Anspruchsvolles europäisches Kino und Amüsantes aus den USA beim 18. Verzaubert - Festival
Das Verzaubert- Festival feiert dieses Jahr seine Volljährigkeit und eröffnet in Berlin mit einer sehenswerten norwegischen Tragikomödie. Stian Kristensen gelang mit seinem Debütfilm The Man who loved Yngve ein erstaunlich reifer Film über das Seelenleben eines jungen Punks. Zunächst schwebt Jarle im siebten Himmel: Endlich kommt er mit dem Mädchen zusammen, um das er monatelang warb. Außerdem geht er ganz in seiner Band auf: Mit viel Herzblut, aber auf sehr mäßigem Niveau versucht er sich mit seinen Kumpels am Traum von der Musiker - Karriere.
Sein wohlgeordnetes Leben gerät aus den Fugen, als Yngve neu in seine Klasse kommt. Der Kontrast könnte kaum stärker sein: Ein sportlicher junger Mann aus gutem Hause mit besten Manieren sowie einem Faible für Synthie - Pop und Tennis. Jarle leidet darunter, dass er sich seine Gefühle zu dem Jungen nicht eingestehen kann und demütigt ihn schließlich öffentlich. Der Film zeigt auf sehr subtile Art, wie Jarle zwischen den Gefühlen zu seiner Freundin und dem geheimnisvollen neuen Schwarm hin- und hergerissen ist. Nebenbei fängt der Regisseur auch viel Zeitkolorit der späten 1980er Jahre ein: Die Details von Mode über Musikgeschmack bis zum Mauerfall werden stimmig eingearbeitet. Ein Film, zwischen Melancholie und der Leichtigkeit des Frisch-Verliebtseins, der auch die schweren emotionalen Verletzungen nicht ausspart.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die französisch - belgische Koproduktion Élève libre/Private lessons von Joachim Lafosse, die in Anwesenheit des Regisseurs vorgeführt wurde. Dieses diabolische Kammerspiel beginnt ganz harmlos: Jonas droht zum wiederholten Mal sitzen zu bleiben und ist durch die ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner Flamme Delphine zusätzlich aufgewühlt. Netterweise wollen sich drei Freunde seiner Mutter um ihn kümmern: Sie verbringen mit ihm amüsante Abende, geben ihm Flirttips und unterstützen ihn vor allem bei der ganzen Palette seiner schulischen Probleme von Algebra bis zur Camus - Interpretation. Langsam kippt das Verhältnis und die Schlinge zieht sich enger um den Hals von Jonas: Er gerät in ein merkwürdiges Verführungsspiel. Die Frau und die beiden Männer werden immer anzüglicher und verschieben die Grenzen Schritt für Schritt, bis sich der Junge in ein merkwürdiges Geflecht verstrickt: Sexuelle Lustbefriedigung gegen Nachhilfe. Dieses perfide Missbrauchsdrama ist ein raffiniertes Kammerspiel, dessen Hauptdarsteller sich nach außen keiner Schuld bewusst sind: Sie meinen es doch nur gut... Sie wollen dem armen Jungen doch nur helfen... Die Leistung dieses Films ist, dass er es schafft, drängende Fragen über die Grenzüberschreitung im Umgang mit Jugendlichen zu stellen und dabei nicht in billige Klischees abzudriften.
Der Film polarisierte in seinen beiden Herkunftsländern ziemlich stark und löste entsprechende Debatten aus, hat jedoch in Deutschland bisher leider noch keinen Verleih für einen Kinostart.
Traditionell ist auch das kanadische Independent - Kino bei diesem Festival stark vertreten. Léa Pool konnte die Erwartungen mit ihrem Beitrag Mommy is at the hairdresser´s/Maman est chez le coiffeur jedoch nur teilweise erfüllen. Ihr Film porträtiert eine Familie im Quebec der 1960er Jahre. Die biedere Hausfrau kümmert sich um die Kinder, während ihr Mann zwischen Geschäftsreise, Büro und Golfplatz pendelt. Das Arrangement zerbricht, als die älteste Tochter Elise ein Telefonat belauscht: Der Vater pflegt heimliche Affären mit Männern. Die Mutter zieht die Reißleine, verlässt den goldenen Käfig und nimmt einen Job in London an. Laurent Lucas bleibt in der Rolle als überforderter Familienvater zurück und versucht die Fassade einer gutbürgerlichen Familie weiter aufrecht zu erhalten: Gegenüber den neugierigen Fragen der aufdringlichen Nachbarin liefern er und die Kinder immer wieder die Standardantwort: Unsere Mutter ist gerade beim Friseur. Der Film schwankt zwischen Komödie, Familiengeschichte und Problemfilm, so dass ihm teilweise eine klare Linie fehlt und er nicht ganz gelungen ist.
In ein rätselhaftes Milieu taucht Francisco Francos Debütfilm Quemar las naves/Burn the bridges ein: Eine todkranke ehemalige Diva wohnt mit ihren beiden Kindern und einer Haushälterin in einer prachtvollen Villa, die nur noch von der Substanz lebt. Während die Tochter Helena sich ganz in den Kokon dieses verfallenden Prunks einspinnt, nur für die Pflege ihrer Mutter lebt und am liebsten in deren Gala - Kleider schlüpft, ist ihr Zwillingsbruder Sebastian neugierig aufs Leben. Er verlässt das Haus regelmäßig und schließt Freundschaft mit dem abenteuerlustigen Juan. Der Film schildert in leisen Tönen das Ringen des Mädchens um ihren Bruder, dem sie ebenso wenig wie sich Lebensfreude zugestehen will. Ihr einziges Glück sind neben den Fotos der früheren Reisen und den Erinnerungsstücken an die glanzvolle Karriere ihrer Mutter nur die Prospekte über Skiregionen: Irgendwann möchte sie sich einen Urlaub gönnen und lernt dafür fleißig mit einer englischen Sprachkurs - Kassette. Bis dahin quält sie aber sich und andere und bekämpft jeden kleinen Funken aufkeimender Lebenslust. Vor allem die junge Haushälterin ist ein häufiges Opfer ihrer Launen. Dieser mexikanische Film bietet einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt der Jugendlichen und lebt vor allem von den guten schauspielerischen Leistungen.
Der lustigste Beitrag des Festivals war Were the world mine von Tom Gustafson. Diese Komödie war ein großer Erfolg auf zahlreichen kleineren Festivals in den USA und ist eine intelligente Adaption von Shakespeares Sommernachtstraum. Eine engagierte, aber etwas schräge Lehrerin an einer Highschool möchte mit ihren Schülern dieses bekannte Drama um das Ver- und Entlieben voller Verwicklungen auf die Bühne bringen. Der schüchterne Timothy bekommt die Hauptrolle des Puck, alle übrigen Figuren - Männer wie Frauen - werden wie zu Shakespeares Zeiten ausschließlich von Jungen besetzt. Der Trainer der Rugby - Mannschaft zetert zunächst dagegen, dass seine Jungs in Frauenkleider schlüpfen sollen.
Wie in der Shakespeare - Komödie greift aber Pucks Liebeszauber auch im realen Leben der Kleinstadt um sich: Sobald jemand mit ihm in Berührung kommt, verliebt er sich auf der Stelle in die nächste Person, die ihm zu Gesicht kommt. Amouröse Verwirrungen quer über alle Geschlechtergrenzen und sozialen Schichten nehmen ihren Lauf: Der Rugby - Trainer, der sich seiner Heterosexualität so sicher war, ist plötzlich vernarrt in den Schuldirektor, der ein idyllisches Eheleben führt und auf die Pensionierung wartet. Die tussigen Cheerleaderinnen stellen einem jungen Punk - Mädchen nach, die davon ebenso überfordert ist wie Timothys Mutter vom Liebesrausch einer Kosmetik - Beraterin. Der Film lebt von der schrillen Komik und den liebevoll gestalteten Musik- und Theatereinlagen: Traum und Wirklichkeit verschwimmen immer wieder, in beiden Welten wird Timothy schließlich mit dem Star der Rugby - Mannschaft glücklich.
Etwas schwächer war Between Love & Goodbye von Casper Andreas. In diesem Beziehungsdrama geht es um das Scheitern der Liebe zwischen Kyle und Marcel, woran vor allem die Intrigen von Kyles dubioser und androgyner Schwester April großen Anteil haben. Die Indie - Klänge sind eine sehr stimmungsvolle Untermalung, die Charaktere bleiben an manchen Stellen aber zu holzschnittartig in Klischees stecken.
Weitere Informationen und alle Termine zum Verzaubert - Festival in Berlin, Köln, Frankfurt und München
Sein wohlgeordnetes Leben gerät aus den Fugen, als Yngve neu in seine Klasse kommt. Der Kontrast könnte kaum stärker sein: Ein sportlicher junger Mann aus gutem Hause mit besten Manieren sowie einem Faible für Synthie - Pop und Tennis. Jarle leidet darunter, dass er sich seine Gefühle zu dem Jungen nicht eingestehen kann und demütigt ihn schließlich öffentlich. Der Film zeigt auf sehr subtile Art, wie Jarle zwischen den Gefühlen zu seiner Freundin und dem geheimnisvollen neuen Schwarm hin- und hergerissen ist. Nebenbei fängt der Regisseur auch viel Zeitkolorit der späten 1980er Jahre ein: Die Details von Mode über Musikgeschmack bis zum Mauerfall werden stimmig eingearbeitet. Ein Film, zwischen Melancholie und der Leichtigkeit des Frisch-Verliebtseins, der auch die schweren emotionalen Verletzungen nicht ausspart.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die französisch - belgische Koproduktion Élève libre/Private lessons von Joachim Lafosse, die in Anwesenheit des Regisseurs vorgeführt wurde. Dieses diabolische Kammerspiel beginnt ganz harmlos: Jonas droht zum wiederholten Mal sitzen zu bleiben und ist durch die ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner Flamme Delphine zusätzlich aufgewühlt. Netterweise wollen sich drei Freunde seiner Mutter um ihn kümmern: Sie verbringen mit ihm amüsante Abende, geben ihm Flirttips und unterstützen ihn vor allem bei der ganzen Palette seiner schulischen Probleme von Algebra bis zur Camus - Interpretation. Langsam kippt das Verhältnis und die Schlinge zieht sich enger um den Hals von Jonas: Er gerät in ein merkwürdiges Verführungsspiel. Die Frau und die beiden Männer werden immer anzüglicher und verschieben die Grenzen Schritt für Schritt, bis sich der Junge in ein merkwürdiges Geflecht verstrickt: Sexuelle Lustbefriedigung gegen Nachhilfe. Dieses perfide Missbrauchsdrama ist ein raffiniertes Kammerspiel, dessen Hauptdarsteller sich nach außen keiner Schuld bewusst sind: Sie meinen es doch nur gut... Sie wollen dem armen Jungen doch nur helfen... Die Leistung dieses Films ist, dass er es schafft, drängende Fragen über die Grenzüberschreitung im Umgang mit Jugendlichen zu stellen und dabei nicht in billige Klischees abzudriften.
Der Film polarisierte in seinen beiden Herkunftsländern ziemlich stark und löste entsprechende Debatten aus, hat jedoch in Deutschland bisher leider noch keinen Verleih für einen Kinostart.
Traditionell ist auch das kanadische Independent - Kino bei diesem Festival stark vertreten. Léa Pool konnte die Erwartungen mit ihrem Beitrag Mommy is at the hairdresser´s/Maman est chez le coiffeur jedoch nur teilweise erfüllen. Ihr Film porträtiert eine Familie im Quebec der 1960er Jahre. Die biedere Hausfrau kümmert sich um die Kinder, während ihr Mann zwischen Geschäftsreise, Büro und Golfplatz pendelt. Das Arrangement zerbricht, als die älteste Tochter Elise ein Telefonat belauscht: Der Vater pflegt heimliche Affären mit Männern. Die Mutter zieht die Reißleine, verlässt den goldenen Käfig und nimmt einen Job in London an. Laurent Lucas bleibt in der Rolle als überforderter Familienvater zurück und versucht die Fassade einer gutbürgerlichen Familie weiter aufrecht zu erhalten: Gegenüber den neugierigen Fragen der aufdringlichen Nachbarin liefern er und die Kinder immer wieder die Standardantwort: Unsere Mutter ist gerade beim Friseur. Der Film schwankt zwischen Komödie, Familiengeschichte und Problemfilm, so dass ihm teilweise eine klare Linie fehlt und er nicht ganz gelungen ist.
In ein rätselhaftes Milieu taucht Francisco Francos Debütfilm Quemar las naves/Burn the bridges ein: Eine todkranke ehemalige Diva wohnt mit ihren beiden Kindern und einer Haushälterin in einer prachtvollen Villa, die nur noch von der Substanz lebt. Während die Tochter Helena sich ganz in den Kokon dieses verfallenden Prunks einspinnt, nur für die Pflege ihrer Mutter lebt und am liebsten in deren Gala - Kleider schlüpft, ist ihr Zwillingsbruder Sebastian neugierig aufs Leben. Er verlässt das Haus regelmäßig und schließt Freundschaft mit dem abenteuerlustigen Juan. Der Film schildert in leisen Tönen das Ringen des Mädchens um ihren Bruder, dem sie ebenso wenig wie sich Lebensfreude zugestehen will. Ihr einziges Glück sind neben den Fotos der früheren Reisen und den Erinnerungsstücken an die glanzvolle Karriere ihrer Mutter nur die Prospekte über Skiregionen: Irgendwann möchte sie sich einen Urlaub gönnen und lernt dafür fleißig mit einer englischen Sprachkurs - Kassette. Bis dahin quält sie aber sich und andere und bekämpft jeden kleinen Funken aufkeimender Lebenslust. Vor allem die junge Haushälterin ist ein häufiges Opfer ihrer Launen. Dieser mexikanische Film bietet einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt der Jugendlichen und lebt vor allem von den guten schauspielerischen Leistungen.
Der lustigste Beitrag des Festivals war Were the world mine von Tom Gustafson. Diese Komödie war ein großer Erfolg auf zahlreichen kleineren Festivals in den USA und ist eine intelligente Adaption von Shakespeares Sommernachtstraum. Eine engagierte, aber etwas schräge Lehrerin an einer Highschool möchte mit ihren Schülern dieses bekannte Drama um das Ver- und Entlieben voller Verwicklungen auf die Bühne bringen. Der schüchterne Timothy bekommt die Hauptrolle des Puck, alle übrigen Figuren - Männer wie Frauen - werden wie zu Shakespeares Zeiten ausschließlich von Jungen besetzt. Der Trainer der Rugby - Mannschaft zetert zunächst dagegen, dass seine Jungs in Frauenkleider schlüpfen sollen.
Wie in der Shakespeare - Komödie greift aber Pucks Liebeszauber auch im realen Leben der Kleinstadt um sich: Sobald jemand mit ihm in Berührung kommt, verliebt er sich auf der Stelle in die nächste Person, die ihm zu Gesicht kommt. Amouröse Verwirrungen quer über alle Geschlechtergrenzen und sozialen Schichten nehmen ihren Lauf: Der Rugby - Trainer, der sich seiner Heterosexualität so sicher war, ist plötzlich vernarrt in den Schuldirektor, der ein idyllisches Eheleben führt und auf die Pensionierung wartet. Die tussigen Cheerleaderinnen stellen einem jungen Punk - Mädchen nach, die davon ebenso überfordert ist wie Timothys Mutter vom Liebesrausch einer Kosmetik - Beraterin. Der Film lebt von der schrillen Komik und den liebevoll gestalteten Musik- und Theatereinlagen: Traum und Wirklichkeit verschwimmen immer wieder, in beiden Welten wird Timothy schließlich mit dem Star der Rugby - Mannschaft glücklich.
Etwas schwächer war Between Love & Goodbye von Casper Andreas. In diesem Beziehungsdrama geht es um das Scheitern der Liebe zwischen Kyle und Marcel, woran vor allem die Intrigen von Kyles dubioser und androgyner Schwester April großen Anteil haben. Die Indie - Klänge sind eine sehr stimmungsvolle Untermalung, die Charaktere bleiben an manchen Stellen aber zu holzschnittartig in Klischees stecken.
Weitere Informationen und alle Termine zum Verzaubert - Festival in Berlin, Köln, Frankfurt und München
Geschrieben am 20.03.2009 um 23:21 von Konrad Kögler
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Filmreihe "Alltag und Gewalt in Lateinamerika"
Das Berliner Kino Babylon und die Heinrich Böll Stiftung präsentieren in diesen Tagen mehrere Dokumentar - und Spielfilme zu Alltag und Gewalt in Lateinamerika.
Die beiden Eröffnungsfilme machen die prekäre Gewaltspirale in einigen Gesellschaften Lateinamerikas sehr plastisch deutlich: Eine überforderte Justiz, Korruption, krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich und ein schwer durchschaubares Gewirr von Banden und parastaatlichen Organisationen sorgen für eine sehr brisante Gemengelage.
Besonders mitreißend schildert Rodrigo Plá die Eskalation der Gewalt in Mexiko - City in seinem Spielfilm La Zona. In der gleichnamigen Gated Community schotten sich wohlhabende Kreise vor dem Rest der Megacity ab: Das Villenviertel wird zum Hochsicherheitstrakt mit eigenem Wachpersonal. Vor allem in brasilianischen Städten ist diese Tendenz deutlich wahrzunehmen.
Als eine Gruppe von Teenagern nach einem Unwetter durch ein Loch im Zaun schlüpft und in eine Villa einbricht, eskaliert die Gewalt: Die alte Dame, ein Wachmann und zwei der Einbrecher kommen bei dem Überfall und der anschließenden Schießerei ums Leben.
Das schwerreiche Establishment hat jedes Vertrauen zur Außenwelt verloren und versucht, die Vorfälle vor der Polizei zu verheimlichen. Stattdessen schreiten sie zur Selbstjustiz und suchen nach dem einzigen Überlebenden der jugendlichen Clique.
Der Film zieht die Zuschauer in seinen Bann, da ein Polizist die vertuschten Todesfälle wittert und zahlreiche Indizien sammelt. Auf sehr einfühlsame Weise wird seine Ermittlungsarbeit gegen den Widerstand der Bewohner von La Zona und einige seiner Vorgesetzten, die am liebsten alles unter den Teppich kehren möchten, nachgezeichnet. Am interessantesten an dem Film sind zum einen die Interaktionen innerhalb der Millionärs -Nachbarschaft, wo Zweifel wachsen, Abweichler ausgegrenzt werden und die Paranoia um sich greift. Zum anderen die Einblicke in einen korrupten Polizeiapparat, dessen Spitze lieber einen Deal mit den Bewohnern schließt, als für rechtsstaatliche Verfahren zu sorgen. Einige müssen einen hohen Preis dafür zahlen.
Thematisch ebenso brisant, aber stilistisch weniger gelungen ist der Dokumentarfilm Atos dos homens von Kiko Goifman. Dem Film merkt man das sehr karge Budget und seinen Work - in - Progress - Charakter deutlich an. In seinem Zentrum steht ein Massaker in Baixada Fluminense, einem Vorort von Rio de Janeiro, im März 2005. Nach und nach stellt sich heraus, dass dafür eine der berüchtigten Sondereinheiten der Polizei verantwortlich ist, die in einem diffusen Graubereich und teilweise mit Verwicklungen ins organisierte Verbrechen jenseits der Legalität operieren. Sie verstehen sich selbst als Elite innerhalb des Polizeiapparats und treten mit dem Anspruch auf, dass nur sie für Recht und Ordnung sorgen können. Mit diesem schwierigen Phänomen, das sich angesichts der Gewalt der Drogenmafia und Bandenkriegen auf offene oder zumindest heimliche Sympathie in Teilen der Bevölkerung stützen kann, setzte sich bereits der Sieger des Goldenen Bären der Berlinale 2008 auseinander: Tropa de Elite von José Padilha.
An Atos dos homens ist zu kritisieren, dass er sehr lange braucht, um einen Rhythmus zu finden. Die stärksten Szenen sind gegen Ende, als Vertreter des Polizeiapparats über das Massaker und ihre Sicht auf die Gesellschaft sprechen: Sehr aufschlussreich und oft entlarvend.
Weitere Informationen zum Programm
Die beiden Eröffnungsfilme machen die prekäre Gewaltspirale in einigen Gesellschaften Lateinamerikas sehr plastisch deutlich: Eine überforderte Justiz, Korruption, krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich und ein schwer durchschaubares Gewirr von Banden und parastaatlichen Organisationen sorgen für eine sehr brisante Gemengelage.
Besonders mitreißend schildert Rodrigo Plá die Eskalation der Gewalt in Mexiko - City in seinem Spielfilm La Zona. In der gleichnamigen Gated Community schotten sich wohlhabende Kreise vor dem Rest der Megacity ab: Das Villenviertel wird zum Hochsicherheitstrakt mit eigenem Wachpersonal. Vor allem in brasilianischen Städten ist diese Tendenz deutlich wahrzunehmen.
Als eine Gruppe von Teenagern nach einem Unwetter durch ein Loch im Zaun schlüpft und in eine Villa einbricht, eskaliert die Gewalt: Die alte Dame, ein Wachmann und zwei der Einbrecher kommen bei dem Überfall und der anschließenden Schießerei ums Leben.
Das schwerreiche Establishment hat jedes Vertrauen zur Außenwelt verloren und versucht, die Vorfälle vor der Polizei zu verheimlichen. Stattdessen schreiten sie zur Selbstjustiz und suchen nach dem einzigen Überlebenden der jugendlichen Clique.
Der Film zieht die Zuschauer in seinen Bann, da ein Polizist die vertuschten Todesfälle wittert und zahlreiche Indizien sammelt. Auf sehr einfühlsame Weise wird seine Ermittlungsarbeit gegen den Widerstand der Bewohner von La Zona und einige seiner Vorgesetzten, die am liebsten alles unter den Teppich kehren möchten, nachgezeichnet. Am interessantesten an dem Film sind zum einen die Interaktionen innerhalb der Millionärs -Nachbarschaft, wo Zweifel wachsen, Abweichler ausgegrenzt werden und die Paranoia um sich greift. Zum anderen die Einblicke in einen korrupten Polizeiapparat, dessen Spitze lieber einen Deal mit den Bewohnern schließt, als für rechtsstaatliche Verfahren zu sorgen. Einige müssen einen hohen Preis dafür zahlen.
Thematisch ebenso brisant, aber stilistisch weniger gelungen ist der Dokumentarfilm Atos dos homens von Kiko Goifman. Dem Film merkt man das sehr karge Budget und seinen Work - in - Progress - Charakter deutlich an. In seinem Zentrum steht ein Massaker in Baixada Fluminense, einem Vorort von Rio de Janeiro, im März 2005. Nach und nach stellt sich heraus, dass dafür eine der berüchtigten Sondereinheiten der Polizei verantwortlich ist, die in einem diffusen Graubereich und teilweise mit Verwicklungen ins organisierte Verbrechen jenseits der Legalität operieren. Sie verstehen sich selbst als Elite innerhalb des Polizeiapparats und treten mit dem Anspruch auf, dass nur sie für Recht und Ordnung sorgen können. Mit diesem schwierigen Phänomen, das sich angesichts der Gewalt der Drogenmafia und Bandenkriegen auf offene oder zumindest heimliche Sympathie in Teilen der Bevölkerung stützen kann, setzte sich bereits der Sieger des Goldenen Bären der Berlinale 2008 auseinander: Tropa de Elite von José Padilha.
An Atos dos homens ist zu kritisieren, dass er sehr lange braucht, um einen Rhythmus zu finden. Die stärksten Szenen sind gegen Ende, als Vertreter des Polizeiapparats über das Massaker und ihre Sicht auf die Gesellschaft sprechen: Sehr aufschlussreich und oft entlarvend.
Weitere Informationen zum Programm
Geschrieben am 13.03.2009 um 16:18 von Konrad Kögler
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Berlinale feiert 2010 den 60. Geburtstag
Nach dem erfolgreichen Abschluss des diesjährigen Festivals gibt es für die Internationalen Filmfestspiele Berlin im kommenden Jahr ein besonderes Ereignis zu feiern: Die Berlinale wird 60!
Die 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 11. bis 21. Februar 2010 statt.
Die 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 11. bis 21. Februar 2010 statt.
Berlinale 2009: Das Abschlusswochenende
Deutschland 09: Kurzfilme 13 bekannter Regisseure
Als eine der letzten Premieren im Berlinale - Palast lief die Gemeinschaftsproduktion Deutschland 09: auf Anregung von NDR und arte produzierten 13 namhafte deutsche Regisseure von Fatih Akin über Tom Tykwer bis hin zu Vertretern der Berliner Schule wie Angela Schanelec oder Christoph Hochhäusler kurze Filme über die Lage der Nation.
Das große Vorbild dieses Werks ist der legendäre Film Deutschland im Herbst, eine auch heute noch hochinteressante Reflexion der großen Regisseure jener Jahre wie Fassbinder und Schlöndorff über den RAF - Terror und das gesellschaftliche Klima 1977/78.
Der neue Film Deutschland 09 ist demgegenüber wesentlich weniger stringent: Sehr verschiedene Handschriften und Blickwinkel ergeben ein buntes Potpourri, das nie langweilig wird, aber etwas sprunghaft ist.
Am Politischsten sind die Beiträge von Fatih Akin und Hans Weingartner: Akin verfilmte das Interview des in Bremen aufgewachsenen Ex - Guantánamo - Häftlings Murat Kurnaz, das er der SZ gab. Darin macht der junge Mann den SPD - Politikern Schily und vor allem Steinmeier sehr harte Vorwürfe, dass sie sich zu wenig für seine Freilassung eingesetzt haben.
Hans Weingartner widmet sich in Der Gefährder dem dramatischen Fall des Soziologen Andrej Holm, der unter dem Verdacht, in Verbindung mit einer linksradikalen Gruppe zu stehen, monatelang überwacht und später verhaftet wurde. Der Fall schlug sehr hohe Wellen, da der Bundesgerichtshof den Sicherheitsbehörden vorwarf, eklatante Fehler begangen zu haben und keine ausreichenden Verdachtsmomente vorlegen zu können. Mit diesem Film warnt Weingartner sehr drastisch vor der Einschränkung von Bürgerrechten und präventiven Verhaftungen.
Der beste und witzigste Film von Deutschland 09 ist Hans Steinbichlers Fraktur: Ein reicher, konservativer Unternehmer ist stocksauer, als die FAZ ihr verstaubtes Layout relauncht: Auf der Titelseite tauchten plötzlich bunte Bilder auf, die geliebte Frakturschrift über den Leitartikeln wurde entsorgt. In seiner Wut lässt er von seinen Angestellten alle Exemplare der Zeitung aufkaufen und vor dem Verlagsgebäude verbrennen, bis er zum finalen Amoklauf ansetzt.
Satirisch und mit Hang zur Groteske arbeiten auch Wolfgang Becker in Krankes Haus und Dani Levy in Joshua, der als Schlusspointe seines phantasievollen Kurzfilms eine depressive Kanzlerin beim Therapeuten zeigt.
Trotz einiger schwächerer Beiträge wie Erster Tag und Feierlich reist ist die Kompilation der Filme insgesamt gelungen und anregend. Am 26. März wird sie bundesweit in den Kinos starten.
Sólo quiero caminar: Rasanter mexikanisch-spanischer Gangsterfilm
Agustín Dáz Yanes Film Sólo quiero caminar/Just walking merkt man sehr deutlich den Geist seines Lehrmeisters an: Der spanische Regisseur war lange Zeit Assistent von Pedro Almodóvar und setzt auf ebenso schrille Charaktere, skurrile Dialoge und vor allem starke Frauen.
Die vier Komplizinnen Gloria, Aurora, Paloma und Ana spezialisieren sich auf Raubüberfälle und legen sich dabei mit einem mexikanischen Drogenkartell an. Der Film lebt von seiner hervorragenden Besetzung, allen voran Latino - Star Diego Luna als Mafioso Gabriel. Er hat den Film auch zusammen mit seinem prominenten Freund Gael García Bernal produziert.
Die rasanten Schnitte und die schwungvolle Handlung bieten gute Unterhaltung. Gegen Ende zeigt das Drehbuch jedoch einige Schwächen auf, die bei Almodóvar so nicht passiert wären: Einige Passagen sind noch zu holprig und nicht alle Wendungen schlüssig.
Krieg der Welten - Das nächste Jahrhundert: Polnische Parabel aus der Zeit des Kriegsrechts
Piotr Szulkins Film Wojna swiatów/Krieg der Welten - das nächste Jahrhundert hatte keine Chancen, die Zensur zu passieren. Er wurde im Dezember 1981 sofort nach seiner Fertigstellung verboten: Die Eisen, die der Regisseur anpackte waren viel zu heiß. Außerdem hatte General Jaruzelski gerade das Kriegsrecht verhängt und Lech Walesas Solidarnosc verboten.
In der Parabel, die auf der Berlinale erstmals in Deutschland gezeigt wurde, landen Marsmenschen auf der Erde und errichten eine Bürokratie, deren Anspielungen auf den real existierenden Sozialismus überdeutlich sind. Der TV - Moderator Iron Idem muss sich entscheiden, wie stark er sich den neuen Machthabern anpasst, als er gedrängt wird, sich mit einer Ohrmarke zur "Völkerfreundschaft" mit den extraterrestrischen Besuchern zu bekennen.
Der Film besticht durch seinen großen Mut, die Verhältnisse in Form einer Science - Fiction - Parabel so ungeschminkt zu kritisieren. Außerdem beeindruckt auch seine düstere Filmsprache, die ohne großes Budget eine faszinierende Anti - Utopie eines totalitären Staates zeichnet.
Eine Wiederentdeckung eines wichtigen Films, der leider zu lange in den Schubladen vergraben war!
Als eine der letzten Premieren im Berlinale - Palast lief die Gemeinschaftsproduktion Deutschland 09: auf Anregung von NDR und arte produzierten 13 namhafte deutsche Regisseure von Fatih Akin über Tom Tykwer bis hin zu Vertretern der Berliner Schule wie Angela Schanelec oder Christoph Hochhäusler kurze Filme über die Lage der Nation.
Das große Vorbild dieses Werks ist der legendäre Film Deutschland im Herbst, eine auch heute noch hochinteressante Reflexion der großen Regisseure jener Jahre wie Fassbinder und Schlöndorff über den RAF - Terror und das gesellschaftliche Klima 1977/78.
Der neue Film Deutschland 09 ist demgegenüber wesentlich weniger stringent: Sehr verschiedene Handschriften und Blickwinkel ergeben ein buntes Potpourri, das nie langweilig wird, aber etwas sprunghaft ist.
Am Politischsten sind die Beiträge von Fatih Akin und Hans Weingartner: Akin verfilmte das Interview des in Bremen aufgewachsenen Ex - Guantánamo - Häftlings Murat Kurnaz, das er der SZ gab. Darin macht der junge Mann den SPD - Politikern Schily und vor allem Steinmeier sehr harte Vorwürfe, dass sie sich zu wenig für seine Freilassung eingesetzt haben.
Hans Weingartner widmet sich in Der Gefährder dem dramatischen Fall des Soziologen Andrej Holm, der unter dem Verdacht, in Verbindung mit einer linksradikalen Gruppe zu stehen, monatelang überwacht und später verhaftet wurde. Der Fall schlug sehr hohe Wellen, da der Bundesgerichtshof den Sicherheitsbehörden vorwarf, eklatante Fehler begangen zu haben und keine ausreichenden Verdachtsmomente vorlegen zu können. Mit diesem Film warnt Weingartner sehr drastisch vor der Einschränkung von Bürgerrechten und präventiven Verhaftungen.
Der beste und witzigste Film von Deutschland 09 ist Hans Steinbichlers Fraktur: Ein reicher, konservativer Unternehmer ist stocksauer, als die FAZ ihr verstaubtes Layout relauncht: Auf der Titelseite tauchten plötzlich bunte Bilder auf, die geliebte Frakturschrift über den Leitartikeln wurde entsorgt. In seiner Wut lässt er von seinen Angestellten alle Exemplare der Zeitung aufkaufen und vor dem Verlagsgebäude verbrennen, bis er zum finalen Amoklauf ansetzt.
Satirisch und mit Hang zur Groteske arbeiten auch Wolfgang Becker in Krankes Haus und Dani Levy in Joshua, der als Schlusspointe seines phantasievollen Kurzfilms eine depressive Kanzlerin beim Therapeuten zeigt.
Trotz einiger schwächerer Beiträge wie Erster Tag und Feierlich reist ist die Kompilation der Filme insgesamt gelungen und anregend. Am 26. März wird sie bundesweit in den Kinos starten.
Sólo quiero caminar: Rasanter mexikanisch-spanischer Gangsterfilm
Agustín Dáz Yanes Film Sólo quiero caminar/Just walking merkt man sehr deutlich den Geist seines Lehrmeisters an: Der spanische Regisseur war lange Zeit Assistent von Pedro Almodóvar und setzt auf ebenso schrille Charaktere, skurrile Dialoge und vor allem starke Frauen.
Die vier Komplizinnen Gloria, Aurora, Paloma und Ana spezialisieren sich auf Raubüberfälle und legen sich dabei mit einem mexikanischen Drogenkartell an. Der Film lebt von seiner hervorragenden Besetzung, allen voran Latino - Star Diego Luna als Mafioso Gabriel. Er hat den Film auch zusammen mit seinem prominenten Freund Gael García Bernal produziert.
Die rasanten Schnitte und die schwungvolle Handlung bieten gute Unterhaltung. Gegen Ende zeigt das Drehbuch jedoch einige Schwächen auf, die bei Almodóvar so nicht passiert wären: Einige Passagen sind noch zu holprig und nicht alle Wendungen schlüssig.
Krieg der Welten - Das nächste Jahrhundert: Polnische Parabel aus der Zeit des Kriegsrechts
Piotr Szulkins Film Wojna swiatów/Krieg der Welten - das nächste Jahrhundert hatte keine Chancen, die Zensur zu passieren. Er wurde im Dezember 1981 sofort nach seiner Fertigstellung verboten: Die Eisen, die der Regisseur anpackte waren viel zu heiß. Außerdem hatte General Jaruzelski gerade das Kriegsrecht verhängt und Lech Walesas Solidarnosc verboten.
In der Parabel, die auf der Berlinale erstmals in Deutschland gezeigt wurde, landen Marsmenschen auf der Erde und errichten eine Bürokratie, deren Anspielungen auf den real existierenden Sozialismus überdeutlich sind. Der TV - Moderator Iron Idem muss sich entscheiden, wie stark er sich den neuen Machthabern anpasst, als er gedrängt wird, sich mit einer Ohrmarke zur "Völkerfreundschaft" mit den extraterrestrischen Besuchern zu bekennen.
Der Film besticht durch seinen großen Mut, die Verhältnisse in Form einer Science - Fiction - Parabel so ungeschminkt zu kritisieren. Außerdem beeindruckt auch seine düstere Filmsprache, die ohne großes Budget eine faszinierende Anti - Utopie eines totalitären Staates zeichnet.
Eine Wiederentdeckung eines wichtigen Films, der leider zu lange in den Schubladen vergraben war!
Berlinale 2009: Publikumsfavoriten The Yes Men
Die Bären werden erst heute Abend vergeben. Das Publikum hat seinen Favoriten aber bereits gewählt:
The Yes Men fix the world wird am 15.2. um 17 Uhr im Cinemaxx mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichhnet, der gemeinsam von der Panorama - Sektion, radio eins und tip ausgelobt wird.
Dieser gelungene Dokumentarfilm über die kreativen Auftritte dieser Polit - Aktivisten ist ein würdiger Preisträger und einer der besten Filme des Jahres 2009, der mit dem Rückenwind dieser wichtigen Auszeichnung hoffentlich bald in die Kinos kommt und mit seinen wichtigen Themen ein breites Publikum erreicht.
Die Filmkritik vom zweiten Festivaltag zu The Yes Men fix the world
The Yes Men fix the world wird am 15.2. um 17 Uhr im Cinemaxx mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichhnet, der gemeinsam von der Panorama - Sektion, radio eins und tip ausgelobt wird.
Dieser gelungene Dokumentarfilm über die kreativen Auftritte dieser Polit - Aktivisten ist ein würdiger Preisträger und einer der besten Filme des Jahres 2009, der mit dem Rückenwind dieser wichtigen Auszeichnung hoffentlich bald in die Kinos kommt und mit seinen wichtigen Themen ein breites Publikum erreicht.
Die Filmkritik vom zweiten Festivaltag zu The Yes Men fix the world
Berlinale 2009: HIV in Dokusoap und Drogenmafia in der Perestroika - Ära am neunten Festivaltag

Pedro Zamora beherrschte 1994 die Schlagzeilen in den USA: Der 22jährige Latino war einer der ersten Insassen der MTV - Show The Real World: San Francisco, einem Vorläufer des Big Brother - Containers.
Der sympathische junge Exilkubaner beschäftigte die großen Fernsehstationen und Magazine, weil er der AIDS - Krankheit ein neues Gesicht gab. HIV - Infektionen schienen für den Durchschnittsamerikaner bis dahin vor allem ein Problem Drogenabhängiger, promiskuitiver Homosexueller und exzentrischer Promis zu sein.
Da Pedro, der nette Junge von nebenan, in der Sendung so offen mit seiner Erkrankung umging und sich vor allem nicht von dem Mobbing eines anderen Teilnehmers unterkriegen ließ, gewann er die Sympathien. Sein Engagement für bessere HIV - Prävention würdigte selbst Präsident Clinton in einer Rede vor dem Kongress.
Nick Oceanos Erstlingsfilm ist eine Hommage an seine Hauptfigur Pedro, der noch im selben Jahr kurz nach Ende der Fernsehshow an den Komplikationen seiner Krankheit starb. Teilweise gerät der Regisseur in die Gefahr, zu sehr ins Pathos abzugleiten. Deshalb wäre eine Dokumentation wohl das geeignetere Format für sein Anliegen gewesen.
Der Film überzeugt künstlerisch nur teilweise, aber demonstriert erneut das gesellschaftspolitische Engagement der Berlinale - Programmkommissionen, die gerade in Zeiten steigender Neuinfektionen mit mehreren Filmen über AIDS diese tückische Krankheit ins Gedächtnis rufen.
Igla: DER Kultfilm der Perestroika - Ära
Genau 20 Jahre nach seiner internationalen Premiere kehrte Raschid Nugmanow mit seinem Sensations - Erfolg nach Berlin zurück.

Im sehr informativen Publikumsgespräch erklärte Nugmanow, dass der Film noch zwei Jahre zuvor niemals die Zensur passiert hätte und wahrscheinlich stark verstümmelt in den Regalen vergammelt wäre. Er nutzte die Gunst des Augenblicks und überrumpelte die völlig verunsicherte Kultur - Bürokratie mit einem experimentellen Film noir, in dem er statt der üblichen Profis kurzerhand befreundete Rockmusiker aus der aufkeimenden Subkultur jener Jahre als Schauspieler verpflichtete.
Heraus kam ein atemloser Krimi, der nichts mehr mit dem sozialistischen Realismus gemein hat, und demnächst vom Regisseur in einer Remix - Fassung neu herausgebracht wird. Der Student Momo kehrt in seine Heimatstadt zurück und muss erkennen, dass eine frühere Freundin zum Junkie geworden ist und von einem dubiosen Arzt und der Drogenmafia in Abhängigkeit gehalten wird. Der Film zeigt Momos Kampf gegen diese kriminellen Strukturen, die nach offizieller Lesart gar nicht existieren, in beeindruckender Kompromisslosigkeit.
Leider hat Nugmanow nach dem frühen Erfolg bisher kaum noch Filme gedreht. Er war zu sehr damit beschäftigt, sich in die kasachische und russische Politik einzumischen und vor allem gegen die Rückkehr autoritärer Strukturen zu kämpfen.
Aus den Verhaftungen und Morden an mehreren Freunden zog er nun die Konsequenz, sich wieder mehr auf die Regiearbeit zurückzuziehen und die Verhältnisse durch seine künstlerische Arbeit zu beeinflussen.
Berlinale 2009: Kriegsverbrechertribunale und epischer Kampf gegen das Böse am siebten Festivaltag

Der Kanadier Christophe Gargot dokumentiert in D´Arusha à Arusha die Zeugenaussagen vor dem UN - Sondertribunal, das die Kriegsverbrechen in Ruanda verhandelt. Zwischen das juristische Ping-Pong von Richtern, Staatsanwälten, Verteidigern und Zeugen flicht der Regisseur immer wieder Archivaufnahmen von 1994, dem Jahr des Genozids, ein.
Aus der Montage der Szenen ist eine deutliche Skepsis zu spüren, ob die Strafverfahren in ihrer Schwerfälligkeit ein geeignetes Instrument zur Aufarbeitung der Massaker sein können. Der Regisseur verzichtet jedoch auf jeglichen eigenen Kommentar.
Wer sich für das Völkerrecht und die juristischen Feinheiten der Prozesse interessiert, wird hier sehr viel über die Prozesse in Arusha erfahren, die in der deutschen Öffentlichkeit viel weniger beachtet wurden als die parallelen Verhandlungen in Den Haag zu den Balkankriegen. Die Details sind auf die Dauer aber auch etwas ermüdend für Leute, die nicht so tief in die Materie einsteigen wollen.
Rabioso sol, rabioso cielo: Epos über die bedingungslose Liebe
Der Mexikaner Julián Hernández ist einer der Berlinale - Stammgäste. Mit Rabioso sol, rabioso cielo wurde auch sein dritter Spielfilm zum Festival eingeladen.

Hernández geht es in diesem neuen Werk darum, die Stärke einer bedingungslosen Liebe darzustellen. Sie ist seiner Meinung nach aber nur durch Opfer und Leid zu gewinnen. Er verknüpft Motive des sumerischen Gilgamesch - Epos und der lateinamerikanischen Mythologie zu einem Kampf des Liebespaares Kieri und Ryo gegen das Böse, das von Tari verkörpert wird.
Über weite Strecken verzichtet der Film auf Farben. Erst als sich die Liebe durchzusetzen beginnt, wird die Leinwand bunter.
Da dieser Film in seiner Ästhetik und in den zugrunde liegenden Ideen so weit von den üblichen Sehgewohnheiten weg ist, spaltet er das Publikum, so dass sich der Saal bis zum Ende fast zur Hälfte leert.
Berlinale 2009: Orientierungslosigkeit, Messianismus und baskisches Qualitätskinound am siebten Festivaltag
Wir sind schon mittendrin: Was verbindet die 30jährigen?
Elmar Szücs stand kurz vor dem 30. Geburtstag und war immer noch mitten im Studium an der Filmakademie. Seinen drei besten Schulkameraden ging es nicht besser: Keiner hatte einen Abschluss. Einer versuchte sich an Biologie, der nächste hatte gerade mit Politikwissenschaft begonnen und der dritte schlug sich mit Unterricht an der Musikschule für Kinder durch, nachdem er an der Uni kein Bein auf den Boden bekommen hatte.
Die jungen Männer stilisieren sich in der Dokumentation Wir sind schon mittendrin zu Repräsentanten einer Generation Undecided . Damit schießen sie aber offensichtlich weit über das Ziel hinaus: Die vier schildern ihre eigene Orientierungslosigkeit und ihre Unfähigkeit, aus der Vielzahl der Möglichkeiten ihren eigenen Lebensstil zu finden. In ihrem unsympathischen Narzissmus und ihrer Trägheit, überhaupt etwas anzupacken, können sie sicher nicht für sich in Anspruch nehmen, für eine ganze Generation zu sprechen.
Stattdessen sind es offensichtlich individuelle Fehler, die dazu führen, dass sie vor sich hin schlingern.
Letters to the President: Der Iran vor der Präsidentenwahl
Die Dokumentation Letters to the President wirft einige Schlaglichter auf die iranische Gesellschaft. Leider fehlen dem Film der rote Faden und vor allem eine Einordnung der Beobachtungen.
Regisseur Petr Lom beschränkt sich darauf, einzelne Phänomene aneinanderzureihen, die mal mehr, mal weniger interessant sind.
Die aufschlussreichsten Passagen sind die Gespräche mit Theologen über die messianische Erwartung der Ankunft des Mahdi, die in Präsident Ahmadinejads Denken und Reden eine zentrale Rolle spielt, sowie die Aufnahmen aus einem Regierungsbüro, das alle Briefe an den Präsidenten beantworten soll.
Ahmadinejad gewann die Wahl 2005 vor allem, da er sich rhetorisch geschickt von den Eliten absetzte und sich - wie auch bei den Kundgebungen im Film - als "Diener des Volkes" inszenierte. Er ruft dazu auf, dass jeder Bürger ihm seine Anliegen in einem persönlichen Brief schreiben kann. Dafür hat er eigens einen Arbeitsstab eingerichtet, der die mehreren Millionen Anfragen pro Jahr beantworten soll: Häufig geht es um die steigenden Preise und um die Bewilligung von Krediten.
Die Momentaufnahmen aus diesem Büro, das in Deutschland kaum bekannt ist, machen den Reiz dieses ansonsten durchschnittlichen Dokumentarfilms aus.
Ander: Entwicklungsdrama aus dem Baskenland
Sehr viel Applaus bekam Roberto Castón für Ander. Mit eindrucksvollen Bildern und ruhiger Dramaturgie zeichnet der Regisseur das Bild einer baskischen Bergbauernfamilie um die Hauptfigur Ander. Die autoritäre Mutter, die alles Fremde ablehnt und kaum Spanisch spricht, steht für ein starres Festhalten an den Traditionen. Bis José, ein junger Peruaner, als Hilfsarbeiter auf den Hof kommt und das gesamte Beziehungsgefüge ins Wanken bringt.
In einer Art baskischem Brokeback Mountain ringt Ander mit sich, wie er künftig leben will. Am Ende des Films findet sich eine überraschende Lösung: Eine sehr ungewöhnliche Konstellation des Zusammenlebens könnte ein Neuanfang sein.
Überraschend stilsicherer Debütfilm, der in Spanien schon deshalb für Aufregung sorgte, weil über weite Strecken Baskisch gesprochen wird.
Elmar Szücs stand kurz vor dem 30. Geburtstag und war immer noch mitten im Studium an der Filmakademie. Seinen drei besten Schulkameraden ging es nicht besser: Keiner hatte einen Abschluss. Einer versuchte sich an Biologie, der nächste hatte gerade mit Politikwissenschaft begonnen und der dritte schlug sich mit Unterricht an der Musikschule für Kinder durch, nachdem er an der Uni kein Bein auf den Boden bekommen hatte.
Die jungen Männer stilisieren sich in der Dokumentation Wir sind schon mittendrin zu Repräsentanten einer Generation Undecided . Damit schießen sie aber offensichtlich weit über das Ziel hinaus: Die vier schildern ihre eigene Orientierungslosigkeit und ihre Unfähigkeit, aus der Vielzahl der Möglichkeiten ihren eigenen Lebensstil zu finden. In ihrem unsympathischen Narzissmus und ihrer Trägheit, überhaupt etwas anzupacken, können sie sicher nicht für sich in Anspruch nehmen, für eine ganze Generation zu sprechen.
Stattdessen sind es offensichtlich individuelle Fehler, die dazu führen, dass sie vor sich hin schlingern.

Die Dokumentation Letters to the President wirft einige Schlaglichter auf die iranische Gesellschaft. Leider fehlen dem Film der rote Faden und vor allem eine Einordnung der Beobachtungen.
Regisseur Petr Lom beschränkt sich darauf, einzelne Phänomene aneinanderzureihen, die mal mehr, mal weniger interessant sind.
Die aufschlussreichsten Passagen sind die Gespräche mit Theologen über die messianische Erwartung der Ankunft des Mahdi, die in Präsident Ahmadinejads Denken und Reden eine zentrale Rolle spielt, sowie die Aufnahmen aus einem Regierungsbüro, das alle Briefe an den Präsidenten beantworten soll.
Ahmadinejad gewann die Wahl 2005 vor allem, da er sich rhetorisch geschickt von den Eliten absetzte und sich - wie auch bei den Kundgebungen im Film - als "Diener des Volkes" inszenierte. Er ruft dazu auf, dass jeder Bürger ihm seine Anliegen in einem persönlichen Brief schreiben kann. Dafür hat er eigens einen Arbeitsstab eingerichtet, der die mehreren Millionen Anfragen pro Jahr beantworten soll: Häufig geht es um die steigenden Preise und um die Bewilligung von Krediten.
Die Momentaufnahmen aus diesem Büro, das in Deutschland kaum bekannt ist, machen den Reiz dieses ansonsten durchschnittlichen Dokumentarfilms aus.

Sehr viel Applaus bekam Roberto Castón für Ander. Mit eindrucksvollen Bildern und ruhiger Dramaturgie zeichnet der Regisseur das Bild einer baskischen Bergbauernfamilie um die Hauptfigur Ander. Die autoritäre Mutter, die alles Fremde ablehnt und kaum Spanisch spricht, steht für ein starres Festhalten an den Traditionen. Bis José, ein junger Peruaner, als Hilfsarbeiter auf den Hof kommt und das gesamte Beziehungsgefüge ins Wanken bringt.
In einer Art baskischem Brokeback Mountain ringt Ander mit sich, wie er künftig leben will. Am Ende des Films findet sich eine überraschende Lösung: Eine sehr ungewöhnliche Konstellation des Zusammenlebens könnte ein Neuanfang sein.
Überraschend stilsicherer Debütfilm, der in Spanien schon deshalb für Aufregung sorgte, weil über weite Strecken Baskisch gesprochen wird.
Berlinale 2009: Libanesische Bergdörfer, Oscarfavoriten und Rachemorde am sechsten Festivaltag

Die Presseinformationen zu Simon El Habres The One Man Village klingen viel versprechend: Seine Dokumentation porträtiert den einzigen Bewohner eines vom Bürgerkrieg verwüsteten libanesischen Bergdorfes.
Wer hoffte, mehr Klarheit über die seit Jahren schwelende Dauerkrise zwischen den verschiedenen Religions- und Bevölkerungsgruppen in diesem Schlüsselstaat für den Nahostkonflikt zu bekommen, wird leider enttäuscht.
Der Film bleibt doch allzu sehr auf die private Existenz seiner Hauptfigur fokussiert. In langen Einstellungen folgt der Regisseur seinem Onkel Semaan beim Melken oder beim Kaffeekochen.
Zwischendurch treten immer wieder ehemalige Bewohner des Dorfes auf, die bei seiner Zerstörung 1982 geflüchtet sind. Auch in diesen Interviews wird der politische Kontext des libanesischen Bürgerkrieges und die Rolle der Nachbarstaaten wie Israel und Syrien nur schemenhaft angedeutet.
Sobald der Regisseur nach den Ursachen der Spannungen fragt und warum gerade dieses Dorf so stark getroffen wurde, weichen seine Gesprächspartner, häufig ebenfalls Mitglieder seiner Großfamilie, aus.
So bleibt das Ergebnis zwangsläufig hinter den Erwartungen zurück. Für die mageren politischen Erkenntnisse wird man lediglich durch schöne Landschaftsaufnahmen besonders in der kurvenreichen Kamerafahrt am Schluss und vereinzelte amüsante Statements entschädigt.

Gus van Sant begann seine Karriere mit dem Independentfilm Mala noche: verwaschene Schwarz – weiß – Bilder, karge Dialoge, ein fordernder Film für ein Nischenpublikum. Die Aufführung auf der Berlinale 1985 war die erste Stufe seiner erfolgreichen Karriere, die ihn mittlerweile bis zum großen Oscar – Favoriten führt.
Sein neuester Film Milk wurde heute als Gala – Premiere aufgeführt, startet kommende Woche bundesweit in den Kinos und ist bei der Oscar – Verleihung in acht Kategorien nominiert.
Dementsprechend hat die Ästhetik nichts mehr mit dem Frühwerk zu tun, schlug an einer Stelle aber allzu sehr in ihr Gegenteil um: Der Klangteppich von Danny Elfman ist der charakteristische schwülstige Brei, mit dem dieser Komponist auch sonst die Filmhandlung überdeckt.
Das ist in dem Fall besonders schade, denn die hat es in sich: Im Zentrum steht die Biographie von Harvey Milk, der als erster offen homosexueller US - Politiker Stadtrat in San Francisco wurde. Das Drehbuch zeichnet mit viel Liebe zum Detail die politischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre nach: Minderheiten fordern ihre Rechte ein, Milk schließt strategische Bündnisse und ist einer der führenden Köpfe der neuen sozialen Bewegungen.
Dokumentarisches Archivmaterial wird sinnvoll eingesetzt und lässt die Emotionalität der Debatten nachvollziehbar werden. Dem Film und seinem Hauptdarsteller Sean Penn gelingen ein insgesamt überzeugendes Porträt von Harvey Milk als politischer Person mit all seinen Erfolgen und als Privatmann, dessen Beziehungen fast tragisch scheitern. Bis hin zum tödlichen Ende durch ein Attentat von Dan White, dessen Motiv für die Schüsse auf den ehemaligen Bündnispartner und späteren Rivalen auch dieser Film nicht völlig schlüssig erklären kann.

Miguel wird vom Vater und Bruder seiner Verlobten gezwungen, nach Rio de Janeiro aufzubrechen und den Vergewaltiger seiner Freundin umzubringen. Nach dem archaischen "Auge um Auge" - Prinzip kann nur so die Familienehre wiederhergestellt werden.
Der junge Mann aus der Provinz fühlt sich in der Partymetropole völlig fremd und gerät in zwei schwerwiegende Dilemmata: Er fühlt sich zwischen den völlig verschiedenen Wertvorstellungen und Lebensstilen innerhalb Brasiliens hin und hergerissen. Außerdem flirtet er heftig mit der Schwester des Täters. Das ruft sofort den Vater und Bruder seiner Verlobten auf den Plan, die ihm seine Pflicht zur Rache nachdrücklich klarmachen.
Dieser Low - Budget - Debütfilm Vinganca zeichnet die Gefühle der Beteiligten recht plastisch nach, hätte aber an manchen Stellen noch einer präziseren Bearbeitung bedurft.
Berlinale 2009: Schwarzer Humor aus Österreich und Avantgardistisches zum Thema HIV am fünften Festivaltag

Jetzt ist schon wieder was passiert
Mit diesem lakonisch hingemurmelten Satz Josef Haders beginnt traditionell jede Verfilmung der Brenner - Romane des Bestseller - Autors Wolf Haas. Das Publikum kann sich auf zwei vergnügliche Stunden freuen, da diese Serie anspruchsvolle Unterhaltung, bitterbösen Humor und nicht zuletzt eine spannende Krimihandlung garantiert.
Das eingespielte Trio Wolf Haas (Autor von Romanvorlage und Drehbuch)/ Wolfgang Murnberger (Regisseur)/ Josef Hader (Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor) sorgte bereits mit den ersten beiden Teilen Komm, süsser Tod! (2000) und Silentium als einem der Publikumsrenner der Berlinale 2005 für hochkarätige Filmkunst made in Austria.

Der Plot dieses Films ist wie gewohnt eine zunächst harmlos scheinende Angelegenheit, in die Brenner arglos hineinschlittert, bis er in der steiermärkischen Provinz in menschliche Abgründe schaut. Diesmal verstrickt er sich in einen undurchsichtigen Familienzwist in einem Landgasthof mit obskuren Verbindungen in das Rotlicht - Milieu Bratislavas.
Neben den vielen pointierten Dialogen bildet vor allem ein Maskenball den furiosen Höhepunkt dieses Films. Ab dem 19.2. wird er auch bundesweit in den Kinos starten.

Dieser äußerst avantgardistische und vor Anspielungen überquellende Film hat einen hochbrisanten politischen Kern: Er stellt das Engagement von HIV - Positiven vor, die von ihren Regierungen politische Aktionspläne für mehr Aufklärung und bessere Medikamente einfordern. In den vergangenen Jahren standen vor allem der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki und seine Gesundheitsministerin im Kreuzfeuer der Kritik, die alle Sorgen vor der Pandemie herunterspielten und zur Prävention Knoblauch vorschlugen. Eine der Hauptfiguren in Fig Trees ist deshalb Zackie Achmat, der mit seiner Bewegung und der moralischen Autorität Nelson Mandelas beharrlich gegen diese verantwortungslose Politik ankämpfte. Ende 2008 stürzte das unfähige Duo an der Staatsspitze über eine Reihe innerparteilicher Konflikte, so dass der Film sehr hoffnungsvoll mit einem Etappensieg der Basisbewegung endet.
Der Film ist aber Lichtjahre von einer klassischen Dokumentation entfernt, wie sie beispielsweise Greysons kanadischer Landsmann gestern mit L´encerclement präsentierte. Die Dokumentarszenen und kurzen Interviews werden in ein surreales Geflecht von Motiven eingesponnen, in denen ein weißes Eichhörnchen und die Niagara - Fälle eine zentrale Rolle spielen. Vor allem ist der Film aber eine Hommage an die US-amerikanische Dichterin Gertrude Stein, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Paris als Mäzenin kubistische Malerei förderte und auch selbst mit ihren sprachspielerischen, philosophisch angehauchten Gedichten Ruhm erntete.
Die Grundidee des Films ist es, dass Gertrude Stein in der Gegenwart auftaucht und eine Dokumentar - Oper über die Bürgerrechtler im Kampf gegen HIV entwirft: Sie setzt einzelne Wörter, Sätze und Gedanken aus den Reden neu zusammen und komponiert daraus schrille Arien. Vor allem aber bedient sich diese Oper bei bekannten Pop - Songs der vergangenen Dekaden von Michael Jackson bis Bruce Springsteen, die auf sehr komische Weise adaptiert werden.
Der Film polarisiert stark, da er mit den üblichen Sehgewohnheiten bricht und eine eigene Mixtur aus Kunstgenres anstrebt. Ohne sich vorher in die Gedanken des Regisseurs und seiner Ikone Gertrude Stein etwas eingelesen zu haben, könnten sich viele Zuschauer irritiert und abgestoßen fühlen.
Berlinale 2009: Glänzende Schauspieler und Lehrreiches zur politischen Ökonomie am vierten Festivaltag

Die Britin Sally Potter arbeitet seit 1969 in der Filmbranche, aber von ihren Werken blieb nur Orlando, eine kongeniale Virginia Woolf - Verfilmung aus dem Jahr 1992, in Erinnerung.
Die heutige Festivalpremiere von Rage hat jedoch das Zeug dazu, die Regisseurin endlich wieder ins Rampenlicht zurückzubringen.
Dafür sprechen die intelligente Grundidee des Films, das gelungene Drehbuch und vor allem die Auftritte so herausragender Meister ihres Fachs wie Judi Dench und Jude Law.
In der Tragikomödie Rage geht es um einen Schüler namens Michelangelo, der mit seiner Handykamera hinter die Kulissen einer großen New Yorker Modeschau blickt. Er befragt neugierig zwölf Personen aus diesem Business vom Pizzalieferanten über die narzisstische Diva bis zum Konzernchef.
In gekonnter Montagetechnik entstehen interessante Porträts schillernder Charaktere: der Pizzaliefereant, der von einem kleinen Bühnenauftritt träumt... der Praktikant, der sich langsam hocharbeitet... der abgebrühte Fotograf, der mit seinen Kriegsstorys prahlt... die zynische Kunstkritikerin (Judi Dench)... Und vor allem das rätselhaft - androgyne Model Minx: Jude Law ist in dieser Rolle kaum wieder zu erkennen, hat aber sichtlich Spaß an der Verwandlung.
Ein unterhaltsamer Film mit großen Stars, der bei der Verleihung der Bären gute Chancen haben dürfte.
L´encerclement: Lehrreiche Interviews zur Theorie und Praxis des Neoliberalismus
Ein ganz anderes Feld beackert der Franko - Kanadier Richard Brouillette in seiner Dokumentation
L´encerclement, an der er 12 Jahre lang arbeitete. In ausführlichen Interviews mit Ökonomen und Sozialwissenschaftlern spürt er den Wurzeln der neoliberalen ökonomischen Theorie nach.

Besonders interessant ist es, die Statements einiger kanadischer ultra - libertärer Denker aus erster Hand zu hören, die so weit gehen, Steuern als Diebstahl des Staates anzuprangern. Auch die Passagen zur Arbeit von IWF und Weltbank versprechen Erkenntnisgewinn.
Der einzige Makel des Films ist, dass er mit fast drei Stunden etwas zu lang geraten ist und ästhetisch mit seiner Schwarz - Weiß - Technik auf dem Stand der 50er Jahre stecken bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass der Film dennoch ein größeres Publikum erreicht, da er gerade in dieser turbulenten ökonomischen Situation sehr viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bietet.
Berlinale 2009: Liebeskummer, Mauerfall und Geiseldrama am dritten Festivaltag
Miao Miao: Junges Kino aus Taiwan
In der Reihe Generation 14 plus, die sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene richtet, präsentierte heute Cheng Hsiao - Tse seine eindrucksvolle Liebesgeschichte Miao Miao. Die Titelheldin, ihre Freundin Ai und der Ladenbesitzer Chen Fei verstricken sich in einer Dreiecks - Konstellation unerwiderter Liebe. Ein gut gemachter Debütfilm, der die Puberträtswirren seiner Figuren sehr einfühlsam beschreibt.
Winter adé: Dokumentarische Reise durch die letzten Monate der DDR
Höhepunkt dieses Berlinale - Samstags war die Eröffnung einer Retrospektive zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Die Deutsche Kinemathek und die Kulturstiftung des Bundes stellten gemeinsam 15 Spiel- und Dokumentarfilme aus der Perestroika - Phase im untergehenden Warschauer Pakt vor.
Besonders eindrucksvoll ist der Eröffnungsfilm dieser Reihe Winter adé, der bei seiner Uraufführung auf der Leipziger Dokumentarfilmwoche 1988 großes Aufsehen erregte. Der Regisseurin Helke Misselwitz, die mittlerweile als Professorin an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen lehrt, gelang auf ihrer Bahnreise von Sachsen an die Ostsee ein sehr interessantes Porträt von Frauen aus allen Schichten der Deutschen Demokratischen Republik.
Der Film überrascht vor allem durch die große Offenheit, mit der die Interview - Partnerinnen über private Sorgen sprechen: Fabrikarbeiterinnen klagen über ihre geringen Löhne, eine Mutter sorgt sich um die Zukunft ihrer geistig behinderten Tochter und kritisiert die ablehnende Haltung ihrer Umgebung, eine 85-Jährige zieht das bittere Fazit, dass sie die Ehe mit ihrem Mann, mit dem sie gerade Diamantene Hochzeit feierte, nur unter dem Druck der Verhältnisse einging und sehr bereut. Bei so viel realistischer Abbildung der Tristesse schrammten einige Passagen nur knapp an der Zensur vorbei.
La journée de la jupe: Eskalation an einer Schule in der Pariser Banlieue
Die bekannte französische Schauspielerin Isabelle Adjani kehrt nach fünf Jahren Pause wieder auf die Leinwand zurück. Sie verkörpert in La journée de la jupe die Lehrerin Sonia Bergerac, die nach vielen Jahren an einer Schule in der Pariser Banlieue mit den Nerven am Ende ist.
Als sie in einer Auseinandersetzung mit dem Schüler Mouss zufällig dessen geladene Pistole in seiner Tasche entdeckt, spitzt sich die Situation zu: Durch unvorhergesehene Ereignisse eskaliert die Situation immer mehr. Ein Schuss löst sich, Sonia gleitet das Heft das Handelns immer weiter aus der Hand, als sie in einer Panikreakton die Schüler als Geiseln nimmt. Das Sondereinsatzkommando der Polizei und die Bildungsministerin rücken an - es kommt, wie es kommen muss.
Der Film ist ein packendes Drama und überzeugt vor allem auch die stilleren Momente. Die Ängste und Interessen aller Beteiligten, vom Einsatzleiter der Polizei über den Schuldirektor und die Kollegen bis zu den Jugendlichen, die sich vor dem Mobbing durch die jungkriminellen Anführer der Gangs fürchten, werden deutlich angesprochen. Eine interessante Vorführung, bei der die Hauptdarstellerin nach einem Unfall am Flughafen leider nicht wie geplant dabei sein konnte.

Winter adé: Dokumentarische Reise durch die letzten Monate der DDR
Höhepunkt dieses Berlinale - Samstags war die Eröffnung einer Retrospektive zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Die Deutsche Kinemathek und die Kulturstiftung des Bundes stellten gemeinsam 15 Spiel- und Dokumentarfilme aus der Perestroika - Phase im untergehenden Warschauer Pakt vor.

Der Film überrascht vor allem durch die große Offenheit, mit der die Interview - Partnerinnen über private Sorgen sprechen: Fabrikarbeiterinnen klagen über ihre geringen Löhne, eine Mutter sorgt sich um die Zukunft ihrer geistig behinderten Tochter und kritisiert die ablehnende Haltung ihrer Umgebung, eine 85-Jährige zieht das bittere Fazit, dass sie die Ehe mit ihrem Mann, mit dem sie gerade Diamantene Hochzeit feierte, nur unter dem Druck der Verhältnisse einging und sehr bereut. Bei so viel realistischer Abbildung der Tristesse schrammten einige Passagen nur knapp an der Zensur vorbei.
La journée de la jupe: Eskalation an einer Schule in der Pariser Banlieue

Als sie in einer Auseinandersetzung mit dem Schüler Mouss zufällig dessen geladene Pistole in seiner Tasche entdeckt, spitzt sich die Situation zu: Durch unvorhergesehene Ereignisse eskaliert die Situation immer mehr. Ein Schuss löst sich, Sonia gleitet das Heft das Handelns immer weiter aus der Hand, als sie in einer Panikreakton die Schüler als Geiseln nimmt. Das Sondereinsatzkommando der Polizei und die Bildungsministerin rücken an - es kommt, wie es kommen muss.
Der Film ist ein packendes Drama und überzeugt vor allem auch die stilleren Momente. Die Ängste und Interessen aller Beteiligten, vom Einsatzleiter der Polizei über den Schuldirektor und die Kollegen bis zu den Jugendlichen, die sich vor dem Mobbing durch die jungkriminellen Anführer der Gangs fürchten, werden deutlich angesprochen. Eine interessante Vorführung, bei der die Hauptdarstellerin nach einem Unfall am Flughafen leider nicht wie geplant dabei sein konnte.
Berlinale 2009: Schnee, Politik und Eifersucht am zweiten Festivaltag
Nord: Skurriles Roadmovie im skandinavischen Schnee
Rune Dengstad Langlos Debüt Nord ist ein unterhaltsamer, schräger, kleiner Film. Er schickt seine Hauptfigur Jomar Henriksen (glaubwürdig gespielt von Anders Baasmo Christiansen) mit einem Schneemobil Richtung Nordkap, wo er seine Frau und sein Kind wiederfinden möchte. Wie er sich auf dem holprigen Gefährt durch die endlosen Weiten quält und welch eigenbrötlerischen Gestalten er dort begegnet, gehört zum Skurrilsten dieses Festivals. Vor allem die Dialoge mit seinen Zufallsbekanntschaften und die zögerliche Art, mit der sie sich dem Fremden langsam öffnen machen den Charme dieses Films aus.
The Yes Men fix the world: Politaktivisten halten den Konzernen den Spiegel vor
Ein besonderes Highlight des Festivals war der Auftritt von Andy Bichlbaum und Mike Bonanno. Als Yes Men sorgen sie in den USA seit Jahren für Furore und bringen so einflussreiche Konzerne wie Dow Chemical, Halliburton und Exxon Mobil immer wieder in Verlegenheit.
In ihrer Dokumentation The Yes Men fix the world geben die Kommunikations - Guerilleros einen tiefen Einblick in ihre Denk- und Arbeitsweise und schildern ihre größten Coups. Dow Chemical stand vor der Weltöffentlichkeit als hartherziger Industriemulti blamiert da, als sich die Yes Men gegenüber der BBC als Pressesprecher des Konzerns ausgaben und die seit langem geforderte Entschädigung für die Opfer des verheerenden Chemie - Unfalls im indischen Bhopal ankündigten: Nach einigen Stunden reagierte das Unternehmen mit einem schmallippigen Dementi. Der Börsenkurs war aber bereits in den Keller gerauscht.
Ein sehr informativer Dokumentarfilm, der den Bekanntheitsgrad der Gruppe auch hierzulande steigern wird. Am Samstag, 7.2., werden die Yes Men ihre Arbeiten ab 20 Uhr im Beta Haus (Prinzessinnenstraße 19-20) vorstellen und bei Videoinstallationen und Musik feiern. Dort werden sie auch weitere Exemplare ihrer mittlerweile berühmten fiktiven Ausgabe der New York Times verteilen, mit der sie einige Tage nach dem Wahlsieg Barack Obamas für weltweite Schlagzeilen sorgten.
El nino pez: Kunstvolles Drama aus Argentinien
Lucía Puenzo: Diesen Namen muss man sich merken. Vergangenes Jahr räumte sie mit ihrem Erstlingswerk
XXY einen der Hauptpreise in Cannes ab. Jetzt wurde sie mit El nino pez (Das Fischkind) im Zoo - Palast gefeiert.
Dieser kunstvoll konstruierte Film entfaltet seine Dramatik auf leisen Sohlen: Lala, die Tochter aus gutbürgerlichem Haus, (Inés Efron) und das Dienstmädchen Guayi (Mariela Vitale) beginnen eine Affäre, klauen sich Schritt für Schritt ein kleines Vermögen zusammen und träumen von einer gemeinsamen Zukunft in Paraguay. Dabei geht so ziemlich alles schief: Eifersucht und der mysteriöse Tod von Lalas Vater bringen das gesamte Beziehungsgeflecht durcheinander.
Der Film zeigt in einfühlsamen Bildern das Ringen der beiden Frauen mit sich, ihrer Umwelt und der Wahrheit. Ganz nebenbei gelingt auch ein Panorama der Schattenseiten der argentinischen Gesellschaft: Korruption in der Justiz wird ebenso angesprochen wie die große Kluft zwischen Arm und Reich.

The Yes Men fix the world: Politaktivisten halten den Konzernen den Spiegel vor
Ein besonderes Highlight des Festivals war der Auftritt von Andy Bichlbaum und Mike Bonanno. Als Yes Men sorgen sie in den USA seit Jahren für Furore und bringen so einflussreiche Konzerne wie Dow Chemical, Halliburton und Exxon Mobil immer wieder in Verlegenheit.

Ein sehr informativer Dokumentarfilm, der den Bekanntheitsgrad der Gruppe auch hierzulande steigern wird. Am Samstag, 7.2., werden die Yes Men ihre Arbeiten ab 20 Uhr im Beta Haus (Prinzessinnenstraße 19-20) vorstellen und bei Videoinstallationen und Musik feiern. Dort werden sie auch weitere Exemplare ihrer mittlerweile berühmten fiktiven Ausgabe der New York Times verteilen, mit der sie einige Tage nach dem Wahlsieg Barack Obamas für weltweite Schlagzeilen sorgten.
El nino pez: Kunstvolles Drama aus Argentinien
Lucía Puenzo: Diesen Namen muss man sich merken. Vergangenes Jahr räumte sie mit ihrem Erstlingswerk
XXY einen der Hauptpreise in Cannes ab. Jetzt wurde sie mit El nino pez (Das Fischkind) im Zoo - Palast gefeiert.

Der Film zeigt in einfühlsamen Bildern das Ringen der beiden Frauen mit sich, ihrer Umwelt und der Wahrheit. Ganz nebenbei gelingt auch ein Panorama der Schattenseiten der argentinischen Gesellschaft: Korruption in der Justiz wird ebenso angesprochen wie die große Kluft zwischen Arm und Reich.
Berlinale 2009: Die Eröffnungsfilme
The International: Politthriller im Bankenmilieu
Die Eröffnungsgala der Berlinale war in den vergangenen Jahren oft ein heikler Termin, da einige Filme wie z.B. Scorseses Dokumentation über die Rolling Stones die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen konnten.
Diesmal bewies das Auswahlgremium um Dieter Kosslick ein besseres Händchen: Mit Tom Tykwers Thriller The International trafen sie voll ins Schwarze des Zeitgeistes. Das derzeit alles beherrschende politische Diskussionsthema, die Krise der Finanzinstitute, steht im Zentrum dieses Films.
Der Interpol - Agent Louis Salinger (Clive Owen) und die New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) sind dubiosen Geschäften eines Global Players auf der Spur, denen sie in einer Tour de Force von Berlin über Mailand und New York bis Istanbul hinterherjagen. Drehbuchautor Eric Warren Singer und Regisseur Tom Tykwer fahren in ihrem fiktiven Fall sehr schwere Geschütze auf und arbeiten sich gleich an einer ganzen Reihe der weltpolitischen Krisenherde ab. Die titelgebende Großbank The International hat über Tarnfirmen ihre schmutzigen Finger in Bürgerkriegen und Rohstoffkonflikten Afrikas im Spiel und rüstet außerdem sowohl Israel als auch viele seiner nahöstlichen Gegenspieler wie Syrien und Iran auf.
Die Stärke des Films ist es, dass die Handlung trotz dieser sehr ambitionierten Konstruktion stringent wirkt. Auch die Mischung aus intensiven Dialogen, in denen die Hintergründe ausgeleuchtet werden, und rasanten Actionszenen ist gelungen. Ein besonderes Highlight ist die Verfolgungsjagd durch die Rotunde des Guggenheim Museums, die eigens in Potsdam - Babelsberg nachgebaut wurde.
So entsteht ein rasanter Politkrimi, der als pessimistischer Kommentar zur Lage der Welt sehr wohl zum Nachdenken anregt und eine gute Balance zwischen Hollywood - Massenwirksamkeit und inhaltlichem Anspruch findet.
Interessant ist, dass der Film etwas quer zum Schwerpunkt der aktuellen Debatten steht: Ökonomen und Politiker arbeiten sich derzeit an den komplexen Mechanismen ab, wie die Finanzinstitute und Börsen durch faule Kredite und deren geschickte Verschleierung in die Schieflage geraten konnten und wie die Branche besser reguliert werden kann. In dem Film geht es aber vor allem um die Verstrickung der Banken in politische Machtkämpfe und ihren Profit aus militärischen Rüstungsspiralen, was heute in den Medien im Vergleich zur Globalisierungsdebatte vor einigen Jahren eher etwas in den Hintergrund gerückt ist.
Love Exposure: Opulentes Drama aus Japan
Sono Sion, das Enfant Terrible des japanischen Kinos, ist regelmäßigen Berlinale - Besuchern ein Begriff: Seine bildgewaltigen Filme, die an die Tabus der fernöstlichen Traditionen rühren und stark von den Mangas, den japanischen Comic - Kunst inspiriert sind, laufen immer wieder in der Festtival - Reihe Forum, die sich experimentellen und jungen Formen öffnet und die ganze Stilvielfalt des internationalen Kinos abbilden möchte.
Love Exposure oder im Originaltitel Ai no mukidashi ist ein knapp vierstündiges Feuerwerk der Ideen, das sich nur schwer beschreiben lässt. Wenn man sich vorstellt, Ingmar Bergmans Dramen über die strenge Erziehung in Pfarrhäusern mit Punk, einem Schuss Klassik und einigen Motiven aus der Comic - Kultur zu mischen, kommt man diesem Film etwas näher.
Der Film verheddert sich manchmal etwas in der Fülle seiner Figuren und Motive von Kindesmissbrauch über die Gehirnwäsche bei Sekten bis zur Liebesgeschichte zwischen Yu und Yoko, aber vor allem im ersten und dritten Viertel besticht er durch Esprit. Für Heiterkeit sorgte vor allem die verzweifelte Suche des anständigen kleinen Jungen nach Sünden, als sein Vater ihn immer nachdrücklicher ermahnt, dass er sein Gewissen nicht gründlich genug erforscht hat, wenn ihm bei der Beichte kaum etwas einfällt.
Ein Filmerlebnis, wie es für Festivals typisch ist. Im Kino an der Ecke hat so ein Film sicher keine Chance.
Human Zoo: Das Kriegstrauma einer Frau aus dem Kosovo
Die Sektion Panorama setzt traditionell auf Independent - Filme mit politischem Anspruch. Zur Eröffnung wurde das Regiedebüt der Dänin Rie Rasmussen gezeigt, die auch das Drehbuch zu Human Zoo schrieb und die Hauptrolle spielt.
Ein sehr brutaler und düsterer Film, der das Schicksal der jungen Frau Adria Shala zeigt: Zur Hälfte Serbin, zur Hälfte Albanerin geriet sie im Kosovo - Krieg zwischen die Fronten, wird vergewaltigt, erlebt harte Jahre als Geliebte eines Ganoven, der mit zwielichtigen Geschäften Kapital aus den Wirren der Balkan - Krise schlägt. Schließlich landet sie in Marseille, jedoch ohne legalen Aufenthaltsstatus. Obwohl sie in einer Affäre mit dem Lebenskünstler Shawn Reagan neue Lebensfreude gewinnt, kann sie doch nicht Fuss fassen und scheitert.
Die Struktur des Films strengt sehr an, da die Handlung sehr häufig zwischen den verschiedenen zeitlichen und örtlichen Ebenen wechselt. Dadurch bekommt der Film nur schwer einen Rhythmus. Die drastischen Gewaltszenen rütteln immer wieder auf.
Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.
Die Eröffnungsgala der Berlinale war in den vergangenen Jahren oft ein heikler Termin, da einige Filme wie z.B. Scorseses Dokumentation über die Rolling Stones die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen konnten.
Diesmal bewies das Auswahlgremium um Dieter Kosslick ein besseres Händchen: Mit Tom Tykwers Thriller The International trafen sie voll ins Schwarze des Zeitgeistes. Das derzeit alles beherrschende politische Diskussionsthema, die Krise der Finanzinstitute, steht im Zentrum dieses Films.
Der Interpol - Agent Louis Salinger (Clive Owen) und die New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) sind dubiosen Geschäften eines Global Players auf der Spur, denen sie in einer Tour de Force von Berlin über Mailand und New York bis Istanbul hinterherjagen. Drehbuchautor Eric Warren Singer und Regisseur Tom Tykwer fahren in ihrem fiktiven Fall sehr schwere Geschütze auf und arbeiten sich gleich an einer ganzen Reihe der weltpolitischen Krisenherde ab. Die titelgebende Großbank The International hat über Tarnfirmen ihre schmutzigen Finger in Bürgerkriegen und Rohstoffkonflikten Afrikas im Spiel und rüstet außerdem sowohl Israel als auch viele seiner nahöstlichen Gegenspieler wie Syrien und Iran auf.
Die Stärke des Films ist es, dass die Handlung trotz dieser sehr ambitionierten Konstruktion stringent wirkt. Auch die Mischung aus intensiven Dialogen, in denen die Hintergründe ausgeleuchtet werden, und rasanten Actionszenen ist gelungen. Ein besonderes Highlight ist die Verfolgungsjagd durch die Rotunde des Guggenheim Museums, die eigens in Potsdam - Babelsberg nachgebaut wurde.
So entsteht ein rasanter Politkrimi, der als pessimistischer Kommentar zur Lage der Welt sehr wohl zum Nachdenken anregt und eine gute Balance zwischen Hollywood - Massenwirksamkeit und inhaltlichem Anspruch findet.
Interessant ist, dass der Film etwas quer zum Schwerpunkt der aktuellen Debatten steht: Ökonomen und Politiker arbeiten sich derzeit an den komplexen Mechanismen ab, wie die Finanzinstitute und Börsen durch faule Kredite und deren geschickte Verschleierung in die Schieflage geraten konnten und wie die Branche besser reguliert werden kann. In dem Film geht es aber vor allem um die Verstrickung der Banken in politische Machtkämpfe und ihren Profit aus militärischen Rüstungsspiralen, was heute in den Medien im Vergleich zur Globalisierungsdebatte vor einigen Jahren eher etwas in den Hintergrund gerückt ist.
Love Exposure: Opulentes Drama aus Japan
Sono Sion, das Enfant Terrible des japanischen Kinos, ist regelmäßigen Berlinale - Besuchern ein Begriff: Seine bildgewaltigen Filme, die an die Tabus der fernöstlichen Traditionen rühren und stark von den Mangas, den japanischen Comic - Kunst inspiriert sind, laufen immer wieder in der Festtival - Reihe Forum, die sich experimentellen und jungen Formen öffnet und die ganze Stilvielfalt des internationalen Kinos abbilden möchte.
Love Exposure oder im Originaltitel Ai no mukidashi ist ein knapp vierstündiges Feuerwerk der Ideen, das sich nur schwer beschreiben lässt. Wenn man sich vorstellt, Ingmar Bergmans Dramen über die strenge Erziehung in Pfarrhäusern mit Punk, einem Schuss Klassik und einigen Motiven aus der Comic - Kultur zu mischen, kommt man diesem Film etwas näher.
Der Film verheddert sich manchmal etwas in der Fülle seiner Figuren und Motive von Kindesmissbrauch über die Gehirnwäsche bei Sekten bis zur Liebesgeschichte zwischen Yu und Yoko, aber vor allem im ersten und dritten Viertel besticht er durch Esprit. Für Heiterkeit sorgte vor allem die verzweifelte Suche des anständigen kleinen Jungen nach Sünden, als sein Vater ihn immer nachdrücklicher ermahnt, dass er sein Gewissen nicht gründlich genug erforscht hat, wenn ihm bei der Beichte kaum etwas einfällt.
Ein Filmerlebnis, wie es für Festivals typisch ist. Im Kino an der Ecke hat so ein Film sicher keine Chance.
Human Zoo: Das Kriegstrauma einer Frau aus dem Kosovo
Die Sektion Panorama setzt traditionell auf Independent - Filme mit politischem Anspruch. Zur Eröffnung wurde das Regiedebüt der Dänin Rie Rasmussen gezeigt, die auch das Drehbuch zu Human Zoo schrieb und die Hauptrolle spielt.
Ein sehr brutaler und düsterer Film, der das Schicksal der jungen Frau Adria Shala zeigt: Zur Hälfte Serbin, zur Hälfte Albanerin geriet sie im Kosovo - Krieg zwischen die Fronten, wird vergewaltigt, erlebt harte Jahre als Geliebte eines Ganoven, der mit zwielichtigen Geschäften Kapital aus den Wirren der Balkan - Krise schlägt. Schließlich landet sie in Marseille, jedoch ohne legalen Aufenthaltsstatus. Obwohl sie in einer Affäre mit dem Lebenskünstler Shawn Reagan neue Lebensfreude gewinnt, kann sie doch nicht Fuss fassen und scheitert.
Die Struktur des Films strengt sehr an, da die Handlung sehr häufig zwischen den verschiedenen zeitlichen und örtlichen Ebenen wechselt. Dadurch bekommt der Film nur schwer einen Rhythmus. Die drastischen Gewaltszenen rütteln immer wieder auf.
Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.
Berlinale 2009: Vorbericht zu den 59. Internationalen Filmfestspielen

Die ganz großen Weltstars vom Rang einer Madonna fehlen zwar dieses Jahr, aber die Liste internationaler Schauspielprominenz lässt sich dennoch sehen: Judi Dench, Jude Law, Gael Garcia Bernal, Naomi Watts, Kate Winslett, Sean Penn und Keanu Reeves werden zu den Gala - Vorstellungen im Berlinale - Palast erwartet.
Außerdem dürfen sich Cineasten auf ein Wiedersehen mit einigen Größen des Autorenkinos freuen: Neben Claude Chabrol, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, stellen auch Andrzej Wajda, Constantin Costa - Gavras und Francois Ozon ihre neuen Werke vor.
Auf /e-politik.de/ werden Sie wieder einen Überblick über die große Bandbreite des Festivals bekommen: Zur Berlinale gehört der vierstündige ambitionierte japanische Kunstfilm ebenso wie der Hollywood - Glamour oder die Abschlussfilme von Studenten der Filmhochschulen.
Ein Schwerpunkt des Programms liegt traditionell auf politischen Dokumentationen und Spielfilmen, die sich mit den Schattenseiten der Realität auseinandersetzen: Von der Ernährungskrise über die Aufarbeitung des Genozids in Ruanda bis zu den Krisen im Nahen und Mittleren Osten wird kaum ein wichtiges Thema ausgelassen. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten und die neoliberalen Globalisierungs - Diskurse werden natürlich eine besondere Rolle spielen und uns schon im Eröffnungsfilm The International beschäftigen.
Zum zwanzigsten Jubiläums des Mauerfalls hat die Deutsche Kinemathek die Sonderreihe Winter adé mit einigen osteuropäischen Filmen aus der Perestroika - Ära zusammengestellt, von denen viele erstmals auf deutschen Leinwänden zu sehen sind.
Die Bildrechte liegen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.
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