Rage: Große Auftritte von Judi Dench und vor allem Jude Law
Die Britin Sally Potter arbeitet seit 1969 in der Filmbranche, aber von ihren Werken blieb nur
Orlando, eine kongeniale Virginia Woolf - Verfilmung aus dem Jahr 1992, in Erinnerung.
Die heutige Festivalpremiere von
Rage hat jedoch das Zeug dazu, die Regisseurin endlich wieder ins Rampenlicht zurückzubringen.
Dafür sprechen die intelligente Grundidee des Films, das gelungene Drehbuch und vor allem die Auftritte so herausragender Meister ihres Fachs wie Judi Dench und Jude Law.
In der Tragikomödie
Rage geht es um einen Schüler namens Michelangelo, der mit seiner Handykamera hinter die Kulissen einer großen New Yorker Modeschau blickt. Er befragt neugierig zwölf Personen aus diesem Business vom Pizzalieferanten über die narzisstische Diva bis zum Konzernchef.
In gekonnter Montagetechnik entstehen interessante Porträts schillernder Charaktere: der Pizzaliefereant, der von einem kleinen Bühnenauftritt träumt... der Praktikant, der sich langsam hocharbeitet... der abgebrühte Fotograf, der mit seinen Kriegsstorys prahlt... die zynische Kunstkritikerin (Judi Dench)... Und vor allem das rätselhaft - androgyne Model Minx: Jude Law ist in dieser Rolle kaum wieder zu erkennen, hat aber sichtlich Spaß an der Verwandlung.
Ein unterhaltsamer Film mit großen Stars, der bei der Verleihung der Bären gute Chancen haben dürfte.
L´encerclement: Lehrreiche Interviews zur Theorie und Praxis des Neoliberalismus
Ein ganz anderes Feld beackert der Franko - Kanadier Richard Brouillette in seiner Dokumentation
L´encerclement, an der er 12 Jahre lang arbeitete. In ausführlichen Interviews mit Ökonomen und Sozialwissenschaftlern spürt er den Wurzeln der neoliberalen ökonomischen Theorie nach. Die Zuschauer erfahren viel Wissenswertes über die Vordenker dieser Schule, die den wissenschaftlichen und politischen Diskurs der vergangenen Jahre beherrschte. Die Ideen von Friedrich von Hayek oder Milton Friedman werden in ihren historischen Kontext eingeordnet. Befürworter und vor allem Kritiker kommen zu Wort und reflektieren mit sehr plastischen Beispielen über die Auswirkungen von Deregulierung und Marktgläubigkeit.
Besonders interessant ist es, die Statements einiger kanadischer ultra - libertärer Denker aus erster Hand zu hören, die so weit gehen, Steuern als Diebstahl des Staates anzuprangern. Auch die Passagen zur Arbeit von IWF und Weltbank versprechen Erkenntnisgewinn.
Der einzige Makel des Films ist, dass er mit fast drei Stunden etwas zu lang geraten ist und ästhetisch mit seiner Schwarz - Weiß - Technik auf dem Stand der 50er Jahre stecken bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass der Film dennoch ein größeres Publikum erreicht, da er gerade in dieser turbulenten ökonomischen Situation sehr viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bietet.