WCF - Spotlight - Festival im Kino Hackesche Höfe
Der Berlinale - Direktor Dieter Kosslick eröffnete in seiner gewohnt launigen Art ein kleines, aber feines Festival: Der World Cinema Fund feiert seinen fünften Geburtstag und stellt zehn ausgewählte Filme von jungen, von dieser Institution geförderten Regisseuren aus Regionen, die im internationalen Kino oft zu kurz kommen, wie Lateinamerika, Asien, Afrika oder dem Nahen Osten vor.
Eigentlich sollte anschließend der Kameramann Michael Ballhaus eine Laudatio halten. Wegen seiner Erkrankung sprang kurzfristig der deutsch - türkische Regisseur Fatih Akin ein, der mit Gegen die Wand auf der Berlinale 2004 seinen Durchbruch feierte und statt der üblichen getragenen Festworte kurze Anekdoten über einen kurdischen Freund und Kollegen improvisierte. Daran zeigte sich, wie wichtig derartige Fördermittel sind, wenn man nicht erleben will, dass die Familie zur Finanzierung ein Haus verkaufen muss.
Zur Feier des Tages wurde anschließend Claudia Llosas Film La teta asustada präsentiert, der unter dem Titel Eine Perle Ewigkeit ab dem heutigen Donnerstag bundesweit in 30 Kinos starten wird. Leider konnte die peruanische Regisseurin und Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa nicht anwesend sein, da am selben Tag ihr Kind zur Welt kam.
La teta asustada gewann völlig überraschend den Goldenen Bären bei der Berlinale 2009. Wie schon in mehreren Jahren zuvor war auch diese Jury - Entscheidung nicht ganz nachvollziehbar. Im Wettbewerb liefen doch einige reifere und künstlerisch interessantere Filme als dieses zweite Werk der jungen Regisseurin, das wohl kaum den Weg über einige Programmkinos hinaus finden wird.
Der Film behandelt das Schicksal einer traumatisierten Frau: Fausta (Magaly Solier) hat die Angst ihrer Mutter vererbt bekommen, die während der bürgerkriegsartigen Wirren zwischen Regierungstruppen und der maoistischen Terrororganisation Leuchtender Pfad wie so viele Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vergewaltigt wurde. In den knapp 90 Minuten folgt die Kamera Faustas Leidensweg, die nach dem Tod ihrer Mutter dringend Geld für die Überführung und das Begräbnis in ihrem Heimatdorf braucht und deshalb als Dienstmädchen bei einer reichen Pianistin in der Stadt arbeitet. Immer wieder beginnt sie zu bluten: Sobald sie unter Stress gerät, brechen ihre seelischen Wunden auf und das Blut tropft aus ihrer Nase.
Ein sehr bedrückender Film, in dem äußerlich wenig passiert und der sich ganz auf die Hauptdarstellerin Magaly Solier konzentriert. Ein Film, über dem das Trauma, das gleich in der ersten Szene in einem Lied verarbeitet wird, wie ein Leichentuch liegt, wie die Süddeutsche Zeitung treffend formulierte.
Die Website zum Film
Am zweiten Festivaltag stellte Raya Martin von den Philippinen seinen Beitrag Independencia vor, der bereits auf dem renommierten Festival in Cannes lief. In getragenem Erzählduktus und Schwarz - Weiß - Farben taucht der Film tief in die Geschichte dieses südostasiatischen Landes ein: Ende des 19. Jahrhunderts wagten die Einheimischen einen Aufstand gegen die knapp 300 Jahre währende Kolonialherrschaft der Spanier. Die proklamierte Unabhängigkeit wurde aber international nicht anerkannt. Nach einem mehrjährigen Krieg, der ca. 1 Million Tote forderte, besetzten die USA das Land zwischen 1902 und 1942. Diese Okkupation schildert der Regisseur im anschließenden Publikumsgespräch als noch grausamer. Die USA werden auf dem Inselstaat heute deshalb sehr ambivalent gesehen: einerseits sind die damaligen Wunden noch spürbar, andererseits ist der amerikanische Lifestyle mit seinen Exportprodukten sehr tief in der Gesellschaft verankert. Außerdem nutzen die USA bis heute dort wichtige Militärstützpunkte.
Independencia schildert das Leben einer Frau, die mit ihrem Sohn vor den anrückenden US - Truppen in den Dschungel flüchtet. Die Ästhetik dieser Bilder ist sehr ungewohnt, da sie sich am Stil der philippinischen Filmproduktion der 1920er Jahre orientiert, mit der sich der Vater des jungen Regisseurs wissenschaftlich befasste und von der heute nur noch wenige Werke erhalten sind.
Die melancholische Grundstimmung des Films mündet in einen aufkommenden Tropensturm und die Eroberung des Urwald - Rückzugsortes durch die amerikanischen Truppen. Die Hauptfiguren sterben, der Jüngste springt von der Klippe in den Tod. Dennoch beharrte der Regisseur darauf, dass es ein lustiger Film sei und kicherte während der Fragerunde oft.
Ein Höhepunkt des WCF - Spotlights war Ajami am dritten Festivaltag. An dieser Produktion ist allein schon die Herkunft des Regie - Duos bemerkenswert: Der Palästinenser Scandar Copti arbeitete mit seinem israelischen Kollegen Yaron Shani zusammen. Dem zweistündigen Film merkt man an, dass viel Geld und Sachverstand investiert wurden: Neben dem WCF kofinanzierten ihn auch die israelische Regierung, arte und das Kleine Fernsehspiel des ZDF.
Es ist teilweise etwas schwierig, in der komplexen Konstruktion aus fünf Kapiteln den Überblick zu behalten, deren Erzählstränge in Rückblenden und Querverweisen immer wieder aufeinander Bezug nehmen, neue Exkurse starten und schließlich in einem blutigen Finale sowie einem meditativen, ernüchterten Fazit eines Hauptdarstellers münden. Die Handlung fokussiert sich zunächst auf Clanrivalitäten in Ajami, dem titelgebenden Stadtbezirk Jaffas, der arabischen Nachbarstadt von Tel Aviv. Um seine Schuld zu begleichen verstrickt sich der junge Omar in Drogengeschäfte und Schießereien mit der israelischen Polizei.
Die Gewaltspirale dieses Films funktioniert als Thriller, kann aber auch als Parabel auf den Nahost – Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gesehen werden, der schon seit Jahrzehnten genauso verfahren erscheint wie die Lage der Figuren dieses Films. Wie sie sich auch entscheiden: Sie verstricken sich nur immer tiefer in Gewalt.
Der Film sorgte bereits bei seiner Präsentation auf dem Festival von Cannes im Mai 2009 für Furore, wurde in fünf Kategorien mit dem wichtigsten israelischen Filmpreis ausgezeichnet und soll im März 2010 auch in deutschen Kinos starten.
Mit dem Nahost - Konflikt befasst sich auch der palästinensische Film Paradise Now, der bei seiner Premiere 2005 wegen der kritischen Auseinandersetzung mit dem heißen Eisen der Selbstmordattentate für Schlagzeilen sorgte, worüber wir ausführlich berichteten.
Etwas schwächer war der Abschlussbeitrag Pandora´s Box der jungen Türkin Yesim Ustaoglu. sie schildert in ihrem Familiendrama, wie schwer sich die erwachsenen Kinder damit tun, als sich ihre Mutter wegen Altersdemenz in ihrem Bergdorf nicht mehr allein zurecht findet. Sie sind in der Metropole Istanbul viel zu sehr mit ihren Karrieren, ihren Affären, ihrem Stress mit dem Ehemann oder einfach nur ihrem alternativen Selbstverwirklichungstrip beschäftigt, als dass sie sich um die gebrechliche Mutter kümmern könnten. Als sie sie in ein Heim abschieben wollen, nimmt sie der rebellische Enkel mit zurück in ihr Bergdorf: Er findet als einziger Zugang zu der Frau.
Der Film lebt vor allem von der schauspielerischen Leistung der bereits 91jährigen Französin Tsilla Chelton, für die sie zuletzt auf den Festivals von San Sebastian und Manila mit dem Preis als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet werde.
Eigentlich sollte anschließend der Kameramann Michael Ballhaus eine Laudatio halten. Wegen seiner Erkrankung sprang kurzfristig der deutsch - türkische Regisseur Fatih Akin ein, der mit Gegen die Wand auf der Berlinale 2004 seinen Durchbruch feierte und statt der üblichen getragenen Festworte kurze Anekdoten über einen kurdischen Freund und Kollegen improvisierte. Daran zeigte sich, wie wichtig derartige Fördermittel sind, wenn man nicht erleben will, dass die Familie zur Finanzierung ein Haus verkaufen muss.
Zur Feier des Tages wurde anschließend Claudia Llosas Film La teta asustada präsentiert, der unter dem Titel Eine Perle Ewigkeit ab dem heutigen Donnerstag bundesweit in 30 Kinos starten wird. Leider konnte die peruanische Regisseurin und Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa nicht anwesend sein, da am selben Tag ihr Kind zur Welt kam.
La teta asustada gewann völlig überraschend den Goldenen Bären bei der Berlinale 2009. Wie schon in mehreren Jahren zuvor war auch diese Jury - Entscheidung nicht ganz nachvollziehbar. Im Wettbewerb liefen doch einige reifere und künstlerisch interessantere Filme als dieses zweite Werk der jungen Regisseurin, das wohl kaum den Weg über einige Programmkinos hinaus finden wird.
Der Film behandelt das Schicksal einer traumatisierten Frau: Fausta (Magaly Solier) hat die Angst ihrer Mutter vererbt bekommen, die während der bürgerkriegsartigen Wirren zwischen Regierungstruppen und der maoistischen Terrororganisation Leuchtender Pfad wie so viele Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vergewaltigt wurde. In den knapp 90 Minuten folgt die Kamera Faustas Leidensweg, die nach dem Tod ihrer Mutter dringend Geld für die Überführung und das Begräbnis in ihrem Heimatdorf braucht und deshalb als Dienstmädchen bei einer reichen Pianistin in der Stadt arbeitet. Immer wieder beginnt sie zu bluten: Sobald sie unter Stress gerät, brechen ihre seelischen Wunden auf und das Blut tropft aus ihrer Nase.
Ein sehr bedrückender Film, in dem äußerlich wenig passiert und der sich ganz auf die Hauptdarstellerin Magaly Solier konzentriert. Ein Film, über dem das Trauma, das gleich in der ersten Szene in einem Lied verarbeitet wird, wie ein Leichentuch liegt, wie die Süddeutsche Zeitung treffend formulierte.
Die Website zum Film
Am zweiten Festivaltag stellte Raya Martin von den Philippinen seinen Beitrag Independencia vor, der bereits auf dem renommierten Festival in Cannes lief. In getragenem Erzählduktus und Schwarz - Weiß - Farben taucht der Film tief in die Geschichte dieses südostasiatischen Landes ein: Ende des 19. Jahrhunderts wagten die Einheimischen einen Aufstand gegen die knapp 300 Jahre währende Kolonialherrschaft der Spanier. Die proklamierte Unabhängigkeit wurde aber international nicht anerkannt. Nach einem mehrjährigen Krieg, der ca. 1 Million Tote forderte, besetzten die USA das Land zwischen 1902 und 1942. Diese Okkupation schildert der Regisseur im anschließenden Publikumsgespräch als noch grausamer. Die USA werden auf dem Inselstaat heute deshalb sehr ambivalent gesehen: einerseits sind die damaligen Wunden noch spürbar, andererseits ist der amerikanische Lifestyle mit seinen Exportprodukten sehr tief in der Gesellschaft verankert. Außerdem nutzen die USA bis heute dort wichtige Militärstützpunkte.
Independencia schildert das Leben einer Frau, die mit ihrem Sohn vor den anrückenden US - Truppen in den Dschungel flüchtet. Die Ästhetik dieser Bilder ist sehr ungewohnt, da sie sich am Stil der philippinischen Filmproduktion der 1920er Jahre orientiert, mit der sich der Vater des jungen Regisseurs wissenschaftlich befasste und von der heute nur noch wenige Werke erhalten sind.
Die melancholische Grundstimmung des Films mündet in einen aufkommenden Tropensturm und die Eroberung des Urwald - Rückzugsortes durch die amerikanischen Truppen. Die Hauptfiguren sterben, der Jüngste springt von der Klippe in den Tod. Dennoch beharrte der Regisseur darauf, dass es ein lustiger Film sei und kicherte während der Fragerunde oft.
Ein Höhepunkt des WCF - Spotlights war Ajami am dritten Festivaltag. An dieser Produktion ist allein schon die Herkunft des Regie - Duos bemerkenswert: Der Palästinenser Scandar Copti arbeitete mit seinem israelischen Kollegen Yaron Shani zusammen. Dem zweistündigen Film merkt man an, dass viel Geld und Sachverstand investiert wurden: Neben dem WCF kofinanzierten ihn auch die israelische Regierung, arte und das Kleine Fernsehspiel des ZDF.
Es ist teilweise etwas schwierig, in der komplexen Konstruktion aus fünf Kapiteln den Überblick zu behalten, deren Erzählstränge in Rückblenden und Querverweisen immer wieder aufeinander Bezug nehmen, neue Exkurse starten und schließlich in einem blutigen Finale sowie einem meditativen, ernüchterten Fazit eines Hauptdarstellers münden. Die Handlung fokussiert sich zunächst auf Clanrivalitäten in Ajami, dem titelgebenden Stadtbezirk Jaffas, der arabischen Nachbarstadt von Tel Aviv. Um seine Schuld zu begleichen verstrickt sich der junge Omar in Drogengeschäfte und Schießereien mit der israelischen Polizei.
Die Gewaltspirale dieses Films funktioniert als Thriller, kann aber auch als Parabel auf den Nahost – Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gesehen werden, der schon seit Jahrzehnten genauso verfahren erscheint wie die Lage der Figuren dieses Films. Wie sie sich auch entscheiden: Sie verstricken sich nur immer tiefer in Gewalt.
Der Film sorgte bereits bei seiner Präsentation auf dem Festival von Cannes im Mai 2009 für Furore, wurde in fünf Kategorien mit dem wichtigsten israelischen Filmpreis ausgezeichnet und soll im März 2010 auch in deutschen Kinos starten.
Mit dem Nahost - Konflikt befasst sich auch der palästinensische Film Paradise Now, der bei seiner Premiere 2005 wegen der kritischen Auseinandersetzung mit dem heißen Eisen der Selbstmordattentate für Schlagzeilen sorgte, worüber wir ausführlich berichteten.
Etwas schwächer war der Abschlussbeitrag Pandora´s Box der jungen Türkin Yesim Ustaoglu. sie schildert in ihrem Familiendrama, wie schwer sich die erwachsenen Kinder damit tun, als sich ihre Mutter wegen Altersdemenz in ihrem Bergdorf nicht mehr allein zurecht findet. Sie sind in der Metropole Istanbul viel zu sehr mit ihren Karrieren, ihren Affären, ihrem Stress mit dem Ehemann oder einfach nur ihrem alternativen Selbstverwirklichungstrip beschäftigt, als dass sie sich um die gebrechliche Mutter kümmern könnten. Als sie sie in ein Heim abschieben wollen, nimmt sie der rebellische Enkel mit zurück in ihr Bergdorf: Er findet als einziger Zugang zu der Frau.
Der Film lebt vor allem von der schauspielerischen Leistung der bereits 91jährigen Französin Tsilla Chelton, für die sie zuletzt auf den Festivals von San Sebastian und Manila mit dem Preis als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet werde.
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