Caligula in der Box des Deutschen Theaters
Seine kurze Amtszeit zwischen 37 und 41 nach Chr. war geprägt von zahlreichen Hochverratsprozessen gegen Adlige des Senats. Was ihn zu diesen tödlichen Machtexzessen trieb, ist bis heute umstritten: Die antiken Quellen werfen mehr neue Fragen auf, als sie an Antworten geben können: War er ein brutaler Despot, der seine Gegenspieler aus zynischem Kalkül einschüchterte und beseitigte? Litt er unter der Angst, dass er ebenso wie viele seiner Familienmitglieder einem Attentat von Rivalen zum Opfer fallen könnte? Oder war er schlicht wahnsinnig? Mit dieser Vermutung dominierten einige namhafte Historiker seit der Spätantike die Rezeption dieses Kaisers. Wieder andere Theorien mutmaßen über Folgeschäden einer Gehirnentzündung.
Da Caligulas Feinde nach seiner Ermordung durch die Prätorianergarde die wichtigsten Dokumente über ihn verbrennen und auch die Denkmäler seines Herrscherkults stürzen ließen, bleibt seine Ära bis heute im Dunkeln. Am bekanntesten ist sicher die Anekdote, dass er sein Lieblingspferd Incitatus zum Konsul ernennen wollte: Eine psychotische Reaktion? Oder nur eine besonders dreiste Demütigung seiner Erzfeinde im Senat?
Wer sich der historischen Figur nähern will, ist am besten bei den Althistorikern Aloys Winterling und Anthony Barrett aufgehoben, die den Forschungsstand differenziert nachzeichnen.
Eine solch mythisch schillernde Figur lädt natürlich regelrecht dazu ein, dass sich quer durch die Jahrhunderte Romanautoren, Dramatiker und mittlerweile auch Filme mit dieser idealen Projektionsfläche eines blutrünstigen Cäsaren befassten. In diese Reihe der Caligula - Adaptionen gehört auch das gleichnamige Drama, das der spätere Literaturnobelpreisträger Albert Camus im Alter von 25 Jahren schrieb.
Sein kaum bekanntes Debütwerk legt bereits den Grundstein zu seiner Existienzialphilosophie: Sein Caligula ist kein Wahnsinniger und auch kein wild um sich schlagender Despot im Machtrausch. Im Gegenteil: Er hat die Lage glasklar erkannt und begriffen, dass das Leben absurd ist. Er verzweifelt daran, dass es keine verbindlichen Werte mehr gibt. Gott ist bereits seit Nietzsche tot und stattdessen befehden sich nun im Jahr 1938, als Camus diesen Text schreibt, die totalitären Ideologien des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Nur der Tod ist sicher, sonst kann sich Caligula an nichts klammern. In seiner Verzweiflung über die Sinnlosigkeit seiner Existenz bäumt er sich immer wieder gegen die Leere auf und bricht mit allen Normen menschlichen Zusammenlebens, die keine Gültigkeit mehr beanspruchen können. In willkürlichen Aktionen enterbt und tötet er seine Gegner und begeht - anders als das historische Original - schließlich Suizid.
Mirco Kreibich spielt dieses Wüten des von allen Gewissheiten Verlassenen furios. Zwei Stunden lang schwankt er zwischen Extremen: Mal tobt er über die Bühne, bevor er sich im nächsten Moment wimmernd in die Ecke verkriecht. Angesichts seiner blonden Mähne und seines Weltschmerzes fühlt man sich stark an Kurt Cobain erinnert.
Dieser Abend bietet also beides: Mitreißende Spielfreude des Hauptdarstellers und seiner Kollegen sowie einen spannenden Stoff, der zum Nachdenken anregt. Camus hatte, als er dieses Stück 1938 schrieb, sicher seine Zeitgenossen Hitler, Mussolini und Stalin vor Augen. Wer möchte, kann es deshalb auf dieser Ebene als Warnung vor deren Machtexzessen lesen. Darüber hinaus ist es aber auch der erste Schritt zu seinem philosophischen Gedankengebäude: Der Held dieses Stückes ist noch rein destruktiv, ein eindeutiger Anti - Held! Erst in seinen späteren Werken nach dem Zweiten Weltkrieg finden die Figuren in seinen Texten einen Ausweg aus der existenziellen Verzweiflung. Es bleibt zwar dabei: Verbindliche Normen gibt es nicht und das Leben ist absurd. Aber in dieser Situation absoluter Regellosigkeit und Freiheit gibt es nur eine Lösung: Verantwortung jedes Einzelnen und Solidarität! Dieses Weltbild formulierte Albert Camus vor allem in seinem berühmtesten Roman Die Pest aus.
Das e-politik-Fazit: Ein sehr fordernder Theaterabend, der deutlich näher am Off- als am Staatstheater ist. Wer auf einen ruhigen Abend hofft, wird wohl enttäuscht sein, weil die Zuschauer zum Teil sehr unmittelbar in das Geschehen einbezogen werden. Empfehlenswert ist das Stück vor allem für Leute, die sich mit existenzialistischer Philosophie und den Mechanismen des Machtmissbrauchs auseinandersetzen wollen. Weil das Ganze aber nie staubtrocken ist, eignet es sich besonders für Schulklassen in der Oberstufe und Uni-Seminare.
Weitere Informationen und Termine
Die Bildrechte liegen bei Iko Freese / drama-berlin.de
Geschrieben am 16.10.2008 um 15:16 von Konrad Kögler
in Berliner Theater -
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