Sport und Musik verbinden. Sonntagabend und noch eine gute Stunde bis zum Anpfiff des ersten Gruppenspiels der deutschen Nationalelf; oder noch zehn Minuten bevor Dirigent Sir Simon Rattle den Taktstock heben und so den Anpfiff zum aktuellen Bildungstanzprojekt „Zukunft@BPhil“ der Berliner Philharmoniker geben wird. Vor der Arena, einer für Kult und Kultur umgenutzten Montagehalle für Omnibusse an der Spree, mischen sich das Berliner Konzert- und Fußballpublikum. Fahnengeschmückte Autos stehen für die Korsofahren und Hupkonzerte bereit, die Großleinwand für das public viewing ist gleich nebenan auf dem gleichen Gelände aufgebaut.
In Fußballfantracht zu den Philharmonikern
Umso erstaunlicher, dass so viele Menschen im Trikot schließlich auf der Konzerttribüne sitzen, George Gershwins Groove und Wynton Marsalis’ Swing aufnehmen und nicht die Torschützen in Weiß, sondern die bunt verkleideten Schulkinder bejubeln, die unten auf der Bühne zu Orchesterklängen der Philharmoniker und Jazzer tanzen. Von Tanzstudenten in expressionistischer Schiedsrichtertracht wird der bunte Haufen über das Feld gejagt, mit Pfiffen und roten Fähnchen. Dynamischer und abwechslungsreicher als diese Choreografie von Rhys Martin kann auch Deutschland Australien nicht besiegen: Ein humorvoller Kommentar zur WM im Medium der Kunst, zu einer musikalischen Stimmungsmache, wie sie in Südafrika kaum besser sein kann.
Nach dem Konzert tobt der Applaus. Nur die Zuschauer im Deutschlanddress haben keine Zeit zum Klatschen, bis die jungen Tänzer und die erfahrenen Musiker das Feld räumen. Beim Verlassen der Arena steht es 1A um Musik und Kids und 2:0 für Deutschland und den Fußball. Von Nona Schulte-Römer
Die Gedanken sind frei - Theater jenseits der Stadt- und Staatstheater: Die freie Szene
19:29
Sonntag, 13. Juni 2010
PortFolio Inc. heißt die Gruppe junger Theatermacher, der neben dem Regisseur Marc Lippuner die Dramaturgin Tine Elbel, die Bühnen- und Kostümbildnerin Halina Kratochwil und der Schauspieler Michael F. Stoerzer angehören. Zusammen mit drei Gästen probt sie derzeit in den Räumen des Theater unterm Dach für ihr neues Stück. Roland wer? Diese Frage bekommt das Produktionsteam in letzter Zeit immer häufiger zu hören. Seit einigen Wochen arbeiten sie an ihrem aktuellen Projekt „Schernikau.Sehnsuchtsland“, das am 17. Juni im Berliner Theater unterm Dach Premiere feiert. An dem Abend soll es um Ronald M. Schernikau gehen, einen streitbaren Literaten zwischen den Polen Ost und West, DDR und BRD, einem Dasein als schillernder Existenz und Bohemien. Besonders ist, wie unterschiedlich die Erläuterungen der Beteiligten ausfallen, wenn sie Freunden, Bekannten und Interessierten von ihrem neuen Projekt berichten, ihnen von Schernikau erzählen. Während die einen wie bei einem Lebenslauf mit seiner Geburt beginnen und die zentralen Lebensstationen umreißen – geboren in Magdeburg, als Kind mit der Mutter in den Westen, erste Schreibversuche, später aus politischer Überzeugung wieder zurück in die DDR, um sich dort schließlich als letzter Bundesbürger im Oktober 1989 einbürgern zu lassen – thematisieren die anderen charakteristische Merkmale seiner Persönlichkeit: Er war Kommunist, der aus Überzeugung und Verbesserungswillen zurück in die DDR ging, er war Literat mit Anspruch auf künstlerische Originalität und Authentizität, er war Homosexueller, bestimmt vom Willen nach freier Lebensäußerung jenseits konventioneller Normen. Vielleicht zeigt sich gerade in diesen verschiedenen Herangehensweisen das Spannungsfeld der Person Ronald M. Schernikau, immer wieder entwickelt sich sein Bild neu, je nachdem, von welchem Standpunkt aus er betrachtet wird. Dem will die Inszenierung des Regisseurs Marc Lippuner, die zugleich eine Stoffentwicklung ist, Rechnung tragen: Statt eines Schauspielers, der Ronald. M. Schernikau verkörpert, stehen drei Schauspieler auf der Bühne, die sich von verschiedenen Seiten Schernikau nähern: „Eine dreiseitige Annäherung“, wie es im Untertitel des Abends heißt. Michael F. Stoerzer, Thomas Georgiadis und Stefan Aretz sind drei ‚Enthusiasten’, die sich mit dem gemeinsamen Ziel, Schernikau dem Vergessen zu entreißen, zusammenfinden, nur hat eben jeder von ihnen eine andere Vorstellung von dem, was an Schernikau das Wichtigste war. Was passiert, wenn drei unterschiedliche Standpunkte aufeinander treffen?
Es scheint, als treffe PortFolio Inc. mit der Wahl seines Stoffes einen Nerv der Zeit. Zwanzig Jahre nach dem Tod Schernikaus erscheint sein Name wieder öfter, sei es in der Buchszene – etwa durch die im letzten Jahr erschienene Biographie „Der letzte Kommunist“ von Matthias Frings – in der Literaturwissenschaft oder in der Presse. Auf dem Theater ist er bislang aber nur wenig zu sehen gewesen, schon gar nicht seine Person als Thema selbst. Vielleicht gibt „Schernikau.Sehnsuchtsland“ einen Impuls für die Neu- und Wiederbeschäftigung mit dieser vielfältigen Persönlichkeit, ihrem Schaffen und Wirken. Mit seinen Ansichten war er seiner Zeit weit voraus, sie sind auch heute noch von hoher Aktualität. PortFolio Inc. gewährt einen Einblick in die vielfältigen Seiten Ronald M. Schernikaus. Man darf gespannt sein.
Premiere am 17.6.2010, 20 Uhr, Theater unterm Dach
Weitere Vorstellungen: 18.6.; 1.-4.7.; 9., 10.10.; 4., 5.11., jeweils um 20 Uhr
Am Maxim Gorki Theater wagte sich Felicitas Brucker an das existenzialphilosophische Thesenstück "Geschlossene Gesellschaft", das Jean-Paul Sartre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs herausbrachte.
Stück für Stück schälen sich die drei Hauptfiguren Inès, Estelle und Garin aus ihren Folien, in denen sie zu Beginn des Abends am Boden kauerten. Offensichtlich sind alle drei tot und haben aus unterschiedlichen Gründen Schuld auf sich geladen. Nach der christlichen Glaubenslehre würde man sie nun in der Hölle oder zumindest im Fegefeuer vermuten.
Zu ihrer Überraschung erwarten sie aber an diesem Ort, wo sie sich gegenseitig ihre Vergehen beichten und Lebensbilanz ziehen, keine heißen Feuer und keine Qualen durch Folterknechte. Alles scheint harmlos, aber doch machen sich die drei Figuren ihre postmortale Existenz gegenseitig zur Hölle. Mit Nadelstichen und Verletzungen pieken sie aufeinander ein, entlocken sich gegenseitig ihre abgründigen Geheimnisse und gieren vergeblich nach Sex oder Anerkennung, bis der jeweils andere zurückweicht.
An der Neuköllner Oper wurde in diesen Tagen die neueste Koproduktion des erfolgreichen Duos Wolfgang Böhmer und Peter Lund wieder aufgenommen. In Leben ohne Chris blickt der arrogante Schnösel, der mit 18 Jahren gegen den nächsten Baum fuhr, in Begleitung eines blonden Engels vom Jenseits herab. Stinksauer reagiert der Egozentriker, als in seiner Familie und in seiner Clique kaum jemand wirklich um ihn trauert. Das Leben geht offensichtlich weiter.
Mit leichter Hand, melodischen bis rockigen Songs und bissig-witzigen Texten taucht die Musicalkomödie in die Realität moderner Jugendlicher ein. Wie bereits in früheren Jahren verkörpern wieder hoffnungsvolle Mittzwanziger-Studenten aus der Klasse von Peter Lund an der Universität der Künste (UdK) die Figuren. Neben ihrer stimmlichen Präsenz beeindrucken auch ihre geradezu akrobatischen Einlagen und ihre Körperbeherrschung. Besonders viel Applaus aus diesem durchweg guten Ensemble ernteten Christopher Brose als Chris und Tobias Bieri als Engel, dem man seine Schweizer Herkunft nicht anhörte.
Ein kurzweiliger Abend, der ein junges Publikum, gerade im berüchtigten Problembezirk, an das Theater heranführt und eine willkommene Abwechslung im kulturellen Leben der Stadt bietet. Wer gute Unterhaltung sucht, ist hier richtig. Politischen Tiefgang und große gesellschaftspolitische Theorien gibt es dann wieder im nächsten Teil unserer Serie über "Berliner Bühnen", wenn Sartres "Geschlossene Gesellschaft" in einer Inszenierung des Maxim Gorki Theaters besprochen wird.
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