Das Deutsche Theater Berlin machte angesichts der sibirischen Kälte, die von Osten hereinbricht, das einzig Vernünftige und genießt eine Woche lang Ferien. Davor war noch eine Werkschau der Dramatikerin Dea Loher zu erleben: Ihr Stück Diebe wurde 2010 als Auftragsarbeit des Deutschen Theaters uraufgeführt und anschließend auch als eine der zehn besten Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen.
Regisseur Andreas Kriegenburg, der zuvor schon zahlreiche Loher-Texte auf die Bühne gebracht hatte, fand für das Bühnenbild eine interessante Idee: Ein großes Mühlrad, das an die mittelalterlichen Darstellungen der Räder des Schicksals anknüpft, dreht sich unerbittlich im Zentrum der Bühne. Mit jeder Umdrehung spuckt es die Protagonisten aus, die sichtlich um Halt ringen. Die kleinen Miniaturen zeigen Menschen, die verängstigt und desillusioniert sind. In geduckter Haltung schleichen sie durch ihr Leben, träumen von einer glücklicheren Zeit, stecken aber doch im Morast ihrer beengten Verhältnisse fest.
Tragikomisch sind diese Figuren, wie die Supermarkt-Angestellte Monika Tomason (Barbara Heynen), die vom Aufstieg zur Filialleiterin in Holland träumt und deswegen schon fleißig die Sprache lernt, am Ende aber doch wegrationalisiert wird, oder Linda Tomason (Judith Hoffmann), die sich in ihrer Einsamkeit eine Kleinfamilie an ihren Frühstuckstisch dazuerfindet. Die meisten Lacher entlockt das Ehepaar Schmitt (Bernd Moss und Katrin Klein) dem Publikum, die völlig verängstigt sind, da sie sich von einem undefinierbaren Tier beobachtet fühlen. Ihre kleinbürgerliche Idylle wird am Ende aber gar nicht von einem Tier bedroht, sondern von einem unheimlichen Besucher, der sich als Beobachter in ihrem Wohnzimmer breitmacht, bis ihnen der Geduldsfaden reißt und sie ihn erschlagen.
Die Grundstimmung dieser Miniaturen und taumelnden Gestalten schwankt zwischen Melancholie und Aberwitz, angesichts der Länge von fast 4 Stunden hätten einige Striche in der Textfassung den Theaterabend noch dichter gemacht.
Das Radialsystem V, das für seine Experimentierfreude bekannt ist, brachte Musiker aus zwei sehr unterschiedlichen Musikrichtungen zu einem ungewöhnlichen Hörerlebnis zusammen. In der Veranstaltungsreihe Barock Lounge traf das Hamburger Barockorchester Elbipolis auf Brezel Göring, der von den Elektro-Pionieren wie Kraftwerk geprägt wurde und ansonsten gemeinsam mit Françoise Cactus mit liebenswert-skurrilen Texten als das Pop-Duo Stereo Total auftritt.
Alles beginnt so, wie man es auch aus klassischen Konzertsälen kennt: Edel gekleidete Damen und Herren spielen auf Violine, Violoncello, Laute und Cembalo eine Sinfonie von Georg Friedrich Händel. Nach dem Allegro greift Brezel Göring ein, der sich hinter einem Mischpult inklusive Kabelgewirr verschanzt hat, und sampelt einige Motive. Mal wird der Originalklang komplett zerstört und endet in wildem Fiepen, mal improvisiert er nur um die klar erkennbare barocke Klangfülle herum. Den größten Spaß scheinen die Barock-Musiker selbst zu haben, die nach jedem Stück gespannt sind, was ihr DJ aus Ohrwürmern wie Greensleaves oder Sonaten von Antonio Vivaldi macht.
Passend zum Lounge-Charakter ist auch die Bestuhlung: Hinten gibt es unbequeme Plastikstühle, vorne angenehme Sitzwürfel mit Blick auf die Spree. Nach knapp siebzig Minuten und einigen Zugaben endete dieser Clash der Stile, die Reihe, die 2008 in Kooperation mit NDR und Kampnagel in Hamburg, begann, wird aber sicher mit neuen interessanten Paarungen fortgesetzt.
1948, unter dem noch frischen Eindruck der Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis und angesichts der Moskau-hörigen Regierungen, die in Mittel-und Osteuropa eingesetzt wurden, schrieb Sartre ein Stück, das damals von der sogenannten bürgerlichen Presse in Frankreich gefeiert wurde.
In Die schmutzigen Hände beschreibt der Vordenker der existenzialistischen Philosophie das Schicksal von Hugo, der aus wohlhabendem Haus stammt und sich der kommunistischen Partei als Zeitungsredakteur anschließt. Ihn drängt es weg vom Schreibtisch, hin zur Tat. Von den Kadern seiner Partei erhält er schließlich den Auftrag, den Parteichef Hoederer zu liquidieren. Ihm wird von seinen Parteifreunden unterstellt, heimlich einen Pakt mit den Nazis schmieden zu wollen.
Ole Lagerpusch gibt den jungen Hugo mit nervösen Ticks und lebenslustiger Frau (Katharina Marie Schubert), die das von bedrückenden grauen Betonquadern hermetisch abgeschirmte Anwesen Hoederers mit ihrer Mischung aus Naivität und Laszivität aufmischt. Hugo ringt mit sich, die charismatische Ausstrahlung von Hoederer (Uli Matthes) zieht in in ihren Bann und er ist unfähig, seinen Auftrag auszuführen. Bis er ihn letztlich doch ausführt, allerdings aus Eifersucht, nach einer Liebesszene zwischen seiner Frau und Hoederer.
Die Konservativen in Frankreich waren damals vor allem deshalb so begeistert von dem Stück, da Sartre als linker Intellektueller ihren politischen Gegner, die kommunistische Partei, als Schlangengrube des Verrats und die Hauptfigur des Hugo als unfähigen Zauderer zeichnete.
Jenseits dieser vordergründigen Interpretation geht es in dem Stück grundsätzlicher um das Verhältnis zwischen Politik und Moral: Hoederer, mit allen Winkelzügen der Politik vertraut, ist in den Streitgesprächen des dialoglastigen Politdramas davon überzeugt, dass es nicht möglich ist, sich im politischen Geschäft die Finger nicht schmutzig zu machen und nie zu lügen.
Besonders interessant ist diesmal das Programmheft gestaltet: Die verantwortliche Dramaturgin Annika Steinhoff ordnet das Drama mit dem Nachdruck kürzerer philiosophischer Texte und eines ausführlichen Original-Interviews Sartres aus den 60ern in das Denken des Philosophen ein und kontrastriert seine Thesen mit neueren Feuilleton-Texten wie dem ZEIT-Gespräch mit Stephane Hessel und Richard David Precht.
"Die schmutzigen Hände" hat keine überraschenden Inszenierungsideen - von dem erwähnten klaustrophobischen Bühnenbild abgesehen. Regisseurin Jette Steckel konzentriert sich ganz auf die Kraft von Sartres Dialogen, die nachhallen und zu weiteren Debatten über das Verhältnis von Moral und Politik einladen. Diese sind aktuell sicher so notwendig wie eh und je, wie jüngste Ereignisse bewiesen.
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Im sehr gediegen eingerichteten Saal des Deutschen Theaters finden regelmäßig Gastvorträge von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen statt, die sich in dieser Spielzeit dem Oberthema Kleine Utopien widmen.
Vor mehr als dreißig Jahren warnte der Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums, Umweltbewegung und Grüne sorgtem dafür, dass der Umweltschutz bei allen Parteien groß geschrieben wird, seit einigen Monaten arbeitet sich eine Enquete-Kommission des Bundestages am Wachstumsbegriff und dem Unterschied zwischen qualitativ und quantitativem Wachstum ab.
In diese Debatte griff an diesem Mittwoch Professor Ludger Heidbrink vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen ein: Vor einer kleinen, aber feinen Zahl von Besuchern stellte er die These auf, dass sich die Deutschen zwar als Öko-Vorreiter sehen und auf ihre Mülltrennung stolz sind, ein wirklicher Bewusstseinswandel hin zu einer ressourcenschonenden Lebensweise in Lippenbekenntnisen stecken bleibt.
In den interessantesten Passagen seines Vortrags zeichnete er nach, wie tief der Glaube an Fortschritt und Wachstum mental eingeschrieben ist und das Alltagshandeln bestimmt. Statt weiterer Aufklärungskampagnen, die an die Vernunft appelieren, schlägt er vor, sich auf die Listen des Odysseus zu besinnen.
Als konkretes Beispiel schlug er vor, dass die Stadtwerke ihre bisherige Geschäftspolitik umdrehen und den Ökostrom statt als Wahltarif gleich im Regelfall anbieten sollten. Wer die menschliche Trägheit miteinkalkuliert, wird vermuten, dass dann nur die wenigsten aus dem Ökostrom in andere Tarife wechseln werden.
Seit 2009 ist Arthur Schnitzers selten gespieltes Drama Der einsame Weg auf der Bühne des Deutschen Theaters zu sehen. Die Besetzungsliste liest sich wie ein All-Star-Team der deutschsprachigen Schauspielkunst: Nina Hoss, Ulrich Matthes, Almut Zilcher, Ernst Stötzner, Barbara Schnitzler lauten die klangvollen Namen, die der preisgekrönte Filmregisseur Christian Petzold (Innere Sicherheit, Yella, Wolfsburg, Gespenster, Jerichos) bei seinem Theaterdebüt um sich scharte.
Wie bei Schnitzler, des Zeitgenossen von Sigmund Freud, üblich steigt auch dieser Text tief hinab in die Seelenqualen seiner Figuren. Lebenslügen und die Zwänge gesellschaftlicher Konventionen werden angesichts eines vor 23 Jahren unehelich gezeugten Kindes im Wiener Künstler-Milieu aufgespürt und verhandelt. In sehr elaboriertem Ton und sehr aufrecht schreitend leiden die Akteure auf der Bühne an sich selbst und an einander.
Auch wenn der Beifall sehr freundlich war, sprang doch kein rechter Funke über. Alles wirkt wie ein ruhig dahinfließendes Konversationsstück aus fernen Zeiten, die schon mehr als ein Jahrhundert zurückliegen. Der Regierungssprecher Steffen Seibert wird es genossen haben: Nach einer anstrengenden Arbeitswoche, in dem er immer neue Enthüllungen über den Bundespräsidenten aus so unterschiedlichen Medien wie BILD, SPIEGEL, SZ und FAS lesen musste und anschließend sichtlich Mühe hatte, als Sprachrohr der Kanzlerin die richtige Mischung aus vorsichtiger Distanz und Doch-nicht-fallen-lassen zu finden, war dieser Theaterabend sicher ein wesentlich entspannterer Gegenpol ohne weitere Aufregung.
In der Box, der kleinen Experimentierbühne hinter der Bar des Deutschen Theaters, ist in diesen Wochen ein erfrischender Beitrag zur Globalisierungsdebatte zu erleben: Philipp Löhle, ein Nachwuchsdramatiker, der für seine pointierten Stücke bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde, zeichnet den "Lebensweg" einer Baumwollfluse nach.
Der gesamte Bühnenraum ist mit den watteartigen Knäueln übersät, nach und nach schälen sich die Schauspieler an die Oberfläche: Olivia Gräser, neben Christoph Franken, das einzige Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters an diesem Abend, spielt mit einer Mischung aus Witz und Naivität die Titelrolle als Das Ding: Mit großen Augen und akrobatischen Einlagen schildert sie den Weg der Baumwollfluse von der Ernte in Südamerika über die Container-Verschiffung nach China, die dortige Verarbeitung in einem Fußballer-Trikot, die durchgeschwitzten Freudentänze auf deutschen Fußball-Plätzen in Amateurligen bis zur Odyssee durch mehrere Müll-Sortieranlagen.
Geschickt verknüpft dieser kurzweilige Text die Reise der Baumwollfluse mit einigen Nebensträngen: Wie beeinflusst die globale Vernetzung der Produktions-, Kommunikations- und Handelswege das Leben des afrikanischen Soja-Bauern Siwa, der frustrierten Romanistin Katrin oder des chinesischen Kleinunternehmers Li?
Die richtige Würze verleihen diesem Abend die Spielfreude und der volle Körpereinsatz der Studenten der renommierten Schauspielschule Ernst Busch: Moritz Peschke trifft den richtigen Ton in verschiedenen Dialekten von Wienerisch bis Schwäbisch und schlüpft in verschiedene kleine Rollen. Aram Tafreshian und Iris Becher bekriegen sich als Ehepaar, zwischen denen wohl nie wirkliche Liebe herrschte. Kilian Ponert wechselt in den verschiedenen Szenen zwischen dem Chinesen Li und dem Afrikaner Siwa hin und her. Pascal Houdus startet als idealistischer Sunnyboy seine Mission als Entwicklungshelfer und findet sich am Ende nackt und gefesselt auf dem Boden der Tatsachen wieder.
Lesenswert ist auch das kurze Interview mit dem Autor Philipp Löhle im Programmheft, wo er beschreibt, wie ihm auf einer Reise nach Südamerika hautnah bewusst wurde, wie sehr die Globalisierung das Leben jedes Einzelnen mittlerweile prägt.
Das Jahresendzeitprogramm im Mehringhoftheater hat sich zu einer festen Institution im Berliner Kulturkalender entwickelt. Vor restlos ausverkauftem Haus werden Angela Merkel alias Christoph Jungmann und ihre Kollegen Horst Evers, Hannes Heesch, Bov Bjerg und Manfred Maurenbrecher, der sich wie immer erst kurz vor Beginn auf den letzten Drücker durch die engen Stuhlreihen hinter die Bühne durchkämpft, noch bis Anfang Januar auf das turbulente Jahr 2011 zurückblicken.
Das Markenzeichen der seit Jahren eingespielten Truppe ist es, bekannte Melodien treffsicher umzutexten: Der gegelte Baron zu Guttenberg bekommt zu Kraftwerks Model sein Fett für seine Plagiate und seinen Comebackversuch weg. Mittlerweile singt das Publikum bei diesem Sahnehäubchen direkt nach der Pause auch schon lauthals mit.
Angela Merkel verklärt ihre zahlreichen Kehrtwenden in der Atompolitik zu Rio Reisers Junimond und trifft sich zu Ehren von Loriot mit Nicolas Sarkozy, der sie mit der Nudel auf seiner Nase so sprachlos macht wie Evelyn Hamann, als er seiner "Annnnggeeellaaaa" seine tiefen Gefühle für ihre Führungskünste, ihre Triple A-Bonität und ihren prall gefüllten Geldbeutel gesteht.
Pünktlich zum Jahresendzeitprogramm zauberte die Berliner S-Bahn mal wieder einen mehrstündigen Totalausfall auf die Gleise. Bei der zweiten Vorstellung am vergangenen Mittwoch fehlte die Ode an die Verantwortlichen leider. Aber spätestens jetzt muss dieser Klassiker des Programms der vergangenen Jahre wieder auf die Bühne.
Guido Westerwelle, der sich in den vergangenen Jahren noch als Möchtegern-Co-Conferencier aufgespielt hat, wurde wie auch im richtigen Leben zurückgestuft. Für ihn reicht es nur noch dazu, den lieben Nicolas zum Flughafen zu chauffieren und die Stellwand für Horst Evers Jahresvorausschau auf das Jahr 2012 aufzubauen.
All zu viel Mut brauchte Horst Evers wirklich nicht für seinen Ausblick aufs nächste Jahr: Sehr wahrscheinlich werden die Medien auch dann wieder alle paar Wochen in Weltuntergangsstimmung dem alles entscheidenden Euro-Krisengipfel entgegenfiebern, zwei Tage lang das Traumpaar Merkozy als große Helden feiern und dann feststellen, dass letztlich doch wieder nur Absichtserklärungen hinter den Wortgirlanden zum Vorschein kommen. Bis dann wenige Wochen später auf Druck von Märkten und Medien der nächste Gipfel ansteht.
Das Jahresendzeitprogramm ist ein Highlight des Berliner Kabarettjahres, das man nicht verpassen sollte. Wer für die aktuellen Vorstellungen bis 7. Januar keine Karte mehr bekommen hat, wird es nicht bereuen, sich im nächsten Herbst frühzeitig Tickets für diesen sehr lohnenden Abend zu sichern.
Die Bar des Deutschen Theaters war sehr gut besucht, als Samuel Finzi einen Streifzug durch populäre Filme, meist aus Hollywood, präsentierte. Knapp eine Stunde lang hangelte er sich entlang der Texthäppchen aus Woody Allens Stadtneurotiker, Stanley Kubricks 2001 - Odyssee durch den Weltraum oder Oliver Stones Wall Street.
Begleitet von seinen beiden Musikern Georgi Donchev und Daniel Regenberg streut er einige Soundbites in seinen Liederabend A night at the movies ein, und tänzelt in skurrilen Posen über die kleine, improvisiert wirkende Bühne.
Ein Filmquiz zum Mitraten, aber ganz ohne Auflösung am Ende. Auch sonst blieb der Spannungsbogen dieses Experiments eher flach.
Vor der längeren Weihnachtspause empfing Gregor Gysi einen besonderen Gast in seiner Matinee am Deutschen Theater: Den Altmeister des politischen Kabaretts, Dieter Hildebrandt. Mit 84 Jahren noch hellwach erzählte er ausführlich seine prägenden Kriegserlebnisse inklusive anschließender Gefangenschaft und Hunger als Vertreter der Flakhelfer-Generation. In Schlesien auf dem Land geboren entging er mit viel Glück und dank der Befehlsverweigerung eines Vorgesetzten dem schicksal, noch in den letzten Monaten des Krieges als Kanonenfutter verheizt zu werden.
Für pointenreiche Seitenheibe gegen das aktuelle politische Personal der schwarz-gelben Bundesregierung bleib kaum Zeit. Stattdessen schilderte Hildebrandt seine ersten Gehversuche auf den Bühnen: Vom Platzanweiser in Schwabinger Kleinkunstbühnen über Studentenkabarett führte ihn sein Weg zur Gründung der legendären Münchener Lach- und Schiessgesellschaft, deren Fernsehübertragungen in den 1960er Jahren quotenträchtige Ereignisse waren.
Süffisant schilderte er, wie die ZDF-Verwaltungsräte und Programmverantwortlichen in den späten 1970ern bei seinen Notizen aus der Provinz kalte Füße bekamen und die Sendung schließlich 1980 absetzten. Dass es keinen Zusammenhang mit der damaligen Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauss gab, wird wohl kaum jemand vermuten.
In den 1980ern war der Scheibenwischer, den der Sender Freies Berlin donnerstags mehrmals pro Jahr für das ARD-Gemeinschaftsprogramm produzierte, ein Pflichttermin. Vor allem die Ausgabe im Frühjahr 1986 nach dem GAU von Tschernobyl sorgte für Aufruhr, da sich der CSU-dominierte Bayerische Rundfunk aus dem gemeinsamen Programm ausschaltete und die Sendung damit erst recht aufwertete.
Zur selben Zeit gastierte er auch gemeinsam mit dem Österreicher Werner Schneyder in Leipzig, wo Hildebrandt erleben durfte, wie aufmerksam das Publikum auf jeden Zwischenton gegen die Obrigkeit achtete.
Im 200. Todesjahr Heinrich von Kleists kommt man an seinen Dramen in Berlin und auf vielen anderen Bühnen kaum vorbei. Andreas Kriegenburg brachte pünktlich zum 3. Advent sein Liebes-, Schauer- und Ritterdrama Käthchen von Heilbronn auf die Bühne des Deutschen Theaters. So stand es zumindest im Programmheft. Tatsächlich handelte es sich, wie Hartmut Krug im Deutschlandfunk resümierte, um eine Ausweichbewegung, in der sich der Hausregisseur im wahrsten Sinne des Wortes verzettelte.
Bezeichnend war schon, dass die Dramaturgin Sonja Anders in der wohl längsten Stückeinfrührungen der vergangenen Spielzeiten, Mühe hatte, einen halbwegs kompromierten Überblick über die antiquierte Dramenhandlung und die verkopften Grundzüge der Regie zu geben.
Das Publikum findet sich in einem riesigen Zettelkasten wieder, sechs Schauspieler wechseln sich in einem anstrengenden Dauer-Rollen- und Kleidertausch darin ab, eine Strichfassung des Dramas sowie Briefe von Kleist zu sprechen. Wie immer in Kriegenburgs Inszenierungen sind die Puppen und Ritterrüstungen oder viele andere kleine Details in mühe- und liebevoller Arbeit gestaltet, aber das hält einen Abend kaum zusammen, der nicht so recht weiß, wo er hin will.
In langen Reifröcken, wie sie zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs Mode waren, zanken sich Mutter Christine (Friederike Kemmer) und Tochter Lavinia (Maren Eggert) wegen der Liebeswirren der Familie Mannon, die am Ende alle gemeinsam in den Abgrund reißen. Die Orestie von Aischylos wurde mit Constanze Becker in der Hauptrolle im Jahr 2007 auf der Bühne des Deutschen Theaters von der Kritik gewürdigt und vom Publikum sehr geschätzt. In diesem Herbst brachte Stefan Kimmig das Stück Trauer muss Elektra tragen auf die Bühne des Großen Hauses: Die klassische Tragödie der Atriden-Saga wurde von Eugene O´Neill 1931 in das Neuengland der Sezessionskriege verfrachtet und mit den Erkenntnissen von Sigmund Freuds Psychoanalyse angereichert.
Die Tochter erträgt nicht, dass ihre Mutter die Abwesenheit des Vaters im Krieg, für den sie längst nichts mehr empfindet, für eine leidenschaftliche Affäre mit Adam Brandt (Bernd Moss) nutzt. Sie treibt ihren Bruder Orin (Alexander Khuon) zu einem blutigen Rachefeldzug gegen die eigene Mutter. Maren Eggert zeigt als Hauptfigur den ganzen Facettenreichtum ihres Könnens und hält die Fäden des Knäuels, das sich immer auswegloser verstrickt, in der Hand.
Erstaunlich ist, mit welcher Wut zahlreiche Feuilletons nach der Premiere gegen einen aus ihrer Sicht überflüssigen und verstaubten Abend anschrieben. Eugene O´Neills Drama sollte am besten von allen Spielplänen verschwinden, weil es misslungen sei, lautet der Tenor der Kritikenrundschau auf nachtkritik.
Es stimmt, dass der ganze Abend eher konventionell und ohne große Überraschungen inszeniert ist. Aber die schauspielerischen Leistungen sind einen Besuch wert.
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Zum 6. Mal fand im Berliner Kino Babylon ein besonderes Festival statt, das in der Fülle der Veranstaltungen herausragt. Pünktlich zum Adventsbeginn laden die Organisatoren zur Entdeckungsreise Around the world in 14 films ein: Die Highlights aus Cannes, Venedig, San Sebastian, Locarno oder Toronto, die sonst untergehen würden, wahrscheinlich nie in deutschen Kinos zu sehen wären und höchstens auf DVD einen Verleih finden würden, werden von prominenten Paten und mit interessanten Gesprächsrunden eine Woche lang präsentiert.
Der spannendste und bildgewaltigste Beitrag stammte aus Japan: Sono Sion fasste sich in Cold Fish zum Abschluss seiner Hass-Trilogie für seine Verhältnisse erstaunlich kurz: Nach Love Exposure, der mit einem wilden Mix aus Bolero-Klängen, religiösen Symbolen und Rache-Plots mehr als vier Stunden im Forum der Berlinale für volle Kinosäle sorgte, zaubert der Regisseur diesmal 144 Minuten lang ein diabolisches kleines Meisterwerk voller rabenschwarzem Humor auf die Leinwand. Ein eiskalter Geschäftsmann mit jovialer Fassade macht seinen Geschäftspartnern Angebote, die sie nicht ablehnen können, und lässt sie mit sehr ausgefeilten Techniken verschwinden, wenn sie es wagen, seinen Plänen zu widersprachen. In einer temporeichen Geschichte voller Ideen schwelgt der Film in seiner eigenen sarkastischen Parallelwelt.
Surreal und voller Halluzinationen, aber dennoch hochpolitisch ging es zur Eröffnung bei Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod zu. Der spanische Regisseur Alex de la Iglesia steht hierzulande bisher im Schatten von Pedro Almodóvar, zeigte aber in einigen seiner Filme bereits erstaunliche Kunstfertigkeit. In seinem Parforce-Ritt durch die spanische Geschichte widmet sich der Film vor allem den Massakern des Bürgerkriegs und den bleiernen Franco-Jahren. Mit grausamen Splatter-Gemetzeln und symbolisch aufgeladenen Szenen über einen bösen Clown, der den Diktator darstellen soll, und einen traurigen Clown, der für den Widerstand steht, inszeniert de la Iglesia einen Film, der sich an seinen Bildern berauscht und das Publikum spaltet. Die Jury unter Vorsitz von Quentin Tarantino zeichnete Mad Circus für die Beste Regie und das Beste Drehbuch aus. Die Brutalität der albtraumhaften Szenen ist auf die Dauer aber sehr zermürbend, wie auch der prominente Filmpate Volker Schlöndorff warnte. Vieles wirkt auch zu sehr wie L´art pour l´art.
Sehr viel ruhiger ging es beim iranischen Film Good Bye von Mohammad Rasoulof zu, der im Oktober zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde: In beklemmenden Einstellungen folgt er dem Kampf einer jungen Anwältin, die zunächst ihre Arbeitserlaubnis verliert und anschließend mit den Behörden um ein Ausreisevisum ringt. Der Film wurde im Sommer heimlich zum Festival nach Cannes geschmuggelt und wurde dort mit dem Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard ausgezeichnet.
Weniger explizit, aber doch wahrnehmbar werden die gesellschaftlichen Konflikte in den Beiträgen aus Marokko und Russland verhandelt: Leila Kilani porträtiert in On the edge die Wut junger Arbeiterinnen in einer Shrimps-Fabrik, die vom besseren Leben in Freihandelszonen an der Küste oder in Europa träumen. Ihre gehetzten Blicke, ihre wilden Raps und ihre aufgestaute Energie lassen erahnen, welche Konflikte zum Arabischen Frühling führten. Die enorme soziale Kluft in Russland thematisiert Elena von Andrei Zvyangitsev, der von Ulrich Matthes voller Begeisterung vorgestellt wurde, aber manchmal etwas plakativ war: Elena heiratete einen Neureichen, der den größten Teil seines Vermögens seiner verwöhnten Tochter vererben möchte. Sie pendelt zwischen zwei Welten: Ihrem neuen Leben in der Luxus-Villa und der Sozialwohnung, in der ihr Sohn mit seiner Familie haust.
Musikalisch konnten die Small Town Murder Songs des Kanadiers Ed Gass-Donnelly am meisten überzeugen: Den Soundtrack zu diesem düsteren Film Noir über Morde in einer Mennonitengemeinde lieferte Bruce Peninsula mit Gospel-, Rock- und Percussion-Klängen.
Für Freunde des Bollywood-Kinos ist Raavanan empfehlenswert. Diese tamilische Dreiecksgeschichte ist gespickt mit Anspielungen auf archaische Mythen, stilisierten Action-Einlagen und schwülstigen Gefühlsausbrüchen, unter denen die Hauptdarstellerin, das L´Oreál-Model Aishwarya Rai Bachchan ausdrucksstark leidet.
Die Allianz Kulturstiftung und das Deutsche Theater luden zu einer Sonntags-Matinee zum brandaktuellen Thema der Euro-Krise ein. Die Wahl der Fragestellung schien allerdings etwas aus der Zeit gefallen: Der Titel der Einladung, Sanftes Monster Europa, erinnert an die Phase, als Europa in den Medien überhaupt nicht vorkam, außer wenn mal wieder auf den angeblichen Brüsseler Bürokratie-Moloch und die Regulierung des Krümmungsgrades der Salatgurken eingedroschen wurde.
Der Moderator, Hermann Rudolph vom Tagesspiegel, und die meisten Podiumsteilnehmer waren sich schnell einig, dass eine stärkere Vergemeinschaftung der Fiskal- und Wirtschaftspolitik in Europa ganz oben auf der Tagesordnung der Kaskade von Krisengipfeln der vergangenen Monate steht. Trotz der unglücklich angesetzten Einleitung und Fragestellung entwickelte sich ein munterer Dialog auf dem Podium, wo die meisten Teilnehmer vehement und mit unterschiedlichem Pathos für die europäische Idee warben:
Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen verteidigte die Aufweichung der Euro-Stabilitätskriterien, die in seine Amtszeit fiel, und beklagte das furchtbare Erscheinungsbild des gegenwärtigen Europa. Mit Cornelia Bolesch, die bis vor kurzem für die Süddeutsche Zeitung aus Brüssel berichtete, war er sich einig, dass das Europäische Parlament eine spannende Arbeitsweise hat, da dort anders als in den nationalen Parlamenten der eindeutige Antagonismus zwischen Regierungs- und Oppositionsfraktionen fehlt. Leider wird aber in den Medien viel zu selten und schon gar nicht kontinuierlich über die Entwicklung europäischer Debatten berichtet, wenn nicht gerade wieder der nächste Krisen-Alarm ausgelöst wird.
Lothar Bisky, ehemaliger Partei-Chef der LINKEN und mittlerweile Europaabgeordneter, spielte in seiner besonnenen, ausgleichenden Art keine größere Rolle, da sich der Konflikt vor allem zwischen seinen beiden Nachbarn zuspitzte: Der österreichische Schriftsteller schreibt gerade an einem Roman über das Brüsseler Milieu und hob wortgewaltig zu - aus heutiger Sicht - utopisch anmutenden Plädoyers für eine grundlegende Reform Europas an, in dem schrittweise die Nationalstaaten völlig aufgehen sollen. Bolesch und Verheugen war sein pro-europäischer Elan durchaus sympathisch, sie meldeten aber doch gewaltigen Diskussionsbedarf an, wie das Mammutprojekt einer weiteren Integration sinnvoll gestaltet werden könne.
Menasses Hauptgegner war der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler, der seine gesamte Parteispitze, den Ehrenvorsitzenden Genscher und wohl auch das Kanzleramt mit dem von ihm initiierten Mitgliederentschied zu den Euro-Rettungsschirm-Plänen in Atem hält. Er drosch verbal auf ihn ein, dass der FDP-Mann nur Phrasen zu bieten habe und mit seiner starken Betonung der Rolle der Nationalstaaten zu sehr im 19. Jahrhundert stecken geblieben sei.
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters gibt es in den vergangenen Jahren regelmäßig Hochämter zu Ehren des Dramatikers Heiner Müller, um den es ansonsten auf anderen Bühnen und in den Feuilletons eher still geworden ist. Dimiter Gotscheff, seinem Wegbegleiter, engen Freund und Nachlassverwalter, ist dies - je nach Sichtweise - zu verdanken oder geschuldet.
Vor wenigen Tagen hatte ein neuer Müller-Abend auf sehr karger, November-grauer Bühne, die dem zynischen Altmeister sicher gefallen hätte, Premiere: Gottschefs Inner-Circle (die Ensemble-Mitglieder Margit Bendokat, Almut Zilcher und Wolfram Koch) deklamierten die Monologe aus Müllers Antiken-Triptychon Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonaten von 1982 und den Text Mommsens Block, der knapp zehn Jahre später unter dem Eindruck des Untergangs der DDR entstand.
Mit ganz anderen stilistischen Mitteln und unter anderen Vorzeichen ist dieser Abend eine ähnliche Fanveranstaltung wie vor kurzem Studio Brauns Action-Musical Fahr zur Hölle, Ingo Sachs. Die Monologe stehen in all ihrer Schwere im Raum, voraussetzungsreich ist vor allem Almut Zilchers schmerzverzerrter Part als anklagende Medea, der ohne Grundkenntnisse des Mythos kaum zu verstehen ist.
Margit Bendokat setzt in ihrer schnoddrigen Art den Schlusspunkt mit Müllers assoziativem Langgedicht Mommsens Block. Kaum leichter zugänglich als die Monolage über Jason, Medea und die Argonauten widmet sich dieses Spätwerk der Schaffenskrise des Historikers Theodor Mommsen: "ein resignierender Parforceritt durch Schlachten, Ausbeutung, Unterdrückung und Enttäuschung", wie es in einem Aufsatz heißt.
Der Beginn war noch etwas schleppend. Nach der Pause drehte das Ukulele Orchestra of Great Britain voll auf und zeigte die gesamte Bandbreite ihres Könnens. Das Publikum war auch bei ihrem neuen Auftritt im tipi am Kanzleramt von dem Einfallsreichtum, mit dem sich die Truppe mit ihren winzigen Gitarren und der einen Bass-Gitarre, wie der Kopf der Gruppe immer wieder scherzhaft betonte, souverän durch die musikalischen Genres hangelten, sangen und klampften.
Auf Italo-Western-Ohrwürmer folgte Model von Kraftwerk, klassische Musik wechselte sich mit Metallica-Klängen, zu denen ein Orchestermitglied seine wilde Mähne schüttelte. Nach mehreren Zugaben war leider irgendwann doch das unvermeidliche Ende gekommen. Aber das Ukulele Orchestra hat mit seinem ganz individuellen Stil wieder unter Beweis gestellt, dass es eine sichere Bank für einen unterhaltsamen Abend ist. Im nächsten Jahr werden sie hoffentlich wieder in Berlin vor vollem Haus zu erleben sein.
Hörenswert waren auch die absurden Zwischenmoderationen in typisch britischem Humor und teilweise in überraschend gutem Deutsch, als die Band lustige Anekdoten über ihre angebliche Gründungsgeschichte bei einem Mexiko-Urlaub erzählte.
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