Independent - Kino aus aller Welt: Around the world in 14 films
Bereits zum vierten Mal fand zwischen dem 27. November und dem 5. Dezember das kleine, aber feine Festival Around the world in 14 films im Kino Babylon Mitte statt. Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Organisatoren mit ihrem Konzept einen festen Platz im Berliner Kulturkalender erobert: Kurz vor Weihnachten werden jeweils die Filmperlen vorgeführt, die das Publikum auf den renommierten Festivals von Cannes über Venedig bis Toronto faszinierten, aber noch keinen deutschen Verleih fanden.
Diese Filme werden jeweils von einem prominenten Schauspieler oder Regisseur als Paten vorgestellt.
Höhepunkte dieser Woche waren der griechische Film Dogtooth und Tokyo Sonata aus Japan. Beiden Filmen gelang es auf herausragende Weise, eine hochinteressante Geschichte über den Mikrokosmos einer Familie zu erzählen, die zugleich als Parabel auf größere gesellschaftliche Entwicklungen interpretiert werden kann.
Dogtooth von Yorgos Lanthimos ist einer der ideenreichsten Filme der vergangenen Jahre, der die Zuschauer in die Parallelwelt einer Villa führt, die fast völlig von der Außenwelt abgeschottet ist. Die beiden Töchter und der Sohn müssten eigentlich längst fast erwachsen sein, benehmen sich aber meist noch wie Kleinkinder.
Der Film lebt von vielen kleinen Beobachtungen, die eindrucksvoll zeigen, wie perfekt die Realitätsverweigerung der Eltern inszeniert ist: Alle Gegenstände oder Begriffe, die eine Verbindung zur Außenwelt darstellen könnten, werden in einem Orwellschen Neusprech umbenannt: „Meer“ bezeichnet bei ihnen ein „Sofa“, „Telefon“ einen „Salzstreuer“... Als plötzlich eine Katze über den Zaun springt, schneidet der halbwüchsige Junge das Tier mit einer großen Heckenschere durch, da ihm Katzen in den väterlichen Warnungen als gefährliche Monster und Symbol der unberechenbaren Außenwelt vorgestellt wurden.
Wie in allen Diktaturen und Überwachungssystemen gärt aber auch in dieser Familie der Widerstand: Eine Angestellte aus der Firma des Patriarchen wird regelmäßig abgeholt, um mit dem Sohn zu schlafen. Diese einzige Lücke in der sonst kompletten Isolation der Familie sorgt unmerklich für Unruhe bei den Kindern: Die Fragen werden drängender, die Neugier wächst. Schließlich wagt die älteste Tochter einen Ausbruch: Sie zertrümmert ihren Eckzahn (Dogtooth), da ihre Eltern ihr eintrichterten, dass sie erst dann stark genug für die Herausforderungen der Außenwelt ist, wenn ihr titelgebender Zahn herausfällt.
Der Film funktioniert auf zwei Ebenen: als skurriles Porträt einer Familie, die sich in ein surreales, eigenes Universum eingesponnen hat, sowie als Studie über die Machtmechanismen jedes Unterdrückungsapparates mit den entsprechenden Filtern und Schranken, die jede offene Kommunikation verhindern und mit euphemistischen Begriffen die Fakten vernebeln. Dieser Film hat den Hauptpreis in der Reihe Un certain Regard des Festivals von Cannes 2009 absolut verdient!
Ähnlich stark ist auch Tokyo Sonata von Kiyoshi Kurosawa über den Zerfall einer japanischen Mittelschichtsfamilie in der weltweiten Finanzkrise. Auslöser ist die Kündigung für den Vater, dessen Job als leitender Angestellter wegrationalisiert wird, als die Firma ihre Produktion aus Kostengründen nach China verlagert. Mit sehr genauem Blick und bitteren Pointen zeigt der Film den verzweifelten Versuch der Hauptfigur, vor seiner Familie und den Bekannten das Gesicht zu wahren. Er tut so, als sei er weiter viel beschäftigt und baut mit einem Leidensgenossen und ehemaligen Kollegen eine Welt von Fassaden als erfolgreicher Manager auf, während er tatsächlich längst in der demütigenden Schlange vor dem Arbeitsmarkt angekommen ist und nur noch Putzjobs angeboten bekommt. In der Familie ist seine Autorität ebenfalls ausgehöhlt: Seine Herrschaft im Befehlston funktioniert nicht mehr. Die Söhne erfüllen sich ihre Wünsche dennoch: der eine nimmt gegen seinen Willen Klavierstunden, der andere verpflichtet sich für einen Kriegseinsatz im Irak. Die Frau ist nur noch aus Gewohnheit mit ihm zusammen, träumt sich stattdessen in abenteuerliche Erlebnisse mit einem Geiselgangster hinein, die in ihrem Aberwitz und Temporeichtum die zweite Hälfte des Films dominieren.
Auch diese Sozialstudie mit ihren treffenden Dialogen ist sehr gelungen und wurde deshalb als Vorgängerin von Dogtooth mit dem entsprechenden Preis in Cannes 2008 ausgezeichnet.
Durchaus sehenswert ist außerdem der armenische Beitrag Border. Fast ohne Worte schildert Harutyun Kachatryan die Geschichte eines Büffels, der sich im Grenzgebiet zwischen Aserbaidschan und Armenien verirrt, von Bauern eingefangen und in den Stall gesperrt wird. Immer wieder zieht es ihn zurück zu seiner Herde. Aber ihn stoppt der unüberwindliche Stacheldrahtzaun. Die stärksten Passagen dieses Films sind die langen Kamerafahrten durch ein vom Bürgerkrieg verwüstetes Land und die Trauer des Tieres, als es an der Grenze steht und jammert. Die gelungene musikalische Untermalung sagt mehr als tausend Worte. Der einzige Makel des Films ist, dass er an manchen Stellen zu lang geraten ist. Eine komprimierte Erzählstruktur hätte das Erlebnis noch eindringlicher gemacht!
Kinatay von Brillante Mendoza, einem Regisseur von den Philippinen, ist nicht jedermanns Sache und spaltete das Publikum schon im Sommer 2009, als er in Cannes für die Beste Regie ausgezeichnet wurde. In verwaschenen, düsteren Bildern zeichnet der Beitrag die Albtraumfahrt eines Killerkommandos nach: Eine korrupte Spezialeinheit der Polizei von Manila hat sich auf Drogengeschäfte verlegt. Als eine Prostituierte ihre Schulden nicht begleichen kann, wird sie mit einem Laster abtransportiert und in einem Versteck brutal abgeschlachtet. Mit diesem Begriff lässt sich auch der Filmtitel Kinatay übersetzen.
Eher zwiespältig sind auch Historias extraordinarias von Mariano Llinás aus Argentinien und Villalobos von Romuald Karmakar aus Deutschland zu bewerten. Der argentinische Film erschlägt mit seiner Länge von mehr als vier Stunden: Drei schräge Geschichten, die immer verwickelter werden und um Identitätsverlust und -wandel kreisen, aber keinerlei direkte Verbindung zueinander haben, werden erzählt. An dem Film beeindrucken seine schiere Wucht und Experimentierfreude, aber unter dem Strich bleibt wenig zurück. Erwartungen auf eine große Schlusspointe oder eine außergewöhnliche Auflösung der Handlungsstränge werden über lange Zeit aufgebaut und am Ende enttäuscht.
Bei Villalobos war der Kinosaal komplett ausverkauft, da dieser Film als Hommage an den DJ Ricardo Vilalobos gedacht war, so dass seine Fans aus dem Berghain in Scharen herpilgerten. Der Film ist aber tatsächlich nur für diese spezielle Zielgruppe eingefleischter Fans: In zu langen, ungeschnittenen Passagen redet Villalobos über Gott und die Welt, oft mehr naiv, als mit Tiefgang, sowie über seine Arbeitsweise und buchstäblich fast jedes Detail in seinem Tonstudio. Dementsprechend leerten sich manche Reihen recht schnell.
Das Niveau des Festivals war insgesamt wieder sehr hoch, so dass zu hoffen ist, dass Sponsoren wie das Auswärtige Amt auch eine Jubiläums - Auflage im kommenden Jahr ermöglichen. Ein echter Flop war nur der russische Beitrag Everbody dies but me, der in all seiner Banalität den Alltag von Teenagerinnen in einem Moskauer Vorort portraitierte und dabei nie eine interessante Idee oder einen neuen Zugang zum Thema entwickelte.
Die Website des Festivals Around the world in 14 films
Diese Filme werden jeweils von einem prominenten Schauspieler oder Regisseur als Paten vorgestellt.
Höhepunkte dieser Woche waren der griechische Film Dogtooth und Tokyo Sonata aus Japan. Beiden Filmen gelang es auf herausragende Weise, eine hochinteressante Geschichte über den Mikrokosmos einer Familie zu erzählen, die zugleich als Parabel auf größere gesellschaftliche Entwicklungen interpretiert werden kann.
Dogtooth von Yorgos Lanthimos ist einer der ideenreichsten Filme der vergangenen Jahre, der die Zuschauer in die Parallelwelt einer Villa führt, die fast völlig von der Außenwelt abgeschottet ist. Die beiden Töchter und der Sohn müssten eigentlich längst fast erwachsen sein, benehmen sich aber meist noch wie Kleinkinder.
Der Film lebt von vielen kleinen Beobachtungen, die eindrucksvoll zeigen, wie perfekt die Realitätsverweigerung der Eltern inszeniert ist: Alle Gegenstände oder Begriffe, die eine Verbindung zur Außenwelt darstellen könnten, werden in einem Orwellschen Neusprech umbenannt: „Meer“ bezeichnet bei ihnen ein „Sofa“, „Telefon“ einen „Salzstreuer“... Als plötzlich eine Katze über den Zaun springt, schneidet der halbwüchsige Junge das Tier mit einer großen Heckenschere durch, da ihm Katzen in den väterlichen Warnungen als gefährliche Monster und Symbol der unberechenbaren Außenwelt vorgestellt wurden.
Wie in allen Diktaturen und Überwachungssystemen gärt aber auch in dieser Familie der Widerstand: Eine Angestellte aus der Firma des Patriarchen wird regelmäßig abgeholt, um mit dem Sohn zu schlafen. Diese einzige Lücke in der sonst kompletten Isolation der Familie sorgt unmerklich für Unruhe bei den Kindern: Die Fragen werden drängender, die Neugier wächst. Schließlich wagt die älteste Tochter einen Ausbruch: Sie zertrümmert ihren Eckzahn (Dogtooth), da ihre Eltern ihr eintrichterten, dass sie erst dann stark genug für die Herausforderungen der Außenwelt ist, wenn ihr titelgebender Zahn herausfällt.
Der Film funktioniert auf zwei Ebenen: als skurriles Porträt einer Familie, die sich in ein surreales, eigenes Universum eingesponnen hat, sowie als Studie über die Machtmechanismen jedes Unterdrückungsapparates mit den entsprechenden Filtern und Schranken, die jede offene Kommunikation verhindern und mit euphemistischen Begriffen die Fakten vernebeln. Dieser Film hat den Hauptpreis in der Reihe Un certain Regard des Festivals von Cannes 2009 absolut verdient!
Ähnlich stark ist auch Tokyo Sonata von Kiyoshi Kurosawa über den Zerfall einer japanischen Mittelschichtsfamilie in der weltweiten Finanzkrise. Auslöser ist die Kündigung für den Vater, dessen Job als leitender Angestellter wegrationalisiert wird, als die Firma ihre Produktion aus Kostengründen nach China verlagert. Mit sehr genauem Blick und bitteren Pointen zeigt der Film den verzweifelten Versuch der Hauptfigur, vor seiner Familie und den Bekannten das Gesicht zu wahren. Er tut so, als sei er weiter viel beschäftigt und baut mit einem Leidensgenossen und ehemaligen Kollegen eine Welt von Fassaden als erfolgreicher Manager auf, während er tatsächlich längst in der demütigenden Schlange vor dem Arbeitsmarkt angekommen ist und nur noch Putzjobs angeboten bekommt. In der Familie ist seine Autorität ebenfalls ausgehöhlt: Seine Herrschaft im Befehlston funktioniert nicht mehr. Die Söhne erfüllen sich ihre Wünsche dennoch: der eine nimmt gegen seinen Willen Klavierstunden, der andere verpflichtet sich für einen Kriegseinsatz im Irak. Die Frau ist nur noch aus Gewohnheit mit ihm zusammen, träumt sich stattdessen in abenteuerliche Erlebnisse mit einem Geiselgangster hinein, die in ihrem Aberwitz und Temporeichtum die zweite Hälfte des Films dominieren.
Auch diese Sozialstudie mit ihren treffenden Dialogen ist sehr gelungen und wurde deshalb als Vorgängerin von Dogtooth mit dem entsprechenden Preis in Cannes 2008 ausgezeichnet.
Durchaus sehenswert ist außerdem der armenische Beitrag Border. Fast ohne Worte schildert Harutyun Kachatryan die Geschichte eines Büffels, der sich im Grenzgebiet zwischen Aserbaidschan und Armenien verirrt, von Bauern eingefangen und in den Stall gesperrt wird. Immer wieder zieht es ihn zurück zu seiner Herde. Aber ihn stoppt der unüberwindliche Stacheldrahtzaun. Die stärksten Passagen dieses Films sind die langen Kamerafahrten durch ein vom Bürgerkrieg verwüstetes Land und die Trauer des Tieres, als es an der Grenze steht und jammert. Die gelungene musikalische Untermalung sagt mehr als tausend Worte. Der einzige Makel des Films ist, dass er an manchen Stellen zu lang geraten ist. Eine komprimierte Erzählstruktur hätte das Erlebnis noch eindringlicher gemacht!
Kinatay von Brillante Mendoza, einem Regisseur von den Philippinen, ist nicht jedermanns Sache und spaltete das Publikum schon im Sommer 2009, als er in Cannes für die Beste Regie ausgezeichnet wurde. In verwaschenen, düsteren Bildern zeichnet der Beitrag die Albtraumfahrt eines Killerkommandos nach: Eine korrupte Spezialeinheit der Polizei von Manila hat sich auf Drogengeschäfte verlegt. Als eine Prostituierte ihre Schulden nicht begleichen kann, wird sie mit einem Laster abtransportiert und in einem Versteck brutal abgeschlachtet. Mit diesem Begriff lässt sich auch der Filmtitel Kinatay übersetzen.
Eher zwiespältig sind auch Historias extraordinarias von Mariano Llinás aus Argentinien und Villalobos von Romuald Karmakar aus Deutschland zu bewerten. Der argentinische Film erschlägt mit seiner Länge von mehr als vier Stunden: Drei schräge Geschichten, die immer verwickelter werden und um Identitätsverlust und -wandel kreisen, aber keinerlei direkte Verbindung zueinander haben, werden erzählt. An dem Film beeindrucken seine schiere Wucht und Experimentierfreude, aber unter dem Strich bleibt wenig zurück. Erwartungen auf eine große Schlusspointe oder eine außergewöhnliche Auflösung der Handlungsstränge werden über lange Zeit aufgebaut und am Ende enttäuscht.
Bei Villalobos war der Kinosaal komplett ausverkauft, da dieser Film als Hommage an den DJ Ricardo Vilalobos gedacht war, so dass seine Fans aus dem Berghain in Scharen herpilgerten. Der Film ist aber tatsächlich nur für diese spezielle Zielgruppe eingefleischter Fans: In zu langen, ungeschnittenen Passagen redet Villalobos über Gott und die Welt, oft mehr naiv, als mit Tiefgang, sowie über seine Arbeitsweise und buchstäblich fast jedes Detail in seinem Tonstudio. Dementsprechend leerten sich manche Reihen recht schnell.
Das Niveau des Festivals war insgesamt wieder sehr hoch, so dass zu hoffen ist, dass Sponsoren wie das Auswärtige Amt auch eine Jubiläums - Auflage im kommenden Jahr ermöglichen. Ein echter Flop war nur der russische Beitrag Everbody dies but me, der in all seiner Banalität den Alltag von Teenagerinnen in einem Moskauer Vorort portraitierte und dabei nie eine interessante Idee oder einen neuen Zugang zum Thema entwickelte.
Die Website des Festivals Around the world in 14 films
Geschrieben am 07.12.2009 um 17:55 von Konrad Kögler
in Filmkritik -
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