Michael Thalheimers "Nibelungen" - Inszenierung als dröhnender Blutrausch
17:55
Montag, 29. März 2010
Der Regisseur Michael Thalheimer ist vor allem für zwei Dinge bekannt: Er widmet sich besonders gerne mythisch aufgeladenen Stoffen, wie z.B. in seinen Inszenierungen von Goethes Faust oder der Orestie nach Aischylos. Dabei entschlackt er die Dramen, bis nur noch ein Skelett übrig bleibt. Ein Thalheimer-Abend dauert selten länger als zwei Stunden.
In einem Punkt bleibt er sich auch diesmal treu: Mit Hebbels Nibelungen wagt er sich an einen besonders schwierigen Stoff, der sofort allerlei Assoziationen zu brutalen Machtkämpfen, Intrigen und deutschen Nationalmythen hervorruft. Vor allem nach dem Missbrauch des Nibelungenliedes durch die Nazi-Ideologie fassen viele diesen Stoff nur noch mit spitzen Fingern an. Thalheimer beruft sich dagegen auf die Position des Dramatikers Heiner Müller: Diese untoten Figuren, die weiter durch den Bildungskanon spuken, müssen noch ein mal wiederbelebt werden, um sie endlich begraben zu können, meinte der Geschichtsphilosoph Müller süffisant.
Thalheimers Inszenierung der Nibelungen, die vergangenes Wochenende am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte, krankt aber daran, dass man jenseits solcher Sprüche nicht so recht weiß, warum Thalheimer genau diesen Stoff auswählte und was er damit erreichen möchte. Statt schnörkelloser Kürze ufert der Theaterabend diesmal mehr als drei Stunden aus, wobei sich vor allem die letzte Stunde nach der Pause zäh hinschleppt. Sie endet in einer Blutorgie: Eimerweise strömt rote Farbe auf die Schauspieler herunter, die sich damit minutenlang gegenseitig einreiben und in einem Finale mit Pistolen abknallen.
Ein sehr düsterer Abend vollzieht sich auf der Bühne, dessen Schwere noch durch die laut dröhnende Musik von Bert Wrede als anwachsendes Hintergrundgrollen unterstrichen wird. Die lohnende Stückeinführung der Dramaturgin Sonja Anders deutet darauf hin, dass Thalheimer vor allem der Geschichtspessimismus Hebbels, der diese Bearbeitung der Nibelungensaga Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, faszinierte. Ähnlich wie in seiner Orestie nach Aischylos strömt das Blut. Die Menschen sind in blutige Kämpfe verstrickt: Keine Rettung, nirgends.
Wenn gerade nicht gemetzelt wird, liefern sich die Akteure laute Schreiduelle: Vor allem der Zickenkrieg zwischen Kriemhild und Brünhild wird von Maren Eggert und Natali Seelig als zwei der Diven des Ensembles akustisch eindrucksvoll zelebriert.
Während das Publikum freundlichen, aber doch etwas ratlosen, ermattet wirkenden Beifall spendete, waren sich die Feuilletons einig wie selten: Eine Inszenierung, die mit ihrer Lautstärke und ihrem literweisen Einsatz von Kunstblut anstrengt und an der viele ein deutlicheres Konzept vermissten: Was soll diese Blutorgie mythischer Helden uns für die Gegenwart sagen?
Der preisgekrönte Journalist Alexander Osang war wieder am Deutschen Theater zu Gast und las vor einigen Tagen aus seinem neuen Band Im nächsten Leben.
Nach einer launigen Erinnerung an frühere Auftritte auf dieser Bühne z.B. im Herbst 2001 und süffisanten Bemerkungen über den Intendanten und seine Gattin taucht Osang in seine erste Reportage ein: Wie man es seit vielen Jahren von ihm gewohnt ist, zeichnet sich auch das Doppelporträt von Pierre Brice und Gojko Mitic, die während des Kalten Krieges in West bzw. Ost auf die Rolle des Indianers abonniert waren, durch eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe auf. Mit mildem Spott über ihre Schwächen zeichnet er ein Bild seiner Protagonisten und ordnet das Geschehen wieder in den Kontext der aktuellen ost-west-deutschen Befindlichkeiten ein. Als Redakteur der Berliner Zeitung hat er sich in den 90er Jahren einen Namen durch zahlreiche Essays und Reportagen zum Vereinigungsprozess gemacht.
1999 wollte er aus dieser Schublade ausbrechen, heuerte beim Spiegel an und wurde Korrespondent in New York. Er erlebte den Einschnitt des 11. September und die Terrorhysterie hautnah mit, trägt darüber aber an diesem Abend nichts vor.
Stattdessen seziert er den Größenwahn eines Pforzheimer Zuhälters, der seinen Reichtum bei einer Rallye mit Luxusautos quer durch Europa zur Schau stellt und von der fixen Idee besessen ist, dass Pamela Anderson die einzig richtige Frau für einen Mann seines Kalibers ist.
Mit einem melancholischen Stück über Ulrich Mühe, einen der Stars am Deutschen Theater im Herbst 1989 und Hauptdarsteller des Leben der Anderen, zeigt er einen Schauspieler, der im Schatten seines eloquenten, jungen Regisseurs Florian Henkel von Donnersmark steht und sich in Kämpfen mit seiner Ex-Frau und der DDR-Vergangenheit verstrickt.
Der Abend schließt mit einem leider schon steinalten Text, über dessen Protagonisten Helmut Kohl, Gertrud Höhler und Wolfgang Lippert der Mantel der Geschichte längst hinweg gegangen ist. Es wäre schön gewesen, wenn der Abend noch mehr aktuelle Reportagen geboten hätte. Aber vielleicht löst Osang das ja bei der nächsten Lesung ein.
Am Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße wurde das sehenswerte Stück Schwarze Jungfrauen wiederaufgenommen, das bei seiner Premiere im Jahr 2006 im Hebbel am Ufer für viel Furore sorgte. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel machten sich auf eine spannende Reise in das Milieu der "Neoislamistinnen", wie sie das Milieu im Programmheft definierten.
Die beiden Autoren dieses Abends führten ausführliche Interviews mit sehr gläubigen jungen Frauen, die meist einen türkischen oder bosnischen Migrationshintergrund haben. Eine der Hasstiraden gegen den dekadenten Westen stammt von einer Deutschen, die sich vom Christentum abwandte und erst vor kurzem zum Islam konvertierte.
Fünf Schauspielerinnen tragen ein Best of dieser wütenden Monologe vor und blicken sehr selbstbewusst aus den Fächern eines überdimensionalen Setzkastens auf das Publikum herab. Haarstäubendes mischt sich mit Unerwartetem. Dass Bin Laden in diesen Kreisen als Jahrhundertheld gefeiert wird, konnte man schon vorab befürchten. Erstaunlich ist aber die sexuelle Freizügigkeit einiger der Schwarzen Jungfrauen und die schnoddrige Wortwahl, mit der sie über ihre Affären sprechen.
In atemloser Geschwindigkeit entsteht ein Mosaik auf den ersten Blick unvereinbarer Statements junger Fundamentalistinnen, die ihre Moralvorstellungen gegen die westlichen "Speckmaden" in Stellung bringen. Die Frauen sind eloquent, teilweise brandgefährlich, entsprechen aber doch nicht dem Klischee, das die Debatte über Islam, Fundamentalismus und Integration prägt.
Die Auseinandersetzung mit diesem Text lohnt sich sehr. Bis Ende März steht das Stück in der Originalbesetzung unter Regie von Neco Celik noch fast täglich auf dem Spielplan. Andere Interpretationen des zugrunde liegenden Textes waren bereits auf verschiedenen Bühnen wie z.B. am Wiener Burgtheater zu sehen: Zaimoglu und Co. haben mit ihrem Textband offensichtlich einen Nerv getroffen.
Weitere Informationen und Termine
Im Mehringhoftheater ist momentan der bekannte politische Parodist Reiner Kröhnert mit seinem neuen Programm Das Jesus Comeback zu Gast. Knapp zwei Stunden lang schlüpft der Satiriker in seine Paraderolle als Gift und Galle spuckender Klaus Kinski, der von seinem Mentor Werner Herzog zu Beginn des Abends als Reinkarnation von Jesus angekündigt wird. Aber auch viele andere alte Bekannte aus Kröhnerts bisherigen Programmen sind wieder zu erleben: Pastor Hintze und Ronald Pofalla als sich in Beflissenheit überbietende Diener der Kanzlerin, Angela herself, fast Vergessene wie Norbert Blüm, Friedrich Merz und Michel Friedman. Als Neuzugang tritt Papst Benedikt XVI. auf, dessen Stimmlage Kröhnert zum Teil aber noch nicht ganz trifft, so dass er sich eher nach dem Alt - Talker Erich Böhme aus früheren Abenden anhört.
Diese Kabarettinszenierung verläuft wieder nach bewährtem Strickmuster: Entlang eines roten Fadens treten die einzelnen Figuren in kurzen Nummern mit oft bissigen Dialogen auf. Beeindruckend ist, wie genau der Schauspieler die Gestik und Mimik mancher Akteure trifft: Friedmans Selbstgefälligkeit, der sich als eigentlicher Messias sieht, oder die ständige Promotion von Friedrich Merz für sein Buch Mehr Kapitalismus wagen werden zu präzisen Porträts.
Höhepunkt des Abends ist der Auftritt von Jesus Kinski, der die "Plattitüden der Politpygmäen" anprangert und Norbert Blüm barsch über den Mund fährt, wie man es aus Kinskis legendärem Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle kennt. Besonders scharf attackiert er Papst Benedikt und seine lavierende Haltung gegenüber dem berüchtigten Holocaust-Leugner Bischof Williamson. Aber auch Kanzlerin Angela und ihre Entourage holen sich einen Rüffel, als er sie in die Schranken weist und den Ehrenvorsitz der Christlichen Demokratischen Union ablehnt, weil er das C des Parteinamens in der praktischen Politik zu selten erkennen könne.
Das Jesus Comeback ist ein kurzweiliger Abend, an dem vor allem jene Freude haben werden, die Kröhnert bisher noch nicht live erlebt haben. Das Stammpublikum wird zwar viele vertraute Grundmuster wiedererkennen, dennoch aber an den zugespitzten aktuellen Pointen Gefallen finden.
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