Jeder Student kennt die Zeit kurz vor Abgabe einer Arbeit. Das Papier schwebt wie Damokles Schwert über allem was man tut, scheint stündlich näher zu rücken. Da einem in diesen Fällen Halbwissen nur selten hilft, und der Dozent überdies mit vielen Fußnoten beeindruckt werden will, hilft keinem Studenten mehr die Bibliothek, sondern das Internet.
Die Suche nach einem Artikel zum Demokratisierungsprozess in Guatemala von S. Jonas per
Google Scholar führte zur Webseite eines Projektes der John Hopkins Bloomberg School of Public Health und USAID (
www.popline.org). Eine hervorragende Seite wenn die Zeit drängt, und Bücher wenig erfolgversprechend klingen. Anstatt jedoch Artikel frei herunterladen zu können, funktioniert das System derart, dass erst nach Angabe einiger persönlicher Details (mit Ausnahme der Schuhgröße eigentlich alles, inklusive des Zweckes der Anfrage) das Dokument innerhalb von maximal 3 Wochen zugesandt wird.
Soweit so gut, der ständig nahende Termin führte noch jeden Studenten zur Preisgabe seiner Privatsphäre, so auch hier. Name, Adresse, Verwendungszweck und Heimatland eingegeben, nur noch ein Klick bis der Prozess für den gesuchten Beitrag ins Rollen gebracht wird. Denkste. Ein neues Fenster taucht auf, mit der Nachricht: “This document can not be delivered if you are from a developed country“ – Wie bitte? Ja, in der Tat, nach Eingabe einiger interessanter Fantasiedetails und Wohnsitz in der Hauptstrasse von
Addis Abeba läuft alles glatt. Warum nur? Verschwörungstheorien tauchen auf. Zuerst die für Idealisten: Vermutlich will das Projekt den ungleichen Zugang zu Bildung in der entwickelten und sich entwickelnden Ländern überbrücken. Das wäre schön. Für Verschwörungstheoretiker, und im vorliegenden Fall irgendwo auch naheliegend: Vielleicht hat da jemand kein Interesse, dass studentische oder sonstige „Muckraker“ sich mit den Fehlern liberaler Interventionen und dem notwendigerweise darauf Folgenden Demokratisierungsprozess zu beschäftigen. Fragt sich nur, wer daran kein Interesse haben könnte. Und der Autor wundert sich, ob er das Papier wohl jemals erhält, oder ob sich ein Bewohner der Hauptstrasse in Addis Abbeba darüber freuen kann.