Berlinale 2009: Das Abschlusswochenende
Deutschland 09: Kurzfilme 13 bekannter Regisseure
Als eine der letzten Premieren im Berlinale - Palast lief die Gemeinschaftsproduktion Deutschland 09: auf Anregung von NDR und arte produzierten 13 namhafte deutsche Regisseure von Fatih Akin über Tom Tykwer bis hin zu Vertretern der Berliner Schule wie Angela Schanelec oder Christoph Hochhäusler kurze Filme über die Lage der Nation.
Das große Vorbild dieses Werks ist der legendäre Film Deutschland im Herbst, eine auch heute noch hochinteressante Reflexion der großen Regisseure jener Jahre wie Fassbinder und Schlöndorff über den RAF - Terror und das gesellschaftliche Klima 1977/78.
Der neue Film Deutschland 09 ist demgegenüber wesentlich weniger stringent: Sehr verschiedene Handschriften und Blickwinkel ergeben ein buntes Potpourri, das nie langweilig wird, aber etwas sprunghaft ist.
Am Politischsten sind die Beiträge von Fatih Akin und Hans Weingartner: Akin verfilmte das Interview des in Bremen aufgewachsenen Ex - Guantánamo - Häftlings Murat Kurnaz, das er der SZ gab. Darin macht der junge Mann den SPD - Politikern Schily und vor allem Steinmeier sehr harte Vorwürfe, dass sie sich zu wenig für seine Freilassung eingesetzt haben.
Hans Weingartner widmet sich in Der Gefährder dem dramatischen Fall des Soziologen Andrej Holm, der unter dem Verdacht, in Verbindung mit einer linksradikalen Gruppe zu stehen, monatelang überwacht und später verhaftet wurde. Der Fall schlug sehr hohe Wellen, da der Bundesgerichtshof den Sicherheitsbehörden vorwarf, eklatante Fehler begangen zu haben und keine ausreichenden Verdachtsmomente vorlegen zu können. Mit diesem Film warnt Weingartner sehr drastisch vor der Einschränkung von Bürgerrechten und präventiven Verhaftungen.
Der beste und witzigste Film von Deutschland 09 ist Hans Steinbichlers Fraktur: Ein reicher, konservativer Unternehmer ist stocksauer, als die FAZ ihr verstaubtes Layout relauncht: Auf der Titelseite tauchten plötzlich bunte Bilder auf, die geliebte Frakturschrift über den Leitartikeln wurde entsorgt. In seiner Wut lässt er von seinen Angestellten alle Exemplare der Zeitung aufkaufen und vor dem Verlagsgebäude verbrennen, bis er zum finalen Amoklauf ansetzt.
Satirisch und mit Hang zur Groteske arbeiten auch Wolfgang Becker in Krankes Haus und Dani Levy in Joshua, der als Schlusspointe seines phantasievollen Kurzfilms eine depressive Kanzlerin beim Therapeuten zeigt.
Trotz einiger schwächerer Beiträge wie Erster Tag und Feierlich reist ist die Kompilation der Filme insgesamt gelungen und anregend. Am 26. März wird sie bundesweit in den Kinos starten.
Sólo quiero caminar: Rasanter mexikanisch-spanischer Gangsterfilm
Agustín Dáz Yanes Film Sólo quiero caminar/Just walking merkt man sehr deutlich den Geist seines Lehrmeisters an: Der spanische Regisseur war lange Zeit Assistent von Pedro Almodóvar und setzt auf ebenso schrille Charaktere, skurrile Dialoge und vor allem starke Frauen.
Die vier Komplizinnen Gloria, Aurora, Paloma und Ana spezialisieren sich auf Raubüberfälle und legen sich dabei mit einem mexikanischen Drogenkartell an. Der Film lebt von seiner hervorragenden Besetzung, allen voran Latino - Star Diego Luna als Mafioso Gabriel. Er hat den Film auch zusammen mit seinem prominenten Freund Gael García Bernal produziert.
Die rasanten Schnitte und die schwungvolle Handlung bieten gute Unterhaltung. Gegen Ende zeigt das Drehbuch jedoch einige Schwächen auf, die bei Almodóvar so nicht passiert wären: Einige Passagen sind noch zu holprig und nicht alle Wendungen schlüssig.
Krieg der Welten - Das nächste Jahrhundert: Polnische Parabel aus der Zeit des Kriegsrechts
Piotr Szulkins Film Wojna swiatów/Krieg der Welten - das nächste Jahrhundert hatte keine Chancen, die Zensur zu passieren. Er wurde im Dezember 1981 sofort nach seiner Fertigstellung verboten: Die Eisen, die der Regisseur anpackte waren viel zu heiß. Außerdem hatte General Jaruzelski gerade das Kriegsrecht verhängt und Lech Walesas Solidarnosc verboten.
In der Parabel, die auf der Berlinale erstmals in Deutschland gezeigt wurde, landen Marsmenschen auf der Erde und errichten eine Bürokratie, deren Anspielungen auf den real existierenden Sozialismus überdeutlich sind. Der TV - Moderator Iron Idem muss sich entscheiden, wie stark er sich den neuen Machthabern anpasst, als er gedrängt wird, sich mit einer Ohrmarke zur "Völkerfreundschaft" mit den extraterrestrischen Besuchern zu bekennen.
Der Film besticht durch seinen großen Mut, die Verhältnisse in Form einer Science - Fiction - Parabel so ungeschminkt zu kritisieren. Außerdem beeindruckt auch seine düstere Filmsprache, die ohne großes Budget eine faszinierende Anti - Utopie eines totalitären Staates zeichnet.
Eine Wiederentdeckung eines wichtigen Films, der leider zu lange in den Schubladen vergraben war!
Als eine der letzten Premieren im Berlinale - Palast lief die Gemeinschaftsproduktion Deutschland 09: auf Anregung von NDR und arte produzierten 13 namhafte deutsche Regisseure von Fatih Akin über Tom Tykwer bis hin zu Vertretern der Berliner Schule wie Angela Schanelec oder Christoph Hochhäusler kurze Filme über die Lage der Nation.
Das große Vorbild dieses Werks ist der legendäre Film Deutschland im Herbst, eine auch heute noch hochinteressante Reflexion der großen Regisseure jener Jahre wie Fassbinder und Schlöndorff über den RAF - Terror und das gesellschaftliche Klima 1977/78.
Der neue Film Deutschland 09 ist demgegenüber wesentlich weniger stringent: Sehr verschiedene Handschriften und Blickwinkel ergeben ein buntes Potpourri, das nie langweilig wird, aber etwas sprunghaft ist.
Am Politischsten sind die Beiträge von Fatih Akin und Hans Weingartner: Akin verfilmte das Interview des in Bremen aufgewachsenen Ex - Guantánamo - Häftlings Murat Kurnaz, das er der SZ gab. Darin macht der junge Mann den SPD - Politikern Schily und vor allem Steinmeier sehr harte Vorwürfe, dass sie sich zu wenig für seine Freilassung eingesetzt haben.
Hans Weingartner widmet sich in Der Gefährder dem dramatischen Fall des Soziologen Andrej Holm, der unter dem Verdacht, in Verbindung mit einer linksradikalen Gruppe zu stehen, monatelang überwacht und später verhaftet wurde. Der Fall schlug sehr hohe Wellen, da der Bundesgerichtshof den Sicherheitsbehörden vorwarf, eklatante Fehler begangen zu haben und keine ausreichenden Verdachtsmomente vorlegen zu können. Mit diesem Film warnt Weingartner sehr drastisch vor der Einschränkung von Bürgerrechten und präventiven Verhaftungen.
Der beste und witzigste Film von Deutschland 09 ist Hans Steinbichlers Fraktur: Ein reicher, konservativer Unternehmer ist stocksauer, als die FAZ ihr verstaubtes Layout relauncht: Auf der Titelseite tauchten plötzlich bunte Bilder auf, die geliebte Frakturschrift über den Leitartikeln wurde entsorgt. In seiner Wut lässt er von seinen Angestellten alle Exemplare der Zeitung aufkaufen und vor dem Verlagsgebäude verbrennen, bis er zum finalen Amoklauf ansetzt.
Satirisch und mit Hang zur Groteske arbeiten auch Wolfgang Becker in Krankes Haus und Dani Levy in Joshua, der als Schlusspointe seines phantasievollen Kurzfilms eine depressive Kanzlerin beim Therapeuten zeigt.
Trotz einiger schwächerer Beiträge wie Erster Tag und Feierlich reist ist die Kompilation der Filme insgesamt gelungen und anregend. Am 26. März wird sie bundesweit in den Kinos starten.
Sólo quiero caminar: Rasanter mexikanisch-spanischer Gangsterfilm
Agustín Dáz Yanes Film Sólo quiero caminar/Just walking merkt man sehr deutlich den Geist seines Lehrmeisters an: Der spanische Regisseur war lange Zeit Assistent von Pedro Almodóvar und setzt auf ebenso schrille Charaktere, skurrile Dialoge und vor allem starke Frauen.
Die vier Komplizinnen Gloria, Aurora, Paloma und Ana spezialisieren sich auf Raubüberfälle und legen sich dabei mit einem mexikanischen Drogenkartell an. Der Film lebt von seiner hervorragenden Besetzung, allen voran Latino - Star Diego Luna als Mafioso Gabriel. Er hat den Film auch zusammen mit seinem prominenten Freund Gael García Bernal produziert.
Die rasanten Schnitte und die schwungvolle Handlung bieten gute Unterhaltung. Gegen Ende zeigt das Drehbuch jedoch einige Schwächen auf, die bei Almodóvar so nicht passiert wären: Einige Passagen sind noch zu holprig und nicht alle Wendungen schlüssig.
Krieg der Welten - Das nächste Jahrhundert: Polnische Parabel aus der Zeit des Kriegsrechts
Piotr Szulkins Film Wojna swiatów/Krieg der Welten - das nächste Jahrhundert hatte keine Chancen, die Zensur zu passieren. Er wurde im Dezember 1981 sofort nach seiner Fertigstellung verboten: Die Eisen, die der Regisseur anpackte waren viel zu heiß. Außerdem hatte General Jaruzelski gerade das Kriegsrecht verhängt und Lech Walesas Solidarnosc verboten.
In der Parabel, die auf der Berlinale erstmals in Deutschland gezeigt wurde, landen Marsmenschen auf der Erde und errichten eine Bürokratie, deren Anspielungen auf den real existierenden Sozialismus überdeutlich sind. Der TV - Moderator Iron Idem muss sich entscheiden, wie stark er sich den neuen Machthabern anpasst, als er gedrängt wird, sich mit einer Ohrmarke zur "Völkerfreundschaft" mit den extraterrestrischen Besuchern zu bekennen.
Der Film besticht durch seinen großen Mut, die Verhältnisse in Form einer Science - Fiction - Parabel so ungeschminkt zu kritisieren. Außerdem beeindruckt auch seine düstere Filmsprache, die ohne großes Budget eine faszinierende Anti - Utopie eines totalitären Staates zeichnet.
Eine Wiederentdeckung eines wichtigen Films, der leider zu lange in den Schubladen vergraben war!
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks

