Berlinale 2008: Der zweite Tag
Vom 7. bis zum 17.02.2008 finden in Berlin die 58. Internationalen Filmfestspielen statt. Der zweite Berlinale-Tag brachte eine Qualitätssteigerung der Filme. Im Rennen um den Goldenen Bären meldete ein viel versprechender Anwärter seine Ansprüche an.
Nacht vor Augen
Dieses Jahr schafften es kaum deutsche Filme ins Berlinale-Programm. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Forums-Beitrag Nacht vor Augen, der erste abendfüllende Spielfilm von Brigitte Bertele.
Ihr Thema brennt vielen Bürgern unter den Nägeln und bestimmt derzeit die Schlagzeilen: Wie gefährlich ist der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr? Wie gehen junge Soldaten nach der Rückkehr mit den extremen Erfahrungen um?
Die junge Regisseurin machte es ihrem Publikum nicht leicht: Einerseits gelang es selten zuvor, die Traumata und die Zerrissenheit eines Kriegsveteranen so eindringlich vorzuführen. Auch das vielgerühmte Stück Motortown, das derzeit an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum inszeniert wird, entwickelt keine derartige Sprengkraft. An vielen kleinen Begebenheiten wird deutlich, wie sehr der 25 - jährige David aus seiner Welt gefallen ist und sich nicht mehr in den Alltag seines Heimatdorfes im Schwarzwald einfügen kann.
Dies liegt neben dem guten Drehbuch vor allem an der herausragenden Leistung des Hauptdarstellers Hanno Koffler. Andererseits wirken manche Passagen merkwürdig deplatziert und regelrecht als Fremdkörper in einem ansonsten stimmigen Film: Vor allem die Vorgesetzten bei der Bundeswehr werden als klischeehafte Knallchargen gezeichnet, so dass man sich fragt, was die Regisseurin zwischendurch auf solche Abwege brachte.
Fazit: Ein herausfordernder, sehenswerter, aber nicht vollständig gelungener Film.
There will be blood
Dieses bildgewaltige Epos entführt die Zuschauer über mehr als 2 1/2 Stunden in die Frühphase der US-amerikanischen Öl-Industrie. Der Regisseur Paul Thomas Anderson verfilmte in seinem ersten Werk nach fünf Jahren Pause den sozialkritischen Roman Oil! von Upton Sinclair.
Während er bei seinem internationalen Durchbruch mit Magnolia das Publikum durch kunstvoll verschränkte Handlungsebenen verzauberte, erzählt Anderson diesmal sehr linear:
Hauptfigur ist der fiktive Ölmagnat Daniel Plainview, der von Daniel Day - Lewis eindrucksvoll verkörpert wird und Edward L. Doheny als reales historisches Vorbild hat.
There Will Be Blood schildert in eindrucksvollen Sequenzen, in denen sich fast wortlose Passagen mit brillanten Rededuellen abwechseln, wie der Tycoon beim Aufbau seines Imperiums im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht.
Die Höhepunkte markieren die häufigen Auseinandersetzungen zwischen Daniel Plainview und dem christlich-fundamentalistischen Prediger Eli Sunday. Mit dieser Rolle demonstrierte Paul Dano, dass er bereits im zarten Alter von 24 Jahren das Potenzial für eine große Karriere im Filmgeschäft hat, nachdem er schon im vergangenen Jahr in Little Miss Sunshine sein Können aufblitzen ließ.
Fazit: Wer im Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären mitmischen will, muss sich an dieser Messlatte orientieren! Paul Thomas Anderson hat gute Chancen acht Jahre nach seinem Berlinale - Triumph mit Magnolia auch 2008 den Hauptgewinn mitzunehmen.
Lemon Tree
Im nicht ganz ausverkauften Zoo-Palast hatte am Abend Lemon Tree von Eran Riklis Premiere, der 2004 mit Die syrische Braut einige Erfolge in Programmkinos feiern konnte.
Die Berlinale war in den vergangenen Jahren immer reich an Dokumentationen und Spielfilmen zum Nahost-Konflikt. Dementsprechend schwierig ist es für Regisseure, innovative Ansätze zu finden und
nicht ständig mit ähnlichen Versatzstücken über dasselbe Trauerspiel zu lamentieren.
Diesem Film gelang es nur zum Teil: Er erzählt den fiktiven Kampf der Palästinenserin Salma Zidane gegen einen hochrangigen israelischen Minister, der genau gegenüber von ihrem Anwesen eine hochgesicherte
Villa bauen lässt. Das klingt dann doch ziemlich konstruiert... Aus Sicherheitsgründen sollen alle ihre Zitronenbäume direkt an der Grundstücksgrenze abgeholzt werden, woraus sich ein zäher Gerichtsstreit entwickelt.
Fazit: Gut gemeint ist oft der Gegensatz zu gut gemacht. Schlecht ist dieser Film zwar nicht, aber zu einem wirklich guten Film fehlt ihm doch, dass dem Publikum viele Symbole zu sehr mit dem Holzhammer
vermittelt werden und einige Dialoge unangenehm pathetisch sind, wie so oft in Filmen zum Nahost-Konflikt. Wer neue Sichtweisen auf den Dauer-Konflikt erleben möchte, sollte sich lieber Shahida - Brides of Allah ansehen.
La Fabrique des sentiments
Anschließend hatte die französisch-belgische Koproduktion La fabrique des sentiments von Jean-Marc Moutout ihre internationale Uraufführung. Eine erfolgreiche 36-jährige Anwältin quält sich damit, durch Speed-Dating und ähnliche Methoden ihre Sehnsucht nach Liebe zu befriedigen und ihrem sozialen Umfeld eine Beziehung präsentieren zu können.
Fazit: Der Film ließ das Publikum eher unbeeindruckt und wurde mit einem nur durchschnittlichen Applaus abgehakt. Das französische Kino hat ganz andere Qualitäten zu bieten.
Nacht vor Augen

Nacht vor Augen, D, 2008 Regie: Brigitte Bertele, Sektion: Forum
Ihr Thema brennt vielen Bürgern unter den Nägeln und bestimmt derzeit die Schlagzeilen: Wie gefährlich ist der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr? Wie gehen junge Soldaten nach der Rückkehr mit den extremen Erfahrungen um?
Die junge Regisseurin machte es ihrem Publikum nicht leicht: Einerseits gelang es selten zuvor, die Traumata und die Zerrissenheit eines Kriegsveteranen so eindringlich vorzuführen. Auch das vielgerühmte Stück Motortown, das derzeit an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum inszeniert wird, entwickelt keine derartige Sprengkraft. An vielen kleinen Begebenheiten wird deutlich, wie sehr der 25 - jährige David aus seiner Welt gefallen ist und sich nicht mehr in den Alltag seines Heimatdorfes im Schwarzwald einfügen kann.
Dies liegt neben dem guten Drehbuch vor allem an der herausragenden Leistung des Hauptdarstellers Hanno Koffler. Andererseits wirken manche Passagen merkwürdig deplatziert und regelrecht als Fremdkörper in einem ansonsten stimmigen Film: Vor allem die Vorgesetzten bei der Bundeswehr werden als klischeehafte Knallchargen gezeichnet, so dass man sich fragt, was die Regisseurin zwischendurch auf solche Abwege brachte.
Fazit: Ein herausfordernder, sehenswerter, aber nicht vollständig gelungener Film.
There will be blood

There Will Be Blood, USA, 2007, Regie: Paul Thomas Anderson, Sektion: Wettbewerb
Während er bei seinem internationalen Durchbruch mit Magnolia das Publikum durch kunstvoll verschränkte Handlungsebenen verzauberte, erzählt Anderson diesmal sehr linear:
Hauptfigur ist der fiktive Ölmagnat Daniel Plainview, der von Daniel Day - Lewis eindrucksvoll verkörpert wird und Edward L. Doheny als reales historisches Vorbild hat.
There Will Be Blood schildert in eindrucksvollen Sequenzen, in denen sich fast wortlose Passagen mit brillanten Rededuellen abwechseln, wie der Tycoon beim Aufbau seines Imperiums im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht.

Paul Dano als Prediger Eli Sunday in There Will Be Blood
Fazit: Wer im Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären mitmischen will, muss sich an dieser Messlatte orientieren! Paul Thomas Anderson hat gute Chancen acht Jahre nach seinem Berlinale - Triumph mit Magnolia auch 2008 den Hauptgewinn mitzunehmen.
Lemon Tree

Lemon Tree, ISR, D, F, 2008, Regie: Eran Riklis, Sektion: Panorama Special
Die Berlinale war in den vergangenen Jahren immer reich an Dokumentationen und Spielfilmen zum Nahost-Konflikt. Dementsprechend schwierig ist es für Regisseure, innovative Ansätze zu finden und
nicht ständig mit ähnlichen Versatzstücken über dasselbe Trauerspiel zu lamentieren.
Diesem Film gelang es nur zum Teil: Er erzählt den fiktiven Kampf der Palästinenserin Salma Zidane gegen einen hochrangigen israelischen Minister, der genau gegenüber von ihrem Anwesen eine hochgesicherte
Villa bauen lässt. Das klingt dann doch ziemlich konstruiert... Aus Sicherheitsgründen sollen alle ihre Zitronenbäume direkt an der Grundstücksgrenze abgeholzt werden, woraus sich ein zäher Gerichtsstreit entwickelt.
Fazit: Gut gemeint ist oft der Gegensatz zu gut gemacht. Schlecht ist dieser Film zwar nicht, aber zu einem wirklich guten Film fehlt ihm doch, dass dem Publikum viele Symbole zu sehr mit dem Holzhammer
vermittelt werden und einige Dialoge unangenehm pathetisch sind, wie so oft in Filmen zum Nahost-Konflikt. Wer neue Sichtweisen auf den Dauer-Konflikt erleben möchte, sollte sich lieber Shahida - Brides of Allah ansehen.
La Fabrique des sentiments

La fabrique des sentiments, F, BE, Regie: Jean-Marc Moutout, Sektion: Panorama Special
Fazit: Der Film ließ das Publikum eher unbeeindruckt und wurde mit einem nur durchschnittlichen Applaus abgehakt. Das französische Kino hat ganz andere Qualitäten zu bieten.


Der größte Favorit Paul Thomas Andersons There Will Be Blood musste leider ohne den Goldenen Bären zurück in die USA fahren. Aber immerhin wurde sein Film mit gleich zwei Silbernen Bären belohnt: einem für die Beste Regie und einem für die mit Abstand best
Aufgenommen: Feb 18, 02:20