Anspruchsvolles europäisches Kino und Amüsantes aus den USA beim 18. Verzaubert - Festival
Das Verzaubert- Festival feiert dieses Jahr seine Volljährigkeit und eröffnet in Berlin mit einer sehenswerten norwegischen Tragikomödie. Stian Kristensen gelang mit seinem Debütfilm The Man who loved Yngve ein erstaunlich reifer Film über das Seelenleben eines jungen Punks. Zunächst schwebt Jarle im siebten Himmel: Endlich kommt er mit dem Mädchen zusammen, um das er monatelang warb. Außerdem geht er ganz in seiner Band auf: Mit viel Herzblut, aber auf sehr mäßigem Niveau versucht er sich mit seinen Kumpels am Traum von der Musiker - Karriere.
Sein wohlgeordnetes Leben gerät aus den Fugen, als Yngve neu in seine Klasse kommt. Der Kontrast könnte kaum stärker sein: Ein sportlicher junger Mann aus gutem Hause mit besten Manieren sowie einem Faible für Synthie - Pop und Tennis. Jarle leidet darunter, dass er sich seine Gefühle zu dem Jungen nicht eingestehen kann und demütigt ihn schließlich öffentlich. Der Film zeigt auf sehr subtile Art, wie Jarle zwischen den Gefühlen zu seiner Freundin und dem geheimnisvollen neuen Schwarm hin- und hergerissen ist. Nebenbei fängt der Regisseur auch viel Zeitkolorit der späten 1980er Jahre ein: Die Details von Mode über Musikgeschmack bis zum Mauerfall werden stimmig eingearbeitet. Ein Film, zwischen Melancholie und der Leichtigkeit des Frisch-Verliebtseins, der auch die schweren emotionalen Verletzungen nicht ausspart.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die französisch - belgische Koproduktion Élève libre/Private lessons von Joachim Lafosse, die in Anwesenheit des Regisseurs vorgeführt wurde. Dieses diabolische Kammerspiel beginnt ganz harmlos: Jonas droht zum wiederholten Mal sitzen zu bleiben und ist durch die ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner Flamme Delphine zusätzlich aufgewühlt. Netterweise wollen sich drei Freunde seiner Mutter um ihn kümmern: Sie verbringen mit ihm amüsante Abende, geben ihm Flirttips und unterstützen ihn vor allem bei der ganzen Palette seiner schulischen Probleme von Algebra bis zur Camus - Interpretation. Langsam kippt das Verhältnis und die Schlinge zieht sich enger um den Hals von Jonas: Er gerät in ein merkwürdiges Verführungsspiel. Die Frau und die beiden Männer werden immer anzüglicher und verschieben die Grenzen Schritt für Schritt, bis sich der Junge in ein merkwürdiges Geflecht verstrickt: Sexuelle Lustbefriedigung gegen Nachhilfe. Dieses perfide Missbrauchsdrama ist ein raffiniertes Kammerspiel, dessen Hauptdarsteller sich nach außen keiner Schuld bewusst sind: Sie meinen es doch nur gut... Sie wollen dem armen Jungen doch nur helfen... Die Leistung dieses Films ist, dass er es schafft, drängende Fragen über die Grenzüberschreitung im Umgang mit Jugendlichen zu stellen und dabei nicht in billige Klischees abzudriften.
Der Film polarisierte in seinen beiden Herkunftsländern ziemlich stark und löste entsprechende Debatten aus, hat jedoch in Deutschland bisher leider noch keinen Verleih für einen Kinostart.
Traditionell ist auch das kanadische Independent - Kino bei diesem Festival stark vertreten. Léa Pool konnte die Erwartungen mit ihrem Beitrag Mommy is at the hairdresser´s/Maman est chez le coiffeur jedoch nur teilweise erfüllen. Ihr Film porträtiert eine Familie im Quebec der 1960er Jahre. Die biedere Hausfrau kümmert sich um die Kinder, während ihr Mann zwischen Geschäftsreise, Büro und Golfplatz pendelt. Das Arrangement zerbricht, als die älteste Tochter Elise ein Telefonat belauscht: Der Vater pflegt heimliche Affären mit Männern. Die Mutter zieht die Reißleine, verlässt den goldenen Käfig und nimmt einen Job in London an. Laurent Lucas bleibt in der Rolle als überforderter Familienvater zurück und versucht die Fassade einer gutbürgerlichen Familie weiter aufrecht zu erhalten: Gegenüber den neugierigen Fragen der aufdringlichen Nachbarin liefern er und die Kinder immer wieder die Standardantwort: Unsere Mutter ist gerade beim Friseur. Der Film schwankt zwischen Komödie, Familiengeschichte und Problemfilm, so dass ihm teilweise eine klare Linie fehlt und er nicht ganz gelungen ist.
In ein rätselhaftes Milieu taucht Francisco Francos Debütfilm Quemar las naves/Burn the bridges ein: Eine todkranke ehemalige Diva wohnt mit ihren beiden Kindern und einer Haushälterin in einer prachtvollen Villa, die nur noch von der Substanz lebt. Während die Tochter Helena sich ganz in den Kokon dieses verfallenden Prunks einspinnt, nur für die Pflege ihrer Mutter lebt und am liebsten in deren Gala - Kleider schlüpft, ist ihr Zwillingsbruder Sebastian neugierig aufs Leben. Er verlässt das Haus regelmäßig und schließt Freundschaft mit dem abenteuerlustigen Juan. Der Film schildert in leisen Tönen das Ringen des Mädchens um ihren Bruder, dem sie ebenso wenig wie sich Lebensfreude zugestehen will. Ihr einziges Glück sind neben den Fotos der früheren Reisen und den Erinnerungsstücken an die glanzvolle Karriere ihrer Mutter nur die Prospekte über Skiregionen: Irgendwann möchte sie sich einen Urlaub gönnen und lernt dafür fleißig mit einer englischen Sprachkurs - Kassette. Bis dahin quält sie aber sich und andere und bekämpft jeden kleinen Funken aufkeimender Lebenslust. Vor allem die junge Haushälterin ist ein häufiges Opfer ihrer Launen. Dieser mexikanische Film bietet einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt der Jugendlichen und lebt vor allem von den guten schauspielerischen Leistungen.
Der lustigste Beitrag des Festivals war Were the world mine von Tom Gustafson. Diese Komödie war ein großer Erfolg auf zahlreichen kleineren Festivals in den USA und ist eine intelligente Adaption von Shakespeares Sommernachtstraum. Eine engagierte, aber etwas schräge Lehrerin an einer Highschool möchte mit ihren Schülern dieses bekannte Drama um das Ver- und Entlieben voller Verwicklungen auf die Bühne bringen. Der schüchterne Timothy bekommt die Hauptrolle des Puck, alle übrigen Figuren - Männer wie Frauen - werden wie zu Shakespeares Zeiten ausschließlich von Jungen besetzt. Der Trainer der Rugby - Mannschaft zetert zunächst dagegen, dass seine Jungs in Frauenkleider schlüpfen sollen.
Wie in der Shakespeare - Komödie greift aber Pucks Liebeszauber auch im realen Leben der Kleinstadt um sich: Sobald jemand mit ihm in Berührung kommt, verliebt er sich auf der Stelle in die nächste Person, die ihm zu Gesicht kommt. Amouröse Verwirrungen quer über alle Geschlechtergrenzen und sozialen Schichten nehmen ihren Lauf: Der Rugby - Trainer, der sich seiner Heterosexualität so sicher war, ist plötzlich vernarrt in den Schuldirektor, der ein idyllisches Eheleben führt und auf die Pensionierung wartet. Die tussigen Cheerleaderinnen stellen einem jungen Punk - Mädchen nach, die davon ebenso überfordert ist wie Timothys Mutter vom Liebesrausch einer Kosmetik - Beraterin. Der Film lebt von der schrillen Komik und den liebevoll gestalteten Musik- und Theatereinlagen: Traum und Wirklichkeit verschwimmen immer wieder, in beiden Welten wird Timothy schließlich mit dem Star der Rugby - Mannschaft glücklich.
Etwas schwächer war Between Love & Goodbye von Casper Andreas. In diesem Beziehungsdrama geht es um das Scheitern der Liebe zwischen Kyle und Marcel, woran vor allem die Intrigen von Kyles dubioser und androgyner Schwester April großen Anteil haben. Die Indie - Klänge sind eine sehr stimmungsvolle Untermalung, die Charaktere bleiben an manchen Stellen aber zu holzschnittartig in Klischees stecken.
Weitere Informationen und alle Termine zum Verzaubert - Festival in Berlin, Köln, Frankfurt und München
Sein wohlgeordnetes Leben gerät aus den Fugen, als Yngve neu in seine Klasse kommt. Der Kontrast könnte kaum stärker sein: Ein sportlicher junger Mann aus gutem Hause mit besten Manieren sowie einem Faible für Synthie - Pop und Tennis. Jarle leidet darunter, dass er sich seine Gefühle zu dem Jungen nicht eingestehen kann und demütigt ihn schließlich öffentlich. Der Film zeigt auf sehr subtile Art, wie Jarle zwischen den Gefühlen zu seiner Freundin und dem geheimnisvollen neuen Schwarm hin- und hergerissen ist. Nebenbei fängt der Regisseur auch viel Zeitkolorit der späten 1980er Jahre ein: Die Details von Mode über Musikgeschmack bis zum Mauerfall werden stimmig eingearbeitet. Ein Film, zwischen Melancholie und der Leichtigkeit des Frisch-Verliebtseins, der auch die schweren emotionalen Verletzungen nicht ausspart.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die französisch - belgische Koproduktion Élève libre/Private lessons von Joachim Lafosse, die in Anwesenheit des Regisseurs vorgeführt wurde. Dieses diabolische Kammerspiel beginnt ganz harmlos: Jonas droht zum wiederholten Mal sitzen zu bleiben und ist durch die ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner Flamme Delphine zusätzlich aufgewühlt. Netterweise wollen sich drei Freunde seiner Mutter um ihn kümmern: Sie verbringen mit ihm amüsante Abende, geben ihm Flirttips und unterstützen ihn vor allem bei der ganzen Palette seiner schulischen Probleme von Algebra bis zur Camus - Interpretation. Langsam kippt das Verhältnis und die Schlinge zieht sich enger um den Hals von Jonas: Er gerät in ein merkwürdiges Verführungsspiel. Die Frau und die beiden Männer werden immer anzüglicher und verschieben die Grenzen Schritt für Schritt, bis sich der Junge in ein merkwürdiges Geflecht verstrickt: Sexuelle Lustbefriedigung gegen Nachhilfe. Dieses perfide Missbrauchsdrama ist ein raffiniertes Kammerspiel, dessen Hauptdarsteller sich nach außen keiner Schuld bewusst sind: Sie meinen es doch nur gut... Sie wollen dem armen Jungen doch nur helfen... Die Leistung dieses Films ist, dass er es schafft, drängende Fragen über die Grenzüberschreitung im Umgang mit Jugendlichen zu stellen und dabei nicht in billige Klischees abzudriften.
Der Film polarisierte in seinen beiden Herkunftsländern ziemlich stark und löste entsprechende Debatten aus, hat jedoch in Deutschland bisher leider noch keinen Verleih für einen Kinostart.
Traditionell ist auch das kanadische Independent - Kino bei diesem Festival stark vertreten. Léa Pool konnte die Erwartungen mit ihrem Beitrag Mommy is at the hairdresser´s/Maman est chez le coiffeur jedoch nur teilweise erfüllen. Ihr Film porträtiert eine Familie im Quebec der 1960er Jahre. Die biedere Hausfrau kümmert sich um die Kinder, während ihr Mann zwischen Geschäftsreise, Büro und Golfplatz pendelt. Das Arrangement zerbricht, als die älteste Tochter Elise ein Telefonat belauscht: Der Vater pflegt heimliche Affären mit Männern. Die Mutter zieht die Reißleine, verlässt den goldenen Käfig und nimmt einen Job in London an. Laurent Lucas bleibt in der Rolle als überforderter Familienvater zurück und versucht die Fassade einer gutbürgerlichen Familie weiter aufrecht zu erhalten: Gegenüber den neugierigen Fragen der aufdringlichen Nachbarin liefern er und die Kinder immer wieder die Standardantwort: Unsere Mutter ist gerade beim Friseur. Der Film schwankt zwischen Komödie, Familiengeschichte und Problemfilm, so dass ihm teilweise eine klare Linie fehlt und er nicht ganz gelungen ist.
In ein rätselhaftes Milieu taucht Francisco Francos Debütfilm Quemar las naves/Burn the bridges ein: Eine todkranke ehemalige Diva wohnt mit ihren beiden Kindern und einer Haushälterin in einer prachtvollen Villa, die nur noch von der Substanz lebt. Während die Tochter Helena sich ganz in den Kokon dieses verfallenden Prunks einspinnt, nur für die Pflege ihrer Mutter lebt und am liebsten in deren Gala - Kleider schlüpft, ist ihr Zwillingsbruder Sebastian neugierig aufs Leben. Er verlässt das Haus regelmäßig und schließt Freundschaft mit dem abenteuerlustigen Juan. Der Film schildert in leisen Tönen das Ringen des Mädchens um ihren Bruder, dem sie ebenso wenig wie sich Lebensfreude zugestehen will. Ihr einziges Glück sind neben den Fotos der früheren Reisen und den Erinnerungsstücken an die glanzvolle Karriere ihrer Mutter nur die Prospekte über Skiregionen: Irgendwann möchte sie sich einen Urlaub gönnen und lernt dafür fleißig mit einer englischen Sprachkurs - Kassette. Bis dahin quält sie aber sich und andere und bekämpft jeden kleinen Funken aufkeimender Lebenslust. Vor allem die junge Haushälterin ist ein häufiges Opfer ihrer Launen. Dieser mexikanische Film bietet einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt der Jugendlichen und lebt vor allem von den guten schauspielerischen Leistungen.
Der lustigste Beitrag des Festivals war Were the world mine von Tom Gustafson. Diese Komödie war ein großer Erfolg auf zahlreichen kleineren Festivals in den USA und ist eine intelligente Adaption von Shakespeares Sommernachtstraum. Eine engagierte, aber etwas schräge Lehrerin an einer Highschool möchte mit ihren Schülern dieses bekannte Drama um das Ver- und Entlieben voller Verwicklungen auf die Bühne bringen. Der schüchterne Timothy bekommt die Hauptrolle des Puck, alle übrigen Figuren - Männer wie Frauen - werden wie zu Shakespeares Zeiten ausschließlich von Jungen besetzt. Der Trainer der Rugby - Mannschaft zetert zunächst dagegen, dass seine Jungs in Frauenkleider schlüpfen sollen.
Wie in der Shakespeare - Komödie greift aber Pucks Liebeszauber auch im realen Leben der Kleinstadt um sich: Sobald jemand mit ihm in Berührung kommt, verliebt er sich auf der Stelle in die nächste Person, die ihm zu Gesicht kommt. Amouröse Verwirrungen quer über alle Geschlechtergrenzen und sozialen Schichten nehmen ihren Lauf: Der Rugby - Trainer, der sich seiner Heterosexualität so sicher war, ist plötzlich vernarrt in den Schuldirektor, der ein idyllisches Eheleben führt und auf die Pensionierung wartet. Die tussigen Cheerleaderinnen stellen einem jungen Punk - Mädchen nach, die davon ebenso überfordert ist wie Timothys Mutter vom Liebesrausch einer Kosmetik - Beraterin. Der Film lebt von der schrillen Komik und den liebevoll gestalteten Musik- und Theatereinlagen: Traum und Wirklichkeit verschwimmen immer wieder, in beiden Welten wird Timothy schließlich mit dem Star der Rugby - Mannschaft glücklich.
Etwas schwächer war Between Love & Goodbye von Casper Andreas. In diesem Beziehungsdrama geht es um das Scheitern der Liebe zwischen Kyle und Marcel, woran vor allem die Intrigen von Kyles dubioser und androgyner Schwester April großen Anteil haben. Die Indie - Klänge sind eine sehr stimmungsvolle Untermalung, die Charaktere bleiben an manchen Stellen aber zu holzschnittartig in Klischees stecken.
Weitere Informationen und alle Termine zum Verzaubert - Festival in Berlin, Köln, Frankfurt und München
Geschrieben am 20.03.2009 um 23:21 von Konrad Kögler
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