Manchmal sind Reden von Politikern reich an Informationen (zwischen den Zeilen) und Angriffen auf den politischen Gegner (offen ausgetragen) oder die eigenen Parteikollegen (von langer Hand geplant) oder geben sogar Einblick in das Innenleben eines Staatslenkers - unlängst zu hören in der
Rede des scheidenden sozialdemokratischen Finanzministers Peer Steinbrück im Vorstand der SPD. Derlei Reden sind allerdings in der Minderzahl und nicht selten erregt die Aneinanderreihung von Worten ungebührlich viel Aufmerksamkeit und dient lediglich rhetorischen Scharmützeln.
Zwei Reden, die am vergangenen Samstagabend
nicht gehalten wurden, könnten jetzt den Aufbruch in ein neues Zeitalter der türkisch-armenischen Beziehungen bilden. Unter der Vermittlung der Schweiz und dem Druck von Russland, Frankreich und den USA unterzeichneten die beiden Außenminister Edward Nalbandian (Armenien) und Ahmet Davutoglu (Türkei) zwei Protokolle, die bereits jetzt von nationalen und
internationalen Beobachtern als "historisch" bezeichnet werden.
Darin verständigen sich die beiden Nachbarländer unter anderem auf die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Öffnung der Grenzen. Armenien und die Türkei trennen seit Jahrzehnten in erster Linie zwei Konflikte: Zum einen fordert vor allem die im Ausland lebende armenische Diaspora die Anerkennung der Massaker an den Armeniern durch das Osmanische Reich in den Jahren 1915 und 1916 als "Völkermord". Zum anderen soll Armenien die seit 1993 besetzte Berg-Karabach-Region des türkischen Allierten Aserbeidschan umgehend verlassen.
Beide Punkte berührt das unterzeichnete Abkommen nicht. Und dennoch wäre es beinahe nicht zustande gekommen: Davutoglu wollte in seiner kurzen Rede den armenisch-aserbeidschanischen Konflikt ansprechen. Sein Amtskollege Nalbandian sah dies als offenen Affront an und drohte mit der Abreise. Dank der US-Außenministerin Hillary Clinton,
die mit beiden Parteien telefonierend auf einem Auto-Parkplatz stand, konnte die Reden verhindern und die beiden Männer zur Unterschrift bitten.
Für das Abkommen ernteten die beiden Regierungsvertreter vehemente Kritik: Ein Großteil der armenischen Diaspora sah die Anerkennung der Vernichtung und Vertreibung als Völkermord als Voraussetzung für jegliche Gespräche mit der Türkei.
Der türkische Premier Tayyip Erdogan wiederum macht die Grenzöffnung von Fortschritten in der Lösung des Karabach-Konfliktes abhängig und besänftigt damit den strategisch wichtigen Nachbarn aus Aserbeidschan, der die Protokolle vom Samstag verurteilte.
Der nächste Schritt der Annäherung zwischen den "Erzfeinden" könnte sich bereits morgen, Mittwoch, vollziehen: Die Türkei empfängt Armenien im letzten, und sportlich unbedeutenden, WM-Qualifikationsspiel. Erwartet wird der armenische Präsident Serge Sarkisjan, der der Einladung von Staatspräsident Abdullah Gül nachkommen möchte. Gemeinsam würden sie die 90 Minuten auf dem Rasen verfolgen und vielleicht miteinander über Fußball reden.
Unabhängig vom Ausgang des Spiels könnten sich beide Länder als Gewinner fühlen, falls die in den letzten zwei Jahren verstärkten Anstrengungen auch in den wichtigen nächsten Monaten ernst genommen und die innenpolitischen Skeptiker überzeugt werden. Viel Arbeit, um das gemeinsames Ziel von offenen Grenzen ab Mitte Dezember zu verwirklichen. Dann könnten beide Seiten ihre Erfolge rechtzeitig zur Neujahrsansprache verkünden. Der Zuhörer könnte dabei Zeuge von wahrhaft historischen Reden werden und viel über das Innenleben zweier einst verfeindeter Nachbarstaaten lernen.
(atz)
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