Neben
Charlie Chaplins Der große Diktator gibt es eine weitere brillante Abrechnung mit dem Nazi - Regime:
Ernst Lubitsch drehte 1942 in Hollywood die bitterböse Satire
Sein oder Nichtsein, die damals eher zwiespältig aufgenommen wurde, heute aber längst als Filmklassiker etabliert ist.
Viele deutsche Juden erkannten die Gefahr des Naziterrors leider erst sehr spät. Sofern sie es auf oft abenteuerlichen Wegen noch ins Exil schafften, hatten sie es dort schwer, Fuß zu fassen. Sprachliche und kulturelle Barrieren waren zu überwinden. Viele große Künstler und Schriftsteller mussten sich mühsam über Wasser halten. Ganz anders erging es dem Regisseur Ernst Lubitsch: Nach ersten Erfolgen mit Historienfilmen und netten Komödien lockte ihn die damals aufblühende Filmindustrie nach Hollywood. Bereits 1922 nahm er erste Angebote an und konnte sich in den USA fest etablieren. Über die Jahre konnte er internationale Kassenerfolge feiern und seine Kunst intelligenter politischer Komödien so sehr verfeinern, dass sein Name in diesem Genre bis heute Maßstäbe setzt.
Diesen biographischen Hintergrund muss man sich bewusst machen, wenn man sich mit dem Werk auseinandersetzt. Lubitsch fühlt sich den Nazis und ihrem grölenden Auftreten weit überlegen und zeichnet sie in dieser Satire als tumbe Militaristen, die relativ einfach zu übertölpeln sind und nur in Kategorien von Befehl und Gehorsam denken. Beim Filmstart in den USA wenige Monate nach dem
Angriff auf Pearl Harbor und dem Eingreifen in den 2. Weltkrieg stieß dieser Film deshalb teilweise auf Unverständnis: Wie kann man mitten im Krieg eine vergnügliche Satire drehen? Unterschätzt man den Feind nicht mit solchen Charakterisierungen?
Aus heutiger Sicht zeigt sich aber: Dieser Film ist eine gelungene Abrechnung mit dem Regime. Deshalb nahm ihn
die Bundeszentrale für politische Bildung mittlerweile in ihren Kanon auf. In einer wilden Mischung aus Agententhriller, Theaterparodie, Verwechslungskomödie und Ehekrise führt eine Theatergruppe im besetzten Polen die Nazis und den Doppelagenten Professor Silewski an der Nase herum. Zwar stellen sich ihnen durch dumme Zufälle immer neue Hindernisse in den Weg, die sie aber mit Erfindungsgeist und Schauspielkunst souverän meistern.
Die frühere Wirkungsstätte Ernst Lubitschs, das
Deutsche Theater Berlin, wo er zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Jahre als Schauspieler auftrat, brachte diesen Film
nun auf die Bühne. Der Schweizer Gastregisseur
Rafael Sanchez stützte sich dabei auf die Adaption von Nick Whitby, die sich sehr nah am Originaldrehbuch des Films orientierte.
So ist auch dieser Theaterabend von schnellen Szenenwechseln, giftig - funkelnden Pointen und mancher Karikatur auf die Nazis geprägt. Leider treiben der Regisseur und die Darsteller es an einigen Stellen aber einen Tick zu weit. Die gelungene Satire wirkt dann schnell etwas zu überdreht und wenn
Bernd Moss in die Rolle des Schauspielers Josef Tura schlüpft, überschreitet er manchmal den schmalen Grat zur grotesken Überzeichnung. Etwas albern wirkt auch der aufblasbare Gummi - Reichsadler, der über dem Büro des Naziführers Erhard (sehr komisch gespielt von
Jörg Gudzuhn) prangt.
Trotz einiger Ausrutscher entsteht ein unterhaltsamer Theaterabend. Während einige Kritiken nach der Premiere abfällig von Boulevardtheater schrieben, erntete das Stück aus dem Publikum viele Lacher und freundlichen Applaus. Der Inszenierung fehlt sicher der Tiefgang großer Tragödien, aber für Anlässe wie Silvester ist sie ein guter Tipp. An dem Abend steht
Sein oder Nichtsein gleich zweimal auf dem Spielplan des Deutschen Theaters. Und anschließend kann man sich dann gleich als ersten Vorsatz für das neue Jahr 2010 vornehmen, das Original auf DVD anzusehen. Wie so oft schlägt nämlich auch hier das Original die Kopie.
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