Ein Beispiel, wie viel uns Klassiker, die bereits mehrere Jahrhunderte alt sind, heute noch zu sagen haben, ist
Andreas Kriegenburgs Inszenierung von
Molierès Menschenfeind.
Der neue Hausregisseur des
Deutschen Theaters Berlin brachte seine Regiearbeit von seiner letzten Station am
Hamburger Thalia Theater mit und feierte dieses Wochenende seine Premiere an den Kammerspielen.
Ein kleiner Trick sorgt dafür, dass uns die Relevanz des Stückes noch klarer wird: Kriegenburg stützt sich auf die in kunstvollen Reimen übersetzte Fassung, die
sein verstorbener Regiekollege Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens für das Schauspiel Köln 1983 erarbeiteten. Alle expliziten Hinweise auf die höfische Etikette und die Welt des Adels fehlen in dieser modernen Version.
Aber die Grundfrage bleibt: Wie oft bestimmen kleine Halbwahrheiten, Lügen und Ausflüchte das Zusammenleben? Wie kann man trotz aller gesellschaftlichen Konventionen ein rückhaltlos ehrliches Leben führen, wie es Alceste vorschwebt? Er möchte sich keinen Millimeter verbiegen lassen und sagt dem Möchtegern - Dichter Oronte auf dessen drängende Nachfrage unverblümt ins Gesicht, dass er sein Sonett kitschig findet. Auch in der Liebe verlangt er absolute Aufrichtigkeit und verzeiht seiner Angebeteten nicht den geringsten Flirt, als sie mit anderen Männern kokettiert.
Autobiographischer Hintergrund dieses Stückes ist Molierès Situation am französischen Hof, als er sich immer wieder vor die Entscheidung gestellt sah, wie weit er sich auf die Rituale der höfischen Etikette, die Machtspielchen und gegenseitigen Schmeicheleien einlassen soll oder ob es ihm sein Ruhm als Dichter erlaubt, Freiräume größerer Ehrlichkeit und Ungekünsteltheit zu leben.
Kriegenburg arbeitet in seinem Stück heraus, dass jede Gesellschaft bis zu einem bestimmten Grad auf ähnlichen Mustern aufgebaut ist: Mal würde die ungeschminkte Wahrheit den anderen verletzen. Mal würde einem ein kleiner finanzieller oder beruflicher Vorteil entgehen. Alceste rebelliert jedoch dagegen und zieht am Ende für sich die Konsequenz, dass er in einer solchen Gesellschaft nicht leben kann. Er möchte sich mit seiner Geliebten Célimène in die Isolation zurückziehen. Sie verweigert diesen Wunsch, da sie nicht ohne den Kontakt mit den anderen Menschen leben möchte.
Als gelungener inszenatorischer Einfall erweisen sich die beiden Videoleinwände, die jeweils die Dialogpartner in Großaufnahme zeigen. So entstehen vor allem dichte und eindringliche Anfangspassagen.
Im Mittelteil greift Kriegenburg jedoch zu einigen Mätzchen, deren Sinn sich nicht recht erschließt: Eine Frau im Rollstuhl singt als Running gag über einen "Zigeunerjungen", manche Partyszenen schleppen sich etwas lange hin.
Weitere Informationen und Termine
Am vierten Adventssonntag stand ein besonderer Leckerbissen auf dem Spielplan: Der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief war bei der Matinee Gregor Gysi trifft Zeitgenossen im Deutschen Theater zu Gast. Seine Krebserkrankung wurde in de
Aufgenommen: Dez 21, 18:07