Wenn
Gregor Gysi, der rhetorisch versierte Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Deutschen Bundestag, einlädt, kommen prominente Zeitgenossen gerne in seinen politischen Salon: Einmal monatlich sitzt er auf der Bühne des zu diesen Anlässen fast immer ausverkauften
Deutschen Theaters in seinem gemütlichen Sessel und bringt dem Publikum in zwei kurzweiligen Stunden das Leben und Wirken von interessanten Persönlichkeiten wie Alt-Revoluzzer Daniel „Dany“ Cohn-Bendit, den gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Peter Sodann und Gesine Schwan oder legendären Regisseuren wie Peter Zadek näher.
Manchmal sind diese Matineen höchst unterhaltsame Sternstunden, die jedes Fernsehprogramm aufpeppen könnten, wenn ein Sender sie aufzeichnen würde. Peter Scholl - Latour erklärt in seinem unnachahmlichen Stakkato - Genuschel wieder die Welt und hetzt in seinen Erinnerungen von Krisenherd zu Krisenherd. Hape Kerkeling feuert seine staubtrockenen Pointen ab und stellt Gysi die Fragen zu seinem Verhältnis zu Lafontaine, die jeden im Publikum beschäftigen, aber niemand zu stellen wagte.
Ein belesener älterer Herr blickt zurück
Als
Cees Nooteboom, der bekannte niederländische Schriftsteller, in seiner knallroten Hose die Bühne betritt, wird klar: Hier haben wir es mit einem sehr unabhängigen Kopf zu tun, der auch vor modischen Experimenten nicht zurückschreckt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie er schon als Jugendlicher in katholischen Internaten aneckte. Nach diesem viel versprechenden Auftakt plätschert das Gespräch diesmal aber unspektakulärer dahin. Wie üblich lenkt Gysi das knapp zweistündige Gesprächi mit Hilfe seiner Karteikarten von Station zu Station der Biographie seines Gastes. Der Romanautor und Verfasser zahlreicher Reisereportagen hat hierzu einiges Interessante aus seinem reichen Erfahrungsschatz zu berichten, größere Kontroversen oder besonders mitreißende Anekdoten und Dialoge bleiben aber diesmal aus.
Der junge Bankangestellte Nooteboom schrieb das erste Kapitel eines Manuskripts, das von seinen Reisen durch Europa inspiriert war, und hatte das große Glück, dass ein älterer, unbekannter Schriftsteller davon so angetan war, dass er dem Quereinsteiger als Mentor gleich einen Vertrag bei seinem Verlag vermittelte.
Philip und die Anderen wurde Ende der 1950er Jahre in den Niederlanden ein Riesenerfolg, blieb in der Bundesrepublik der Adenauer-Zeit aber nur ein Geheimtipp in Studentenkreisen, da sie das Lebensgefühl der Hauptfigur teilten. Der Roman schildert das Aufbegehren der Jugend gegen verkrustete Strukturen und Träume von einem freieren, selbstbestimmten Leben, verpackt in eine Liebesgeschichte. Erst eine Neuübersetzung des Werks durch die Nooteboom - Expertin Helga van Beuningen machte es 2003 auch in Deutschland zum Bestseller.
Die Brennpunkte werden nur gestreift
In den vergangenen Jahrzehnten bereiste Nooteboom die Brennpunkte der Weltgeschichte: Im Pariser Mai 1968 war er ebenso vor Ort wie beim Ungarn - Aufstand 1956, im Iran kurz vor dem Sturz des Schahs 1979 oder beim Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren. Er berichtete für Zeitungen und Magazine in beeindruckenden Reportagen, die noch heute lesenswert sind. Leider war der Zeitdruck aber so groß, dass der Dialog an diesen Stellen nur selten in die Tiefe gehen konnte: Die Weltgeschichte, über die der Augenzeuge sicher viel Spannendes zu erzählen gehabt hätte, rauschte im Eiltempo vorbei.
Seinen späten Ruhm in Deutschland hat Cees Nooteboom vor allem dem
"Literaturpapst" Marcel Reich - Ranicki zu verdanken: Er bejubelte den Berlin - Roman
Allerseelen im
Literarischen Quartett derart enthusiastisch, dass dieser lesenswerte Roman zu einem Verkaufsschlager wurde und auch das frühere Werk
Rituale von 1982 bei seiner Neuauflage im Suhrkamp-Verlag die verdiente große Aufmerksamkeit bekam.
Politikerschelte
Explizit politisch wurde es kurz vor Schluss noch einmal, als sich die beiden Diskutanten in einem vom Publikum beklatschten Statement einig waren, dass es vielen jungen Berufspolitikern an Lebenserfahrung mangelt. Sie sollten für ein Jahr mit wenig Geld nach Asien, Afrika oder Lateinamerika reisen und sich ein Bild von der Welt machen, riet Nooteboom als Fazit seines ereignisreichen Lebens.
Alles in allem war es ein netter, unterhaltsamer Vormittag. Und beim nächsten Mal wird es sicher noch lebhafter: Für den 20. Dezember hat sich der Regisseur und Aktionskünstler
Christoph Schlingensief angekündigt!