Eine sehr ungewöhnliche Kombination ist diese Woche im Kleinkunst-Zelt Bar jeder Vernunft zu erleben: Die Musiker von MoZuluArt gastieren bei Ihrer Berlin-Premiere mit einer wilden Crossover-Mischung aus traditionellen afrikanischen Klängen und Mozarts klassischen Ohrwürmern.
Vor einigen Jahren fanden in Wien die drei Sänger Vusa Mkhaya Ndlovu, Blessings Nqo Nkomo und Dumisisani Ramadu Moyo, die ursprünglich aus Simbabwe stammen, und der Pianist Roland Guggenbichler zusammen, die eine typisch österreichisch-afrikanische Melange aus dem Groove der Gospels und des Swings sowie Klaviermusik Mozarts auf die Bühne bringen. An diesem Abend bekamen sie noch Verstärkung vom Ambassade Streichquartett, das sich aus Musikern der Wiener Symphoniker zusammensetzt, die sich dezent im Hintergrund hielten und sichtlich amüsiert über die temperamentvollen Tanz- und Gesangseinlagen der drei Frontmänner waren.
Dem Publikum wird an diesem Abend einige interkulturelle Kompetenz abverlangt: Bei Mbube, das unter seinem englischen Titel The Lion sleeps tonight zum Welthit wurde und bereits mehr als 150mal gecovert wurde, können noch die meisten Zuschauer den Refrain problemlos mitsingen. Heikler wird es bei den Lektionen auf Xhosa, Zulu und Ndebele mit den charakteristischen Schnalz- und Klicklauten.
Trotzdem war das Publikum von der Spielfreude der Musiker sehr angetan und forderte laut trampelnd mehrere Zugaben.
Zum Abschluss ihrer neuen Tour gastierte die britische Band Chumbawamba im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei: Aus vielen Moderationen zwischen den Songs klang deutlich durch, wo die Wurzeln dieser Musiker liegen. Sie haben sich 1982 in Leeds gegründet, als die Punkbewegung der späten 1970er Jahre ihren Höhepunkt gerade überschritten hatte, aber Maggie Thatcher mit ihrem harten Sanierungs- und Privatisierungskurs als Eiserne Lady die Insel polarisierte.
Der musikalische Stil hat sich mittlerweile gewandelt: Statt peitschender Drei-Akkord-Klänge, wie sie typischerweise mit dem Begriff Punk assoziiert werden, setzen die Musiker im reiferen Alter auf sehr melodiöse Klangfarben, die sich häufig vom Folk, vom Pop und traditionellen Liedern der Arbeiterbewegung inspirieren lassen.
An ihren politischen Positionen hat sich seitdem nichts geändert: Maggie Thatcher ist nach wie vor ein identitätsstiftendes Feindbild für die Band. Jude Abbott bezeichnet die betagte Dame in erstaunlich gutem Deutsch als "Hexe" und widmet ihr ein ironisches, ins Makabre übergehendes Abschiedslied Goodbye.
Etwas mehr mit dem Florett fechten Chumbawamba gegen Metallica-Frontmann James Hetfield: Im Gegensatz zu allen anderen betroffenen Künstlern erhob er keinen Einspruch dagegen, dass während der Bush-Ära in den Gefängnissen vom Irak bis nach Guantánamo bei Verhören oft stundenlang die Musik dieser Gruppen abgespielt wurde. Er meinte in einem Interview sinngemäß, dass er nichts dagegen habe, auf diese Weise seinen Beitrag zur Demokratisierung zu leisten. Chumbawamba phantasieren in ihrer Replik von einer fiktiven Verhörsituation, in der er mit ihrem größten Hit Tubthumping in Endlosschleife beschallt wird, der vor allem während der Fußball-WM 1998 durch die Stadien hallte.
Dieses James Hetfield gewidmete Stück zeigt exemplarisch den Stil, für den Chumbawamba geschätzt wird: Auf den ersten Anschein harmlos wirkende, wohlklingende Melodien transportieren deutliche Botschaften, die nicht mit Kritik am politischen Gegner sparen. Berühmt ist die Band vor allem für ihren stetigen Einsatz gegen Neonazis: Angesichts der damaligen Anschlagswelle texteten sie Enough is enough.
Abgerundet wurde der Abend durch einige hierzulande unbekannte englische Arbeiterlieder aus den Kämpfen des 19. Jahrhunderts oder dem nagelneuen Add me, worin die fünf Musiker die Gepflogenheiten Sozialer Netzwerke des Web 2.0 und das Phänomen virtueller "Freundschaften" mit treffendem Witz auseinander nehmen.
Die Stoßrichtung Georg Büchners war klar, als er 1835 kurz vor seinem Tod sein Drama Dantons Tod publizierte: Er wandte sich gegen die Weltferne der romantischen Epoche und warnte vor den restaurativen Tendenzen seiner Zeit. Am Beispiel des Machtkampfs zwischen den zwei Protagonisten der Französischen Revolutions-Ära, nämlich Danton und Robbespierre, wollte er zeigen, wie schnell ein Befreiungskampf, der von Idealen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit getragen wird, in eine Schreckensherrschaft umkippen kann.
Das Spannende an diesem Drama ist, dass Büchner sich auf zahlreiche Originaldokumente aus dem Wohlfahrtsausschuss und den Revolutionstribunalen stützen konnte, die damals erst wenige Jahrzehnte alt waren und teilweise wörtlich in den Text eingefügt wurden. Das große Problem ist aber: Unter welchem Blickwinkel soll Dantons Tod heute gelesen und aufgeführt werden? Dass revolutionäre Ideale sehr blutige Folgen haben können und zu häufig in der Geschichte totalitäre Systeme wie die UdSSR nach der Oktoberrevolution zur Folge hatten, ist mittlerweile allgemein bekannt. Außerdem ist der Zeitgeist trotz Finanzkrise, Klimawandel und aller Unsicherheiten des Globalisierungsprozesses alles andere als revolutionär gestimmt.
Dementsprechend wählte der Regisseur dieses Abends, Sebastian Baumgarten, einen sehr eigenen Ansatz: Er nimmt den Dramentext so sehr auseinander, dass man die einzelnen Versatzstücke oft nur schwer wiedererkennt und macht daraus eine Reflexion über Macht und Sprache, wie seine Dramaturgieassistentin in der Einführung erklärte. Man merkt dem Regisseur vor allem seine Herkunft aus der Opernwelt an: In einem Crossover-Genre-Mix legt sich ein Klangteppich über den gesamten Abend, zwischen die Originalfragmente werden Lektionen im Stil des epischen Theaters und fiktive Radiosendungen geschnitten.
Leider fällt es dem Publikum recht schwer, in diesem Wald voller Assoziationen und Zitate den Überblick zu behalten: Sehr verkopft wirkt diese Inszenierung. Erschwerend kommt hinzu, dass Dantons Rolle auf vier Schauspieler aufgeteilt ist, während Robbespierre allein von Castorfs ehemaliger Volksbühnen-Muse Kathi Angerer verkörpert wird.
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