Fehlendes Verständnis, falsche Strategie – der NATO-Einsatz in Afghanistan ist laut Dr. Conrad Schetter von einer Vielzahl von Problemen geplagt, wie er am Dienstagabend (19. Januar) anschaulich und differenziert in einem Vortrag an der Universität Bonn darlegte.
Ungefähr 150 Zuhörer fanden sich an der Universität Bonn ein, um zu hören, was einer der bekanntesten Afghanistan-Experten Deutschlands zum Thema Taliban zu sagen hat. Auf Einladung der Middle East Society bekamen die Zuhörer einen Crash-Kurs in Sachen afghanischer Gesellschaft, Politik und Geschichte. Und trotz – oder gerade wegen – der großen Expertise mancher Zuhörer, war es mal wieder überraschend zu sehen, wie wenig hierzulande letztendlich über das Land am Hindukusch bekannt ist. Dies ist umso erstaunlicher, angesichts der Tatsache, dass deutsche Truppen seit nunmehr neun Jahren dort für die „deutsche Sicherheit“ kämpfen.
Doch diese Art von Unwissenheit scheint nicht nur in der deutschen Bevölkerung vorzuherrschen, auch der NATO-Führung und speziell dem Oberkommandeur der amerikanischen Truppen Stanley McChrystal wirft Dr. Schetter fehlendes Verständnis vor. McChrystal, seines Zeichens Verfechter zusätzlicher amerikanischer Truppen für Afghanistan, zeichnet laut Schetter ein Bild der Taliban, das nicht zutrifft – mit fatalen Konsequenzen.
So seien die Taliban keine homogene Gruppe radikaler Extremisten, sondern eine Bewegung „zwischen traditionellen Stammestrukturen und islamistischen Überzeugungen“, mit tiefen Wurzeln in der afghanischen Gesellschaft. Wer ein Taliban ist und wer nicht, lasse sich oftmals nicht genau feststellen. Vielmehr bestünden die „Taliban“ aus einer Vielzahl von Gruppen und Individuen, die keinerlei zentrale Führung oder Ideologie haben. Auch der Islam ist laut Schetter kein zentrales Element der Bewegung. Zwar hätten religiöse Führer, sogenannte „Mullahs“, im Widerstand gegen Besatzungsmächte schon immer eine wichtige Rolle gespielt, doch sei diese nicht auf ihre religiöse Stellung zurückzuführen. Vielmehr sei es ihre spezielle Position außerhalb der klassischen Stammesstrukturen, die es ihnen ermöglicht die oftmals verfeindeten lokalen Stämme im Angesicht eines externen Feindes zu einen.
Aus der Verkennung dieser Komplexität der afghanischen Gesellschaft, mit ihren uralten tribalistischen Normen, der großen Anzahl verschiedener Ethnien und dem Konflikt zwischen Stadt und Land, resultiert laut Schetter das Scheitern der westlichen Intervention. Die NATO sei nach Afghanistan gekommen und habe nach klassischem Freund/Feind-Schema operiert. Ein Vorgehen, das angesichts der oft schwierigen Unterscheidbarkeit zwischen Zivilisten und „armed opposition groups“ von vornherein zum Scheitern verurteilt sei.
Als Ausdruck der Verzweiflung, die mittlerweile unter westlichen Militärs herrscht, darf der Fakt gelten, dass die NATO begonnen hat, lokale Milizen mit Waffen und Geld versorgt, um in ihren Gebieten für Sicherheit zu sorgen. Eben jene Milizen , die vor einigen Jahren, unter Einsatz von Millionen von Dollar, durch die NATO entwaffnet wurden.
Selbst wenn es der NATO gelingen sollte „die Taliban“ zu besiegen, so ist es fraglich, ob dies den großen menschlichen und finanziellen Aufwand des Krieges rechtfertigen könnte. Laut Dr. Schetter unterschieden sich die Taliban nämlich auch darin von Gruppen wie Al-Qaida, dass sie sich vorrangig um lokale Belange kümmern, und sich nicht dafür interessieren, was in „Kabul, Gaza oder Washington passiert“. So wird verständlich, dass Dr. Schetter davon spricht, dass „die Werte der Afghanen nicht extremer sind als unsere, sondern nur anders“.
Angesichts des Zustands den der afghanische Staat in seiner jetzigen Form hat, sieht Schetter keine großen Erfolgsaussichten, wenn weiter mit westlichen Konzepten operiert wird. Ähnlich schwarz sieht er für die Afghanistan-Konferenz kommende Woche in London. Diese werde wohl mehr dazu dienen, die Anti-Kriegswogen in den europäischen Staaten zu glätten. Fortschritte in Afghanistan dürften kaum erzielt werden. Laut Schetter ein typischer Fall westlicher Ignoranz. Die westlichen Staaten, bemängelt er, würde nicht fragen, was die Afghanen eigentlich wollen und brauchen, sondern tun, was sie für richtig hielten.
von Raphael Thelen