*Orientierung in einem wilden Komplex*
Konzepte und Methoden in der Forschung über Protest und Soziale Bewegungen
Interdisziplinäre Nachwuchstagung
15. November 2008, Technische Universität Berlin
Als wilden Komplex mit anarchischer Struktur hat Jürgen Habermas jene gesellschaftliche Sphäre charakterisiert, die die Systeme von Geld und Macht mittels Protest im Belagerungszustand hält. Dass auch die Konzepte zur Analyse von Protestmobilisierungen ein wilder Komplex sein können, diese Erfahrung machen viele jüngere Forscher, die soziale Bewegungen in den Mittelpunkt ihrer Studienabschlussarbeiten oder Dissertationen stellen. Es braucht ein hohes Orientierungsvermögen, um sich in diesem nur zum Teil kanonisierten interdisziplinären Forschungsfeld zurechtzufinden.
Wichtig ist diese Orientierung vor allem angesichts einer schwachen Institutionalisierung der Forschung zu Protest und sozialen Bewegungen, die dazu führt, dass viele NachwuchswissenschaftlerInnen isoliert an ihren Projekten arbeiten. Die Tagung möchte daher jungen Forschenden die Möglichkeit geben,
- ihre Forschungskonzepte zu präsentieren,
- ihre Forschung durch fachlichen Austausch zu erleichtern,
- Kontakte mit anderen NachwuchsforscherInnen zu knüpfen,
- mit erfahrenen ForscherInnen zu diskutieren,
- sich über Publikationsmöglichkeiten zu informieren.
Die Tagung soll insbesondere die Möglichkeit eröffnen, Chancen wie Gefahren im Forschungsprozess frühzeitig zu erkennen. Die häufig zu hörende Einschätzung einer abnehmenden Protestintensität seit den 1960er Jahren widerspricht z.B. diametral dem Forschungsstand, der auch anhand quantitativer Daten in der Regel das Gegenteil belegt. Grundlagenkenntnis über soziale Bewegungen auch außerhalb der eigenen Forschung kann also von hohem Nutzen sein, um voreilige
Schlussfolgerungen zu vermeiden aber auch um Besonderheiten der eigenen Empirie überhaupt erst ,sehen' zu können. In Hinsicht auf die Wahl und Eingrenzung der Untersuchungsgegenstände kann über bisherige Erfahrungswerte und Forschungslücken aufgeklärt werden. Es macht z.B. einen Unterschied, ob ganze Bewegungen, einzelne Protestkampagnen, Szenen/Milieus, Organisationen oder Aktivisten untersucht werden.
Häufig untersuchten Organisationen (Greenpeace, Attac) stehen bislang vernachlässigte Bereiche gegenüber (z.B. aktivistische Biographien in anti-rassistischen Initiativen). Die Wahl der Untersuchungsebenen (lokal, national, transnational), aber auch des zeitlichen und geographischen Reichweite der eigenen Forschung hat unter anderem erheblichen Einfluss auf die Wahl adäquater Theorieangebote. In dieser Hinsicht existiert in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen
eine Reihe von Ansätzen, die von kleinteiliger Erklärung einzelner Protesthandlungen bis hin zur Einordnung von sozialen Bewegungen in Breitwandgemälde gesellschaftlicher Umbrüche reichen. Hier soll die Tagung vor allem die Möglichkeit bieten, die eigenen Begrifflichkeiten und Konzepte passgenau zur jeweiligen theoretischen Positionierung auszuwählen, um zu verhindern, dass theoretische Konstruktionsmängel schon ins Fundament der Arbeit eingeschrieben werden. Schließlich soll die Tagung das häufig zeitlich eng begrenzte wissenschaftliche Arbeiten von jungen Forschern erleichtern, indem eine Methodenberatung angeboten wird. In dieser Hinsicht stehen erfahrene Forscher bereit, die über ihre Erfahrungen mit bestimmten Verfahren wie quantitative wie qualitative Dokumentenanalyse, Interviews, Fragebogenuntersuchungen, teilnehmende Beobachtung, Netzwerkanalyse usw. Auskunft geben können.
Die Tagung richtet sich an Teilnehmer, die erste Entwürfe ihrer Arbeiten (10-seitiges Exposé) vorstellen oder bisher unveröffentlichte Arbeiten präsentieren. Auf der Konferenz sollen statt einzelner Themen, Ereignisse oder Bewegungen konzeptionelle und methodische Probleme diskutiert werden. In dieser Hinsicht bitten wir zunächst um abstracts (max. eine Seite), in denen einzelne Theoreme, Modelle, und Konzepte oder die theoretische Konstruktion der eigenen Arbeit diskutiert werden.
Dabei gibt es keine disziplinären, zeitlichen oder thematischen Beschränkungen. Ein Papier zum Symbolgehalt einzelner Protesthandlungen in der Kaiserzeit ist genauso willkommen wie der aggregierte Vergleich von Bewegungen in mehreren Ländern.
Sendet Eure Vorschläge bis zum 10. Juni an: mundo@wzb.eu und teune@gmx.de.