Berlinale 2008: Der fünfte Tag - 11.2.2008
Der 5. Tag der Berlinale war von sehr aufwühlenden Spielfilmen und einer außergewöhnlichen Dokumentation über den Iran geprägt.
Tropa de Elite
Der brasilianische Wettbewerbsbeitrag war mit großen Vorschusslorbeeren gestartet und hatte in Brasilien bereits einigen Staub aufgewirbelt. Wer heute im Berlinale-Palast dabei war, konnte sich mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen, dass es dafür sehr gute Gründe gibt.
José Padilhas Film über die Auseinandersetzungen zwischen den Spezialeinheiten der Polizei und den Drogendealern in den Favelas von Rio de Janeiro war der mit Abstand schonungsloseste und direkteste Film dieses Festivals. Man spürte deutlich, dass sich der Regisseur bisher fast ausschließlich mit Dokumentarfilmen beschäftigt hatte.
Sein erster abendfüllender Spielfilm ist von den Erinnerungen eines Anführers der Spezialeinheit inspiriert und zeigt in sehr plastischen Szenen, wie sich die Korruption immer tiefer in den Polizeiapparat hineinfrisst und wie brutal die Ausbilder der Eliteeinheit vorgehen.
Fazit: Ein Film, der seinen Finger sehr tief in eine Wunde der brasilianischen Gesellschaft bohrt und durchaus Chancen auf einen der Bären hat. Den Silbernen Bären für den besten Nachwuchsfilm im offiziellen Wettbewerb hätte Tropa de Elite auf jeden Fall verdient.
Be like others
Die außergewöhnliche Dokumentation Be like others bot so viel Zündstoff, dass sich eines der besten und interessantesten Filmgespräche der vergangenen Festival-Jahre anschließen konnte.
Die US-Amerikanerin Tanaz Eshagian war durch einen New York Times-Artikel auf eine Teheraner Klinik aufmerksam geworden, die sich auf die Geschlechtsumwandlungen Transsexueller konzentriert. Überraschenderweise hat Ayatollah Khomeini in einem Rechtsgutachten Transsexualität ausdrücklich für legitim erklärt: Die Betroffenen sollten sich ärztliche Hilfe suchen und dann das entsprechende
Geschlecht wählen.
Dank ihrer iranischen Wurzeln und ihrer doppelten Staatsbürgerschaft konnte die Autorin fast völlig ohne Schikanen im Wartezimmer der Klinik filmen und Kontakt zu den Patientinnen und Patienten aufnehmen.
Da Homosexualität im Iran mit Steinigung bedroht ist, nutzen viele junge Frauen und Männer die Gelegenheit, sich in der Klinik der Tortur einer Operation zu unterziehen. Den Leidensweg und die Erfahrungen der Betroffenen zeichnet dieser Film eindrucksvoll nach.
Fazit: Dieser Film ist sehr empfehlenswert, weil er Facetten der Islamischen Republik Iran zeigt, die hierzulande fast völlig unbekannt sind. Er ist eine sehr interessante Ergänzung zum gestrigen Beitrag A Jihad for love.
Det som ingen ved
Der dänisch-schwedische Polit-Thriller Det som ingen ved zog das Publikum nach holprigem Beginn derart in seinen Bann, dass selbst notorische Kino-Dauerquassler ziemlich still wurden. Diese Geschichte über ein Geschwister-Paar, das den dubiosen Machenschaften ihres Vaters und seiner Geheimdienstfreunde auf den Grund gehen will, entfaltet den düsteren Sog, der an den schwedischen Kriminalromanen seit Jahren hierzulande geschätzt wird.
Fazit: Der routinierte dänische Regisseur Sören Kragh-Jakobsen lieferte mit Det som ingen ved einen sehr guten Genre-Film ab, den Menschen mit Hang zu paranoiden Vorstellungen lieber meiden sollten.
Weitere Filmkritiken vom fünften Berlinale-Tag:
Tout est parfait - Everything is fine

Tropa de elite / The Elite Squad, BRA, ARG, 2007, Regie: José Padilha, Sektion: Wettbewerb
Der brasilianische Wettbewerbsbeitrag war mit großen Vorschusslorbeeren gestartet und hatte in Brasilien bereits einigen Staub aufgewirbelt. Wer heute im Berlinale-Palast dabei war, konnte sich mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen, dass es dafür sehr gute Gründe gibt.
José Padilhas Film über die Auseinandersetzungen zwischen den Spezialeinheiten der Polizei und den Drogendealern in den Favelas von Rio de Janeiro war der mit Abstand schonungsloseste und direkteste Film dieses Festivals. Man spürte deutlich, dass sich der Regisseur bisher fast ausschließlich mit Dokumentarfilmen beschäftigt hatte.
Sein erster abendfüllender Spielfilm ist von den Erinnerungen eines Anführers der Spezialeinheit inspiriert und zeigt in sehr plastischen Szenen, wie sich die Korruption immer tiefer in den Polizeiapparat hineinfrisst und wie brutal die Ausbilder der Eliteeinheit vorgehen.
Fazit: Ein Film, der seinen Finger sehr tief in eine Wunde der brasilianischen Gesellschaft bohrt und durchaus Chancen auf einen der Bären hat. Den Silbernen Bären für den besten Nachwuchsfilm im offiziellen Wettbewerb hätte Tropa de Elite auf jeden Fall verdient.

Be Like Others, USA, Kanada, Iran, 2008, 74 min, Regie: Tanaz Eshaghian, Sektion: Forum
Die außergewöhnliche Dokumentation Be like others bot so viel Zündstoff, dass sich eines der besten und interessantesten Filmgespräche der vergangenen Festival-Jahre anschließen konnte.
Die US-Amerikanerin Tanaz Eshagian war durch einen New York Times-Artikel auf eine Teheraner Klinik aufmerksam geworden, die sich auf die Geschlechtsumwandlungen Transsexueller konzentriert. Überraschenderweise hat Ayatollah Khomeini in einem Rechtsgutachten Transsexualität ausdrücklich für legitim erklärt: Die Betroffenen sollten sich ärztliche Hilfe suchen und dann das entsprechende
Geschlecht wählen.
Dank ihrer iranischen Wurzeln und ihrer doppelten Staatsbürgerschaft konnte die Autorin fast völlig ohne Schikanen im Wartezimmer der Klinik filmen und Kontakt zu den Patientinnen und Patienten aufnehmen.
Da Homosexualität im Iran mit Steinigung bedroht ist, nutzen viele junge Frauen und Männer die Gelegenheit, sich in der Klinik der Tortur einer Operation zu unterziehen. Den Leidensweg und die Erfahrungen der Betroffenen zeichnet dieser Film eindrucksvoll nach.
Fazit: Dieser Film ist sehr empfehlenswert, weil er Facetten der Islamischen Republik Iran zeigt, die hierzulande fast völlig unbekannt sind. Er ist eine sehr interessante Ergänzung zum gestrigen Beitrag A Jihad for love.

Det som ingen ved / What No One Knows, Dänemark, Schweden, 2007, Regie: Søren Kragh-Jacobsen, Sektion: Panorama Special
Der dänisch-schwedische Polit-Thriller Det som ingen ved zog das Publikum nach holprigem Beginn derart in seinen Bann, dass selbst notorische Kino-Dauerquassler ziemlich still wurden. Diese Geschichte über ein Geschwister-Paar, das den dubiosen Machenschaften ihres Vaters und seiner Geheimdienstfreunde auf den Grund gehen will, entfaltet den düsteren Sog, der an den schwedischen Kriminalromanen seit Jahren hierzulande geschätzt wird.
Fazit: Der routinierte dänische Regisseur Sören Kragh-Jakobsen lieferte mit Det som ingen ved einen sehr guten Genre-Film ab, den Menschen mit Hang zu paranoiden Vorstellungen lieber meiden sollten.
Weitere Filmkritiken vom fünften Berlinale-Tag:
Tout est parfait - Everything is fine


Der größte Favorit Paul Thomas Andersons There Will Be Blood musste leider ohne den Goldenen Bären zurück in die USA fahren. Aber immerhin wurde sein Film mit gleich zwei Silbernen Bären belohnt: einem für die Beste Regie und einem für die mit Abstand best
Aufgenommen: Feb 18, 02:20
Das Berliner Kino Babylon und die Heinrich Böll Stiftung präsentieren in diesen Tagen mehrere Dokumentar - und Spielfilme zu Alltag und Gewalt in Lateinamerika. Die beiden Eröffnungsfilme machen die prekäre Gewaltspirale in einigen Gesellschaften Latei
Aufgenommen: Mär 13, 17:16