Für
Andreas Kriegenburg lag die Messlatte aus mehreren Gründen sehr hoch:
Erstens sollte er, den der neue Intendant
Ulrich Khuon als seinen Hausregisseur von der gemeinsamen letzten Station am Hamburger
Thalia - Theater mitgebracht hatte, die Eröffnungspremiere am
Deutschen Theater Berlin inszenieren. Medien und Publikum waren gespannt, welchen Ton das neue Team anschlagen und welchen Stil es pflegen würde.
Zweitens wagte er sich an einen Stoff, der bereits einmal von Meistern ihres Fachs kongenial adaptiert wurde: Die Novelle
Herz der Finsternis von
Joseph Conrad war die Vorlage für
Francis Ford Coppolas Apocalypse Now mit einem diabolischen Auftritt von
Marlon Brando als dem Wahnsinn verfallener General Kurtz.
Drittens musste er versuchen, an seine eigenen Erfolge anzuknüpfen. Er ist seit Jahren regelmäßiger Gast beim Berliner Theatertreffen und wurde zuletzt für seine Bearbeitung von
Franz Kafkas Prozess an den
Münchener Kammerspielen von der Kritik fast einhellig gerühmt und vom Publikum beklatscht.
Fast zwangsläufig bleibt die Inszenierung von
Herz der Finsternis hinter diesen Ansprüchen zurück und wirkt an manchen Stellen unfertig. An der Bühnenrampe steht
Natali Seelig und erschlägt die Zuschauer als Erzählerin mit Wortkaskaden, die eine abenteuerliche Schiffsfahrt durch das Zentralafrika der Kolonialzeit schildern. Davon lenken aber im Hintergrund immer wieder ihre Mitspieler ab, die herumwuseln, Requisiten hin- und herschleppen und sich gegenseitig mit Lehm beschmieren. Nach der Pause greifen sie noch stärker in die Erzählhandlung ein und beschreiben als Chor den Angriff Einheimischer auf das Schiff.
Der Tenor vieler Kritiken war einhellig: Die Handlung wird mehr bebildert als wirklich mit theatralischen Mitteln so aufgeführt, dass sie die Zuschauer wirklich berühren könnte.
Als Kapitän Marlow, der Erzähler, am Ende in der Urwaldfestung des Generals Kurtz ankommt, bleibt das Grauen als Schlüsselzitat dieses Showdowns in den Worten von
Markwart Müller - Elmau mehr Behauptung als Erfahrung.
Die beeindruckendsten Passagen der Inszenierung sind die Auftritte überdimensionaler schwarzer Puppen, die an langen Fäden hängen und das Bedrohungspotenzial einer Fahrt ins
Herz der Finsternis am besten versinnbildlichen. "Jeder Mensch hat seinen Zerreisspunkt" lautet ein berühmtes Zitat, das sich durch den Abend zieht. Die existentielle Wucht solcher Sätze, die sich im Spiel von
Marlon Brando in seiner dunklen Höhle mit Fackeln aus abgeschlagenen Köpfen übertrug, war bei der Inszenierung von
Andreas Kriegenburg und
John von Düffel, der den Text für die Bühne bearbeitete, nur selten spürbar.
Aber solche liebevoll gestalteten Details wie die beschriebenen Puppen behalten in jedem Fall ihren Reiz.
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