Großes Staraufgebot in Terry Gilliams "Das Kabinett des Dr. Parnassus"
20:43
Mittwoch, 27. Januar 2010
Wenn Terry Gilliam, einer der Köpfe der legendären Monty Python - Truppe und Regisseur von Kultfilmen wie Time Bandits, Brazil, König der Fischer, 12 Monkeys oder Fear and Loathing in Las Vegas, in seine phantastischen Bildwelten eintaucht, zittern die Produzenten und bangt das Publikum: Entsteht wieder ein großer Wurf? Oder scheitert das Projekt so kläglich wie The man who killed Don Quixote, dessen Dreharbeiten nach einer Verkettung unglücklicher Umstände im Jahr 2000 abgebrochen werden mussten. Immerhin ist aber für das nächste Jahr ein zweiter Versuch geplant. Nach diesem Desaster konnte Gilliam im vergangenen Jahrzehnt mit Brothers Grimm und Tideland zunächst nicht mehr an die Erfolge aus den 80er und 90er Jahren anknüpfen: Brothers Grimm fiel bei Publikum und Kritik durch, Tideland schaffte es hierzulande gar nicht erst in die Kinos.
Ende 2007 standen die Zeichen gut, dass Terry Gilliam mit seinem neuen Werk Das Kabinett des Dr. Parnassus wieder einen Coup landen könnte. Die Grundidee des Drehbuchs spielt geschickt mit bekannten mythischen Stoffen wie dem Teufelspakt oder einem Zauberspiegel, der in surreale Welten führt.
Außerdem gewann er hochkarätige Schauspieler: Christopher Plummer von der altehrwürdigen Royal Shakespeare Company gibt die Titelfigur des Dr. Parnassus. Mit seinem weißen Bart und seinem Buddha - Kostüm ist er eine gute Besetzung des Chefs einer Varieté - Truppe, deren beste Tage lange zurück liegen. Sein Gegenpart als Teufel ist der berühmte Songwriter Tom Waits, der als zigarillorauchender Dandy im Stil der 20er Jahre ein Auge auf die Tochter des Dr. Parnassus geworfen hat.
Vor allem aber hatte Terry Gilliam mit Heath Ledger einen der aufstrebenden Stars Hollywoods engagiert, der nach seinen ausgezeichneten Auftritten als Cowboy am Brokeback Mountain oder als Junkie in Candy ganz oben auf der Wunschliste vieler Regisseure stand. Er verkörpert im Kabinett des Dr. Parnassus die dubiose Figur des Tony. Als er an einem Seil von der Brücke hängt, reanimieren ihn die Theaterleute. Zum Dank bringt er frischen Wind in die Truppe und lässt mit neuen Verkaufsstrategien die Kasse klingeln. Vor allem aber ist er eine entscheidende Hilfe in der finalen Wett - Auseinandersetzung mit dem Teufel: Wem gelingt es zuerst, fünf Seelen für sich zu gewinnen? Dem alten Dr. Parnassus oder dem Teufel?
Mitten in die Dreharbeiten platzte aber die Hiobsbotschaft des Todes von Heath Ledger: Am 22.1.2008 wurde er tot in seinem New Yorker Appartement aufgefunden, die Umstände bleiben mysteriös, wahrscheinlich war es ein Unfall. Das Projekt stand vor dem Aus und konnte nur gerettet werden, weil drei andere Promis und Freunde von Heath Ledger einstiegen und die fehlenden Szenen jenseits der Spiegelwand drehten.
Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell zeigen in ihren Parts neue Facetten von Tonys Charakter, dessen Vorgeschichte und seine Querelen mit der Russen - Mafia einiges an Dynamik in die Fantasy - Handlung bringen.
Das Kabinett des Dr. Parnassus ist das stärkste Werk Terry Gilliams nach längerer Durststrecke und ein vergnüglicher Film. In der sibirischen Kälte dieses Winters bieten das Eintauchen in die liebevoll gestalteten Welten des Kabinetts und die aberwitzigen Ideen der Handlung eine willkommene Abwechslung.
Die Seite zum Film Das Kabinett des Dr. Parnassus
Der Film läuft seit 7.1. in den deutschen Kinos.
Seit dem 21. Januar ist der Film Privatunterricht des Belgiers Joachim Lafosse bundesweit in ausgewählten Kinos zu sehen. Dieses diabolische Kammerspiel sorgte bereits beim Festival von Cannes für Furore und war einer der stärksten Beiträge des Verzaubert - Festivals im Frühjahr 2009.
Es beginnt ganz harmlos: Jonas droht zum wiederholten Mal sitzen zu bleiben und ist durch die ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner Flamme Delphine zusätzlich aufgewühlt. Netterweise wollen sich drei Freunde seiner Mutter um ihn kümmern: Sie verbringen mit ihm amüsante Abende, geben ihm Flirttips und unterstützen ihn vor allem bei der ganzen Palette seiner schulischen Probleme von Algebra bis zur Camus - Interpretation.
Langsam kippt das Verhältnis und die Schlinge zieht sich enger um den Hals von Jonas: Er gerät in ein merkwürdiges Verführungsspiel. Die Frau und die beiden Männer werden immer anzüglicher und verschieben die Grenzen Schritt für Schritt, bis sich der Junge in ein merkwürdiges Geflecht verstrickt: Sexuelle Lustbefriedigung gegen Nachhilfe. Dieses perfide Missbrauchsdrama ist ein raffiniertes Kammerspiel, dessen Hauptdarsteller sich nach außen keiner Schuld bewusst sind: Sie meinen es doch nur gut... Sie wollen dem armen Jungen doch nur helfen...
Die Leistung dieses Films ist, dass er es schafft, drängende Fragen über die Grenzüberschreitung im Umgang mit Jugendlichen zu stellen und dabei nicht in billige Klischees abzudriften.
Kinostart: 21. Januar 2010
Wenn in zwei Wochen die Berlinale zum 60. Mal stattfindet, blickt auch das Forum auf vier Jahrzehnte Film- und Festivalarbeit zurück. Die Geschichten beider Veranstaltungen sind untrennbar ineinander verwoben und ergeben gemeinsam ein spannendes Stück Zeit- und Filmgeschichte. Als die „Freunde der deutschen Kinemathek e.V.“ im Sommer 1969 in der Akademie der Künste eine „Ergänzungsveranstaltung“ zu den Internationalen Filmfestspielen Berlin veranstalteten, drückte sich darin vor allem Kritik an der als unzeitgemäß und konservativ empfundenen Berlinale aus. Kaum jemand hat wohl damals erwartet, dass daraus schon zwei Jahre später das "Internationale Forum des Jungen Films" werden würde, das seit dem ein fester Bestandteil der Berlinale ist.
Wie sollte man diesem Jubiläum gerecht werden? Angesichts von über zweitausend im Forum gezeigten Filmen hätte keine Filmauswahl repräsentativ sein können. Zum 40. Geburtstag ist das Forum daher einen anderen Weg gegangen. In Erinnerung an die Gründungsveranstaltung fand vom 1. bis 5. Juli 2009 bereits das Symposium „Dialoge mit Filmen“ im Kino Arsenal statt. Zwölf Filmemacher, die bereits eigene Arbeiten im Forum gezeigt hatten, wurden gebeten, ihre Lieblingsfilme aus vier Jahrzehnten Forum vorzustellen. Subjektiv sollte die Auswahl sein, unerwartet und bisweilen zufällig. Einzige Vorgabe war das Jahrzehnt, das den “Kuratoren” jeweils zugeteilt wurde. So wählten je drei Regisseure Filme aus, die das Forum in den 1970er, 80er, 90er und schließlich 00er Jahren gezeigt hat. Für jeden blieb damit noch immer die Qual der Wahl aus rund 500 Filmen.
Dieses kuratorische Modell reflektiert auch ein wesentliches Merkmal des Forums. Sektionsleiter Christoph Terhechte: „Wer im Forum seine frühen Werke vorgestellt hat, ist dem Programm meist verbunden geblieben, ob als Mentor, als häufig wiederkehrender Gast oder als Zuschauer, der sich mit den Filmen jüngerer Kollegen auseinandersetzt. Umgekehrt sind viele von ihnen Vorbilder geworden für nachfolgende Generationen.“
Die Kuratoren der „Dialoge mit Filmen“ waren Aditya Assarat, Bradley Rust Gray & So Yong Kim, Jia Zhangke, Ulrich Köhler, Sharon Lockhart, Avi Mograbi, Ulrike Ottinger, Sabu, Anja Salomonowitz, Angela Schanelec, Jean-Marie Téno und Jasmila Žbanić. Sie wählten Filme aus von: Chantal Akerman, Nuri Bilge Ceylan, Souleymane Cissé, Claire Denis, Bill Douglas, Jean-Luc Godard, David Gordon Green, Hou Hsiao Hsien, Aki Kaurismäki, Anastasia Lapsui & Markku Lehmuskallio, Sharon Lockhart, Helke Sander und Michael Snow.
Das Forum will nicht repräsentieren und keine Bestenliste sein. Es will vielmehr Bögen schlagen und Akzente setzen, seine Filme zueinander und manchmal auch gegeneinander sprechen lassen. Daran hat sich in vier Jahrzehnten nichts geändert. „Wir sind weiterhin gespannt auf jede neue Stimme, jede neue Generation von Filmemachern“, sagt Christoph Terhechte. „Wir sind davon überzeugt, dass wir auf diese Weise unserem Publikum wie den Regisseuren, deren Werke wir vorstellen, ein Forum im wahrsten Sinne bieten.“
Im Rahmen der Berlinale werden die ausgewählten Filme nun noch einmal gezeigt. Drei der Kuratoren sind zudem mit ihren neuen Filmen im Forum zu Gast: Sharon Lockhart, Sabu und Angela Schanelec.
Die von Bradley Rust Gray und So Yong Kim ausgewählte Bill-Douglas-Trilogie wird, anders als im Sommer 2009, nun komplett gezeigt und eröffnet am 11. Februar das 40. Forum im Delphi Filmpalast.
Zur Berlinale erscheint zudem die Publikation „Dialoge mit Filmen — 4 Jahrzehnte Forum“. Diese enthält neben einem Vorwort von Mark Peranson und Texten der Gastkuratoren zu den von ihnen vorgestellten Filmen auch eine DVD mit Auszügen der ausführlichen Gespräche und Filmausschnitten. Die Publikation wird zum Unkostenbeitrag von 5 Euro angeboten.
Jubiläumsprogramm und Publikation wurden ermöglicht durch die Unterstützung des Hauptstadtkulturfonds.
Das Filmprogramm „4 Jahrzehnte Forum“:
Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers von Helke Sander, Bundesrepublik Deutschland 1977, ausgewählt von Ulrich Köhler
Baara von Souleymane Cissé, Mali 1978, ausgewählt von Jean-Marie Téno
Beau travail von Claire Denis, Frankreich 1999, ausgewählt von Anja Salomonowitz
D’Est von Chantal Akerman, Frankreich/Belgien 1993, ausgewählt von Avi Mograbi
Dust in the Wind (Lien lien fung chen) von Hou Hsiao Hsien, Taiwan 1986, ausgewählt von Sabu
George Washington von David Gordon Green, USA 2000, ausgewählt von Aditya Assarat
Kasaba von Nuri Bilge Ceylan, Türkei 1998, ausgewählt von Jia Zhangke
The Match Factory Girl (Tulitikkutehtaan tyttö) von Aki Kaurismäki, Finnland 1989, ausgewählt von Jasmila Žbanić
My Childhood/My Ain Folk/My Way Home von Bill Douglas, Großbritannien 1972/73/78, ausgewählt von So Yong Kim und Bradley Rust Gray
Sauve qui peut (la vie) von Jean-Luc Godard, Schweiz/Frankreich 1980, ausgewählt von Angela Schanelec
So Is This von Michael Snow, Kanada 1982, ausgewählt von Sharon Lockhart, und Nō von Sharon Lockhart, USA, ausgewählt von Anja Salomonowitz
Seven Songs from the Tundra (Seitsemän laulua tundralta) von Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskallio, Finnland 2000, ausgewählt von Ulrike Ottinger
Die Berlinale engagiert sich seit 2006 mit der Einführung des Preises für den Besten Erstlingsfilm noch intensiver für den Filmnachwuchs. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert und wird von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftet. Das Preisgeld teilen sich Regisseur und Produzent des Preisträgerfilms. Zudem wird dem Regisseur ein hochwertiger „Viewfinder“ als nützliches Werkzeug und Erinnerungsstatuette überreicht.
Spielfilmdebüts aus den Sektionen Wettbewerb, Panorama, Generation Kplus und 14plus sowie Debüts des Forums werden um den Preis konkurrieren. Die Gewinner werden am 20. Februar bei der offiziellen Preisverleihungsgala im Berlinale Palast bekannt gegeben.
Eine dreiköpfige Jury entscheidet über die Preisvergabe:
Michael Verhoeven (Deutschland) - Juryvorsitz
Michael Verhoeven, eine der prägenden Persönlichkeiten des deutschen Films, präsentierte 1967 sein Spielfilmdebüt Paarungen. Sein Antikriegsfilm O.K. führte 1970 zu einem Eklat unter den Berlinale-Wettbewerbsjuroren. Verhoeven, der seine eigene Produktionsfirma unterhält, hat eine Reihe viel beachteter Filme zur deutschen Vergangenheit gedreht, darunter Die Weiße Rose (1982) und Das schreckliche Mädchen (1990).
Ben Foster gehört zu den viel versprechendsten jungen Darstellern in Hollywood. Er spielte verstörte Teenager (Bang, bang, du bist tot, Six Feet Under), Comic-Helden (X-Men – Der letzte Widerstand) und launische Cowboys (Todeszug nach Yuma), und erhielt 2006 für seine Rolle in Nick Cassavetes' Alpha Dog den Young Hollywood Award. 2009 war er mit dem Drama The Messenger zu Gast im Berlinale Wettbewerb.
Lorna Tee (Malaysia)
Die Produzentin Lorna Tee ist eine bekannte Größe in der asiatischen Filmszene. 2005 übernahm sie bei Focus Films Hongkong Marketing und Vertrieb. Heute ist sie sowohl Geschäftsführerin des asiatischen Filmfonds Irresistible Films in Hongkong als auch Besitzerin ihrer eigenen Filmproduktion Paperheart (Malaysia). Mit Paperheart produzierte sie Rain Dogs, At The End of Daybreak und My Daughter.
Folgende Filme qualifizieren sich für den „Best First Feature Award“:
Wettbewerb (3)
Rompecabezas (Puzzle) von Natalia Smirnoff , Argentinien/Frankreich
Eu când vreau să fluier, fluier (If I Want To Whistle, I Whistle) von Florin Serban, Rumänien/Schweden
Shahada von Burhan Qurbani, Deutschland
Panorama (9)
Besouro von João Daniel Tikhomiroff, Brasilien
Bróder! (Broder!) von Jeferson De, Brasilien
Die Fremde (When We Leave) von Feo Aladag, Deutschland
Due vite per caso (One life maybe two) von Alessandro Aronadio, Italien
El mal ajeno (For The Good Of The Others) von Oskar
Propavshyi bez vesty (Missing Man) von Anna Fenchenko, Russische Föderation
Open von Jake Yuzna, USA
Red Hill von Patrick Hughes, Australien
Veselchaki (Jolly Fellows) von Felix Mikhailov, Russische Föderation
Forum (8)
Au revoir Taipei (Yī yè Tái běi) von Arvin Chen, Taiwan/USA/ Deutschland
Eine flexible Frau (The Drifter) von Tatjana Turanskyj, Deutschland
El vuelco del cangrejo (Crab Trap) von Oscar Ruíz Navia, Kolumbien/ Frankreich
Imani von Caroline Kamya, Uganda/Schweden
The Man Beyond the Bridge (Paltadacho Munis) von Laxmikant Shetgaonkar, Indien
One Day (Yǒu yī tiān) von Hou
Our Fantastic 21st Century (Neo-wa na-eui i-shib-il-seki) von Ryu Hyung-ki, Republik
Portrait of the Fighter as a Young Man (Portretul luptătorului la tinerețe) von Constantin Popescu, Rumänien
Generation Kplus (2)
Knerten von Åsleik Engmark, Norwegen
Bestevenner (Rafiki) von Christian Lo, Norwegen
Generation 14plus (1 oder 2)
Retratos en un mar de mentiras (Portraits In A Sea Of Lies) von Carlos Gaviria, Kolumbien
Sebbe** von Babak Najafi, Schweden
** Der mit ** gekennzeichnete Film qualifiziert sich nicht mehr, falls er beim Göteborg IFF (29.1. – 8.2.10) einen Preis gewinnen sollte.
Unter dem Vorsitz von Werner Herzog entscheidet die Internationale Jury über die Vergabe des Goldenen und der Silbernen Bären sowie des Alfred-Bauer-Preises im Wettbewerb der Berlinale 2010.
Die weiteren Jury-Mitglieder sind Francesca Comencini, Nuruddin Farah, Cornelia Froboess, José Maria Morales, Yu Nan und Renée Zellweger.
Das Panorama präsentiert in diesem Jahr 18 Spielfilme im Hauptprogramm, 16 im Panorama Special und 20 in der Reihe Panorama Dokumente. Von den Filmen aus 29 Ländern sind 31 Filme Weltpremieren, 18 sind Erstlingswerke.
Eröffnungsfilme
Das Panorama Hauptprogramm eröffnet am 11. Februar mit dem russischen Film Veselchaki von Felix Mikhailov. Die klandestine Subkultur eines Moskauer Transgenderkabaretts ist Spiegel einer zutiefst homophoben Gesellschaft. Der Blick in die Herkunftsfamilien der Performer zeigt, welcher Anstrengung jedes Einzelnen es bedarf, daran nicht zu zerbrechen. Aber die Protagonisten lernen sich zu wehren.
Panorama Special eröffnet am 12. Februar mit Kawasakiho růže des Tschechen Jan Hřebejk. Er widmet sich einem dunklen Kapitel der jüngeren Geschichte: Korruption, Opportunismus und Pragmatismus nach der Dubček-Ära gehen die unselige Koalition ein, die noch jede Revolution zunichte machte. Der Film entfaltet eine Familiengeschichte, wenn die Tochter dem angesehenen Vater schmerzhafte Fragen stellt. Aber um Wahrheit und Vergebung geht es, nicht um Rache.
Panorama Dokumente zeigt am 12. Februar mit dem Film David Wants To Fly ein Lehrstück über organisierte Verblendung, relevant vor dem Hintergrund aufstrebender Religiösität weltweit. Der junge Berliner Filmemacher David Sieveking begibt sich auf die Suche nach dem tieferen Sinn der Begeisterung seines Idols für Meditation. Dabei gelangt er von Holland über die USA bis Indien und zurück auf den Berliner Teufelsberg.
Themenschwerpunkte
Vergangenheit im Spiegel der Gegenwart spielt im Panorama-Programm eine starke Rolle in Spiel- und Dokumentarfilm. So befinden sich in Son Of Babylon ein Junge und seine Großmutter auf der Suche nach dessen im letzten Golfkrieg verschollenen Vater und entdecken die Gräuel der jüngsten irakischen Geschichte. In Red Hill werden die in der Vergangenheit liegenden verbrecherischen Machenschaften einer rassistischen Polizeimafia aus dem australischen Hinterland ans Tageslicht gezerrt. Ob in der brasilianischen Favela (Bróder!) oder im Leben einer Deutschtürkin in der Türkei (Die Fremde), ob in der taiwanesischen Kleinstadt (Monga), in der französischen Landadelsvilla (L'arbre et la forêt) oder zur Adenauerzeit der jungen Bundesrepublik (Fritz Bauer, Dokumentarfilm): die verheerenden Auswirkungen der Kombination von Pragmatismus, Opportunismus und Korruption werden in einer ganzen Reihe von Filmen deutlich – sei es auf das persönliche Leben der Protagonisten oder auf ganze Gesellschafts-entwicklungen bezogen.
Panorama Dokumente
Neben den politischen Rückblicken wie Shtikat Haarchion, der auf ungeschnittenem Material eines Nazi-Propagandafilms basiert, Red, White & The Green zu den letzten Wahlen im Iran oder Cuchillo de Palo, der das Schweigen in Paraguay über die Homosexuellenverfolgung zur Diktaturzeit bricht, gibt es auch solche der cinematografischen Art: Blank City, in dem sich die US-Avantgarde der 70er und 80er-Jahre versammelt, von Amos Poe bis John Waters, von Urahn Jack Smith über Eric Mitchell und Lizzie Borden bis Richard Kern und Lydia Lunch, die an spektakuläre Berlinale-Auftritte erinnern. Oder Daniel Schmid - Le chat qui pense: eine Hommage an den Schweizer Filmkünstler, in der es ein Wiedersehen mit den Größen des deutschen 70er-Jahre-Kinos gibt, Inspiratoren bis heute: von Fassbinder über Ingrid Caven und Werner Schroeter bis zu Peter Kern. Des Weiteren präsentiert die Reihe Werke über Rock Hudson und seine Rolle als AIDS-Aktivist der ersten Stunde, über Candy Darling, den tragischen Andy Warhol-Superstar und den Film über den legendären, politisch brisanten Broadway-Erfolg des Mart Crowley-Stücks „The Boys In The Band“, das von William Friedkin 1969 verfilmt wurde: Making The Boys.
PanoramaPublikumsPreis PPP
Weit über 20.000 Zuschauer nehmen daran teil und küren ihren Favoriten, der am letzten Tag des Festivals zur Preisverleihung aufgeführt wird. Der Preis wird seit 1999 in Zusammenarbeit mit radioeins und tip Magazin organisiert.
Der 24. TEDDY – Queer Film Award auf der Berlinale wird am Freitag den 19. Februar 2010 in der STATION Berlin vergeben. Das Motto "Mein Name ist Mensch" ist einem Ton Steine Scherben-Song entlehnt: Sänger, Texter und Schauspieler Rio Reiser wird mit einer Hommage geehrt. Der Special TEDDY für das Lebenswerk wird dem Filmemacher und großen Inspirator Werner Schroeter verliehen. www.teddyaward.tv
Es folgt die Titelliste in Ergänzung zur ersten Panorama - Pressemitteilung, die Sie unter www.berlinale.de abrufen können:
PANORAMA HAUPTPROGRAMM
Barriere von Andreas Kleinert, Deutschland (WP)
mit Volkram Zschiesche, Klara Manzel, Jan Dose, Julia Gorr, Matthias Habich
Due Vita per caso (One life maybe two) von Alessandro Aronadio, Italien (WP)
mit Lorenzo Balducci, Isabella Ragonese, Ivan Franek, Sarah Felberbaum
Fucking Different São Paulo von Rodrigo Diaz Diaz, Luiz René Guerra, Sabrina Greve, Joana Galvão, Monica Palazzo, Max Julien, Ricky Mastro, René Guerra, Silvia Lourenço, Gustavo Vinagre, Herman Barck, Luciana Lemos, Elzemann Neves, Deutschland/Brasilien
Propavshyi bez vesty (Missing Man) von Anna Fenchenko, Russische Föderation
mit Andrey Filippack, Rasim Djafarov, Polina Kamanina, Ludmila Geroeva, Yuris Lautsinsh
Red Hill von Patrick Hughes, Australien (WP)
mit Ryan Kwanten, Steve Bisley, Tom E. Lewis
The Owls von Cheryl
mit Guinevere Turner, Lisa Gornick, V.S. Brodie
Veselchaki (Jolly Fellows) von Felix Mikhailov, Russische Föderation
mit Renata Litvinova, Ingeborga Dopkunaite, Danila Kozlovsky, Alexey Klimushkin, Alexander Mokhov, Mazia Shalaeva
Zona Sur (Southern District) von Juan Carlos Valdivia, Bolivien
mit Ninón Del Castillo, Pascual Loayza, Nicolás Fernández, Juan Pablo Koria, Mariana Vargas
PANORAMA SPECIAL
Bróder! (Broder!) von Jeferson De, Brasilien
mit Caio Blat, Jonathan Haagensen, Silvio Guindane, Cássia Kiss, Ailton Graça
Die Fremde (When We Leave) von Feo Aladag, Deutschland (WP)
mit Sibel Kekilli, Florian Lukas, Derya Alabora, Tamer Yigit
Mine vaganti (Loose Cannons) von Ferzan Ozpetek, Italien (WP)
mit Riccardo Scamarcio, Nicole Grimaudo, Alessandro Preziosi, Ennio Fantastichini, Lunetta Savino
Monga von Doze, Niu Chen-Zer, Taiwan (WP)
mit Ethan Juan, Mark Chao, Ma Ju-lung, Ko Chia-yen
Open von Jake Yuzna, USA (WP)
mit Gaea Gaddy, Tempest Crane, Morty Diamond, Daniel Luedtke
Paha perhe (Bad Family) von Aleksi Salmenperä, Finnland
mit Ville Virtanen, Lauri Tilkanen, Pihla Viitala
Reinventing Robert Axle von Trent
mit Kevin Spacey, Camilla Belle, Heather Graham, Johnny Knoxville, Virginia Madsen
Welcome To The Rileys von Jake
mit James Gandolfini, Kristen Stewart, Melissa Leo
PANORAMA DOKUMENTE
Arias With A Twist The Movie von Bobby
mit Joey Arias, Basil Twist
Blank City von Céline Danhier, USA
Budrus von Julia Bacha, USA
Cuchillo de palo (108) von Renate Costa, Spanien (WP)
Daniel Schmid - Le chat qui pense von Pascal Hofmann, Benny Jaberg, Schweiz (WP)
mit Ingrid Caven, Werner Schroeter, Renato Berta, Shiguéhiko Hasumi, Bulle Ogier
David Wants To Fly von David Sieveking, Deutschland/Österreich/Schweiz, (WP)
Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung (To Fight For – The Year of Decision) von Gerardo Milsztein, Deutschland (WP)
Fritz Bauer - Tod auf Raten (Death By Instalments) von Ilona Ziok, Deutschland (WP)
I Shot My Love von Tomer Heymann, Israel/Deutschland (WP)
New York Memories von Rosa von Praunheim, Deutschland (WP)
Red, White & The Green von Nader
Rock Hudson - Dark And Handsome Stranger von Andrew Davies, André Schäfer, Deutschland (WP)
Shtikat Haarchion (A Film Unfinished) von Yael Hersonski, Israel
PANORAMA VORFILME
Covered von John Greyson, Kanada
Herbert White von James Franco, USA
mit Michael Shannon
Last Address von Ira Sachs, USA
The Feast Of Stephen von James
mit Remy Germinario, Ty Anania, Louis Anania, Phil Naess, Theo Saluan
Als Teil des offiziellen Programms zeigt das Berlinale Special aktuelle Werke zeitgenössischer Filmemacher und besondere Wiederaufführungen von historischen Werken. Alle Filme im Berlinale Special werden bei den Premieren von den eingeladenen Filmemachern persönlich vorgestellt.
„Zum 60. Jubiläum darf sich das Publikum wieder auf ein vielfältiges Programm im Berlinale Special freuen: Wir lernen Friseusen aus Marzahn und Könige kennen, verfolgen Bären und geben uns Tanzträumen hin“, sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.
Hauptaufführungsorte sind das Cinema Paris im Institut Français und der Friedrichstadtpalast, in dem die Berlinale Special Gala Screenings präsentiert werden. Als weitere Spielstätten kommen das Kino International und der Zoo Palast hinzu.
Ins diesjährige Berlinale Special sind 22 Filme eingeladen, davon 12 Weltpremieren.
Berlinale Special - Gala Screenings im Friedrichstadtpalast
Boxhagener Platz Deutschland
Von Matti Geschonneck
Mit Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Samuel Schneider, Meret Becker,
Jürgen Vogel
Weltpremiere
Cosa voglio di piu (What More Do I Want), Italien / Schweiz
Von Silvio Soldini
mit Pierfrancesco Favino, Alba Rohrwacher, Giuseppe Battiston
Weltpremiere
Die Friseuse (The Hairdresser) Deutschland
Von Doris Dörrie (Kirschblüten – Hanami, Erleuchtung garantiert, Bin ich schön?, Keiner liebt mich)
Mit Gabriela Maria Schmeide, Natascha Lawiszus, Ill-Young Kim
Weltpremiere
Henri 4 (Henry of Navarre) Deutschland / Frankreich / Spanien / Österreich
Von Jo Baier
Mit Julien Bosselier, Joachim Król, Hannelore Hoger, Ulrich Noethen
Weltpremiere
Da bing xiao jiang (Little Big Soldier) Volksrepublik China / Hongkong, China
Von Ding Sheng
Mit Jackie Chan, Wang Leehom
Europapremiere
L´Autre Dumas, Frankreich/Belgien
Von Safy Nebbou
Mit Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Dominique Blanc, Mélanie Thierry
Internationale Premiere
Metropolis Deutschland
Von Fritz Lang
Mit Brigitte Helm, Alfred Abel, Gustav Fröhlich
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, musikalische Leitung Frank Strobel
Weltpremiere der restaurierten Fassung
Tanzträume Deutschland
Dokumentarfilm von Anne Linsel und Rainer Hoffmann
Mit Pina Bausch
Weltpremiere
BIRTHDAY SPECIAL
Nine USA
Von Rob Marshall
Mit Daniel Day-Lewis, Marion Cotillard, Penélope Cruz, Judi Dench, Stacy Ferguson, Kate Hudson, Nicole Kidman und Sophia Loren
Berlinale Special – im Cinema Paris im Institut Français
How Much Does Your Building Weigh, Mr. Foster? Großbritannien/ Spanien
Dokumentarfilm von Norberto Lopez und Carlos Carcas
Mit Lord Foster
Weltpremiere
Ingelore USA
Dokumentarfilm von Frank Stiefel
Mit Ingelore Herz Honigstien, Hanna Schwamborn
Internationale Premiere
Kinshasa Symphony, Deutschland
Dokumentarfilm von Claus Wischmann und Martin Baer
Mit Musikern des Orchestre Symphonique Kimbanguiste
Weltpremiere
Dokumentarfilm von Simone Lainé
Internationale Premiere
Moloch Tropical, Frankreich/ Haiti
Von Raoul Peck
Mit Zinedine Soualem, Sonia Rolland, Mireille Métellus, Nicole Dogué
Europapremiere
[The 2009 Schulberg/Waletzky Restoration]
Von Stuart Schulberg
Deutschlandpremiere
Peepli Live Indien
Von Anusha Rizvi
Mit Omkar Das, Raghubir Yadav, Shalini Vatsa, Farukh Jaffer, Nawazuddin Siddiqui, Malaika Shenoy, Vishal Sharma
Europapremiere
S.O.S./State of Security USA
Dokumentarfilm von Michèle Ohayon
Mit Richard Clarke
Weltpremiere
Berlinale Special - im Kino International:
L´Illusionist Großbritannien / Frankreich
Animationsfilm von Sylvain Chomet (Les triplettes de Belleville)
Weltpremiere
Revolución Mexiko
Kompilationsfilm von Mariana Chenillo, Patricia Riggen, Fernando Eimbcke, Amat Escalante, Gael García Bernal, Rodrigo García, Diego Luna, Gerardo Naranjo, Rodrigo Plá, Carlos Reygadas
Weltpremiere
Spur der Bären
60 Jahre Berlinale Deutschland
Ein Dokumentarfilm von Hans-Christoph Blumenberg und Alfred Holighaus
Regie: Hans-Christoph Blumenberg
Weltpremiere
Welt am Draht (World on a Wire) Deutschland 1973
Von Rainer Werner Fassbinder
Mit Klaus Löwitsch, Mascha Rabben, Adrian Hoven, Ivan Desny
Kinopremiere der restaurierten Fassung
Berlinale Special - im Zoo Palast Kino 4
Su Qi Er (True Legend) Volksrepublik China / Hong Kong, China
Von Yuen Woo
Mit Vincent Zhao, Zhou Xun, Andy On, Guo Xiaodong
Europapremiere
26 Filme werden ins Wettbewerbsprogramm der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin eingeladen. Nach den sieben bereits veröffentlichten Titeln sind inzwischen 18 weitere Filme bestätigt. Diese Produktionen kommen aus Argentinien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Norwegen, Österreich, Rumänien, Russische Föderation, Schweden, USA, Volksrepublik China. Das komplette Programm wird am 1. Februar vorgestellt.
Die Filme feiern ihre Weltpremiere oder Internationale Premiere im Wettbewerb der 60. Berlinale:
Caterpillar
Von Koji Wakamatsu (Secrets Behind The Wall, Sex Jack, Go Go Second Time Virgin, Ecstasy of the Angels, United Red Army)
Mit Shinobu Terajima, Shima Ohnishi
Weltpremiere
En Familie (A Family) Dänemark
Von Pernille Fischer Christensen (En soap, Silberner Bär 2006, Dansen)
Mit Jesper Christensen, Lene Maria Christensen, Pilou Asbæk , Anne
Louise Hassing
Weltpremiere
En ganske snill mann (A Somewhat Gentle Man) Norwegen
Von Hans Petter Moland (The Beautiful Country,
Mit Stellan Skarsgård, Jannike Kruse Jåtog, Jan Gunnar Røise
Weltpremiere
Eu când vreau să fluier, fluier (If I Want To Whistle, I Whistle)
Rumänien/Schweden
Von Florin Şerban - Debütfilm
Mit George Piştereanu, Ada Condeescu, Clara Vodă, Mihai Constantin
Weltpremiere
Greenberg USA
Von Noah Baumbach (Margot at the Wedding, The Squid and the Whale,
Mr. Jealousy)
Mit Ben Stiller, Greta Gerwig, Rhys Ifans, Jennifer Jason Leigh
Weltpremiere
Howl USA
Von Rob Epstein, Jeffrey Friedman
(Common Threads: Stories from the Quilt, Celluloid Closet, Paragraph 175)
Mit James Franco, Jon Hamm, David Strathairn, Mary-Louise Parker
Internationale Premiere
Jud Süß - Film ohne Gewissen Deutschland/Österreich
Von Oskar Roehler (Elementarteilchen, Der alte Affe Angst, Die Unberührbare)
Mit Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnanyi, Armin Rohde
Weltpremiere
Kak ya provel etim letom (How I Ended This Summer) Russische Föderation
Von Alexei Popogrebsky (Prostye veshchi – Simple Things, Koktebel - Roads to Koktebel)
Mit Grigory Dobrygin, Sergei Puskepalis
Weltpremiere
Mammuth Frankreich
Von Benoît Delépine, Gustave de Kervern (Aaltra, Louise-Michel)
Mit Gérard Depardieu, Yolande Moreau, Isabelle Adjani, Miss Ming
Weltpremiere
Otouto (About Her Brother) Japan - Abschlussfilm
Von Yoji Yamada (Kabei, Love and Honor)
Mit Sayuri Yoshinaga, Tsurube Shofukutei, Yu Aoi, Ryo Kase
Internationale Premiere / Außer Konkurrenz
Please Give USA
Von Nicole Holofcener (Walking and Talking, Lovely & Amazing, Friends with Money)
Mit Catherine Keener, Amanda Peet, Oliver Platt, Rebecca Hall, Sarah Steele, Ann Guilbert
Internationale Premiere / Außer Konkurrenz
Rompecabezas (Puzzle) Argentinien/Frankreich
Von Natalia Smirnoff - Debütfilm
Mit Maria Onetto, Gabriel Goity, Arturo Goetz, Henny Trailes
Weltpremiere
San qiang pai an jing qi (A Woman, A Gun And A Noodle Shop) Volksrepublik China
Von Zhang Yimou (Hong gao liang – Red Sorghum, Wo de fu qin mu qin – The Road Home, Ying xiong – Hero)
Mit Sun Honglei, Xiao Shenyang, Yan Ni
Internationale Premiere
Shahada Deutschland
Von Burhan Qurbani - Debütfilm
Mit Maryam Zaree, Carlo Ljubek, Jeremias Acheampong, Sergej Moya
Weltpremiere
Submarino Dänemark
Von Thomas Vinterberg (Festen, Dear Wendy, It’s All About Love)
Mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Patricia Schumann, Gustav Fischer Kjærulff, Morten Rose
Weltpremiere
The Kids Are Alright USA/Frankreich
Von Lisa Cholodenko (Dinner Party, High Art, Laurel Canyon, Cavedweller)
Mit Julianne Moore, Annette Benning, Mark Ruffalo
Internationale Premiere / Außer Konkurrenz
The Killer Inside Me USA/Großbritannien
Von Michael Winterbottom (The Road to Guantanamo, In This World, A Mighty Heart)
Mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson
Internationale Premiere
Tuan Yuan (Apart Together) Volksrepublik China - Eröffnungsfilm
Von Wang Quan’an (Tuyas Hochzeit, Goldener Bär 2007)
Mit Lisa Lu, Ling Feng, Xu Caigen, Monica Mo, Ma Xiaoqing
Weltpremiere
Das Forum der Berlinale versammelt in seinem 40. Jahr Filme, die sensibel auf die Zeitstimmung reagieren. Selten fand man in Spiel- und Dokumentarfilmen so viele Menschen in unauflöslichen Konflikten gefangen, vor lebenswichtige Entscheidungen gestellt und mit Abgründen konfrontiert wie in der diesjährigen filmischen Auslese.
Spannend, vielseitig und in dieser Stärke überraschend ist die Präsenz des einheimischen Filmschaffens im Programm. Angela Schanelec gelingt in Orly das Kunststück, ein intimes Kammerspiel an einem Ort der Hektik zu inszenieren. Die Abflughalle des Pariser Flughafens Orly dient als Hintergrund für ein Mosaik persönlicher Geschichten, kleiner Dramen und existenzieller Konflikte. Tatjana Turanskyjs Langfilmdebüt Eine flexible Frau porträtiert mit Gespür für subtile Komik eine Frau von Anfang vierzig, die ihren Job als Architektin verliert, aber nicht gewillt ist, sich dem Druck der Hartz-IV-Gesellschaft zu beugen.
Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens handelt von der russischen Unterwelt, allerdings mitten im Berliner Westen. Als Fernsehserie konzipiert, ist das achtstündige Mammutwerk vor allem ein gewagtes Epos über Pflicht und Schuld und über die Schwierigkeit, sich in einer Welt zu behaupten, die den Platz des Einzelnen über seine Herkunft definiert. Nicht aus ihrer Haut kann auch die Hauptfigur in Thomas Arslans neuem Spielfilm Im Schatten, in dem ein aus dem Gefängnis entlassener Räuber seinen letzten Coup vorbereitet und sich dabei eines durch und durch korrupten Polizisten erwehren muss.
Indem sie sich klassische Elemente des Gangsterdramas aneignen, stehen Arslan und Graf für den Trend, die Regeln des Genre-Kinos eigenwillig anzuwenden. So erzählt auch der französische Spielfilm Indigène d'Eurasie des litauischen Regisseurs Sharunas Bartas von einem Gangster, der eine Odyssee quer durch Europa antritt. Die Verfolgungsjagd über einen Kontinent voller Gegensätze gerät dabei zur düsteren Zukunftsvision. Der türkische Regisseur Tayfun Pirselimoğlu suggeriert uns in Pus einen Kriminalplot um einen Auftragsmord, in dessen Schatten er ein lakonisches Drama vom Leben und Sterben an der Peripherie Istanbuls erzählt.
Die dokumentarischen Arbeiten des diesjährigen Forums decken ein weites Spektrum filmischer Formen und Themen ab. Der Schweizer Beitrag Aisheen [Still Alive in Gaza] von Nicolas Wadimoff zeichnet ein ungeschminktes Bild vom Alltag an einem abgeriegelten Ort. Die Amerikanerin Laura Poitras gewinnt in The Oath außergewöhnliche Innenansichten aus dem militanten Islamismus. Und der Kanadier Jean-François Caissy beobachtet in La belle visite das Leben in einem ehemaligen Motel, das zum Altenheim umgebaut wurde.
Die Berliner Filmemacherin Gamma Bak macht sich und ihre psychotische Erkrankung in dem essayistischen Film Schnupfen im Kopf mutig selbst zum Sujet. Philip Scheffners Der Tag des Spatzen handelt vom trügerischen Frieden in einem Land, das anderswo Krieg führt. Auch Aljoscha Weskott und Marietta Kesting geht es in Sunny Land um trügerische Oberflächen. Ihr dokumentarischer Filmessay ist eine Zeitreise ins Südafrika der Apartheid, ins Entertainment-Paradies „Sun City“, das dabei zu einer globalen Metapher wird.
Insgesamt vier Regiedebüts aus Korea und Taiwan beschäftigen sich auf unterhaltsame Weise mit einer Generation, der die Zukunft gehören sollte. In Au revoir Taipei verwickelt Regisseur Arvin Chen einen jungen Mann, der ebenso eifrig wie erfolglos Französisch büffelt, um der Angebeteten nach Paris zu folgen, in eine Gangstergeschichte voll absurder Situationskomik. Auch So Sang-min interessiert sich in I’m in Trouble! vor allem für die komischen Seiten männlicher Liebesbeweise und schubst einen erfolglosen Poeten von einem Fauxpas zum nächsten.
Das 40. Forum der Berlinale zeigt insgesamt 34 Filme im Hauptprogramm, davon 19 als Welt- und 12 als internationale Premiere. Im Rahmen seiner Special Screenings präsentiert die Sektion in diesem Jahr eine drei Filme umfassende Hommage an den hierzulande noch zu entdeckenden Regisseur Shimazu Yasujiro, der als Modernisierer des japanischen Kinos der Vorkriegszeit gilt.
Zum Jubiläumsprogramm „4 Jahrzehnte Forum“ folgt eine separate Pressemitteilung.
Die Filme des 40. Forums im Rahmen des offiziellen Programms der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin:
A Crowd of Three (Kenta to Jun to Kayo chan no kuni) von Omori Tatsushi, Japan (IP)
Aisheen [Still Alive in Gaza] von Nicolas Wadimoff, Schweiz/Katar/Frankreich (WP)
Au revoir Taipei (Yī yè Tái běi) von Arvin Chen, Taiwan/USA/Deutschland (WP)
La belle visite von Jean-François Caissy, Kanada (IP)
Bibliothèque Pascal von Szabolcs Hajdu, Ungarn/Deutschland (IP)
Black Bus (Soreret) von Anat Yuta Zuria, Israel (IP)
La bocca del lupo von Pietro Marcello, Italien (IP)
Congo in Four Acts von Dieudo Hamadi, Divita Wa Lusala, Patrick Ken Kalala, Kiripi Katembo Siku, Demokratische Republik Kongo/Südafrika (WP)
Crossing the Mountain (Fān shān) von Yang Rui, Volksrepublik China (WP)
Double Tide von Sharon Lockhart, USA/Österreich (IP)
Eine flexible Frau von Tatjana Turanskyj, Deutschland (WP)
El recuento de los daños (The Counting of the Damages) von Inés de Oliveira Cézar, Argentinien (WP)
El vuelco del cangrejo (Crab Trap) von Oscar Ruíz Navia, Kolumbien/Frankreich (EP)
Fin (End) von Luis Sampieri, Spanien (WP)
Im Schatten von Thomas Arslan, Deutschland (WP)
I’m in Trouble! (Na-neun gon-kyeong-e cheo-haet-da!) von So Sang-min, Republik Korea (IP)
Imani von Caroline Kamya, Uganda/Schweden/Kanada (WP)
Indigène d’Eurasie (Native of Eurasia) von Sharunas Bartas, Frankreich/Litauen/Russische Föderation (WP)
Kanikōsen von Sabu, Japan (EP)
The Man Beyond the Bridge (Paltadacho Munis) von Laxmikant Shetgaonkar, Indien (EP)
The Oath von Laura
One Day (Yǒu yī tiān) von
Orly von Angela Schanelec, Deutschland/Frankreich (WP)
Our Fantastic 21st Century (Neo-wa na-eui i-shib-il-seki) von Ryu Hyung-ki, Republik Korea (IP)
Portrait of the Fighter as a Young Man (Portretul luptătorului la tinereţe) von Constantin Popescu, Rumänien (WP)
Pus (Haze) von Tayfun Pirselimoğlu, Türkei/Griechenland (WP)
Putty Hill von Matthew
Sawako Decides (Kawa no soko kara konnichi wa) von Ishii
Schnupfen im Kopf von Gamma Bak, Deutschland/Ungarn (WP)
Sona, the Other Myself (Sona, mō hitori no watashi) von Yang
Sunny Land von Aljoscha Weskott, Marietta Kesting, Deutschland/Südafrika (WP)
Der Tag des Spatzen von Philip Scheffner, Deutschland (WP)
Winter’s Bone von Debra Granik, USA (IP)
Ya (I am) von Igor Voloshin, Russische Föderation (IP)
Special Screenings
Antonio das Mortes (O Dragão da Maldade contra o Santo Guerreiro) von Glauber Rocha, Brasilien
Boris Lehman et ses amis – Drei Kurzfilme von Boris Lehman
Retouches et réparations von Boris Lehman, Belgien (WP)
Choses qui me rattachent aux êtres von Boris Lehman, Belgien (WP)
Un peintre sous surveillance von Boris Lehman, Belgien
Im Angesicht des Verbrechens von Dominik Graf, Deutschland (WP)
Kyoto Story (Kyōto Uzumasa monogatari) von Yoji Yamada, Tsutomu Abe, Japan (WP)
Nénette von Nicolas Philibert, Frankreich (WP)
Word is Out – Stories of Some of Our Lives von Rob
The Lights of Asakusa (Asakusa no tomoshibi) von
So Goes My Love (Ai yori ai e) von
The Trio’s Engagement (Konyaku sanbagarasu) von Shimazu Yasujiro, Japan
Zum Auftakt der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin am 11. Februar 2010 wird der chinesische Wettbewerbsfilm Tuan Yuan (Apart Together) seine Weltpremiere im Berlinale Palast feiern.
Berlinale-Direktor Dieter Kosslick wird gemeinsam mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und dem Jury-Präsidenten Werner Herzog das Festival eröffnen. Im Jubiläumsjahr wird die Eröffnungsgala von Anke Engelke moderiert.
Tuan Yuan (Apart Together) ist der jüngste Film von Wang Quan’an, einem der bedeutendsten chinesischen Autorenfilmer der jüngeren Generation. 2007 war er bereits mit Tuyas Hochzeit im Berlinale-Wettbewerb und wurde mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
Tuan Yuan erzählt die Geschichte einer großen Liebe und schildert zugleich die Tragödie der Teilung eines Landes. Jahrzehntelang hat der ehemalige Soldat Liu Yansheng, der 1949 vor den Truppen Mao Tse Tungs aus Schanghai nach Taiwan geflohen ist, die Liebe seines Lebens nicht mehr gesehen. Beim Wiedersehen der beiden flammen die alten Gefühle auf. Die Hauptrollen spielen Lu Yan, Ling Feng, Xu Cai Gen und Mo Xiaoqi. Tuan Yuan wird nach der Weltpremiere im Wettbewerb im Programm des Kulinarischen Kinos am 17. Februar 2010 wiederholt.
Nach der feierlichen Preisverleihung der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin am 20. Februar wird als offizieller Abschlussfilm Otouto (About Her Brother) von Yoji Yamada (Kabei) gezeigt. Das jüngste Werk des 79-jährigen japanischen Meisterregisseurs, der bereits sechs Mal bei der Berlinale zu Gast war, wird außer Konkurrenz präsentiert.
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters wurde an diesem Wochenende ein neues Format getestet: Beim Tot oder lebendig - Slam traten vier junge Dichter aus der deutschen Poetry- Slam - Szene gegen ebenso viele Schauspieler aus dem Theater - Ensemble an. Erwartungsgemäß lockte diese Veranstaltung ein sehr junges Publikum an. Leider krankte die Premiere noch an einigen Mängeln.
Bei den meisten Poetry - Slams ist es üblich, dass jede Performance anschließend vom Publikum bewertet wird und sich die Sieger in mehreren Runden durchsetzen müssen: Wer den stärksten Applaus bekommt, gewinnt. Im Deutschen Theater wurde dagegen eine kleine Jury von nur fünf Personen aus dem ausverkauften Saal vorab ausgewählt, die mit Stimmkarten auf einer Skala zwischen 1 und 10 abstimmen sollten. Erst in der Endausscheidung zwischen den beiden Finalisten war das ganze Auditorium gefragt.
Was fast absehbar war, trat ein: Immer wieder bekamen die leicht überforderten Juroren laute Buhrufe für ihre spontanen Entscheidungen. Verunsichert gaben sie dann etwas zu häufig kollektiv Noten im oberen Mittelfeld zwischen 7 und 8. Leistungsunterschiede der Gedichtvorträge wurden bei der Bewertung nicht herausgearbeitet und die für Poetry- Slams übliche Spannung konnte sich angesichts der Jury, die keinem weh tun wollte, auch nicht so recht aufbauen.
Ein weiterer Fehler war, dass die Schauspieler es sich bei der Auswahl ihrer Texte teilweise etwas zu einfach machten. Es war abgesprochen, dass sie Balladen, Kurzgeschichten oder Fragmente verstorbener Dichter auswählten, statt wie bei solchen Slams üblich nur eigene Werke vorzutragen. Während Felix Goeser mit Allen Ginsbergs Skandal - Poem Howl noch halbwegs originell war und unter den Schauspielern noch am besten abschnitt, griff Katrin Wichmann schlicht auf einen Ausschnitt aus Molières Drama Der Menschenfeind zurück, das ohnehin zum aktuellen Repertoire des Theaters gehört, so dass ihr Text beim Publikum kaum zündete.
Dementsprechend leichtes Spiel hatten die Poetry Slam - Profis mit ihren eigenen Kreationen. Der unbestrittene Sieger des Abends war Marc - Uwe Kling, der sich seit mehreren Jahren einen Namen auf Kleinkunstbühnen gemacht hat und dessen skurrile Känguru - Chroniken bereits als Buch veröffentlicht wurden. Darin beschreibt er seine Erlebnisse mit dem kommunistischen Beuteltier, das sein Mitbewohner ist.
Unterhaltsam waren auch die Kurzgeschichten von Anke Fuchs aus Köln, die in einem inneren Monolog über ihre Dates sinnierte, die sie mit zu intimen Geschichten aus ihrem Leben behelligen, obwohl sie nur mit ihnen ins Bett möchte, sowie der Auftritt von Julius Fischer aus Leipzig. Im Text Ich bin ein Gewinner kämpft er sich durch die Flut von Gewinnspielen und Werbeaktionen, die Fernsehkanäle und Mailboxen überschwemmt.
Die Veranstaltung wurde als Live - Stream ins Internet übertragen. Das Video ist auf der Homepage des Deutschen Theaters abrufbar.
Eine Komödie übers Altern bringt der X - Verleih am 4. Februar in die deutschen Kinos, die Besetzung von Giulias Verschwinden klingt viel versprechend: Corinna Harfouch spielt die Titelfigur Giulia, Bruno Ganz gibt den weit gereisten Genießer, dessen Charme sie verfällt.
Leider sind viele Pointen des Stoffes ziemlich erwartbar und die Dialoge der Geburtstagsgesellschaft wirken auf die Dauer ermüdend: Giulias beste Freunde drängten sie dazu, ihren 50. Geburtstag standesgemäß in einem Restaurant zu feiern. Während sie sich ziellos durch Zürich treiben lässt und vor der magischen 50 am liebsten weglaufen würde, vertreiben sich ihre Gäste die Zeit mit bösen Sticheleien über erste Alterserscheinungen wie Vergesslichkeit und kreisen um ihre Wehwehchen. Von der Cranio - Sacral - Therapie bis zur Lactose - Intoleranz wird kaum ein Trend des Wellness- und Anti - Aging - Marktes ausgelassen.
Zwei positive Gegenfiguren tragen die Botschaft des Films: Genieße jeden Tag! Zum einen ist da natürlich Bruno Ganz, der Giulia bei einem Optiker anspricht und spontan zu mehreren Gläsern in eine Bar einlädt. Langsam löst sich ihr Schutzpanzer. Ihr Gefühl, dass sie doch eigentlich nun zum alten Eisen gehöre und vom Leben nur noch Schmerzen und Verfall zu erwarten habe, weicht langsam der Neugier, sich auf diese überraschende Begegnung einzulassen. So weit, so erwartbar!
Die andere Rolle, die sich gegen die Altersmelancholie wendet, schrieb der Schweizer Bestseller - Autor Martin Suter in seinem Drehbuch Christine Schorn auf den Leib: Als Leonie unterläuft sie alle Erwartungen ihrer Tochter und der Heimleitung ihres Altenstiftes, wie man seinen 80. Geburtstag zu begehen hat. Sie macht sich über die Geschenke lustig, hält den anderen Heimbewohnerinnen den Spiegel vor und zettelt eine Tortenschlacht an. Dann kann sie sich endlich frisch verlobt mit ihrem neuen Lebensabschnittsgefährten und einer Freundin in das Restaurant zurückziehen, wo auch Giulias Party stattfinden sollte und sich die beiden Handlungsstränge am Ende treffen.
Christoph Schaubs Giulias Verschwinden ist von Format und Ästhetik eher ein TV - Film, wie ihn das öffentlich - rechtliche Fernsehen regelmäßig als Fernsehfilm der Woche ausstrahlt. Folgerichtig hat ihn das Schweizer Fernsehen auch bereits koproduziert und auf die für das Programmschema ideale Länge von 86 Minuten geachtet. Dann passt nach dem Abspann noch ein Trailer vor den Start der Nachrichtensendung.
Kinostart: 4. Februar 2010
Mit insgesamt 14 Filmen ist das Programm der Perspektive Deutsches Kino nun vollständig. Zu den sechs bereits gemeldeten Filmen kommen acht weitere Arbeiten dazu, die erneut den Themen- und Formenreichtum des jüngsten deutschen Films präsentieren.
Da denkt man, man tut einem Kumpel aus dem Knast einen einfachen, familiären Gefallen – und holt sich prompt eine blutige Nase. Der Film Lebendkontrolle von Florian Schewe (Hochschule für Film und Fernsehen, Potsdam-Babelsberg) setzt das Thema für ein Programm mit mittellangen Arbeiten aus drei deutschen Filmhochschulen, die sich im weiteren und doch eigentlichen engen Sinne mit gesellschaftlicher und persönlicher Verantwortung beschäftigen. Und damit, wie diese manchmal gar nicht mehr zu bewältigen ist. Die Narben im Beton werden in dem Film von Juliane Engelmann (Kunsthochschule für Medien, Köln) auf schmerzliche Weise sichtbar gemacht. Es geht um eine junge Mutter in der Mitte des immer größer werdenden Randes, die ihre Kinder mit Liebe allein nicht mehr schützen zu können scheint. Jessi ist schon alt genug, sich selbst zu schützen, obwohl sie noch viel zu jung dazu ist. Ihre familiäre Situation lässt ihr aber keine andere Wahl. Der gleichnamige Film von Mariejosephin Schneider (Deutsche Film- und Fernsehakademie, Berlin) schließt ein Programm ab, dessen Beiträge Schmerzgrenzen überschreiten.
In der Boulevardpresse und der privatrechtlichen Fußballberichterstattung sind die Spielerfrauen mittlerweile unverzichtbar. Im inoffiziellen Sportlerjargon heißen sie nüchtern WAGs (Wives and Girlfriends). In dem Film gleichen Titels von Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf (HFF, Potsdam-Babelsberg) bekommen sie zu ihren üblicherweise gerne gezeigten Gesichtern auch noch Geschichten. Geschichten, von denen ihre Altersgenossinnen nicht einmal etwas ahnen, z.B. wenn sie als Haushaltshilfe aus Polen in einer ziemlich schwäbischen Gastfamilie arbeiten. Anna Hoffmann (Filmakademie Baden-Württemberg) erzählt in Die Haushaltshifle vom Alltag, den Problemen und Sehnsüchten einer jungen Frau weit weg von ihren Wurzeln und ihrer Familie.
Bei diesem Film ist nur der Titel nüchtern: Die Kölner Filmemacherin Carolin Schmitz nennt ihren Dokumentarfilm Porträts deutscher Alkoholiker und liefert genau das. Aber auf eine überraschende, diskrete und dabei sehr spannende Weise.
Hannah Schweier hat vor drei Jahren mit ihrem mittellangen Spielfilm Aufrecht stehen im Programm der Perspektive Deutsches Kino ihr Talent für konsequentes Erzählen offenbart. Mit ihrer ersten abendfüllenden Arbeit Cindy liebt mich nicht unterstreicht sie ihre erzählerische Kondition. Weil zwei Männer nicht nur dieselbe Frau lieben, sondern beide sie auch nicht wirklich kennen, müssen sie sich zusammentun, um sie zu suchen, als sie beiden zu entschwinden droht. Ein Roadmovie der Gefühle mit Clemens Schick und Peter Weiss.
Zum Abschluss des Programms begrüßt die Perspektive Deutsches Kino übrigens einen Gast, der bereits am ersten Abend der ersten Ausgabe der Sektion mit seiner Produktion 99 Euro Films dabei war. Am Publikumstag läuft der neue Spielfilm des Berliner Regisseurs RP Kahl: Bedways erzählt nicht nur vom Filmemachen in Berlin. Der Film erzählt auch davon, wie Filmemacher in Berlin sein können.
Filme Perspektive Deutsches Kino 2010:
Alle meine Väter von Jan Raiber (Dokumentarfilm)
The Boy who wouldn’t kill von Linus de Paoli
Cindy liebt mich nicht von Hannah Schweier
Frauenzimmer von Saara Aila Waasner (Dokumentarfilm)
Glebs Film von Christian Hornung (Dokumentarfilm)
Die Haushaltshilfe von Anna Hoffmann (Dokumentarfilm)
Hollywood Drama von Sergej Moya
Jessi von Mariejosephin Schneider
Lebendkontrolle von Florian Schewe
Narben im Beton von Juliane Engelmann
Portraits deutscher Alkoholiker von Carolin Schmitz (Dokumentarfilm)
Renn, wenn du kannst von Dietrich Brüggemann
WAGs von Joachim Dollhopf und Evi Goldbrunner
Bedways von RP Kahl
"In The Food For Love“ lautet das Motto des 4. Kulinarischen Kinos der Berlinale, das vom 14. bis 19. Februar 2010 stattfindet. Elf Filme über die Beziehung des Essens zur Liebe, Natur und Umwelt laufen im Kino des Martin-Gropius-Baus. Nach den Filmen des Hauptprogramms um 19:30 Uhr servieren die Sterneköche Thomas Kammeier, Michael Kempf, Lea Linster, Christian Lohse und Tim Raue im Spiegelzeltrestaurant „Gropius Mirror“ jeweils ein Menü, das von den Filmen inspiriert ist.
„Das Konzept der Reihe hat sich bewährt“, sagt Dieter Kosslick, „wir zeigen Filme, die Appetit machen, und kochen dazu. Wir zeigen aber auch Filme, die den Appetit verderben, Filme, die die Augen öffnen für die katastrophale Lage der Ernährung in der Welt.“
Zum Auftakt des Kulinarischen Kinos präsentiert Tilda Swinton, die 2009 Jury-Präsidentin der Berlinale war, gemeinsam mit Regisseur Luca Guadagnino den Film Io Sono L’Amore (Ich bin die Liebe). „Food for Love“, das heißt, Lebensmittel, die zum Liebesmittel taugen, spielen in dem Melodram eine entscheidende Rolle. Christian Lohse bereitet zum Film eine „russisch-italienische Liebeserklärung“ zu, denn Tilda Swinton spielt eine Russin, die in eine reiche Mailänder Familie eingeheiratet hat.
Der iranische Filmemacher Mohammad Shirvani schaut in Dastoor -e Ashpazi (Iranisches Kochbuch) sechs Hausfrauen in die Töpfe, in denen das Essen für das Ende eines Ramadantages kocht und stellt sich damit der Frage: Ist Kochen Liebe oder Pflicht? Für Thomas Kammeier ist es die Inspiration, ein „Frommes Lamm“ zu schmoren.
Die renommierten Dokumentarfilmer Chris Hegedus und D. A. Pennebaker beobachten in Kings of Pastry einen Wettbewerb von Patissiers. Zweifellos ist die Zubereitung der fragilen Zuckerwerke eine Kunst, die wortlos ausdrückt, dass die Liebe süß ist. Die Luxemburger Köchin Lea Linster präsentiert dazu eine Entenpastete.
The Botany of Desire (Botanik der Begierde) nach dem gleichnamigen Bestseller von Michael Pollan (Food, Inc.) zeigt, dass auch Pflanzen lieben können. Im Film werden die gewitzten Strategien der Pflanzen enthüllt, sich mit Hilfe menschlicher Leidenschaften zu vermehren. Die Dokumentation läuft zum 20-jährigen Jubiläum der Slow Food Bewegung. Michael Kempf schmort dazu eine Mecklenburger Bisonbacke.
Soziale und ökologische Themen stehen in vier Spätvorstellungen (22 Uhr) im Mittelpunkt. In Collapse von Chris Smith entwickelt der ehemalige CIA Agent Michael Ruppert mit sarkastischem Humor Visionen einer Welt ohne Erdöl. BANANAS!* gibt Einblick in die skrupellose Produktion der Südfrucht durch einen großen US Konzern. Hannes Jaenicke präsentiert seine Dokumentation Im Einsatz für Haie und diskutiert mit dem Publikum, wie die Biodiversität erhalten werden kann. Ein Klassiker des indischen Kinos ist Manthan (Das Buttern), in dem der Aufbau einer Molkerei-Kooperative geschildert wird. Der Film wurde 1976 von 500.000 Bauern finanziert. In der fünften Spätvorstellung Ki-Chin (The Naked Kitchen) der Koreanerin HONG Ji-young geht es wieder um die Liebe, diesmal zu dritt, und ein neues Restaurant.
Beim „Young Culinary Cinema“ am 19.2. um 9:30 Uhr morgens wird das Thema Food und Ökologie mit Jugendlichen der Berliner Nelson-Mandela-Schule diskutiert. Der Film The Rainbow Warriors Of Waiheke Island dokumentiert die Fahrten und die Versenkung des ersten Greenpeace-Schiffes. Für das Essen sorgen Interconti Küchenchef Alf Wagenzink und Wam Kat. Wam Kat kocht seit vielen Jahren auf großen Demonstrationen und gehörte auch zur Besatzung der Rainbow Warrior.
An mehreren Nachmittagen werden Themen des Kulinarischen Kinos vertieft. Beim „Fruchtsalat“ am 16.2. spricht Fredrik Gertten, der Regisseur von BANANAS!* über seine Erfahrungen mit Fruit Companies und über Alternativen und Fair Trade. Aktuelle „Books to Cook“ werden am 17.2. von zwei Berliner Autorinnen vorgestellt. Susanne Kippenberger liest aus „Am Tisch“ und Zhang Yu aus „Buddha sprang über die Mauer“, einem Buch über die chinesische Küche. Auch hier gilt die Grundregel des Kochens, sagt der Leiter des Kulinarischen Kinos, Thomas Struck: „Love for Food ist die wichtigste Zutat, um Food for Love zu servieren.“
Der Kartenvorverkauf beginnt bereits am 18.1.2010 online über www.berlinale.de sowie bei allen Berliner Theaterkassen.
Weitere Informationen unter: www.berlinale.de
Filme im Kulinarischen Kino 2010
BANANAS!* Schweden
Dokumentarfilm von Fredrik Gertten
Collapse USA
Dokumentarfilm von Chris Smith
Dastoor –e Ashpazi (Iranisches Kochbuch) Iran
Dokumentarfilm von Mohammad Shirvani
Weltpremiere
Im Einsatz für Haie Deutschland
Dokumentarfilm von Judith Adlhoch und Eva Gfirtner
Mit Hannes Jaenicke
Io Sono L’Amore (Ich bin die Liebe) Italien
Von Luca Guadagnino
Mit Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher, Pippo Delbono, Maria Paiato
Ki-Chin (The Naked Kitchen) Republik Korea
Von HONG Ji-young
Mit SHIN Mina, JU Ji-hun, KIM Tae-woo
Kings of Pastry USA/Niederlande/Großbritannien
Dokumentarfilm von Chris Hegedus & D. A. Pennebaker
Manthan (Das Buttern) Indien
Von Shyam Benegal
Mit Girish Karnad, Kulbhushan Kharbanda, Smita Patil, Amrish Patil, Naseeruddin Shah
The Botany of Desire (Botanik der Begierde) USA
Dokumentarfilm von Michael Schwarz
Mit Michael Pollan
Europapremiere
The Rainbow Warriors of
Dokumentarfilm von Suzanne Raes
Mathieu Kassovitz sorgte 1995 in Frankreich mit einem düsteren Schwarz - Weiß - Film für Furore: Sein Drama La Haine räumte damals mehrere Preise, z.B. auch auf dem renommierten Festival in Cannes, ab. Publikum und Kritik waren beeindruckt vom schonungslosen und realistischen Blick auf die sozialen Brennpunkte der Pariser Vorstädte, die sogenannten Banlieues. Auch in Deutschland wurde der Film unter dem Titel Hass als ein herausragender politischer Film der 1990er Jahre wahrgenommen.
Die Handlung über die Gewaltspirale zwischen den jungen Migranten Abdel, Hubert, Vinz sowie Said und den Sondereinheiten der Polizei beruht auf wahren Begebenheiten. Genau zehn Jahre danach eskalierte die Situation nach dem selben Muster erneut: Wochenlang brannten im Herbst 2005 die Barrikaden in den französischen Vorstädten. Viele Kommentatoren fühlten sich damals in den Film Hass zurückversetzt und lobten seinen glasklaren Blick auf die Konflikte, die dort bis heute schwelen. Oft genügt nur ein Funke, bis sie wieder aufflammen.
Damals nutzte Nicolas Sarkozy diese Unruhen, um sich als starker Mann und Innenminister zu profilieren und Punkte für seine Präsidentschaftskandidatur zu sammeln. Statt hübscher Fotos an Carla Brunis Seite setzte er auf markige Worte. Die Stadt müsse mit dem Kärcher gereinigt werden. Während sich in Deutschland damals gerade die Große Koalition formierte, redeten sich Leitartikler und Feuilletonisten die Köpfe heiß, ob diese Zustände auch hierzulande z.B. in Kreuzberg oder Neukölln drohen.
Die beiden jungen Dramatiker Tamer Yiğit und Branka Prlić griffen diesen Gedanken auf und bearbeiteten den berühmten Film für die Bühne des Kreuzberger Theaters Hebbel am Ufer 2 (HAU 2). Das Grundgerüst der Handlung behielten sie bei, verlegten sie aber in ihren Kiez Kreuzberg 36, so dass in den Dialogen plötzlich die Dealer aus dem Görlitzer Park auftauchen. Außerdem sorgen Volkan T. und Dissput mit rohen Heavy Metal - Klängen für den passenden Soundtrack zu diesem brisanten Stoff.
Wie die Autoren in mehreren Interviews klarmachten, sehen sie aus ihren Eindrücken vor Ort die Wut wachsen. Dabei schießen sie in ihrer Analyse aber wohl doch sehr über das Ziel hinaus, wenn sie sich wie im DeutschlandRadio äußern: "Deutschland aktuell 2010, das ist Hass, das ist, was wir irgendwie auf der Bühne haben."
Mehrere Kritiken der Premiere merkten auch zurecht an, dass das Stück an einigen Stellen noch unfertig wirkt und keine klare Linie hat: Die Wut der Hauptdarsteller wird in manchen Passagen sehr ernst genommen und von den jungen Schauspielern authentisch vermittelt. Nur kurz darauf wird das Ganze aber ironisch gebrochen: Der Fitness- und Männlichkeitskult mancher junger Machos arabischer oder türkischer Herkunft wird ins Lächerliche gezogen, wenn die Schauspieler in eine Ecke stürmen, eifrig Gewichte stemmen und dabei ein verzweifeltes "Ich muss 100 Kilo wiegen" brüllen.
Leider ist dieser Abend wegen solcher Schwächen nicht ganz gelungen. Auch wenn nicht jede Inszenierung ein großer Wurf ist, ist das Konzept des Hebbel am Ufer mit seinen spannenden Produktionen, die einen präzisen Blick auf die soziale Realität werfen, eine großere Bereicherung für die Theaterlandschaft und seit der Gründung 2003 eine feste Instanz im Kulturleben Berlins.
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