Eigentlich hat John Crowley den Preis gekrönten Roman
Boy A von Jonathan Trigell für das britische Fernsehen gedreht. Auf dem Filmfestival in Toronto wurde der Film dann jedoch entdeckt und bereichert die diesjährige Berlinale in der Rubrik Panorama um einen schauspielerisch exzellenten, inhaltlich mutigen und emotional aufwühlenden Film.
Schon die Eröffnungsszene ist kraftvoll und mitreißend: Zwei Männer sitzen sich an einem langen Tisch gegenüber. Der ältere fragt den jungen Mann, ob er sich schon einen Namen ausgesucht hätte? - „Jack“, er möchte gerne Jack Burridge heißen und ist aufgeregt wie ein kleines Kind kurz vor der Bescherung. Er ist aber auch nervös und verängstigt. Als 11-Jähriger, der auf der Anklagebank sitzend mit seinen Füßen noch nicht einmal den Boden berühren kann, kommt er als von der Presse genannter
Boy A in den englischen Strafvollzug. Als junger Erwachsener wird er nun als resozialisiert in eine schwierige und ungewisse Zukunft entlassen, die er nur haben kann, wenn er seine Vergangenheit komplett hinter sich lässt und eine neue Identität annimmt.
Jack, der eigentlich Eric Wilson heißt, muss eine dunkle Geschichte vergessen. In Rückblenden zeigt der Regisseur Erics trostlose Kindheit: Die Mutter leidet an Krebs und hat sich bereits aufgegeben. Der Vater scheint abgestumpft und trinkt. Von den Lehrern getadelt, den Mitschülern gemieden oder zusammengeschlagen, trifft er Philip Craig, dessen Kindheit ebenfalls von Gewalt geprägt ist. Philip wird sein bester Freund und sein einziger Vertrauter.
Mit einer Atem beraubenden Überzeugung spielen Alfie Mullan und Taylor Doherty zwei 11-jährige Jungen, die von der Familie und Gesellschaft zunächst vergessen und nach ihrer mörderischen Tat von ihr ausgeschlossen und als „böse“ sowie „gefährlich“ geltend weggesperrt werden. Dabei gelingt es Crowley, Jack und Philip gleichermaßen als Täter und Opfer darzustellen.
Zwölf Jahre später stellt sich Jack (Andrew Garfield) ohne Familie, Freunde und Vertraute seinem neuen Leben. Er zieht zur Untermiete bei einer netten Dame ein. Er findet Arbeit, Kumpels und sogar eine Freundin, der er sich - von den eigenen, ihm unbekannten Gefühlen und Bedürfnissen überwältigt - nur zögerlich nähern kann. Nur sein Bewährungshelfer Terry (Peter Mullan) kennt Jacks wahre Identität und bringt an ihn den Glauben und die Liebe auf, den bzw. die er seinem eigenen Sohn nicht entgegen bringen kann.
Der Zuschauer wünscht dem Protagonisten so sehr, dass er in seinem neuen Leben Fuß fasst und glücklich wird. Doch die Vergangenheit - das Bild als „Monster“ und „Kindermörder“ - holt Jack ein. Und schließlich zerbricht der so genannte
Boy A an den moralischen Standards der Gesellschaft, die nicht vergeben kann, die nicht an Veränderung zu glauben scheint, die zu geschockt und ohnmächtig ist.
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Aufgenommen: Feb 16, 12:27