Das Berliner
Kino Babylon und die
Heinrich Böll Stiftung präsentieren in diesen Tagen mehrere Dokumentar - und Spielfilme zu
Alltag und Gewalt in Lateinamerika.
Die beiden Eröffnungsfilme machen die prekäre Gewaltspirale in einigen Gesellschaften Lateinamerikas sehr plastisch deutlich: Eine überforderte Justiz, Korruption, krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich und ein schwer durchschaubares Gewirr von Banden und parastaatlichen Organisationen sorgen für eine sehr brisante Gemengelage.
Besonders mitreißend schildert Rodrigo Plá die Eskalation der Gewalt in Mexiko - City in seinem Spielfilm
La Zona. In der gleichnamigen
Gated Community schotten sich wohlhabende Kreise vor dem Rest der Megacity ab: Das Villenviertel wird zum Hochsicherheitstrakt mit eigenem Wachpersonal. Vor allem in brasilianischen Städten ist diese Tendenz deutlich wahrzunehmen.
Als eine Gruppe von Teenagern nach einem Unwetter durch ein Loch im Zaun schlüpft und in eine Villa einbricht, eskaliert die Gewalt: Die alte Dame, ein Wachmann und zwei der Einbrecher kommen bei dem Überfall und der anschließenden Schießerei ums Leben.
Das schwerreiche Establishment hat jedes Vertrauen zur Außenwelt verloren und versucht, die Vorfälle vor der Polizei zu verheimlichen. Stattdessen schreiten sie zur Selbstjustiz und suchen nach dem einzigen Überlebenden der jugendlichen Clique.
Der Film zieht die Zuschauer in seinen Bann, da ein Polizist die vertuschten Todesfälle wittert und zahlreiche Indizien sammelt. Auf sehr einfühlsame Weise wird seine Ermittlungsarbeit gegen den Widerstand der Bewohner von
La Zona und einige seiner Vorgesetzten, die am liebsten alles unter den Teppich kehren möchten, nachgezeichnet. Am interessantesten an dem Film sind zum einen die Interaktionen innerhalb der Millionärs -Nachbarschaft, wo Zweifel wachsen, Abweichler ausgegrenzt werden und die Paranoia um sich greift. Zum anderen die Einblicke in einen korrupten Polizeiapparat, dessen Spitze lieber einen Deal mit den Bewohnern schließt, als für rechtsstaatliche Verfahren zu sorgen. Einige müssen einen hohen Preis dafür zahlen.
Thematisch ebenso brisant, aber stilistisch weniger gelungen ist der Dokumentarfilm
Atos dos homens von Kiko Goifman. Dem Film merkt man das sehr karge Budget und seinen Work - in - Progress - Charakter deutlich an. In seinem Zentrum steht ein Massaker in Baixada Fluminense, einem Vorort von Rio de Janeiro, im März 2005. Nach und nach stellt sich heraus, dass dafür eine der berüchtigten Sondereinheiten der Polizei verantwortlich ist, die in einem diffusen Graubereich und teilweise mit Verwicklungen ins organisierte Verbrechen jenseits der Legalität operieren. Sie verstehen sich selbst als Elite innerhalb des Polizeiapparats und treten mit dem Anspruch auf, dass nur sie für Recht und Ordnung sorgen können. Mit diesem schwierigen Phänomen, das sich angesichts der Gewalt der Drogenmafia und Bandenkriegen auf offene oder zumindest heimliche Sympathie in Teilen der Bevölkerung stützen kann, setzte sich bereits
der Sieger des Goldenen Bären der Berlinale 2008 auseinander:
Tropa de Elite von José Padilha.
An
Atos dos homens ist zu kritisieren, dass er sehr lange braucht, um einen Rhythmus zu finden. Die stärksten Szenen sind gegen Ende, als Vertreter des Polizeiapparats über das Massaker und ihre Sicht auf die Gesellschaft sprechen: Sehr aufschlussreich und oft entlarvend.
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