Mit Neukölln assoziiert man in der Regel die schrillen Auftritte des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky, der vor Parallelgesellschaften warnt und anarchische Zustände an der Rütli-Schule. Eine ganz andere Seite zeigt der Problembezirk im Freiluftkino Hasenheide.
Sobald man den unwirtlichen Hermannplatz und die Kleindealer am Parkeingang hinter sich gelassen hat, wird man durch eine fast schon amphitheaterartige Waldbühne mitten im Großstadttrubel überrascht, die während der Sommermonate fast täglich ein spannendes Programm mit den Höhepunkten des abgelaufenen Kinojahres und älteren Perlen anbietet.
Zu Beginn dieser Woche zeigte das Freiluftkino Hasenheide einen kleinen, aber feinen Indie-Film aus den USA, der Ende Oktober 2009 in den deutschen Kino anlief, sehr gute Kritiken bekam, aber an den Kassen im Schatten von Blockbustern wie Avatar eher ein Schattendasein fristete.
In (500) Days of Summer rekapituliert die Hauptfigur, ein unsicherer junger Mann, die vergangenen 500 Tage mit all ihren Höhen und Tiefen: Er hat sich auf den ersten Blick in die junge PR-Assistentin Summer verliebt, die sich ihrer Wirkung auf Männer voll und ganz bewusst ist, aber kein Interesse an einer Bindung hat.
In kurzen Rückblenden, die ohne Chronologie zwischen den einzelnen Phasen dieser Liaison hin- und herspringt, entfaltet sich das Bild dieser unmöglichen Liebe: Zärtliche Annäherung, schroffe Zurückweisung, neue Signale der Nähe, kurze Momente des Glücks. Die Mauer, die Summer um sich herum errichtet, bleibt aber letztlich stabil, bis sie Hals über Kopf einen anderen Mann kennen lernt und nach kurzer Zeit heiratet.
Die Handlung des Films hört sich zunächst nach der x.ten Wiederholung einer „Junge liebt Mädchen“ – Story an, ist aber doch raffinierter gemacht. Die beste Szene des Films ist die Situation, als Tom nach einem gemeinsamen Tanz und der Einladung zu Summer´s Party neue Hoffnung schöpft: Die Leinwand wird in der Mitte geteilt. Links sieht man seine „Erwartungen“ an diesen Abend, rechts läuft parallel ab, wie der Abend in „Wirklichkeit“ abläuft.
Zur Webseite des Films (500) Days of Summer
Sport und Musik verbinden. Sonntagabend und noch eine gute Stunde bis zum Anpfiff des ersten Gruppenspiels der deutschen Nationalelf; oder noch zehn Minuten bevor Dirigent Sir Simon Rattle den Taktstock heben und so den Anpfiff zum aktuellen Bildungstanzprojekt „Zukunft@BPhil“ der Berliner Philharmoniker geben wird. Vor der Arena, einer für Kult und Kultur umgenutzten Montagehalle für Omnibusse an der Spree, mischen sich das Berliner Konzert- und Fußballpublikum. Fahnengeschmückte Autos stehen für die Korsofahren und Hupkonzerte bereit, die Großleinwand für das public viewing ist gleich nebenan auf dem gleichen Gelände aufgebaut.
In Fußballfantracht zu den Philharmonikern
Umso erstaunlicher, dass so viele Menschen im Trikot schließlich auf der Konzerttribüne sitzen, George Gershwins Groove und Wynton Marsalis’ Swing aufnehmen und nicht die Torschützen in Weiß, sondern die bunt verkleideten Schulkinder bejubeln, die unten auf der Bühne zu Orchesterklängen der Philharmoniker und Jazzer tanzen. Von Tanzstudenten in expressionistischer Schiedsrichtertracht wird der bunte Haufen über das Feld gejagt, mit Pfiffen und roten Fähnchen. Dynamischer und abwechslungsreicher als diese Choreografie von Rhys Martin kann auch Deutschland Australien nicht besiegen: Ein humorvoller Kommentar zur WM im Medium der Kunst, zu einer musikalischen Stimmungsmache, wie sie in Südafrika kaum besser sein kann.
Nach dem Konzert tobt der Applaus. Nur die Zuschauer im Deutschlanddress haben keine Zeit zum Klatschen, bis die jungen Tänzer und die erfahrenen Musiker das Feld räumen. Beim Verlassen der Arena steht es 1A um Musik und Kids und 2:0 für Deutschland und den Fußball. Von Nona Schulte-Römer
Die Gedanken sind frei - Theater jenseits der Stadt- und Staatstheater: Die freie Szene
19:29
Sonntag, 13. Juni 2010
PortFolio Inc. heißt die Gruppe junger Theatermacher, der neben dem Regisseur Marc Lippuner die Dramaturgin Tine Elbel, die Bühnen- und Kostümbildnerin Halina Kratochwil und der Schauspieler Michael F. Stoerzer angehören. Zusammen mit drei Gästen probt sie derzeit in den Räumen des Theater unterm Dach für ihr neues Stück. Roland wer? Diese Frage bekommt das Produktionsteam in letzter Zeit immer häufiger zu hören. Seit einigen Wochen arbeiten sie an ihrem aktuellen Projekt „Schernikau.Sehnsuchtsland“, das am 17. Juni im Berliner Theater unterm Dach Premiere feiert. An dem Abend soll es um Ronald M. Schernikau gehen, einen streitbaren Literaten zwischen den Polen Ost und West, DDR und BRD, einem Dasein als schillernder Existenz und Bohemien. Besonders ist, wie unterschiedlich die Erläuterungen der Beteiligten ausfallen, wenn sie Freunden, Bekannten und Interessierten von ihrem neuen Projekt berichten, ihnen von Schernikau erzählen. Während die einen wie bei einem Lebenslauf mit seiner Geburt beginnen und die zentralen Lebensstationen umreißen – geboren in Magdeburg, als Kind mit der Mutter in den Westen, erste Schreibversuche, später aus politischer Überzeugung wieder zurück in die DDR, um sich dort schließlich als letzter Bundesbürger im Oktober 1989 einbürgern zu lassen – thematisieren die anderen charakteristische Merkmale seiner Persönlichkeit: Er war Kommunist, der aus Überzeugung und Verbesserungswillen zurück in die DDR ging, er war Literat mit Anspruch auf künstlerische Originalität und Authentizität, er war Homosexueller, bestimmt vom Willen nach freier Lebensäußerung jenseits konventioneller Normen. Vielleicht zeigt sich gerade in diesen verschiedenen Herangehensweisen das Spannungsfeld der Person Ronald M. Schernikau, immer wieder entwickelt sich sein Bild neu, je nachdem, von welchem Standpunkt aus er betrachtet wird. Dem will die Inszenierung des Regisseurs Marc Lippuner, die zugleich eine Stoffentwicklung ist, Rechnung tragen: Statt eines Schauspielers, der Ronald. M. Schernikau verkörpert, stehen drei Schauspieler auf der Bühne, die sich von verschiedenen Seiten Schernikau nähern: „Eine dreiseitige Annäherung“, wie es im Untertitel des Abends heißt. Michael F. Stoerzer, Thomas Georgiadis und Stefan Aretz sind drei ‚Enthusiasten’, die sich mit dem gemeinsamen Ziel, Schernikau dem Vergessen zu entreißen, zusammenfinden, nur hat eben jeder von ihnen eine andere Vorstellung von dem, was an Schernikau das Wichtigste war. Was passiert, wenn drei unterschiedliche Standpunkte aufeinander treffen?
Es scheint, als treffe PortFolio Inc. mit der Wahl seines Stoffes einen Nerv der Zeit. Zwanzig Jahre nach dem Tod Schernikaus erscheint sein Name wieder öfter, sei es in der Buchszene – etwa durch die im letzten Jahr erschienene Biographie „Der letzte Kommunist“ von Matthias Frings – in der Literaturwissenschaft oder in der Presse. Auf dem Theater ist er bislang aber nur wenig zu sehen gewesen, schon gar nicht seine Person als Thema selbst. Vielleicht gibt „Schernikau.Sehnsuchtsland“ einen Impuls für die Neu- und Wiederbeschäftigung mit dieser vielfältigen Persönlichkeit, ihrem Schaffen und Wirken. Mit seinen Ansichten war er seiner Zeit weit voraus, sie sind auch heute noch von hoher Aktualität. PortFolio Inc. gewährt einen Einblick in die vielfältigen Seiten Ronald M. Schernikaus. Man darf gespannt sein.
Premiere am 17.6.2010, 20 Uhr, Theater unterm Dach
Weitere Vorstellungen: 18.6.; 1.-4.7.; 9., 10.10.; 4., 5.11., jeweils um 20 Uhr
Am Maxim Gorki Theater wagte sich Felicitas Brucker an das existenzialphilosophische Thesenstück "Geschlossene Gesellschaft", das Jean-Paul Sartre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs herausbrachte.
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Stück für Stück schälen sich die drei Hauptfiguren Inès, Estelle und Garin aus ihren Folien, in denen sie zu Beginn des Abends am Boden kauerten. Offensichtlich sind alle drei tot und haben aus unterschiedlichen Gründen Schuld auf sich geladen. Nach der christlichen Glaubenslehre würde man sie nun in der Hölle oder zumindest im Fegefeuer vermuten.
Zu ihrer Überraschung erwarten sie aber an diesem Ort, wo sie sich gegenseitig ihre Vergehen beichten und Lebensbilanz ziehen, keine heißen Feuer und keine Qualen durch Folterknechte. Alles scheint harmlos, aber doch machen sich die drei Figuren ihre postmortale Existenz gegenseitig zur Hölle. Mit Nadelstichen und Verletzungen pieken sie aufeinander ein, entlocken sich gegenseitig ihre abgründigen Geheimnisse und gieren vergeblich nach Sex oder Anerkennung, bis der jeweils andere zurückweicht.
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Die meisten Rezensionen waren sich einig, woran der Haken dieser Inszenierung liegt: Das Thesenstück ist von vornherein eine philosophische Kopfgeburt, geprägt von den düsteren Kriegserfahrungen und einer Aura der Hoffnungslosikeit. Vieles wirkt auch an diesem Abend, der ohne größere Eingriffe in den Text auskommt, sehr blutleer: Als theorielastig und hölzern wurde die Inszenierung bewertet. Der Tenor war, dass man sich dem Eindruck nicht entziehen könne, dass das Stück noch in einer "Vorwärmphase" sei und noch mehr Probenzeit gebraucht hätte, um einen eigenen Zugriff zu entwickeln.
An der Neuköllner Oper wurde in diesen Tagen die neueste Koproduktion des erfolgreichen Duos Wolfgang Böhmer und Peter Lund wieder aufgenommen. In Leben ohne Chris blickt der arrogante Schnösel, der mit 18 Jahren gegen den nächsten Baum fuhr, in Begleitung eines blonden Engels vom Jenseits herab. Stinksauer reagiert der Egozentriker, als in seiner Familie und in seiner Clique kaum jemand wirklich um ihn trauert. Das Leben geht offensichtlich weiter.
Mit leichter Hand, melodischen bis rockigen Songs und bissig-witzigen Texten taucht die Musicalkomödie in die Realität moderner Jugendlicher ein. Wie bereits in früheren Jahren verkörpern wieder hoffnungsvolle Mittzwanziger-Studenten aus der Klasse von Peter Lund an der Universität der Künste (UdK) die Figuren. Neben ihrer stimmlichen Präsenz beeindrucken auch ihre geradezu akrobatischen Einlagen und ihre Körperbeherrschung. Besonders viel Applaus aus diesem durchweg guten Ensemble ernteten Christopher Brose als Chris und Tobias Bieri als Engel, dem man seine Schweizer Herkunft nicht anhörte.
Ein kurzweiliger Abend, der ein junges Publikum, gerade im berüchtigten Problembezirk, an das Theater heranführt und eine willkommene Abwechslung im kulturellen Leben der Stadt bietet. Wer gute Unterhaltung sucht, ist hier richtig. Politischen Tiefgang und große gesellschaftspolitische Theorien gibt es dann wieder im nächsten Teil unserer Serie über "Berliner Bühnen", wenn Sartres "Geschlossene Gesellschaft" in einer Inszenierung des Maxim Gorki Theaters besprochen wird.
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Die Bildrechte liegen beim Fotografen Matthias Heyden.
Eine sehr ungewöhnliche Kombination ist diese Woche im Kleinkunst-Zelt Bar jeder Vernunft zu erleben: Die Musiker von MoZuluArt gastieren bei Ihrer Berlin-Premiere mit einer wilden Crossover-Mischung aus traditionellen afrikanischen Klängen und Mozarts klassischen Ohrwürmern.
Vor einigen Jahren fanden in Wien die drei Sänger Vusa Mkhaya Ndlovu, Blessings Nqo Nkomo und Dumisisani Ramadu Moyo, die ursprünglich aus Simbabwe stammen, und der Pianist Roland Guggenbichler zusammen, die eine typisch österreichisch-afrikanische Melange aus dem Groove der Gospels und des Swings sowie Klaviermusik Mozarts auf die Bühne bringen. An diesem Abend bekamen sie noch Verstärkung vom Ambassade Streichquartett, das sich aus Musikern der Wiener Symphoniker zusammensetzt, die sich dezent im Hintergrund hielten und sichtlich amüsiert über die temperamentvollen Tanz- und Gesangseinlagen der drei Frontmänner waren.
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Dem Publikum wird an diesem Abend einige interkulturelle Kompetenz abverlangt: Bei Mbube, das unter seinem englischen Titel The Lion sleeps tonight zum Welthit wurde und bereits mehr als 150mal gecovert wurde, können noch die meisten Zuschauer den Refrain problemlos mitsingen. Heikler wird es bei den Lektionen auf Xhosa, Zulu und Ndebele mit den charakteristischen Schnalz- und Klicklauten.
Trotzdem war das Publikum von der Spielfreude der Musiker sehr angetan und forderte laut trampelnd mehrere Zugaben.
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Die Bildrechte liegen beim Fotografen Lukas Beck.
Zum Abschluss ihrer neuen Tour gastierte die britische Band Chumbawamba im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei: Aus vielen Moderationen zwischen den Songs klang deutlich durch, wo die Wurzeln dieser Musiker liegen. Sie haben sich 1982 in Leeds gegründet, als die Punkbewegung der späten 1970er Jahre ihren Höhepunkt gerade überschritten hatte, aber Maggie Thatcher mit ihrem harten Sanierungs- und Privatisierungskurs als Eiserne Lady die Insel polarisierte.
Der musikalische Stil hat sich mittlerweile gewandelt: Statt peitschender Drei-Akkord-Klänge, wie sie typischerweise mit dem Begriff Punk assoziiert werden, setzen die Musiker im reiferen Alter auf sehr melodiöse Klangfarben, die sich häufig vom Folk, vom Pop und traditionellen Liedern der Arbeiterbewegung inspirieren lassen.
An ihren politischen Positionen hat sich seitdem nichts geändert: Maggie Thatcher ist nach wie vor ein identitätsstiftendes Feindbild für die Band. Jude Abbott bezeichnet die betagte Dame in erstaunlich gutem Deutsch als "Hexe" und widmet ihr ein ironisches, ins Makabre übergehendes Abschiedslied Goodbye.
Etwas mehr mit dem Florett fechten Chumbawamba gegen Metallica-Frontmann James Hetfield: Im Gegensatz zu allen anderen betroffenen Künstlern erhob er keinen Einspruch dagegen, dass während der Bush-Ära in den Gefängnissen vom Irak bis nach Guantánamo bei Verhören oft stundenlang die Musik dieser Gruppen abgespielt wurde. Er meinte in einem Interview sinngemäß, dass er nichts dagegen habe, auf diese Weise seinen Beitrag zur Demokratisierung zu leisten. Chumbawamba phantasieren in ihrer Replik von einer fiktiven Verhörsituation, in der er mit ihrem größten Hit Tubthumping in Endlosschleife beschallt wird, der vor allem während der Fußball-WM 1998 durch die Stadien hallte.
Dieses James Hetfield gewidmete Stück zeigt exemplarisch den Stil, für den Chumbawamba geschätzt wird: Auf den ersten Anschein harmlos wirkende, wohlklingende Melodien transportieren deutliche Botschaften, die nicht mit Kritik am politischen Gegner sparen. Berühmt ist die Band vor allem für ihren stetigen Einsatz gegen Neonazis: Angesichts der damaligen Anschlagswelle texteten sie Enough is enough.
Abgerundet wurde der Abend durch einige hierzulande unbekannte englische Arbeiterlieder aus den Kämpfen des 19. Jahrhunderts oder dem nagelneuen Add me, worin die fünf Musiker die Gepflogenheiten Sozialer Netzwerke des Web 2.0 und das Phänomen virtueller "Freundschaften" mit treffendem Witz auseinander nehmen.
Die Stoßrichtung Georg Büchners war klar, als er 1835 kurz vor seinem Tod sein Drama Dantons Tod publizierte: Er wandte sich gegen die Weltferne der romantischen Epoche und warnte vor den restaurativen Tendenzen seiner Zeit. Am Beispiel des Machtkampfs zwischen den zwei Protagonisten der Französischen Revolutions-Ära, nämlich Danton und Robbespierre, wollte er zeigen, wie schnell ein Befreiungskampf, der von Idealen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit getragen wird, in eine Schreckensherrschaft umkippen kann.
Das Spannende an diesem Drama ist, dass Büchner sich auf zahlreiche Originaldokumente aus dem Wohlfahrtsausschuss und den Revolutionstribunalen stützen konnte, die damals erst wenige Jahrzehnte alt waren und teilweise wörtlich in den Text eingefügt wurden. Das große Problem ist aber: Unter welchem Blickwinkel soll Dantons Tod heute gelesen und aufgeführt werden? Dass revolutionäre Ideale sehr blutige Folgen haben können und zu häufig in der Geschichte totalitäre Systeme wie die UdSSR nach der Oktoberrevolution zur Folge hatten, ist mittlerweile allgemein bekannt. Außerdem ist der Zeitgeist trotz Finanzkrise, Klimawandel und aller Unsicherheiten des Globalisierungsprozesses alles andere als revolutionär gestimmt.
Dementsprechend wählte der Regisseur dieses Abends, Sebastian Baumgarten, einen sehr eigenen Ansatz: Er nimmt den Dramentext so sehr auseinander, dass man die einzelnen Versatzstücke oft nur schwer wiedererkennt und macht daraus eine Reflexion über Macht und Sprache, wie seine Dramaturgieassistentin in der Einführung erklärte. Man merkt dem Regisseur vor allem seine Herkunft aus der Opernwelt an: In einem Crossover-Genre-Mix legt sich ein Klangteppich über den gesamten Abend, zwischen die Originalfragmente werden Lektionen im Stil des epischen Theaters und fiktive Radiosendungen geschnitten.
Leider fällt es dem Publikum recht schwer, in diesem Wald voller Assoziationen und Zitate den Überblick zu behalten: Sehr verkopft wirkt diese Inszenierung. Erschwerend kommt hinzu, dass Dantons Rolle auf vier Schauspieler aufgeteilt ist, während Robbespierre allein von Castorfs ehemaliger Volksbühnen-Muse Kathi Angerer verkörpert wird.
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Die Bildrechte liegen beim Fotografen Thomas Aurin.
Arnulf Rating hat recht: Das Mehringhoftheater sieht seit Jahren mit seinem Kreuzberger Hinterhofcharme immer gleich aus. Dieselben engen Stühle, die Chefs stehen selbst an der Kasse und der Bar, der abgeschlossene Lift ragt mitten in den Zuschauerraum und wie so oft ist es auch an diesem Abend proppevoll. Als das Mehringhoftheater am 1. April 1985 eröffnete, hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass dieses Projekt die Türme des World Trade Centers und die Berliner Mauer deutlich überleben würde, wie Rating philosophierte.
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Anlässlich des 25jährigen Bestehens traten in den vergangenen Tagen die bewährten Kräfte des fast kompletten Jahresendzeitteams mit einem Jubiprogramm auf die Bühne. Statt eines Feuerwerks oder Torte gab es ein "Best of" der Programme der letzten Jahre. Angela Merkel alias Christoph Jungmann ließ es sich auch diesmal nicht nehmen, persönlich in ihrer unnachahmlichen Art mit Schnoddrigkeit und so schlecht sitzender Frisur wie in alten Tagen durch das Programm zu führen.
Die besondere Qualität des Jahresendzeitprogramms wird diesmal nicht ganz erreicht. Dort ist immer ein klarer roter Faden zwischen den Nummern erkennbar, diesmal springen die Themen etwas bunt und unchronologisch durch die zweieinhalb Jahrzehnte der Hausgeschichte.
Als Zugabe war in den vergangenen Tagen jeweils ein Kabarettist eingeladen, der dem Haus in besonderer Form verbunden ist. An diesem Abend trat der eingangs zitierte Arnulf Rating, eines der "Urgesteine" der Berliner Kabarettszene, auf, der wie viele andere Freunde dieser kleinen Bühne (Matthias Deutschmann, Volker Pispers, etc.) längst große Häuser füllt, aber immer wieder an das Mehringhoftheater zurückkehrt. Diese Mischung aus großen Namen und interessanten Neuentdeckungen wird sich hoffentlich auch in den nächsten 25 Jahren nicht ändern.
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Die Bildrechte liegen beim Mehringhoftheater.
Michael Thalheimers "Nibelungen" - Inszenierung als dröhnender Blutrausch
17:55
Montag, 29. März 2010
Der Regisseur Michael Thalheimer ist vor allem für zwei Dinge bekannt: Er widmet sich besonders gerne mythisch aufgeladenen Stoffen, wie z.B. in seinen Inszenierungen von Goethes Faust oder der Orestie nach Aischylos. Dabei entschlackt er die Dramen, bis nur noch ein Skelett übrig bleibt. Ein Thalheimer-Abend dauert selten länger als zwei Stunden.
In einem Punkt bleibt er sich auch diesmal treu: Mit Hebbels Nibelungen wagt er sich an einen besonders schwierigen Stoff, der sofort allerlei Assoziationen zu brutalen Machtkämpfen, Intrigen und deutschen Nationalmythen hervorruft. Vor allem nach dem Missbrauch des Nibelungenliedes durch die Nazi-Ideologie fassen viele diesen Stoff nur noch mit spitzen Fingern an. Thalheimer beruft sich dagegen auf die Position des Dramatikers Heiner Müller: Diese untoten Figuren, die weiter durch den Bildungskanon spuken, müssen noch ein mal wiederbelebt werden, um sie endlich begraben zu können, meinte der Geschichtsphilosoph Müller süffisant.
Thalheimers Inszenierung der Nibelungen, die vergangenes Wochenende am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte, krankt aber daran, dass man jenseits solcher Sprüche nicht so recht weiß, warum Thalheimer genau diesen Stoff auswählte und was er damit erreichen möchte. Statt schnörkelloser Kürze ufert der Theaterabend diesmal mehr als drei Stunden aus, wobei sich vor allem die letzte Stunde nach der Pause zäh hinschleppt. Sie endet in einer Blutorgie: Eimerweise strömt rote Farbe auf die Schauspieler herunter, die sich damit minutenlang gegenseitig einreiben und in einem Finale mit Pistolen abknallen.
Ein sehr düsterer Abend vollzieht sich auf der Bühne, dessen Schwere noch durch die laut dröhnende Musik von Bert Wrede als anwachsendes Hintergrundgrollen unterstrichen wird. Die lohnende Stückeinführung der Dramaturgin Sonja Anders deutet darauf hin, dass Thalheimer vor allem der Geschichtspessimismus Hebbels, der diese Bearbeitung der Nibelungensaga Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, faszinierte. Ähnlich wie in seiner Orestie nach Aischylos strömt das Blut. Die Menschen sind in blutige Kämpfe verstrickt: Keine Rettung, nirgends.
Wenn gerade nicht gemetzelt wird, liefern sich die Akteure laute Schreiduelle: Vor allem der Zickenkrieg zwischen Kriemhild und Brünhild wird von Maren Eggert und Natali Seelig als zwei der Diven des Ensembles akustisch eindrucksvoll zelebriert.
Während das Publikum freundlichen, aber doch etwas ratlosen, ermattet wirkenden Beifall spendete, waren sich die Feuilletons einig wie selten: Eine Inszenierung, die mit ihrer Lautstärke und ihrem literweisen Einsatz von Kunstblut anstrengt und an der viele ein deutlicheres Konzept vermissten: Was soll diese Blutorgie mythischer Helden uns für die Gegenwart sagen?
Der preisgekrönte Journalist Alexander Osang war wieder am Deutschen Theater zu Gast und las vor einigen Tagen aus seinem neuen Band Im nächsten Leben.
Nach einer launigen Erinnerung an frühere Auftritte auf dieser Bühne z.B. im Herbst 2001 und süffisanten Bemerkungen über den Intendanten und seine Gattin taucht Osang in seine erste Reportage ein: Wie man es seit vielen Jahren von ihm gewohnt ist, zeichnet sich auch das Doppelporträt von Pierre Brice und Gojko Mitic, die während des Kalten Krieges in West bzw. Ost auf die Rolle des Indianers abonniert waren, durch eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe auf. Mit mildem Spott über ihre Schwächen zeichnet er ein Bild seiner Protagonisten und ordnet das Geschehen wieder in den Kontext der aktuellen ost-west-deutschen Befindlichkeiten ein. Als Redakteur der Berliner Zeitung hat er sich in den 90er Jahren einen Namen durch zahlreiche Essays und Reportagen zum Vereinigungsprozess gemacht.
1999 wollte er aus dieser Schublade ausbrechen, heuerte beim Spiegel an und wurde Korrespondent in New York. Er erlebte den Einschnitt des 11. September und die Terrorhysterie hautnah mit, trägt darüber aber an diesem Abend nichts vor.
Stattdessen seziert er den Größenwahn eines Pforzheimer Zuhälters, der seinen Reichtum bei einer Rallye mit Luxusautos quer durch Europa zur Schau stellt und von der fixen Idee besessen ist, dass Pamela Anderson die einzig richtige Frau für einen Mann seines Kalibers ist.
Mit einem melancholischen Stück über Ulrich Mühe, einen der Stars am Deutschen Theater im Herbst 1989 und Hauptdarsteller des Leben der Anderen, zeigt er einen Schauspieler, der im Schatten seines eloquenten, jungen Regisseurs Florian Henkel von Donnersmark steht und sich in Kämpfen mit seiner Ex-Frau und der DDR-Vergangenheit verstrickt.
Der Abend schließt mit einem leider schon steinalten Text, über dessen Protagonisten Helmut Kohl, Gertrud Höhler und Wolfgang Lippert der Mantel der Geschichte längst hinweg gegangen ist. Es wäre schön gewesen, wenn der Abend noch mehr aktuelle Reportagen geboten hätte. Aber vielleicht löst Osang das ja bei der nächsten Lesung ein.
Am Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße wurde das sehenswerte Stück Schwarze Jungfrauen wiederaufgenommen, das bei seiner Premiere im Jahr 2006 im Hebbel am Ufer für viel Furore sorgte. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel machten sich auf eine spannende Reise in das Milieu der "Neoislamistinnen", wie sie das Milieu im Programmheft definierten.
Die beiden Autoren dieses Abends führten ausführliche Interviews mit sehr gläubigen jungen Frauen, die meist einen türkischen oder bosnischen Migrationshintergrund haben. Eine der Hasstiraden gegen den dekadenten Westen stammt von einer Deutschen, die sich vom Christentum abwandte und erst vor kurzem zum Islam konvertierte.
Fünf Schauspielerinnen tragen ein Best of dieser wütenden Monologe vor und blicken sehr selbstbewusst aus den Fächern eines überdimensionalen Setzkastens auf das Publikum herab. Haarstäubendes mischt sich mit Unerwartetem. Dass Bin Laden in diesen Kreisen als Jahrhundertheld gefeiert wird, konnte man schon vorab befürchten. Erstaunlich ist aber die sexuelle Freizügigkeit einiger der Schwarzen Jungfrauen und die schnoddrige Wortwahl, mit der sie über ihre Affären sprechen.
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In atemloser Geschwindigkeit entsteht ein Mosaik auf den ersten Blick unvereinbarer Statements junger Fundamentalistinnen, die ihre Moralvorstellungen gegen die westlichen "Speckmaden" in Stellung bringen. Die Frauen sind eloquent, teilweise brandgefährlich, entsprechen aber doch nicht dem Klischee, das die Debatte über Islam, Fundamentalismus und Integration prägt.
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Die Auseinandersetzung mit diesem Text lohnt sich sehr. Bis Ende März steht das Stück in der Originalbesetzung unter Regie von Neco Celik noch fast täglich auf dem Spielplan. Andere Interpretationen des zugrunde liegenden Textes waren bereits auf verschiedenen Bühnen wie z.B. am Wiener Burgtheater zu sehen: Zaimoglu und Co. haben mit ihrem Textband offensichtlich einen Nerv getroffen.
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Die Bildrechte liegen bei Ute Langkafel, Mai Foto.
Im Mehringhoftheater ist momentan der bekannte politische Parodist Reiner Kröhnert mit seinem neuen Programm Das Jesus Comeback zu Gast. Knapp zwei Stunden lang schlüpft der Satiriker in seine Paraderolle als Gift und Galle spuckender Klaus Kinski, der von seinem Mentor Werner Herzog zu Beginn des Abends als Reinkarnation von Jesus angekündigt wird. Aber auch viele andere alte Bekannte aus Kröhnerts bisherigen Programmen sind wieder zu erleben: Pastor Hintze und Ronald Pofalla als sich in Beflissenheit überbietende Diener der Kanzlerin, Angela herself, fast Vergessene wie Norbert Blüm, Friedrich Merz und Michel Friedman. Als Neuzugang tritt Papst Benedikt XVI. auf, dessen Stimmlage Kröhnert zum Teil aber noch nicht ganz trifft, so dass er sich eher nach dem Alt - Talker Erich Böhme aus früheren Abenden anhört.
Diese Kabarettinszenierung verläuft wieder nach bewährtem Strickmuster: Entlang eines roten Fadens treten die einzelnen Figuren in kurzen Nummern mit oft bissigen Dialogen auf. Beeindruckend ist, wie genau der Schauspieler die Gestik und Mimik mancher Akteure trifft: Friedmans Selbstgefälligkeit, der sich als eigentlicher Messias sieht, oder die ständige Promotion von Friedrich Merz für sein Buch Mehr Kapitalismus wagen werden zu präzisen Porträts.
Höhepunkt des Abends ist der Auftritt von Jesus Kinski, der die "Plattitüden der Politpygmäen" anprangert und Norbert Blüm barsch über den Mund fährt, wie man es aus Kinskis legendärem Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle kennt. Besonders scharf attackiert er Papst Benedikt und seine lavierende Haltung gegenüber dem berüchtigten Holocaust-Leugner Bischof Williamson. Aber auch Kanzlerin Angela und ihre Entourage holen sich einen Rüffel, als er sie in die Schranken weist und den Ehrenvorsitz der Christlichen Demokratischen Union ablehnt, weil er das C des Parteinamens in der praktischen Politik zu selten erkennen könne.
Das Jesus Comeback ist ein kurzweiliger Abend, an dem vor allem jene Freude haben werden, die Kröhnert bisher noch nicht live erlebt haben. Das Stammpublikum wird zwar viele vertraute Grundmuster wiedererkennen, dennoch aber an den zugespitzten aktuellen Pointen Gefallen finden.
60 Jahre Berlinale – 60 Jahre Filmgeschichte. Wie folgerichtig ist es da, dass Road, Movie von Dev Benegal, der in der Kategorie Generation 14Plus lief, ein Paradebeispiel für modernes, globalisiertes Kino und gleichzeitig eine Hommage an das Medium selbst ist.
Vishnu hat es satt. Seine Zukunft ist so vorausgeplant wie vorhersehbar und verspricht vor allem eines zu werden - langweilig. Der junge, gutaussehende Inder mit der westlich-stylischen Kleidung verspürt keinerlei Ambitionen die Familientradition zu wahren und das Haarölgeschäft seines Vaters zu übernehmen. Das Angebot seines Onkels, eine Lieferung Haaröl in dessen alten, klapprigen Transporter quer durch die indische Einöde zu chauffieren, klingt unter diesen Umständen verlockend.
Reisen und bewahren
Erst widerwillig und berechnend – einen Mechaniker an Bord zu haben kann schließlich nicht schaden - aber zunehmend selbstlos nimmt Vishnu (Abhay Deol) Weggefährten auf seiner Reise mit. Den Mechaniker namens Om (Satish Kaushik, Brick Lane, 2007), einen kleinen Jungen (Mohammed Faizal) und eine geheimnisvolle junge Frau (Tannishtha Chatterjee, Brick Lane, 2007). Während er mit ihnen Abenteuer besteht, verliert der hedonistische junge Mann allmählich das Interesse an seinem ipod und lernt in dieser klassischen coming-of-age Konstellation Freundschaft, romantische Liebe und sich selbst kennen.
Nichtsahnend macht sich Vishnu - dessen Name nicht zufällig der indischen Mythologie entstammt und Bewahrer der Ordnung bedeutet - auf eine Reise, an deren Ende eine integrative Identitätsfindung steht. Der Kreis schließt sich, als Vishnus Transformation zu einem modernen Geschäftsmann, der dennoch die Traditionen seiner Vorfahren zu schätzen gelernt hat, vollendet ist.
Wüste
Das blaue Schlachtschiff, in dem die Gefährten ihre Reise unternehmen und das an einen geschmückten indischen Elefanten erinnert, dient dem Film als ständige Kulisse. Es bildet in fast jeder Einstellung das Zentrum des Bildes, als Fixpunkt inmitten von weissgelber, gleißender Wüste. Eine zentrale Rolle spielt dieses Ungetüm auch für die Protagonisten, denen es gleich mehrfach das Leben rettet – als Fortbewegungmittel in der Wüste und als Schattenspender in einer Landschaft, in der sonst nichts die Sicht auf die am Horizont aufeinandertreffenden Himmel und Erde versperrt. Das beste jedoch steckt im Innern des Chevy. Ein funktionierender Filmprojektor und zahlreiche Filmrollen – eine eklektizistische Sammlung von Buster Keaton bis Bollywood.
Mythenmosaik
Road, Movie ist ein Mosaik aus Mythen und Märchen wie aus Homers Odyssee oder Tausend und einer Nacht: So droht ein korrupter Polizeichef, Vishnu und seine Freunde mit dem Tode zu bestrafen, falls sie einen Film zeigen, der ihm nicht gefällt. Weitere Steinchen in diesem Mosaik sind die Leitmotive verschiedenster Filmgenres von der Verfolgungsjagd des Actionfilm über den Showdown des Western bis zur Bollywood Tanzeinlage. Schließlich sind es auch die im Film gezeigten Glanzlichter der Filmgeschichte, die das Mosaik vervollständigen.
Globalisierung und Filmgeschichte
Road, Movie präsentiert Film als ein kulturübergreifend verständliches Medium. Die Bildsprache der Sequenz aus der amerikanischen Stummfilmkomödie Safety Last (1923), in der Harold Lloyd an dem Zeiger einer Hochhausuhr hängt, verstehen nicht nur Amerikaner. Der Mensch, der an der Zeit hängt und sie festzuhalten versucht, reflektiert die Vergänglichkeit des Daseins im weitesten Sinne. Solche transzendentalen Überlegungen kennen alle Kulturen. Doch was ergibt sich aus diesem Mosaik, wenn man zurücktritt, um es zu betrachten?
Das Ergebnis des Mosaik? Tarantino-Style.
Regisseur Dev Benegal ist einer der Begründer eines indischen Independent Kinos, das den populären und konventionellen Bollywood Filmen etwas entgegensetzt. Vielleicht kann man ihn den indischen Tarantino nennen, nimmt er doch auf ähnliche Weise Versatzstücke des Bollywoodkinos mit hohem Wiedererkennungswert wie beispielsweise bestimmte Filmmusiken, die im Indien der 1970er Jahre Gassenhauer waren und mischt diese mit unterschiedlichen Erzählstrukturen und Genres der westlichen und östlichen Filmgeschichten zu einem surrealen, ganz gewollt unrealistischen Stück Kino. Dabei merkt man Road, Movie seine Verehrung des Bollywoodfilms aber jederzeit an.

Western global
Wie schon in Benegals zweiter Regiearbeit Split Wide Open (1999), in der es um die Wasserkriege in Bombay ging, ist das Wasserproblem auch in Road, Movie Thema. Genre Einfälle sind mit Globalisierungskritik vermischt. Der Waterlord, ein notorischer Bösewicht wie man ihn nur aus dem Western kennt, hält die raren Brunnen in der indischen Wüste unter seiner Kontrolle. Als es zum Showdown zwischen ihm und Vishnu kommt, wird deutlich, dass dieses lokale Problem im Grunde ein globales ist: Die voranschreitende Privatisierung der Ressourcen der Erde. Mit gespielter Märtyrerpose empört sich der Waterlord, dass ihn sicherlich niemand kritisiert hätte, würde er das Wasser in Flaschen abfüllen und ihm einen schicken Namen verpassen, wie die internationalen Edelwasserkonzerne es tun. Vishnu bestätigt dem Schurken, dass dieser und die internationalen Firmen Brüder im Geiste sind: „You are no different from corporations. You steal our water and sell it back to us.“.
Die Kritik an den bestehenden globalen Verhältnissen präsentiert der Film in sarkastischem Ton und umgeht damit den moralischen Zeigefinger. Immer, so scheint er dem Zuschauer signalisieren zu wollen, im Film wie im Leben, ist bei Verhandlungen mit Schurken die Währung Öl im Spiel - in diesem Fall Haaröl. Vishnu entdeckt sein Verhandlungsgeschick, indem er dem Waterlord mit den abgegriffenen Werbesprüchen seines Vaters das Haaröl im Tausch gegen Wasser andreht.
Film im Film
In seinem traurigsten Moment, dem Tod des Mechanikers während einer Filmvorführung, wird Road, Movie selbtreferentiell; der Film tritt aus sich heraus und gibt sich als Fiktion zu erkennen. Vor der mitten in der Wüste aufgespannten Leinwand scharen sich die Freunde um den Toten. Der Film des Abends läuft noch immer. Der Projektor strahlt diese Szene an und in diesem Moment verwischen Fiktion und on-screen Realität – man kann nicht mehr genau erkennen, ob sie vor oder auf der Leinwand agieren. Für einen Moment flüchtet sich der Film in die Möglichkeit, dass Oms Tod nur Schauspiel ist. Wie schon in Woody Allens The Purple Rose of Cairo (1985) suggeriert das Kino auch hier seine eigene Realität und macht seine Protagonisten unsterblich. Haben Vishnu und seine Freunde das provisorische Kino einmal aufgebaut und zum Leben erweckt, ist nichts mehr unmöglich: Aus öder Wüste wird binnen Minuten ein Jahrmarkt mit Schaustellern, Publikum, Musik und quietschbunten Lichtern.
Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.
Nach dem Erdbeben auf Haiti wurde kurzfristig Moloch Tropical als Berlinale Special ins Programm genommen. Nach der Gala - Vorführung im Cinema Paris sammelten UNICEF - Botschafterin Sabine Christiansen und Festival - Direktor Dieter Kosslick Spenden für die Opfer.
Raoul Pecks neuer Film Moloch Tropical ist wieder ein sehr politisches Werk: Seit Anfang der 80er Jahre setzt sich der Regisseur in Dokumentar- und Spielfilmen mit den Krisenherden auseinander. Neben den Konflikten Afrikas, wo er einige Jahre mit seinen Eltern lebte, beschäftigt ihn vor allem Haiti, wo er 1953 geboren ist und zwischen 1995 und 1997 Kulturminister war.
Moloch Tropical spielt in einer Bergfestung oberhalb von Port - au - Prince. Ein demokratisch gewählter Präsident verliert den Rückhalt im Volk: Professoren verfassen einen Rücktrittsaufruf, die Proteste wachsen, seine letzten Verbündeten außerhalb des Mitarbeiterstabs sind die USA, die ihn bislang als Hoffnungsträger stützten. Der Präsident steigert sich mehr und mehr in religiöse Erlösungsphantasien und lässt politische Gegner und unliebsame Journalisten brutal foltern.
Offensichtlich zielt dieses Porträt eines Präsidenten auf Jean - Bertrand Aristide ab, der 1994 mit großen Hoffnungen gewählt wurde, dessen Herrschaft aber zwischen 2002 und 2004 nach Misswirtschaft und Korruption in bürgerkriegsähnliche Zustände mündete, bevor er im Januar 2004 von den USA ins Exil ausgeflogen wurde.

Leider gerät Raoul Peck diese Figur an vielen Stellen zur lächerlichen Karikatur. Das Drehbuch dichtet dem Präsidenten auch noch weitere negative Eigenschaften an, die von den Schlagzeilen über frühere und aktuelle Politiker aus den USA und Italien inspiriert sind: Er belästigt jede Frau, die seinen Weg kreuzt, und drängt eine junge Mitarbeiterin zum Sex.

Alles in allem entsteht ein sehr brutaler Film über eine lächerliche, einsame Figur und ihren Sturz. Raoul Pecks Ziel, die Mechanismen von Politik zu illustrieren, gelingt ihm diesmal schlechter als bei seinem eindringlichen Drama Sometimes in April über die Dynamik zwischen Hutu und Tutsi, die zum Ruanda - Krieg 1994 führte.
Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.
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