"Happy Revolution" - Festival: Interessante Einblicke in die iranische Gesellschaft
18:23
Montag, 21. Dezember 2009
Modjgan Hashemian schlug in seinem Tanzstück Move in Patterns einen Bogen über die 30 Jahre des theokratischen Regimes. Mit zwei Videomitschnitten, die seine Inszenierung einrahmen, macht er die ganze Misere der dortigen Entwicklung deutlich.
Zu Beginn wird eine Demonstration von Frauen eingeblendet, die sich gegen die Einführung des Schleierzwangs wehren. Damals, im Frühjahr 1979, waren sie noch voller Euphorie über den Sturz des Schahs, aber Ajatollah Chomeini begann bereits, mit kleinen Schritten sein rigides System zu etablieren.
Auf diesen Aufnahmen ist immerhin noch Hoffnung zu spüren. Ganz anders ist der Eindruck der düsteren Videobotschaft aus dem Sommer 2009: Auf verwackelten, chaotischen Bildern sind schemenhaft Proteste gegen die umstrittene Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 zu erkennen. Eine Stimme schreit um Hilfe, eine andere fordert mehr Unterstützung vom Westen.
Die fünf jungen Männer und Frauen (Kristian Breitenbach, Mariella Celia, Gonzalo Curinha, Parwanhe Tomiko Frei, Niloufar Shashisavandi) tanzen in ihrer Aufführung Move in Patterns barfuß und mit großer Körperbeherrschung einen assoziativen Reigen kurzer Szenen zu traditionellen Trommelklängen. Der harte Griff der Sicherheitsorgane wird spürbar, die Regeln des Gottesstaates lassen kaum Freiräume.
Im Zentrum der Aufführung steht ein Teppich, der Kindheitserinnerungen auslöst und dessen Muster in Bewegung gerät, wie der Titel verrät.
Das Festival - Programm wurde durch die Reihe Filmen unter Einfluss abgerundet, wobei die Dokumentation Bassidji besonders hervorzuheben ist. Der im französischen Exil lebende Iraner Mehran Tamadon setzte sich mit der gleichnamigen paramilitärischen Gruppe auseinander, die für ihre besondere Loyalität zum Regime bekannt ist. Der zweistündige, sehr genaue Blick in dieses selten beleuchtete Milieu beginnt im Grenzgebiet zum Irak: Dort wird bis heute der Gründungsmythos dieser Gruppe mit Gedenkstätten zelebriert, da sich die ersten Bassidji während des Krieges zwischen 1980 und 1988 als Himmelfahrtskommandos opferten, um als fundamentalistische Märtyrer den religiösen Lohn im Jenseits zu bekommen. Sehr spannend ist vor allem das längere Gespräch mit einigen führenden Köpfen dieser Bewegung. Hier kann man aus erster Hand erfahren, mit welcher Logik sie den Schleierzwang verteidigen, um Männer nicht in erotische Versuchung zu führen. Manche Passagen rufen im Publikum eine Mischung aus ungläubigem Staunen, Heiterkeit und Entsetzen hervor.
Außerdem war die Dokumentation Letters to the President zu sehen, die ihre Premiere bereits auf der Berlinale 2009 hatte und einen Blick darauf wirft, wie sein Apparat die populistischen Auftritte des Präsidenten Ahmadinedschad steuert und wie er mit der Flut von Briefen umgeht.
Seine Krebserkrankung wurde in den vergangenen Monaten von den Medien und ihm selbst ausführlich thematisiert. Auch wenn die Medikamente bei Schlingensief gut wirken und die Ausbreitung von Metastasen zum Glück gestoppt ist, ist es leider doch absehbar, dass er wohl nicht mehr sehr lange leben wird, wie die beiden Gesprächspartner am Ende mitteilten. Vor diesem Hintergrund wirken der sprühende Ideenreichtum und Witz des Multitalents um so verblüffender, mit dem er das Publikum in seinen Bann schlug und die Dauer des Gesprächsformats auf satte zweieinhalb Stunden überzog. Schade, dass Gysi gegen 13.30 Uhr mit schuldbewusstem Blick zur Uhr Schluss machen musste: Diese Paarung hätte noch Stoff für mindestens zwei weitere Runden gehabt.
Immerhin konnte das Publikum in aller Ausführlichkeit viel über die Entwicklung des Mannes erfahren, der 1960 wohlbehütet in kleinbürgerlichen Milieus Oberhausens aufgewachsen ist. Seine Mutter wusste angeblich bis vor wenigen Jahren nicht, welche exzentrischen und provokativen Filme, Aktionen und Theaterabende ihr Christoph inszeniert. Der Vater ließ sie nämlich im Glauben, dass er Landschaftsdokumentarfilme drehe und schnitt die Videoaufnahmen jeweils entsprechend zusammen, bevor er sie ihr zeigte.
Als ihn die Hochschule für Film und Fernsehen in München abgelehnt hatte, obwohl Wim Wenders sich für ihn eingesetzt hatte, quälte er sich durch theorielastige Seminare an der Münchener Ludwig - Maximilians - Universität. Ihn faszinierte ein - wie er es nannte - "Studium Generale" im wirklichen Leben bald mehr, das er in seinem Mietshaus im Bahnhofsviertel mehrere Jahre erlebte: Ein Nachbar trat regelmäßig die Tür ein, die Heizung funktionierte nicht. Entweder war sein Zimmer völlig überhitzt oder der Frost klirrte am Waschbecken. Eine andere Nachbarin empfing Freier als Prostituierte. Schlingensief hatte das Glück, in die Clique des Autors Thomas Meinecke aufgenommen zu werden, der Anfang der 1980er Jahre gerade mit der Band Freiwillige Selbstkontrolle erste Erfolge feierte. Er stopfte seinen Nachbarn mit den Klassikern von Nietzsche bis Schopenhauer voll und lud ihn zu seinem Diskussionszirkel ein. Drei Mal täglich ging es außerdem ins Kino. Seine Helden waren Bunuel, Godard und die deutschen Autorenfilmer Fassbinder, Kluge und Wenders.
Gysi fasste diese wilden Jahre mit dem süffisanten Kommentar zusammen: "Jetzt weiß ich auch, warum Du so geworden bist!"
Anschließend ging er zurück in die Heimat und wurde Assistent des Professors Werner Nekes in Mülheim an der Ruhr, der ihn für mehrere Experimentalfilme inspirierte. In dem Umfeld trieb sich auch Helge Schneider rum, der in zwei Garagen mit Durchgangstür lebte und die Freunde regelmäßig zu Tiefkühlspinat und Spiegelei einlud. Schlingensiefs erste Aufführungen waren oft ziemliche Flops. Als er Menu total bei der Berlinale 1986 in der Sektion Internationales Forum des jungen Films präsentierte, strömte das Publikum wegen der grobkörnigen Bilder und der schrillen Handlung bereits nach zehn Minuten scharenweise zum Ausgang. Immerhin war die Schauspielerin Tilda Swinton, die damals gerade mit Derek Jarmans bahnbrechendem Film Caravaggio bekannt wurde, so hingerissen, dass sie sich in ihn verliebte.
Einer größeren Öffentlichkeit wurde Christoph Schlingensief mit seiner umstrittenen Deutschland – Trilogie bekannt: 100 Jahre Adolf Hitler, Das deutsche Kettensägenmassaker und Terror 2000 werden teilweise noch heute vom Fernsehen boykottiert und sorgten Anfang der 1990er Jahre in Kinos für hitzige Debatten und Proteste. Er setzte sich darin mit der Euphorie nach dem Mauerfall sowie den rechtsextremen Anschlägen von Rostock, Mölln, Solingen, etc. auseinander und schaffte es, sowohl linke wie rechte Strömungen gegen sich auf zu bringen.
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre avancierte er zum Publikums- und Medienliebling: Er war tragende Säule des Hypes um die Berliner Volksbühne und arbeitete eng mit dem Dramaturgen Carl Hegemann und Frank Castorf zusammen. Für Aufsehen sorgten z.B. seine Integration von Behinderten auf der Bühne, die Inszenierungen 100 Jahre CDU, Kühnen ´94, Rocky Dutschke ´68 oder vor allem spektakuläre Aktionen auf dem Wiener Opernplatz und der Kasseler Dokumenta 1997, von denen er kurze Videoausschnitte mitbrachte. Mit der Gründung der Partei Chance 2000, mit der er zur Bundestagswahl 1998 antreten wollte und Helmut Kohls Urlaubsdomizil am Wolfgangssee durcheinanderwirbelte, war er häufiger Gast in Talkshows und brachte frischen Wind in die politische Debatte, da er mit öffentlichkeitswirksamen Auftritten Minderheiten Gesicht und Stimme gab. Da er sich aber nicht weiter als Lieblingsprovokateur des linksliberalen Establishments vereinnahmen lassen wollte, stieß er Kritik und Publikum mit grotesken Shows, die in U-Bahnen aufgezeichnet und auf MTV ausgestrahlt wurden, gezielt vor den Kopf.
In diese Zeit fiel auch sein Bruch mit dem Volksbühnen - Guru Frank Castorf. Während des Kosovo – Kriegs 1999 plante er, Kriegsflüchtlinge in die Volksbühne zu holen und übergangsweise im Foyer unterzubringen, und führte deshalb mehrere Gespräche mit NGOs, der Bundeswehr und dem damaligen Innenminister Otto Schily. Aber Castorf und das Ensemble stellten sich in einer großen Konferenz quer. Man merkt Schlingensiefs sehr amüsanter Parodie auf den früheren Mentor eine tiefe Bitterkeit und Enttäuschung über das Zerwürfnis an. Er beklagte den Verfall der Volksbühne, der sich an künstlerischer Stagnation, sinkenden Publikumszahlen, dem teils freiwilligen, teils unfreiwiligen Weggang wichtiger Künstler und Presseverrissen zeigt.
2004 kam die überraschende Einladung, eine Oper zu inszenieren: Der Wagner – Clan bot ihm den Parsifal auf dem Grünen Hügel der Bayreuther Festspiele an. Schlingensief gelingen köstliche, brillante Parodien auf die beiden Gralshüter Wolfgang und Gudrun Wagner, die damals noch über das Erbe ihrer Dynastie wachten. Diese Energie und Spielfreude reißen mit. Für besonders große Heiterkeit im Publikum sorgt er, als er einen sehr unfreiwillig komischen Brief von Gudrun Wagner vorliest und ihr gespanntes Verhältnis kommentiert, das zum absehbaren Festspiel - Eklat führte.
Am Ende lief Gysi und Schlingensief wie beschrieben leider die Zeit davon. Insbesondere seine Krebsdiagnose und wie er damit umgeht, konnte nur angerissen werden. Dieses Thema wurde aber zuletzt in zahlreichen Beiträgen besprochen und stand im Zentrum seiner Theaterarbeit Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir sowie seiner veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein. Der Künstler vertrat die psychosomatische These, dass sich durch den Krebs das Verdrängte melde. Der Organismus wehre sich gegen die Verstellung, die aber laut Schlingensief in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung sei und zuletzt auch Thema von Kriegenburgs Menschenfeind – Inszenierung war.
Zum Abschluss stellte Christoph Schlingensief noch das Projekt vor, das sein Vermächtnis eines kreativen, aber sehr wahrscheinlich viel zu kurzen Lebens werden soll: Er möchte zusammen mit einem einheimischen Architekten ein Festspielhaus in Ougadougou, der Hauptstadt des afrikanischen Staates Burkina Faso, bauen. Zu dem Areal sollen auch eine Schule, die bereits im Bau ist, und eine Krankenstation gehören.
Ausführlicheres kann man in der Diskussionssendung nachtstudio erfahren, wo Schlingensief unter anderem mit den Afrika - Kennern Henning Mankell und Rupert Neudeck sprach.
Der Auftritt dieser schillernden Persönlichkeit wurde mit großem Beifall bedacht und demonstrierte, wie groß der Verlust durch seinen hoffentlich nicht so nahen Tod wäre!
Nicolas Stemann verlangt dem Publikum in der Premiere von Bertolt Brechts Lehrstück Die heilige Johanna der Schlachthöfe einiges ab: Drei Stunden inklusive einer kurzen Pause zeichnet der Regisseur die ökonomischen Thesen des Großmeisters des politischen Theaters nach. In rascher Szenenfolge scheint der Fleisch - Spekulant Mauler schon mehrmals am Ende, nur um im übernächsten Moment wieder als Sieger hervorzugehen. Seine Gegenspielerin Johanna Dark, die als naive und fromme Predigerin eines harmonischen Dialogs und sanfter Reformen auftritt, erreicht mit ihren scheinbaren kleinen Schritten zum Besseren, mit denen sie das Elend der Arbeiter im Chicago zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise 1929/30 lindern möchte, nur das Gegenteil. Am Ende sitzt Mauler fester im Sattel denn je: Er besitzt ein Monopol über den Fleischmarkt und kann mit verschlankter Belegschaft zu geringeren Löhnen satte Gewinne abschöpfen.
Bei Brecht ist alles klar: Im Stil seines epischen Theaters will er seine Zeitgenossen davon überzeugen, dass es nur einen Ausweg gibt, nämlich den Generalstreik und die Revolution der kommunistischen Partei. Das kapitalistische System sorgt für Armut und verhindert ein menschenwürdiges, moralisches Leben. Seine Hauptfigur Johanna Dark, ein ehrenwertes Mitglied der fiktiven Schwarzen Strohhüte, mit denen er die Heilsarmee parodiert, muss am Ende das Scheitern ihrer guten Absichten eingestehen: "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und / Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind." Sie stirbt am Ende als Märtyrerin im Kugelhagel.
Ganz anders ist der Zugriff von Stemann auf dieses Stück. Seine Johanna darf zwar auch den berühmten Schlussappell sprechen. Im nächsten Moment taucht Katharina Marie Schubert aber im glitzernden Kostüm auf der Bühne auf und stimmt mit den Börsianern und Unternehmern in das zynische Lied "Reichet den Reichen den Reichtum, Hosianna!" ein. Eine Szene, die typisch für diesen Abend und den aus anderen Stemann - Inszenierungen bekannten Regiestil ist: Kaum wird ein Gefühl geäußert, wird es kurz darauf schon ironisch gebrochen und ins Gegenteil verkehrt. Alles ist wahr, nichts ist wahr, lautet die Devise.
Seine Schlusspointe dreht Stemann noch etwas weiter: Margit Bendokat als verarmte Arbeiterwitwe in Trainingsjacke und mit Plastiktüten giftet in ihrem unnachahmlichen Ton die eben noch so strahlende Titelheldin Johanna an: "Du warst nie eine von uns!" Sie ruft zum Generalstreik auf, dreht sich wütend weg und wird hinterrücks erschossen. Johanna kommentiert dies nur mit einem knappen "Huch", als ob nur auf einer Cocktailparty ein Glas runtergefallen wäre.
Mit diesen Wendungen entlässt der Regisseur sein Publikum in die Nacht. Im Vorgespräch erklärte eine Dramaturgin noch, dass Stemann große Sympathien für Brechts fundamentale Systemkritik hat. Sein Stück sperrt sich aber gegen jede klare Lösung. Die aktuelle Finanzkrise, in der das alte Brecht - Stück an vielen Bühnen eine Renaissance auf den Spielplänen erlebt, ist eben zu undurchsichtig und nicht mit einfachen Rezepten zu lösen. Schon gar nicht ist sie direkt mit der Weltwirtschaftskrise 1929/30 zu vergleichen, vor deren Hintergrund Brecht das Stück verfasste, das jedoch erst nach seinem Exil 1959 uraufgeführt wurde.
Symbolisch für die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse steht, dass der "böse Kapitalist" Mauler und die übrigen Wirtschaftsbosse oder Spekulanten keinem Schauspieler klar zugeordnet werden: Das Trio Felix Goeser, Matthias Neukirch und Andreas Döhler schlüpft abwechselnd in diese Rollen. Für das Publikum ist manchmal schwer zu erkennen, wer gerade spricht. Auch dies ist ein typisches Versatzstück aus Stemanns Regiebaukasten, das er schon bei seiner zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierung von Schillers Räubern einsetzte. An diesem Abend ist es aber durchaus sinnvoll: Der ständige Wechsel der Rollen innerhalb des Oligopols steht dafür, dass die Strukturen für Außenstehende intransparent und keine klaren Verantwortlichkeiten der Akteure erkennbar sind.
Der herausfordernde Abend ist durchaus spannend, spaltete aber sein Publikum: Bei der A - Premiere hielten sich Buh - und Bravo - Rufe die Waage, bei der B - Premiere gab es überwiegend freundlichen Beifall. Jedoch blieben erstaunlich viele Plätze schon zu Beginn leer und Egon Bahr als einer der letzten aufrechten Sozialdemokraten aus besseren Tagen verließ das Deutsche Theater schon zur Pause.
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Die Bildrechte liegen bei Arno Declair und dem Deutschen Theater Berlin.
Jahresendzeitprogramm: Müntefering und Westerwelle stehlen Merkel die Show
15:29
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Die Königin aller Gipfel von Heiligendamm bis Kopenhagen, Angela Merkel, moderiert auch im 13. Jahr in Folge auf gewohnt charmante und souveräne Art das Jahresendzeitprogramm im Kreuzberger Mehringhoftheater. 2009 bittet die Kanzlerin, wie immer von Christoph Jungmann verkörpert, galanterweise noch einmal ihren langjährigen Co - Moderator Franz Müntefering auf die Bühne.
Der Sauerländer blickt in seiner schnoddrigen Art auf die gemeinsamen vier Jahre zurück, ist sich keinerlei Schuld am schlechten SPD - Wahlergebnis bewusst und schwebt zur Pause frisch verliebt davon: Seine Michelle wartet in Kreuzberg 36 auf ihn. Heute geht es mit ihr und ihren Freundinnen ins Lido und ins Watergate, morgen dann ins Berghain. Münte möchte erst mal Nachtleben und Eheglück genießen, träumt aber insgeheim davon, nach Sigmar Gabriels Interimszeit als Parteivorsitzender ins Brandt - Haus zurückzuziehen. Hannes Heesch brilliert in seiner Parodie auf den alten Haudegen und stiehlt Angela Merkel alias Christoph Jungmann etwas die Show.
Auch in der zweiten Hälfte muss sie um ihren Platz als Chefin kämpfen: Ihr neuer Vizekanzler Guido Westerwelle hat sich selbst eingeladen und möchte ihr nicht nur im Kabinett, sondern auf der Bühne zur Seite stehen. In dieser Rolle ist Hannes Heesch sogar noch stärker: Vom triumphierenden Westerwelle - Grinsen am Wahlabend über bestimmte typische Textbausteine bis zu seiner Mischung aus strahlendem Selbstbewusstsein und Unterwürfigkeit imitiert der Kabarettist den Außenminister glänzend! Bis der Kanzlerin der Geduldsfaden reißt und sie ihn ins Kanzleramt wegschickt, weil sie vergessen habe, das Licht abzuschalten.
Neben den Dialogen Merkel/Müntefering und Merkel/Westerwelle ragen noch zwei Musikeinlagen aus: In einer Hommage an Michael Jacksons Tanz - Choreographien, in der die Kanzlerin temperamentvolle Hüftschwünge zeigt, rechnet das Jahresendzeitteam mit dem Debakel der Berliner S- Bahn ab: "Und alles was uns bleibt sind der überfüllte Bus und der Hass". In einem Medley aus Udo Jürgens - Schlagern dichten die Schauspieler die Texte auf weitere wichtige Ereignisse des Jahres 2009 um: das Auf und Ab der Hertha zwischen Meistertraum und Abstiegsangst, den Literaturnobelpreis für Herta Müller, das Ende des Bahnchefs Mehdorn, dem sie stundenlanges Warten in der Kälte wünschen, sowie die schier endlose Debatte um das Stadtschloss.
Dieser sehr gelungene Kabarettabend hat kaum Längen und eine sehr große Pointendichte. Zur Entspannung von der großen Politik treten zwischendurch immer wieder Manfred Maurenbrecher mit seinen Liedern und Horst Evers mit seinen kleinen, ins Surreale kippenden Alltagsbeobachtungen wie z.B. über den twitternden neuen Nachbarn auf.
In einem Rundumschlag gegen die drei Wirtschaftsminister Glos, zu Guttenberg und Brüderle rechnet Bov Bjerg schließlich noch mit der Abwrackprämie ab: Mehrmals schimpft er über die Autoindustrie als Technik des 19. Jahrhunderts und vergleicht die Entschädigung für ein verschrottetes Auto mit dem Schmerzensgeld für getötete Afghanen, bis ihm die Kanzlerin einen Magenbitter und Beruhigungstropfen reicht, damit er ihren Galaabend nicht länger stört.
Das Jahresendzeitprogramm 2009 ist wieder ein sehr gelungener Kabarettabend, der noch bis 10. Januar 2010 auf der Bühne zu sehen sein wird. Man sollte sich aber beeilen, um Karten zu ergattern: Viele Vorstellungen sind bereits komplett oder fast ausverkauft.
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Berlinale 2010: Jugendreihe Generation zwischen Lateinamerika, Australien und Neukölln
15:03
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Im Jubiläumsjahr der Berlinale lädt Generation fünf preisgekrönte und renommierte Persönlichkeiten in die Internationale Jury der Sektion: Die 21-jährige iranische Filmemacherin Hana Makhmalbaf gewann mit ihrem Debütfilm Buda Az Sharm Foru Rikht im Festival 2008 einen Gläsernen Bären. Mit dem kanadischen Regisseur Philippe Falardeau kehrt ein weiterer Preisträger nach Berlin zurück. Falardeaus C’est pas moi, je le jure! überzeugte 2009 im Wettbewerb Generation Kplus sowohl die Kinderjury als auch die Internationale Jury, der er nun selbst angehört. Ferner eingeladen wurde die australische Kinderfilmproduzentin Kylie Du Fresne, deren Produktion The Djarn Djarns 2005 ebenfalls mit einem Gläsernen Bären für den besten Kurzfilm ausgezeichnet wurde. Die Leiterin des Deutschen Kinder-Medien-Festivals GOLDENER SPATZ Margret Albers zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Kindermedienlandschaft. Der mehrfach preisgekrönte irisch-stämmige Drehbuchautor und Produzent Rowan O’Neill (The Race) vervollständigt die Internationale Jury, die traditionell die mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Preise des Deutschen Kinderhilfswerks vergibt.
Dass bereits 19 Langfilme für die Wettbewerbe Generation Kplus und Generation 14plus eingeladen werden konnten, geht unter anderem auch auf die spannenden Entdeckungen aus dem lateinamerikanischen Raum zurück: Die aufstrebenden Filmindustrien in Argentinien, Brasilien, Mexiko und Kolumbien bedienen sich seit einigen Jahren sehr erfolgreich der unerschöpflichen Quelle des Coming-of-Age, um gesellschaftlich allgemein relevante Themen zu reflektieren. Die jungen Protagonisten fühlen sich an Wendepunkten ihres Lebens veranlasst, selbstbestimmt Alternativrouten einzuschlagen. Und sie laden Zuschauer ein, sie im Kino dabei zu begleiten.
Kinokultur australischer und neuseeländischer Ureinwohner prägen mehrere Filme in der bisherigen Auswahl. Der Neuseeländer Taika Waititi (Two Cars One Night und Eagle vs. Shark) wird seinen lang erwarteten Film Boy präsentieren, eine tragikomische Begegnung zwischen Vater und Sohn in der Maori-Gesellschaft. Mit Bran Nue Dae nimmt sich erstmals ein Musicalfilm höchst unterhaltsam der Lebenssituation junger Aborigines in Australien an (mit Geoffrey Rush).
Für ein gewohnt vielschichtiges Dokumentarfilmerlebnis bei Generation stehen starke Familienporträts aus Mexiko und Neuseeland. Eine gehörige Portion Lokalbezug bietet der Berliner Dokumentarfilm Neukölln Unlimited: die brisante Geschichte einer libanesisch-stämmigen Familie mit tiefer Verwurzelung in der Neuköllner Kultur, der die Gefahr der kurzfristigen Abschiebung droht.
„Dass Generation auf dem internationalen Filmmarkt seinen Platz findet, ist höchst erfreulich“, sagt Sektionsleiterin Maryanne Redpath mit Blick auf die beiden US-amerikanischen Filme Gentlemen Broncos und Youth in Revolt bei 14plus.
Die Filmauswahl für Generation wird Anfang Januar 2010 abgeschlossen. Bislang sind folgende Filme eingeladen:
Generation Kplus Alamar (To The Sea) von Pedro González Rubio, Mexiko 2009
Boy von Taika Waititi, Neuseeland 2009
Iep! (Eep!) von Ellen Smit, Niederlande/Belgien 2009 / Weltpremiere
Knerten von Åsleik Engmark, Norwegen 2009 / Internationale Premiere
La Pivellina von Tizza Covi und Rainer Frimmel, Österreich/Italien 2009
Superbror (Superbrother) von Birger Larsen, Dänemark 2009 / Internationale Premiere
This Way of Life von Thomas Burstyn, Neuseeland/Kanada 2009
Yeo-haeng-ja (A Brand New Life) von Ounie Lecomte, Republik Korea/Frankreich 2009
Yuki & Nina von Nobuhiro Suwa und Hippolyte Girardot, Frankreich/Japan 2009
Generation 14plus Bran Nue Dae von Rachel Perkins, Australien 2009
Gentlemen Broncos von Jared Hess, USA 2009
Neukölln Unlimited von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch
Deutschland 2010 / Weltpremiere
Os famosos e os duendes da morte (The Famous And The Dead)
von Esmir Filho, Brasilien/Frankreich 2009
Retratos en un mar de mentiras (Portraits In A Sea Of Lies)
von Carlos Gaviria, Kolumbien 2009 / Weltpremiere
Road, Movie von Dev Benegal, Indien/USA 2009
SUMMER WARS von Mamoru Hosoda, Japan 2009
Te extraño (I Miss You) von Fabián Hofman, Mexiko/Argentinien 2010 / Weltpremiere
Vihir (The Well) von Umesh Vinayak Kulkarni, Indien 2009
Youth in Revolt von Miguel Arteta, USA 2009
Jette Steckel beginnt ihre Inszenierung mit einer Irritation: Mitten im Publikum küssen sich zwei Frauen, ein Mann aus den hinteren Reihen filmt die Szene mit der Kamera. Die Schulklasse im Publikum kichert aus Unsicherheit und wispert: "Jetzt fangen die an zu knutschen. Das gibts doch nicht." Schnell wird jedoch auch ihnen klar: Dieser Flirt gehört bereits zum Stück, im Parkett kommen sich die Schauspielerinnen Meike Droste und Susanne Wolff näher.
Mit diesem Eröffnungsgag präsentiert die junge Regisseurin auch bereits ihre Grundidee, die sich leitmotivisch durch den knapp zweistündigen Abend zieht: Ihre Hauptfigur Othello ist nicht wie bei Shakespeare ein Mann, sondern wechselt seine Erscheinungsform von Akt zu Akt. Zu Beginn tritt die Schauspielerin Susanne Wolff als langhaarige Frau auf, schlüpft später in Männerkleidung mit androgynem Kurzhaarschnitt, nur um später in sirenenhaftem Outfit im knallroten Kleid und mit wasserstoffblonder Perücke zurückzukehren, bevor sie sich in das Kostüm eines Gorillas zwängt.
Jette Steckel geht von der recht wackeligen und von den meisten Kritikern zerpflückten These aus: Othello ist nur eine Projektionsfläche. Seine/ihre Identität entwickelt sich erst durch immer neue Zuschreibungen. Am Hof von Venedig wird er als der Fremde und Eindringling abgelehnt, die Anderen projizieren ihre eigenen Ängste auf ihn. Mit dieser Prämisse spricht Steckel ihrer Hauptfigur jeden Persönlichkeitskern ab, er ist nicht mehr greifbar und die Aufführung droht sich im Gestrüpp eines Theorie - Dschungels zu verlieren.
Jenseits dieser umstrittenen Regieidee entspinnt sich das bekannte Drama: Jago, der hier von Ole Lagerpusch mit Guttenbergscher Gelfrisur gespielt wird, spinnt sein Intrigennetz immer enger um Othello und seine Geliebte Desdemona (Meike Droste). Zahlreiche popkulturelle Referenzen werden eingeflochten: Die Darsteller streifen Clawfinger und Public Enemy - T - Shirts über, Musik von Björk wird eingespielt, zwischen den Szenen tritt der Beatboxer Mando auf und ahmt schrille Geräusche nach.
Insgesamt trägt Jette Steckels Regiekonzept nicht. Ihr Othello ist eine der schwächeren Inszenierungen der hochgelobten Nachwuchsregisseurin des Jahres 2007, deren Caligula - Inszenierung nach Albert Camus eine der spannendsten Arbeiten der vergangenen Spielzeit war, aber leider nicht mehr auf dem Spielplan der Box des Deutschen Theaters steht.
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Berlinale 2010: Weltpremieren von Scorsese und Polanski als Höhepunkte
13:36
Dienstag, 15. Dezember 2009
Die ersten sieben Titel für den Wettbewerb der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin stehen fest. Die bislang eingeladenen Filme kommen aus Bosnien und Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Iran, Kroatien, Österreich, Türkei und USA.
Eine junge Filmemachergeneration, Stars und Regie-Meister wie Martin Scorsese und Roman Polanski prägen die ersten Filme im Wettbewerb.
„Der Wettbewerb zum 60. Geburtstag wird von einem Mix der Stile und Genres geprägt, von aufregenden Newcomern und renommierten Regisseuren“, sagt Festivaldirektor Dieter Kosslick.
Folgende Filme sind für das Wettbewerbsprogramm bislang bestätigt:
Bal (Honey) Türkei / Deutschland
Von Semih Kaplanoglu (Süt/Milk, Yumurta/Egg, Melegin Düsüsü/Angel’s Fall)
Mit Bora Altas, Erdal Besikcioglu, Tülin Özen, Alev Ucarer, Ayse Altay
Weltpremiere
Der Räuber Österreich / Deutschland
Von Benjamin Heisenberg (Schläfer, Max-Ophüls-Preis 2006)
Mit Andreas Lust, Franziska Weisz
Weltpremiere
My Name Is Khan Indien
Von Karan Johar
Mit Shah Rukh Khan, Kajol
Außer Konkurrenz
Na Putu (On the Path) Bosnien und Herzegowina / Österreich / Deutschland / Kroatien
Von Jasmila Žbanić (Grbavica - Esmas Geheimnis, Goldener Bär 2006)
Mit Zrinka Cvitešić (Shooting Star 2010), Leon Lucev, Ermin Bravo, Mirjana Karanović
Weltpremiere
Shekarchi (The Hunter) Deutschland / Iran
Von Rafi Pitts (Zemestan - Es ist Winter)
Mit Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi
Weltpremiere
Shutter Island USA
Von Martin Scorsese (The Departed, Aviator, Kap der Angst)
Mit Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Sir Ben Kingsley, Michelle Williams, Patricia Clarkson, Max von Sydow
Weltpremiere / Außer Konkurrenz
The Ghost Writer (Der Ghostwriter) Frankreich / Deutschland / Großbritannien
Von Roman Polanski (Der Pianist, Oscar 2002, China Town, Wenn Katelbach kommt..., Goldener Bär 1966)
Mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Kim Cattrall, Olivia Williams
Weltpremiere
26 Filme werden ins Wettbewerbsprogramm der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin eingeladen. Weitere Programmentscheidungen für den Wettbewerb werden im Januar 2010 bekanntgegeben.
Berlinale 2010: Erste Filme der Nachwuchsreihe "Perspektive Deutsches Kino"
13:24
Montag, 14. Dezember 2009
Die neunte Ausgabe der Perspektive Deutsches Kino beginnt mit einer guten Nachricht: Drama geht auch anders. Renn, wenn du kannst heißt der Eröffnungsfilm der Reihe. Der Regisseur Dietrich Brüggemann (Absolvent der HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg) war 2006 mit seiner grandiosen Stilübung Neun Szenen bereits zu Gast im Programm. Jetzt hat er zusammen mit seiner Schwester, der Schauspielerin Anna Brüggemann, eine Dreiecksgeschichte entwickelt, die aus einer dramatischen Situation auch heitere und romantische Momente zieht. Die Männer in dieser Geschichte werden von Robert Gwisdek und Jacob Matschenz gespielt.
Die zweite gute Nachricht ist allmählich eine Selbstverständlichkeit im jüngsten deutschen Kino: Der Dokumentarfilm bleibt stark und wird dabei immer vielfältiger und unterhaltsamer.
Das geht besonders gut, wenn man wie die Regisseurin Saara Waasner drei kluge und selbstbewusste Prostituierte jenseits der für das Gewerbe üblichen Altersgrenze dazu bringt, frei und reflektiert über ihren Beruf und ihren Lebensalltag zu sprechen. Frauenzimmer ist ein Dokumentarfilm, der Türen öffnet.
Und während man in einem Film vom Filmemacher ganz nah zu den Protagonisten gebracht wird, macht sich in einem anderen der Filmemacher selber zum Protagonisten. Weil Jan Raiber (Filmakademie Baden-Württemberg) in Alle meine Väter seine persönliche Geschichte ins Zentrum des Films stellt, eine Geschichte, die er gar nicht beherrschen und kontrollieren kann, erlebt der Zuschauer mit dem Filmemacher manch eine Überraschung.
Ein Programm mit drei mittellangen Filmen beschäftigt sich auf höchst unterschiedliche Weise mit dem Filmemachen selbst. Glebs Film von Christian Hornung (Hochschule für bildende Künste, Hamburg) ist ein Film über einen Film, den es noch gar nicht gibt. Der Hamburger Friseur Gleb hat ihn aber schon lange im Kopf und erzählt ihn – unter der diskreten, aber genauen Beobachtung des Regisseurs – seinen Kundinnen und Kunden.
The Boy Who Wouldn`t Kill klingt nicht nur wie der Titel eines Westerns, der Film sieht auch so aus. Linus de Paoli (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) hat mit Pit Bukowski in der Hauptrolle eine auf allen Ebenen filmischer Effekte beeindruckend gespielte Variation über die Muster und Methoden des Genres, das immer wieder neu erfunden zu werden scheint, gedreht.
Der junge Schauspieler Sergei Moya hat nicht nur Spaß am Filmemachen, er weiß auch, wie man diesen dem Publikum vermittelt. Sein Film Hollywood Drama mit Clemens Schick und Carlo Ljubek ist eine treffsicher inszenierte und gespielte Satire auf den Traum vieler Vertreter der Generation von Filmemachern, die das Programm der Perspektive Deutsches Kino bestimmen und so lebendig machen.
Im Kulturblog wird es sich ausschließlich um Rezensionen von Theaterstücken und Filmevents drehen. Seit dem 1.1.2010 unter e-politik.de/kulturblog. Mit dem Blog haben wir einen Platz zwischen den normalen /e-politik.de/-Artikeln und dem /e-politik.de/-Blog geschaffen, an dem wir versuchen wollen, den Leserinnen und Lesern Kultur naeher zu bringen und greifbar zu machen. Wir wollen mit dem Blog neue Lesergruppen ansprechen,
aber auch unsere politik-interessierte Stammleser für Theater und Film begeistern.
Einige technische Features, wie die Möglichkeit, die Beiträge mit Geoinformationen zu versehen und so eine Landkarte der Kultur zu erstellen, folgen noch in den nächsten Monaten.
Bei Ideen oder Anmerkungen können Sie uns jederzeit via E-Mail an kulturblog@e-politik.de erreichen.
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