühne humpelte.
So überzeugend war ihr Vortrag aber nun auch wieder nicht. Mit subtileren Pointen und besseren dramaturgischen Mitteln performten einige ihrer Konkurrenten:
Elsa Fitzgerald & Ribi Rimini (Schweiz) erzähltren mit hintersinnigem, feinem Humor über die Begegnung eines heiratswilligen Emmentalers mit einer Ukrainierin, die dringend eine Aufenthaltsgenehmigung braucht. Temye Tesfu (Deutschland) floh in seinem sehr amüsanten Text vor den Lederhosen-Klischees seiner bayerischen Heimat, nur um im gentrifizierten Berlin auf viele Klischee-Neu-Berliner zu treffen. Samian (Kanada) begeisterte mit Hip-Hop auf Französisch und in einer Sprache der First Nations, wo die Wurzeln seiner Familie liegen.
Als Ehrengast aus New York schuf Carlos Andrés Gomez auf Zuruf des Publikums aus den Wort-Bausteinen eine Liebeserklärung an Berlin. Er wird am kommenden Montag in einer Solo-Performance auch in der Berghain Panoramabar zu erleben sein.
Selten ist eine Podiumsdiskussion so missglückt wie diese Kooperation zwischen dem Internationalen Literaturfestival Berlin und dem Zentrum Moderner Orient: Die bekannte Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer und die beiden Herausgeber des Sammelbandes The Global Mufti. The Phenomenon of Yusuf al-Qaradawi sollten dem Publikum den umstrittenen islamischen Rechtsgelehrten vorstellen, der seit 1996 auf al-Jazeera in der Sendung Die Scharia und das Leben Fragen nach der richtigen, gottgefälligen Lebensweise beantwortet.
Leider brachten die 90 Minuten kaum einen Erkenntnisgewinn: Vom Podium kam in unterschiedlichen Varianten immer nur, dass der Mann sehr ambivalent sei und sich in seiner gewaltigen Produktivität zahlreicher Predigten, Fernsehauftritte und Schriften teilweise widersprüchlich äußert.
Aus dem fachkundigen Publikum im Collegium Hungaricum kamen mehrere ungeduldige Nachfragen: Es wurde auf konkrete Videos verwiesen, in denen er Töne mit recht eindeutiger antisemitischer Schlagseite anschlägt.
Fazit der Veranstaltung: Es ist unklar, wie sich dieser Mann einordnen lässt. Ist er ein moderater Mufti, der durchaus für Reformen offen ist? Manches lässt sich angeblich so interpretieren. Warum hat der alte, wenig charismatische Mann in der islamischen Welt so viele Anhänger? All diese Fragen wären sehr interessant, aber an diesem Abend blieb eine Antwort im Dunkeln.
Am 15. September eröffnete die Jubiläumsausgabe des Internationalen Literaturfestivals mit den üblichen Reden und dem obligatorischen Aufmarsch der Praktikantinnen und Praktikanten, die das Programm gemeinsam mit dem Organisationsteam mitorganisierten.
Wegen der Renovierung des Hauses der Berliner Festspiele in Wilmersdorf zog die Veranstaltung an diesem Jahr direkt an die Spree: Im "Haus der Kulturen der Welt", das architektonisch den Mief der West-Berliner Insellage spüren lässt, nahmen zunächst die Grußworte sehr breiten Raum ein.
Als Sigrid Löffler, die Antipodin des Literaturpapstes MRR aus Zeiten des "Literarischen Quartetts", den Hauptredner des Abends vorstellte, nahm die Veranstaltung langsam an Fahrt auf: Juan Goytisolo kann auf ein sehr kurvenreiches Leben zurückblicken. Von Franco ins Exil gedrängt, lebte er zunächst in Paris, tauchte dort in avantgardistische Kreise ein und lebt nun hauptsächlich in der Altstadt von Marrakesch.
In seinem Eröffnungsvortrag Das Pulsieren des Raumes. Wie Ortserkundungen zu Texten werden skizzierte er einige biographische Erinnerungen und verknüpfte Episoden aus seinen Aufenthalten in Berlin Anfang der 1980er Jahre und Paris mit flüchtigen Assoziationen zu Cervantes und Baudelaire. Der Vortrag konnte die hohen Erwartungen, die Löfflers Einführung geweckt hatte, nicht erfüllen. Aus seinen reichen Lebenserfahrungen, seinen politischen Kämpfen und seinen zahlreichen Reisereportagen vor allem in die islamische Welt floss zu wenig in diese Festrede ein, die zwar nicht langweilte, aber etwas konturlos zwischen Assoziationen vor sich hinplätscherte.
Das Programm des 10. Internationalen Literaturfestivals Berlin
Ein Film, in dem wenig gesprochen wird. Die Handlung wird vor allem durch Mimik und Gestik vorangetrieben. Nur langsam wird klar, was die beiden Hauptdarsteller Manu (Maja Schöne) und Jakob (Robert Stadlober) in Zarte Parasiten antreibt. Von Kritikern wurde der Stil mit der Nouvelle Vague und vor allem den Truffaut-Filmen verglichen.
An diese Messlatte reicht der Film nicht heran. Das Publikum reagiert bei der Berlin-Premiere an einer Stelle eher mit irritiertem Lachen, als Jakob in einer Szene plötzlich aufsteht und sich von einem Ehepaar, das er offensichtlich erst vor kurzem kennen gelernt hat, mit den Worten verabschiedet, dass er noch eine kurze Spritztour mit ihrem Wagen plant.
In solchen Momenten wirkt dieser schmale und leise deutsche Film des Regie-Duos Christian Becker und Oliver Schwabe noch etwas unfertig. Ihr Debütfilm Egoshooter mit der damaligen Entdeckung Tom Schilling war wesentlich beeindruckender.
Dabei ist ihre Grundidee auch in Zarte Parasiten nachdenkenswert: Die Einsamkeit in Großstädten, der Verlust in Familien, die soziale Isolation im Alter - in diese "emotionalen Leerstellen" dringt das junge Liebespaar subtil ein. Sie besuchen eine bettlägrige alte Frau, Jakob nimmt Schritt für Schritt die Stelle des kürzlich verstorbenen Sohnes bei dem oben beschriebenen Paar ein. Dafür erwarten und bekommen sie offensichtlich Geld - ein Geschäftsmodell der ungewöhnlichen Art.
Der Film löst die aufgeworfenen Fragen bewusst nicht auf, bis zum Ende bleibt Wesentliches im Verborgenen. Aber man merkte den Regisseuren im Publikumsgespräch an, wie sehr ihnen ihre Themen am Herzen liegen.
Schöner als der etwas zwiespältige Reaktionen auslösende Film war das Konzert im Foyer des Berliner Kant-Kinos, das Robert Stadlober und Tom Schilling mit ihren Gitarren und drei melancholisch bis ironischen Songs gaben. Leider viel zu kurz, den beiden hätte man gerne noch etwas länger zugehört.
Zarte Parasiten läuft seit 9.9.2010 in ausgewählten Kinos bundesweit.
Die Sorgen und die Macht - kabarettistische Geschichtsrevue am Deutschen Theater
17:36
Samstag, 11. September 2010
Das Deutsche Theater Berlin eröffnete die Spielzeit 2010/2011 mit einem Abend in Überlänge: Dreieinhalb Stunden inklusive kurzer Pause schlagen die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner einen bunten Bogen durch die DDR-Geschichte von der Zeit des Mauerbaus bis 1989.
Der konkrete Ausgangspunkt ist einer der größten Theaterskandale der DDR-Geschichte: Wolfgang Langhoff musste 1963 als Intendant des Deutschen Theaters zurücktreten, da sich die Partei und die Kulturbürokratie an seiner Inszenierung von "Die Sorgen und die Macht" störten, einem eigentlich recht harmlosen Stück von Peter Hacks über die Planerfüllung in einer Brikett- und einer Glasfabrik. Im anschließenden Publikumsgespräch wurde deutlich, dass bis heute nicht ganz geklärt ist, was die Zensurbeamten so erzürnte, dass diese leicht ironische, aber grundsätzlich linientreue Aufführung abgesetzt wurde. Jürgen Kuttner spekulierte über einen Machtkampf zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb des Apparats.
"Die Sorgen und die Macht" wäre als Text für ein heutiges Publikum kaum interessant, da er sich ganz auf die damalige Situation um den wirtschaftlichen Aufbau in der DDR konzentriert. Mit ziemlich vielen Längen schleppt sich diese Handlung dahin, da die beiden Autoren fast völlig auf Streichungen verzichteten. Lohnenswert wird der Abend erst durch die vielen Einschübe, Links und Episoden, die sich um den Text ranken. Eine Reich-Ranicki-Parodie trägt Rezensionen zur damaligen Skandalaufführung vor, direkt nach der Pause verliest ein Schauspieler Wolfgang Langhoffs Kotau vor dem Regime und auch erste Feuilleton-Kritiken zur Premiere wurden spontan in diesen überbordenden Theaterabend eingefügt.
Viele Anspielungen können sicher nur Menschen genießen, die sich bewusst an die DDR-Kulturpolitik erinnern können. Relativ unvermittelt stimmt Jürgen Kuttner ein Lied von Wolf Biermann an. Erst im Nachgespräch erschließt sich, dass er damit auf die unversöhnlichen Positionen zwischen Biermann und Hacks während der Ausbürgerung des Sängers 1976 anspielte, wie Jürgen Kuttner in einer seiner typischen Tiraden erklärte.
Neben einem Ulbricht-Zitat bleiben vor allem die wütenden Gedichte in Erinnerung, die Hacks nach dem Mauerfall schrieb: Er rieb sich zwar am System, hielt aber weiter an der Idee des Kommunismus fest und prangerte sowohl die SED-Nachfolgepartei als auch die Bürgerrechtler in Guillotinen-Phantasien an.
Fazit: Ein ungewöhnlicher, streckenweiser aber zäher Abend, der vor allem bei den älteren Besuchern mit Ost-Sozialisation gut ankam. Auf den vielen Abzweigungen vom Hauptpfad, dem eigentlichen Stück "Die Sorgen und die Macht", kann man interessante Entdeckungen machen, sollte aber viel Geduld und am besten auch Vorwissen mitbringen.
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Die italienisch-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Isabella Rossellini wird Jury-Präsidentin bei den 61. Internationalen Filmfestspielen Berlin (10.-20.02.2011).
Die Tochter der schwedischen Schauspielerin Ingrid Bergman und des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini begann ihre berufliche Laufbahn zunächst als Modedesignerin und Journalistin. Sie arbeitete damals vor allem in New York. Ihr Schauspieldebüt hatte sie 1976 an der Seite ihrer Mutter in Vincente Minellis A Matter Of Time, danach spielte sie u.a. in Filmen von Paolo und Vittorio Taviani, Norman Mailer, Robert Zemeckis, Joel Schumacher, John Schlesinger, Peter Weir, Abel Ferrara, Stanley Tucci, Guy Maddin, Peter Greenaway u.v.m. International bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rollen in David Lynchs Filmen Blue Velvet (1986) und Wild at Heart – die Geschichte von Sailor und Lula (1990).
Erstmals bei der Berlinale war Isabella Rossellini 1994 als Hauptdarstellerin in Peter Weirs Wettbewerbsbeitrag Fearless zu sehen. In den vergangenen Jahren war sie regelmäßig zu Gast bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin: 2005 drehte sie mit dem kanadischen Experimentalfilmer Guy Maddin den Kurzfilm My Dad is 100 Years Old, eine Hommage an ihren Vater Roberto Rossellini, der im Rahmen des Berlinale Special 2006 lief. 2007 kehrte sie als Kinoerzählerin in Guy Maddins experimentellem Stummfilm Brand Upon the Brain! im Forum der Filmfestspiele nach Berlin zurück. Ihr Regie-Debüt Green Porno präsentierte Isabella Rossellini bei der Berlinale 2008 bei Forum Expanded: Acht spielerische Kurzfilm-Episoden stellen das Sexualleben von Regenwürmern, Libellen, Schnecken, Bienen oder Gottesanbeterinnen dar.
Ende Juli 2010 stand Isabella Rossellini in Studio Babelsberg für Dreharbeiten der Verfilmung der Graphic Novel Huhn mit Pflaumen von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud vor der Kamera. Es ist das zweite Mal, dass Rossellini in Babelsberg arbeitet. Bereits 1992 drehte sie auf dem früheren DEFA-Gelände – damals für die Filmadaption des Ian McEwan-Romans The Innocent unter der Regie von John Schlesinger.
Demnächst ist Isabella Rossellini in Saverio Costanzos Romanverfilmung Die Einsamkeit der Primzahlen (La solitudine dei numeri primi) von Paolo Giordano beim Filmfestival Venedig zu sehen.
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