Der Berlinale-Sonntag hatte unter anderem zwei hochpolitische Filme und eine exotische isländisch-philippinische Ko-Produktion im Angebot.
Obcan Havel
Die Dokumentation von Pavel Koutecky und Miroslav Janek löste recht gemischte Reaktionen aus. Die beiden Autoren hatten die einmalige Gelegenheit, den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel von
1993 bis zum Ende seiner Amtszeit 2003 aus nächster Nähe zu beobachten. Das Vertrauensverhältnis war so eng, dass sie zum Teil selbst bei Beratungen des innersten Zirkels filmen durften.
Heraus kam ein Zeitdokument, dass bei den tschechischen Journalisten zwei Reihen hinter mir heftige Emotionen auslöste. Sie fieberten regelrecht noch einmal mit, als die Wirren des Transformationsprozesses, der Streit um die Privatisierung, Koalitionsoptionen und vieles andere stakkatoartig über die Leinwand flimmerten. Auch für Historiker ist dieser Film sicher eine wahre Fundgrube.
Für das internationale Publikum bleibt der Film aber an vielen Stellen erklärungsbedürftig: Zu oft fehlen Einblendungen von Daten oder erklärende Kapitelüberschriften, so dass es schwer fällt, Ereignisse in den zeitlichen Kontext einzuordnen. Schade ist außerdem, dass Havel meist nur als Akteur gezeigt wird. Interviewpassagen, wo er über sein Handeln reflektiert, kommen dagegen viel zu kurz. Obwohl gerade dies bei einem derart brillanten Essayisten besonders spannend gewesen wäre.
Fazit: Es kommt auf die Erwartungen an, mit denen man diesen Film sieht. Für Experten des mittel- und osteuropäischen Transformationsprozesses ist er sicher eine gewinnbringende Pflichtveranstaltung.
A Jihad for love
Dieser Film der Reihe "Panorama Dokumente" ist eines der Highlights der Berlinale 2008. Selten sieht man einem Film so sehr an, wie tief der Regisseur in seine Materie eintauchte. Pervez Sharma, der hauptberuflich als Rundfunkjournalist arbeitet, förderte bei seinen sechsjährigen Recherchen und Interviews mit Muslimen in Pakistan, Iran, Indien, Marokko, der Türkei, Frankreich und Kanada sehr interessante Einblicke in fremde Weltanschauungen zu Tage.
In einfühlsamen Porträts stellt er eine Reihe von homosexuellen Frauen und Männern vor, die einen schwierigen emotionalen Spagat versuchen, der dennoch zu glücken scheint: Sie sind einerseits fromme Muslime, leben aber andererseits ihre sexuellen Vorlieben aus, obwohl sie laut der Lehre islamischer Geistlicher und dem Koran damit die Todesstrafe riskieren.
Fazit: Dieser Film lotet auf spannende Art und Weise die emanzipatorischen und aufklärerischen Strömungen im Islam aus und stellt sich der schwierigen Frage, wie das religiöse Bekenntnis und ein Leben in der modernen Gesellschaft in Einklang zu bringen sind. Da es sich um eine "arte" - Koproduktion handelt, wird die
Dokumentation sicher in absehbarer Zeit in einem Themenabend laufen. Durch eine begleitende Gesprächsrunde mit Religionswissenschaftlern und anderen Experten wirkt der Film sicher noch eindrucksvoller.
Revanche
Götz Spielmann gelang im Jahr 2004 mit
Antares ein bemerkenswerter Episoden-Film, der von einem Regiestudenten mit dem Kompliment bedacht wurde: "Genau so möchte ich zukünftig auch Filme machen. Aber ob ich das in der Qualität schaffe?" Sein neues Werk
Revanche erreicht die damaligen Finessen nicht mehr ganz, ist aber ein spannender Ausflug in das Halbweltmilieu Wiens und die österreichische Provinz.
Fazit: Stimmig inszeniert, interessant anzusehen, aber im Ergebnis Berlinale-Durchschnitt.
The amazing truth about Queen Ravela
Das ist ein typischer Berlinale-Festivalbeitrag, da er es schafft, so konträre Weltregionen wie die Philippinen und Island in einer historisch wohl einmaligen Produktion unter einen Hut zu bringen. Olaf de Fleur schildert in seinem
Film das traurige Schicksal der philippinischen Transsexuellen Raquela, die in ihrer Heimat im sozialen Abseits steht, dort keine andere Perspektive als die Prostitution sieht und deswegen von einer besseren Zukunft in Europa träumt.
Fazit: Die Desillusionierung der Hauptfigur ist zwar sehr bedrückend. Aber durch die Spielfreude von Raquela Rios und das Drehbuch gibt es auch immer wieder erstaunlich witzige Momente.